Mittwoch, 12. Juni 2024

Am 3. Mai 1945 wurden der ehemalige Luxusliner „Cap Arkona“ und das Frachtschiff „Thielbek“ versehentlich versenkt …

Am 3. Mai 1945, fünf Tage vor Kriegsende, beschießen britische Jagdbomberpiloten in der Lübecker Bucht u. a. den ehemaligen Luxusliner „Cap Arkona“ und das Frachtschiff „Thielbek“ – in der Annahme, diese würden deutsche Truppen transportieren.

Ein tragischer Irrtum. Beide Schiffe sind „schwimmende KZ“. Nachdem Heinrich Himmler befohlen hatte, dass kein Häftling den näherrückenden Alliierten in die Hände fallen dürfe, waren die KZ geräumt und die Schiffe umfunktioniert worden, samt Blockierung aller Fluchtwege und Rettungsboote und Zerstörung der automatischen Schotten, weil die SS vermutlich vorhatte, sie, vollgepfercht mit den völlig entkräfteten Häftlingen, in die Luft zu jagen.

Der Russe Leonid Meijksi: „Plötzlich hörten wir Lärm von Flugzeugen. Wir freuten uns, es kommt die Freiheit, aber es war ganz anders. Das waren Raketen, Maschinengewehre, Kanonen und so weiter. Ich habe mich nackt ausgezogen und bin ins Wasser gesprungen…“

Der Deutsche Erwin Geschonnek berichtet von der ausbrechenden Panik, und: „Mir gelang es dann, mich hindurchzuzwängen … kurz hinter mir brach die große Treppe ein, die auf das Vorderschiff führte. Ein alter Genosse wurde mir gebracht, dem fehlten die Beine, und – plötzlich wurde der Horizont schief und ich sah, wie sich das Schiff langsam drehte und auf die Seite legte.“

Etwa 6.900 der rund 7.300 Häftlinge an Bord der beiden Schiffe – es sind Überlebende des KZ Neuengamme und des Todesmarsches aus dem KZ Fürstengrube – verbrennen, ertrinken oder werden noch an Bord von der SS erschossen bzw. in der kalten Ostsee schwimmend, die einen aus der Luft von der Royal Airforce, die anderen von der „Flottille deutscher Kriegsfischkutter“.

Noch Tage und Wochen später werden Leichen und Leichenteile an die Strände gespült und aus Angst vor Seuchen schnell irgendwo in massengräber vergraben.

Unter den etwa 400 Überlebenden sind der oben zitierte spätere Schauspieler Erwin Geschonneck (der die Tragödie 1982 für die DeFa verfilmt), der tschechische Komponist Emil Franzišek Burian, der Komponist des bekannten „Moorsoldatenliedes“ Rudi Goguel und der Arzt Heinz Lord, alle vier wegen kommunistischen Widerstands jahrelang und zuletzt in Neuengamme inhaftiert.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
Follow by Email
Facebook
Youtube
Youtube
Instagram
Spotify