(Liiieblingsbrief)

… eine langweilige, große Stadt in einer unabsehbaren, sandigen Ebene.“

„Auch ist Berlin ein ganz widerwärtiger Ort; eine langweilige, große Stadt in einer unabsehbaren, sandigen Ebene. Viele Stunden herum ist kein guter Acker; Obst wächst der Kälte wegen nicht mehr; nichts als Fohren und etwas Buchen, deshalb ist hier alles arm (…)

Es ist ganz unglaublich, wie elend sich hier viele Leute durchhelfen müssen. Es giebt Zimmer, wo zwei, ja selbst vier Partheien wohnen; dann spannt man Seile über’s Kreuz, damit jeder weiß, in welchen Winkel er gehört. Ich weiß das von Jemandem, der es an mehr als einem Ort so gesehen hat. Dabei giebt es etwa 20.000 Menschen hier, welche Diebe sind, darunter etwa 3000, die nur vom Diebstahl leben und von nichts anderem, so daß man in keinem Hause wohnen kann, wo nicht ein Dieb wäre. Auch in dem Hause, das ich bewohne, gerade neben meinem Zimmer, sind vor vierzehn Tagen fünf silberne Kaffeelöffel gestohlen worden (…)

Das Essen ist sehr schlecht im Vergleich mit dem, was man in Basel hat; zum Glück hat man hier nicht halb so viel Appetit, und es giebt Tage, wo man wirklich nichts den Hals hinunter bringt. (…) Was man alles unter die Zähne bekommt, mag ich gar nicht untersuchen; ich bin zufrieden, wenn es nicht ungesund und dabei noch eßbar ist. Wenn der Speisewirth einem Stück Fleisch nicht mehr recht traut, so gießt er eine recht scharfe Brühe darüber, so daß man oft nichts merkt. Die Milch ist ganz erbärmlich schlecht und oft wirklich kaum trinkbar, dagegen ist mein Kaffee, sowie auch der Thee, welchen ich selber mache, sehr gut.

Das Brot ist völlig ungesalzen, man kann es am Anfang nicht essen; nach und nach aber gewöhnt man sich daran, und jetzt merke ich es kaum. Das Wasser ist lauter Sodbrunnenwasser; in ganz Berlin ist nicht ein einziger laufender Brunnen; weil die Stadt ganz in einer sandigen Ebene liegt. Dagegen hat fast jedes Haus und jede Gasse ihren Zugbrunnen; glücklicherweise liefert der in unserm Hause ziemlich gutes Wasser. In einigen Gegenden von Berlin hat das Wasser einen Sumpfgeschmack. (…)

Quelle/Bilder: einen Monat nachdem der Basler Student und spätere „Erfinder der Kunstgeschichte“, Jacob Burckhardt, diesen Brief nach Hause geschrieben hatte, entstanden im April 1840 auch die zwei (bislang) ältesten Berlin-Fotos bzw. Daguerreotypien, in der alten Leipziger/Ecke Kurstraße und am Hausvogteiplatz 5-7, aufgenommen von einem Wilhelm Halffter. Quelle/Bilder: einen Monat nachdem der Basler Student und spätere „Erfinder der Kunstgeschichte“, Jacob Burckhardt, diesen Brief nach Hause geschrieben hatte, entstanden im April 1840 auch die zwei (bislang) ältesten Berlin-Fotos bzw. Daguerreotypien, in der alten Leipziger/Ecke Kurstraße und am Hausvogteiplatz 5-7, aufgenommen von einem Wilhelm Halffter.

Dazu kommt noch, daß das Wetter abscheulich ist. Den Winter hindurch war es einmal 19 Grad kalt und drei Tage darauf sieben Grad Wärme, und so wechselte es immer ab; es sind auch viel mehr Leute, besonders alte Leute gestorben als sonst. (…) Nachmittags aber ist immer ein Koth zum Umkommen. Fast den ganzen Monat war kein Stückchen blauen Himmels zu sehen. Auch jetzt liegt überall tiefer Schnee und die Gassen sind so pflotzig, daß man ohne Überschuhe gewiß immer mit ganz durchnäßten Schuhen und Strümpfen nach Hause käme.

Und gleichwohl läßt es hier sich recht angenehm leben, auch wenn man kein überflüssiges Geld hat. Für’s erste habe ich wenigstens genug zu thun und dann sind einige sehr schöne Anstalten hier, die ich oft besuche, besonders das Museum, wo über 900 der schönsten Gemälde, ferners über hundert alte Bildsäulen und sonst noch ganz unendlich viele Merkwürdigkeiten zu sehen sind. Dann ist das Theater, das ich bisweilen besuche, sehr schön mit vortrefflichen Sängern und Schauspielern versehen. Du kannst Dir denken, was man daselbst für Wind macht, wenn ich Dir sage, daß unlängst, als man ein altes deutsches Fest vorstellte, vierhundert Wachskerzen auf der Bühne brannten. (…)

Wenn man nun aus der Stadt hinaus bei trockenem Wetter spazieren geht und nicht der Landstraße folgen will, so geräth man auf Wege, wo einem der dürre gelbe Sand bis über die Knödlein geht, so daß man gezwungen ist in Stiefeln spazieren zu gehen. Doch hat man einen großen Wald gerade vor der Stadt, welcher der Thiergarten heißt, und worin feste Wege sind. Da ich nur etwa 400 Schritte vom Thor wohne, welches dahin führt, so gehe ich sehr oft dahin, es ist aber ein langweiliger Spaziergang.

Wenn man sich etwas zu gute thun will, so sitzt man auf die Eisenbahn und rutscht in 33 oder 35 Minuten nach dem fünf gute Stunden entfernten Potsdam, wo die Gegend etwas besser und sonst noch vieles zu sehen ist. Das Fahren auf den Eisenbahnen ist sehr lustig; man fliegt eigentlich wie ein Vogel dahin. Die nächsten Gegenstände, Bäume, Hütten und dergleichen kann man gar nicht recht unterscheiden; sowie man sich danach umsehen will, sind sie schon lange vorbei. Nur sehr selten geschehen Unglücksfälle, gleichwohl giebt es hier viele Leute, die sich verschworen haben, nie auf eine Eisenbahn zu sitzen. (…)“

ByJudith Kessler

Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.