Samstag, 20. April 2024

Die Abenteuer des braven Soldaten Wojtek

Die Soldaten verliebten sich auf der Stelle in den Kleinen und tauften ihn „Wojtek“ (die Verkleinerungsform von „Wojciech“ = „glücklicher Krieger“). Sie päppelten ihn mit verdünnter Kondensmilch aus einer Wodkaflasche samt gedrehtem Taschentuch als Schnuller auf. Wojtek wuchs schnell und war am Ende 1,80 Meter groß und 220 Kilo schwer. Am liebsten hatte er Obst, Marmelade, Honig und Sirup und als Belohnung gaben die Soldaten ihm das, was sie selbst belohnend fanden (Tierschützer weggucken): Bier und Zigaretten. Wojtek rauchte die natürlich nicht, er fraß sie, aber nur, wenn man sie ihm vorher anzündete. Denn im Prinzip kopierte er alles, was er bei seinen zweibeinigen Kameraden sah.

Er legte sich zum Schlafen neben die Soldaten, wenn ihm kalt war. Hatte man ihn anfangs mit Wolldecken und Uniformjacken warmgehalten, fand er, als er älter wurde, neue „Betten“ für sich – wie eine Badewanne oder einen Koffer. Aber eigentlich war er nicht gern allein und schlief am liebsten bei den Soldaten im Zelt, kuschelte mit ihnen und weckte sie morgens mit seiner nassen Zunge auf. Morgens trank er dann Kaffee wie sie, stellte sich auf die Hinterbeine, marschierte und salutierte wie sie. Tranken sie Alkohol, trank er auch oder bekam ihn für eine seiner „Heldentaten“ als Belohnung, so als er bei einer seiner nächtlichen Touren zufällig einen arabischen Spion, der sich in einem Badehaus versteckt hatte, aufspürte. Unter Alkohol-Einfluss neigte Wojtek zum Herumalbern, wanderte in die nahegelegenen Alliierten-Lager und erschreckte besonders gern den Frauenhilfsdienst des 2. Korps. Einige sagten später, es sei ein Wunder gewesen, dass ihr Teddy auf seinen Ausflügen nicht erschossen wurde. Aber die meisten wussten genau, dass es in der Gegend keine Bären gab – und wenn einer auftauchte, musste es das Maskottchen der 22. Kompanie sein.

Wojteks Verhältnis zu Tieren war weniger harmonisch. Einmal wurde er von einem Skorpion in die Nase gestochen, und alle dachten, das sei das Ende. Aber sein Freund Henryk Zacharewicz pflegte ihn wieder gesund. Der Bär hatte auch wiederholt Ärger mit tretenden Pferden und Eseln und schließlich mit einem anderen Bären. Das 16. Lemberger Schützenbataillon hatte nämlich ebenfalls einen Bären als Maskottchen und dessen Soldaten hofften, mit Wojtek einen Spielkameraden für ihren „Michał“ gefunden zu haben. Doch der attackierte Wojtek und wurde nach seinem aggressiven Auftreten einem arabischen Regiment in der Nähe von Kirkuk übergeben, griff aber auch dort Soldaten an, wurde zurückgebracht und Wojteks Kompanie übergeben. Aber Michał griff Wojtek erneut an und landete infolgedessen im September 1943 beim Bürgermeister von Tel Aviv, Jsrael Rokach, als Geschenk für den Zoo der Stadt.

Wojtek hingegen durchquerte mit der 22. Kompanie in einer eigens für ihn gezimmerten Kiste die gesamte polnische Kampfroute vom Iran über den Irak, Syrien, Palästina bis nach Ägypten. Jahrzehnte später erinnerten sich noch damalige Patienten eines libanesischen Kinderkrankenhauses bei Beirut daran, dass bei der Einheit, die ihnen Medikamente und Lebensmittel geliefert hatte, ein Bär dabei war, der ihnen Tricks vorgeführt hat (unter anderem hing er zur Freude der Kinder von der Decke).

Von Alexandria aus sollte die Truppe am 14. April 1944 nach Neapel verlegt werden, um mit den Briten gegen die Deutschen und ihre italienischen Verbündeten zu kämpfen. Als sich die Hafenbehörden weigerten, Wojtek auf das Schiff, die „Batory“, zu lassen, weil die britischen Vorschriften die Mitnahme von Maskottchen und Haustieren verboten, holte sich die Kompanie kurzerhand die Genehmigung vom Oberkommando in Kairo ein – und General Władysław Anders machte den Bären zum offiziellen Mitglied der 22. Transportkompanie des 2. Polnischen Korps. Wojtek wurde zum „Private“ ernannt, zum Unteroffizier. Er bekam eine Dienstnummer und ein Soldbuch, das ihm als offiziellem Mitglied der polnischen Armee die Überfahrt erlaubte, und in Neapel staunten die Allies nicht schlecht, als seine Betreuer Henryk Zacharewicz und Lew Worzowski ihnen den frischgebackenen „Private Wojtek“ vorstellten.

Und dessen Lieblingsbeschäftigung war das Ringen. Wojtek war ein erbitterter, aber höflicher Kämpfer und ließ seine Gegner manchmal auch gewinnen. Verletzt hat er nie jemanden. Da er seine Mutter schon als Baby verloren hatte und nun an Menschen gewöhnt war und ihnen völlig vertraute, kam es zu etlichen komischen Situationen mit fremden Soldaten und Zivilisten. Wie auf einem der Fotos zu sehen, saß Wojtek gern in der Fahrerkabine der Lastwagen hinterm Steuer und ließ einen Arm aus dem Fenster hängen, so, wie er es bei seinen Freunden gesehen hatte, und was so manchen Augenzeugen verwirrt hat. Wojtek unternahm ausgedehnte Spaziergänge, beschnüffelte Freunde und vor Angst erstarrte Unbekannte. Die Soldaten versuchten, die Eskapaden ihres Schützlings vor ihren Vorgesetzten geheim zu halten, so, als er einen Lebensmittelvorrat vernichtete und ein anderes mal Damenunterwäsche wegschleppte.

Sie liebten ihn einfach, er gehörte zur „Familie“ und war für viele die einzige Freude im Krieg: „Wojteks herzlicher Empfang für die zurückkehrenden, oft extrem erschöpften Soldaten war sehr wichtig für uns. Er half uns runterzukommen“, sagte einer später und die Sanitäterin Krystyna, die selbst ein Chamäleon in Palästina hatte, bestätigte, dass viele polnische Soldaten und Flüchtlinge „Haustiere“ hatten, streunende Hunde, Füchse oder Frettchen: „Du hast keine Mutter, du hast keine Schwestern, du hast keinen Vater, du bist ganz allein, du könntest sterben, also findest du natürlich etwas, das du lieben kannst“.

In Italien hatte die Anders-Armee an kleineren Gefechten teilgenommen, aber die eigentliche Bewährungsprobe bestand ihr noch bevor: die in Polen legendäre Schlacht am Monte Cassino. Die Deutschen hatten das Kloster auf dem Hügel befestigt und in ihre „Gustav“-Verteidigungslinie integriert. Nachdem die Australier, Briten und Kanadier erfolglos versucht hatten, „Gustav“ zu durchbrechen, um den Weg nach Rom freizumachen, sollte nun die Anders-Armee die deutschen Stellungen bombardieren und Wojteks Kompanie die eigenen Truppen, die ihrerseits schwer beschossen wurden, mit Munition, Treibstoff und Lebensmitteln versorgen.

Wojtek reagierte zunächst ängstlich auf den ohrenbetäubenden Gefechtslärm und verkroch sich; aber nachdem er sich schnell an die Ballerei gewöhnt hatte, kletterte er auf Bäume und beobachtete die Kämpfe von dort aus. Offensichtlich hatte er aber auch seinen Kameraden genau zugesehen, wie sie ständig schwere Granaten und Kisten mit Munition beluden und fortschleppten. Denn plötzlich stapfte er auf den Hinterbeinen auf einen Versorgungswagen zu und streckte seine Pfoten aus, damit man ihm etwas zum Tragen gibt. Zu aller Erstaunen hob Wojtek mühelos eine Munitionskiste hoch, an der normalerweise vier Mann schleppten, trug sie in die Nähe der Schusspositionen und kehrte zum Lastwagen zurück, um mehr zu holen.

Von da an marschierte der Bär Tag für Tag mit den lebenswichtigen Munitions- und Lebensmittelkisten durch die Gegend, ohne ein einziges Mal etwas fallenzulassen, bis die Polen, sich nach und nach den Hügel hinauf gekämpft und das Kloster am 18. Mai 1944 schließlich eingenommen hatten.

Mit seiner Hilfe in dieser entscheidenden Schlacht wurde Wojtek endgültig zum Mythos: Er wurde zum Korporal befördert und mit Zustimmung des polnischen Oberkommandos änderte die 22. Kompanie ihr Emblem und brachte das Bild mit einem Bären, der ein große Artilleriegeschoss trägt, auch auf Uniformen und Wimpel und an den Fahrzeugen der Truppe an.

Die Einnahme von Monte Cassino war aber nur der Anfang von Wojteks Kriegs-Epos. Später war er mit seiner Einheit noch an der Einnahme von Ancona und bei den Kämpfen um Bologna beteiligt. Hier endete der Einsatz des 2. Korps, und Korporal Wojciech konnte endlich die Freiheit genießen. Er tat es auf seine Art – unter anderem, in dem er in der Adria schwimmen ging und dann urplötzlich zwischen den badenden Einheimischen aus dem Wasser auftauchte und sie zu Tode erschreckte.

Im September 1946 wurde der Rest der 22. Kompanie nach Glasgow verschifft und im „Winfield Camp“ untergebracht. Wojtek wurde sofort zum Liebling des gesamten Lagers und der Bevölkerung und die örtliche Polnisch-Schottische Gesellschaft ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Als die polnische Armee im November 1947 demobilisiert wurde, mussten Wojteks Kameraden jedoch nach einem neuen Zuhause für ihn suchen. Die Wahl fiel auf den Zoo von Edinburgh. Der Direktor erklärte sich bereit, sich persönlich um Korporal Wojtek zu kümmern und versprach, ihn ohne Zustimmung des Kompaniechefs, Major Antoni Chełkowski, nirgendwo anders hinzugeben. Die gesamte Kompanie trat im Zoo an und verabschiedete sich tränenreich von ihrem Liebling.

Wojtek bekam auch weiterhin viel Besuch, von den Ortsansässigen wie von den ehemaligen Kameraden, die nicht nach Polen zurückgekehrt waren und von denen manche über den Zaun gesprungen sein sollen, um ein bisschen mit ihm zu ringen. Sprach ihn jemand auf Polnisch an, soll Wojtek sofort reagiert, sich auf die Hinterbeine gestellt und nach Zigaretten gebettelt haben. Alle Versuche, ihn mit anderen Bären zusammen zu bringen, schlugen hingegen fehl. Wojciech Narebski, in der Truppe „kleiner Wojtek“ genannt, über den „großer Wojtek“: „Er schien zu glauben, dass er ein Mensch ist. Im Körper dieses Bären steckte eine polnische Seele“.

Doch leider hatte man den Kriegshelden mit der polnischen Seele in einem kleinen Käfig untergebracht und er verlor bald sichtlich an Lebenslust. Seine ehemaligen Kameraden intervenierten mehrfach, und es gab auch Anstalten, ihn nach Polen zu bringen, doch die Veteranen der Kompanie, die ihn immer noch als ihr Eigentum betrachteten, wollten dem Warschauer Regime kein so wertvolles Symbol überlassen. Nachdem 1959 ein Vertreter des Oliwaer Zoos aus Gdansk nach Edinburgh gefahren war, um Wojteks Unterbringung zu diskutieren, begann man dort endlich mit dem Bau einer großen Anlage für ihn. Doch Wojtek ging es da schon nicht gar nicht mehr gut, er war vorzeitig gealtert und in schlechter Verfassung und starb schließlich am 22. Dezember 1963 mit knapp 22 Jahren in dem Käfig, in dem er seine letzten 16 Jahre verbracht hatte:(

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