Freitag, 19. April 2024

Judith Kessler erinnert an die Mathematikerin Emmy Noether (*23.03.1882)

Die Mutter der modernen Algebra

Sie war die Tochter des Erlanger Mathematik-Professors Max Noether und seiner Frau Ida Kaufmann aus Köln und die Schwester des Mathematikers Fritz Noether (der floh 1934 als Jude und Linker in die Sowjetunion und lehrte in Tomsk, bis er wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Propaganda verurteilt und 1941 in Orjol erschossen wurde).

Emma, zunächst Englisch- und Französischlehrerin, fand als Jüdin keine Arbeit in den entweder katholischen oder evangelischen Schulen, und ließ sich 1903, als Frauen erstmals in Bayern zum Universitätsstudium zugelassen wurden, in Erlangen immatrikulieren. Sie promovierte als zweite Frau in Deutschland 1907 in Mathematik und wurde als Ausnahmemathetikerin nach Göttingen geholt, damals das führende mathematische Zentrum der Welt. 1915 wollte sie sich habilitieren. gutmeinende Kollegen baten das Ministerium in „diesem einzigartig liegenden Fall … ehrerbietigst … um Dispens von dem Erlaß, nach welchem die Habilitation von Frauen unzulässig ist.“

Dem Antrag wurde nicht entsprochen. Die Mathematikerin musste ihre Vorlesungen weiter unter dem Namen ihres Professors ankündigen. erst mit Beginn der Weimarer Republik konnte sie sich – als erste Frau in Deutschland – in Mathematik habilitieren. Sie war zwar auch die erste, die eine (außerordentliche) Professur erhielt, doch eigentlich war es eine Privatdozentur und nur ein kümmerlicher Lehrauftrag.

Emmy Noether erhielt nie einen Ruf an eine deutsche Universität und wurde auch nicht in die Göttinger Akademie der Wissenschaften aufgenommen, trotz aller bahnbrechender Leistungen und Publikationen. auf die Bemühungen (u. a. von Einstein), ihr an der Uni Kiel einen Lehrstuhl zu übertragen, schreibt ihr eigener Kollege, Helmut Hasse: „Bei aller wissenschaftlichen Hochschätzung halte ich sie für gänzlich ungeeignet, ein ordentliches Lehramt zu vertreten, noch dazu an einer kleinen Universität wie Kiel, wo doch nur einer neben ihr ist, der besser machen kann, was sie verdirbt (sic!) … auch finde ich, daß man das Experiment, eine Frau zum Ordinarius zu machen, nicht ausgerechnet an einem solch soliden Orte wie Kiel anstellen sollte. Dieses Experiment muß auch erst einmal in einem größeren Rahmen ausprobiert werden, wo durch einen schlechten Ausfall nicht gleich so viel verdorben ist (sic!)“. Haltet euch angesichts dieses Auswurfs vor Augen, dass Emmy Noether d i e Mathematikerin Deutschlands war und die erste, die eine wissenschaftliche „Schule“ gründete, die bis heute viele „Noether-Enkel“ hat …

Doch mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933 war ihre Karriere in Deutschland ohnehin beendet. der Jüdin wurde sofort die Lehrerlaubis entzogen. Dank Fürsprache von Kollegen im Ausland erhielt sie noch im selben Jahr eine Gastprofessur am Women’s College Bryn Mawr in Pennsylvania und in Princeton. Und hier im Exil starb sie zwei Jahre später nach einer Unterleibsoperation.

Nach Emmy Noether sind x mathematische Strukturen und Sätze benannt: die Noethersche Ordnung, die Noethersche Induktion, der Noethersche Raum, das Noethersche Modul, der Noetherscher Ring, der Noetherscher Normalisierungssatz und das Noethertheorem.
Nicht, dass ich wüsste, was das alles bedeutet, aber es gehört zum Grundbestand der modernen Algebra und mathematischen Physik.

Ihr Göttinger Kollege und Mitstreiter im Exil, Hermann Weyl, drückte es bei ihrer Beerdigung so aus: „Unsere Muttersprache möchte ich an deinem Grabe erklingen lassen, – die Sprache, in der dein Herz gefühlt hat, in der du deine Gedanken gedacht hast – und die uns heilig bleibt, wer immer sich die Herrschaft über den deutschen Boden anmaßt (…) Du warst eine große Mathematikerin, ich trage kein Bedenken zu sagen, die größte, von der die Geschichte zu berichten weiß. Die Algebra hat ein anderes Gesicht bekommen durch dein Werk. Mit vielen deutschen Buchstaben hast du deinen Namen in ihre Tafel unauslöschlich eingetragen …“

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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