Donnerstag, 22. Februar 2024

Judith Kessler über David Frankfurter – „Ich wollte das Gewissen der Welt aufrütteln, aber sie schlief weiter.“

Am 4. Februar 1936 erschießt der 26-jährige David Frankfurter den Führer der „Landesgruppe Schweiz“ der NSDAP, Wilhelm Gustloff. Eigentlich wollte er Hitler töten: „Das war mein erster Plan, aber er blieb unerreichbar.“ Hitler wird Gustloff zum „Märtyrer“ erklären, seinen Sarg im geschmückten Sonderzug nach Deutschland bringen und ein KdF-Schiff nach ihm benennen lassen (das heute noch jeder kennt, weil es 1945 in einer schrecklichen Katastrophe unterging), und Frankfurter, den heute keiner mehr kennt, wird sich der Polizei stellen …

David Frankfurter, geboren 1909 in Darauf, das damals zu Österreich-Ungarn und heute zu Kroatien gehört, ist eins von drei Kindern des ungarischen Bezirksrabbiners Moshe Moritz Frankfurter und seiner Frau Rebekka. Sein Onkel und sein Bruder sind Ärzte und er selbst beginnt 1929 in Leipzig Medizin zu studieren. Dann wechselt er nach Frankfurt und erlebt hier die immer massiver werdenden Angriffe und Gesetze gegen Juden und die Übergriffe der SA und seiner eigenen Kommilitonen in den Hörsälen. Es ist ihm unverständlich und unerträglich, dass sich alle wegducken, dass alle still halten, auch seine Leidensgenossen. Es ist seine Art stiller Protest, als er Ende 1933 Deutschland Lebewohl sagt und sich in Bern einschreibt.

Doch aufhalten lässt sich nichts und wegsehen kann der junge Student auch in der Schweiz nicht. Frankfurter liest von 36 in einem Konzentrationslager ermordeten Juden und davon, wie in Deutschland Juden und Anhänger demokratischer Parteien misshandelt werden. Als er Weihnachten 1934 nach Frankfurt reist, um seine Familie zu besuchen, muss er mitansehen, wie aufgehetzte Deutsche auf seinen Onkel Salomon einschlagen. Wieder in der Schweiz, ist dort nun fast täglich in den Zeitungen von den antisemitischen Tiraden des deutschen Naziführers Wilhelm Gustloff in Davos die Rede. Irgendwann läuft das Fass über. David muss sich wehren, er will widerstehen, ein Zeichen setzen … lange vor Georg Elser und Herschel Grynszpan.

Auch wenn der folgende Strafprozess nur die Schweizer Justiz angeht, versuchen sich die Drittesreichdeutschen einzumischen und lassen ihre Anwälte als Nebenkläger auftreten, man verlangt Frankfurters Auslieferung, der völkische Beobachter behauptet wie üblich eine „jüdische Weltverschwörung“ hinter der Tat des Einzelgängers und hält „allein die Todesstrafe“ für gerechtfertigt.

Frankfurters Verteidiger, Eugen Curti und der spätere Philanthrop Veit Wyler, legen dar, dass David Frankfurter völlig allein und ohne Wissen Dritter gehandelt hat und berufen sich auf den körperlichen (Knochentumor seit frühester Jugend) und verfolgungsbedingten seelischen Ausnahmezustand ihres Mandanten. Der voll geständige und kooperative David Frankfurter wird schließlich wegen Mords zu 18 Jahren Zuchthaus und anschließender Ausweisung verurteilt.

Als die Wehrmacht 1940 in Frankreich einfällt, wird Frankfurter in eine andere Haftanstalt verlegt, um ihn einem möglichen Zugriff der Gestapo zu entziehen. Im Februar 1945, die Alliierten sind fast schon in Sichtweite, beantragt er Straferlass, drei Wochen nach der deutschen Kapitulation wird dem Antrag stattgegeben. Frankfurter emigriert nach Palästina, wird in Israel Beamter und Vater zweier Kinder, 1969 wird seine Ausweisung aufgehoben (und er besucht die Schweiz noch einmal), 1982 stirbt er in Ramat Gan.

Sein Vater hat weniger Glück. Nach der Besetzung Jugoslawiens 1941 holt sich die Gestapo Rabbiner Frankfurter. Er wird gezielt als Vater des Gustloff-Mörders gefoltert und ermordet. Das hat sein Sohn aber erst lange nach dem Krieg erfahren.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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