Montag, 27. Juni 2022

Judith Kessler erinnert anlässlich des Geburtstags von Erich Maria Remarque an das erschütternde Schicksal seiner Schwester Elfriede Maria Scholz, geb. Remark

„To the memory of my sister Elfriede“

Erich Maria Remarque, geboren am 22. Juni 1898, hat neben „Im Westen nichts Neues“ über ein Dutzend Romane geschrieben, u. a. „Der Funke Leben“ um den Widerstand einer Gruppe KZ-Häftlinge. Das Buch erschien 1952 in Deutschland, warum auch immer, ohne die Originalwidmung: „To the memory of my sister Elfriede“

Remarque, der im Exil dank der Tantiemen aus seinem Antikriegsbestseller ein ausschweifendes sorgenfreies Leben führt, erfährt erst im Juni 1946, dass die Nazis seine Schwester umgebracht haben, im gewissen Sinne stellvertretend für ihn. Der Roman lässt sich als einer seiner Versuche lesen, mit der quälenden Frage klarzukommen, ob er sie hätte retten können oder gar Mitschuld an ihrem Tod trägt.

Elfriede Maria wird 1903 als viertes und letztes Kind der Familie Remark in Osnabrück geboren und hat wenig Glück in ihrem Leben. Sie leidet an einer Knochenerweichung, die Mutter stirbt, als Elfriede 14 ist. Sie arbeitet als Dienstmädchen, lernt dann Schneiderin und zieht erst in die Modemetropole Leipzig und 1924 nach Berlin. Sie wohnt in der Suarezstraße und im Jahr darauf landet auch ihr Bruder Erich Paul Remark in Berlin und zunächst in Charlottenburg; er hatte Elfriede gebeten, ihm eine Wohnung zu besorgen.

Während der, nun als Erich Maria und hinten mit -que geschrieben, berühmt wird, zieht Elfriede Remark 1929 weiter nach Dresden, weil es dort Arbeit für sie gibt. Sie macht die Meisterprüfung, bekommt unehelich eine Tochter (die stirbt), heiratet, wird wieder geschieden und eröffnet eine eigene Damenschneiderei. Die läuft anfangs schlecht. Ihr Bruder hilft ihr hin und wieder, doch irgendwann lässt er den Kontakt abreißen; Remarque schämt sich für seine einfache Herkunft und von Elfriede fühlt er sich ausgenutzt. 1939 lernt sie den Schlagzeuger Heinz Scholz kennen und heiratet ihn 1941, während seines Fronturlaubs; keine glückliche (Fern)-Beziehung – Scholz reicht vier Monate später die Scheidung ein.

Elfriede lebt in Dresden zur Untermiete bei einer Frau Antonie Wentzel. Am 1. August 1943 steht die Gestapo vor ihrer Tür. Der Ehemann ihrer Kundin und Freundin Ingeborg Rietzel hat sie denunziert. Sie soll ihr und der Vermieterin gegenüber geäußert haben, dass sie nicht an den Endsieg glaube, die Soldaten an der Front „Schlachtvieh“ seien und der „Führer“ sie auf dem Gewissen habe.
Elfriede wird verhaftet, verhört, nach Berlin überstellt und vor den „Volksgerichtshof“ gestellt. Die Verhandlung dauert keine Stunde, Blutrichter Freisler schneidet ihr das Wort ab: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen!“ und verurteilt die „ehrlose fanatische Zersetzungspropagandistin“ zum Tode und dauernden Ehrverlust. Beide Gnadengesuche ihrer (Pflicht-)Verteidigerin werden abgewiesen. Am Morgen des 16. Dezember 1943 schreibt Elfriede noch an ihre Schwester Erna: „Jetzt bin ich zum 2ten mal in Plötzensee und heute Mittag um 1 Uhr bin ich nicht mehr“.

Um 13.04 Uhr stirbt Remarques Schwester unter dem Fallbeil des Scharfrichters Wilhelm Röttger; von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung habe es acht Sekunden gedauert, steht im Protokoll. Die Rechnung geht an die Familie: Todesstrafe 300 Reichsmark, Vollstreckung 122,18, Verpflegung 73,50, Porto 0,12 – zu überweisen „binnen einer Woche“.

In den 1960er Jahren wird ihr Bruder Erich mithilfe Robert W. Kempners, des stellvertretenden US-Chefanklägers bei den Nürnberger Prozessen, bei der Westberliner Staatsanwaltschaft versuchen, die strafrechtliche Verfolgung der noch lebenden Prozessbeteiligten zu erreichen. Am 25. September 1970, es ist Remarques Sterbetag, wird das Verfahren eingestellt. Das Urteil gegen seine Schwester wird zusammen mit allen anderen Urteilen des „Volksgerichtshofs“ erst 1998 durch das „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile“ aufgehoben.

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