Freitag, 23. Februar 2024

Judith Kessler erinnert an Maria Autsch, den „Engel von Auschwitz“.

Vor 124 Jahren wurde Maria Autsch geboren

Maria Autsch (*26.3.1900) arbeitet früh als Kindermädchen und Verkäuferin und lebt ein unauffälliges Leben in ihrem sauerländischen Dorf, bis ihr Verlobter sich erhängt und sie mit 33 Jahren dem Orden der Trinitarierinnen beitritt, deren einzige deutschsprachige Niederlassung sich in Mötz in Tirol befand.

Sie erhält den Namen Schwester Maria Angela vom heiligsten Herzen Jesu und arbeitet im Kloster als Erzieherin und Erntehelfern. nach dem „Anschluss“ soll das Kloster beschlagnahmt werden – der damalige Bauleiter wollte Hitzler zu dessen 50. Geburtstag ein klosterfreies Tirol melden. Die Ordensschwester rettet ihr Kloster vor der Enteignung, indem sie in Vertretung der erkrankten Oberin mit Hilfe des spanischen Konsuls in Wien juristisch erfolgreich argumentiert, das Kloster sei spanisches Eigentum. durch den Schachzug gerät sie ins Visier der Gestapo.

Die Frau, die „Feindsender“ hört und Hitler eine „Geißel für ganz Europa“ nennt, wird denunziert, im August 1940 verhaftet und wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Herabwürdigung des Führers“ ohne Gerichtsverfahren nach Ravensbrück verschleppt: Häftling 4651, roter Winkel. sie wird im Krankenrevier und später im „Musterblock“ eingesetzt. Die Blockälteste, die österreichische Sozialdemokratin Rosa Jochmann, wird berichten, sie habe keine Ahnung gehabt, dass Maria Nonne war, aber sie hätte immer gelächelt, die schweren Essenskübel geschleppt, geschwächten Frauen die Arbeit abgenommen, ihnen stundenlang zugehört und sie getröstet. noch mit 87 wird Jochmann sagen: „Es vergehen wenige Tage, dass ich nicht an den Menschenfreund Maria denke. Diese Maria gekannt zu haben, ist ein Geschenk fürs ganze Leben.“

Und die damals schwangere Maria Rosenberger, interniert als „Zigeunermischling“, wird nach der Befreiung schreiben: „Sie war dabei, als ich im Dezember 1940 mein Kind bekam. Als ich wieder zu mir kam, teilte sie mir auf einem Zettel mit – sie durfte nicht mit mir sprechen – dass mein neugeborenes Kind in den Gasofen geworfen worden ist … sie hat mir geholfen, wann immer sie konnte. Ich war damals zwanzig, sie war doppelt so alt. Sie hat mir immer wieder Mut gemacht. ‚Maria, halt die Ohren steif. Lass dich nicht unterkriegen! Denk an was Schönes den Tag über, dann hältst du besser durch … wenn ich jammerte: ‚Ich habe Hunger‘, wie oft hat sie mir ein Stück Brot zugesteckt. Sie legte es an den Zaun oder versteckte es auf der Toilette … manches Mal hat Maria (dafür) Schläge eingesteckt … einige Aufseherinnen haben sie bewusst schikaniert, weil sie eine Nonne war. Aber das hat ihr nichts ausgemacht … Maria war wie ein Sonnenstrahl in der Hölle … dass ich das überlebt habe, verdanke ich auch Maria Autsch.“

Am 26. März 1942, ihrem 42. Geburtstag, wird Autsch nach Auschwitz verlegt (einen Tag später entstand das Foto); Häftlingsnummer 512. Sie arbeitet zuerst im Krankenbau des Stammlagers, Block 3, kommt dann nach Birkenau b Ia, Holzbaracke 22 und wird bald nur noch der „Engel von Auschwitz“ genannt. Sie legt sich mit Aufseherinnen an, stellt sich vor Mitgefangene und versucht, ihnen im Krankenrevier das Leben zu erleichtern mit abgezweigter Suppe und kleinen Geschenken – zwischen all dem Sterben, dem Schmutz, Wassermangel, Hunger, Parasiten und Epidemien.

Die Ärztin Margitá Schwalbová erinnert sich: „Ich bin … zu der Zeit der einzige jüdische Häftling, der im Revier arbeitet. Ich trete ein. Auf meiner Pritsche leuchtet eine Taschenlampe, und neben ihr, auf einem Teller, liegen einige Stückchen Zucker, Kekse und eine Zitrone … Ich verstehe nicht, aber ich bin zu müde, um nachzudenken … Im Halbschlaf höre ich Schritte; jemand beugt sich über mich, streichelt meine Wangen, es scheint mir, dass er betet … Es war kein Traum, es war meine erste Begegnung mit Angela … inmitten der fürchterlichen Elends entstand eine Insel der Zärtlichkeit und Freundschaft. Und mir in meinem hohen Fieber (sie war an Typhus erkrankt) schien es, ich sei ein kleines Kind, meine Mutter säße bei mir und erzählte mir Märchen so schön und silbrig wie die Wellen eines Baches meiner Heimatstadt … Tausendmal brachte sie sich selber in Gefahr, unzählige Male gefährdete sie dadurch ihr eigenes Leben, aber sie zögerte nie, keinen Augenblick“. Nicht mal, als sie in das SS-Lazarett versetzt wird, um ihre Peiniger zu pflegen, und auch hier Medikamente und warmes Wasser für ihre Freundinnen abzweigt.

Maria Autsch stirbt am 23. Dezember 1944 nach 4 1/2 Jahren Haft, 35 Tage vor der Befreiung des Lagers, nach einem der ersehnten Bombardements der Alliierten. #tikkunolam

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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