Samstag, 21. Mai 2022

Judith Kessler über den Comic „Mehr als 2 Seiten“

Rütli-Schule, Neukölln, Nahost-Konflikt …

… da meint man von vornherein schon zu wissen, wo der Hase langläuft. Aber nee, hoppla! Da gibt es diesen Comic für Jugendliche ohne großes oder mit einseitigem Vorwissen, der versucht, mit Klischees aufzuräumen. Ich habe sein Erscheinen letztes Jahr verpennt, aber Mehmet Can (danke!) hat mir das Heft, das seine Schüler*innen mit ihm, Jamina Diel und Mathis Eckelmann im Nachgang einer Projektfahrt nach Israel und in die palästinensischen Gebiete produziert haben, neulich zukommen lassen. Und ich finde es klasse.

Wir begleiten die Erzählerinnen Heba und Narges – die eine stammt aus Afghanistan, die andere aus Syrien – und ein Falafel-Bällchen (klar, das mögen Araber und Juden gleichermaßen) mit der Gruppe vom Neuköllner Rütli-Campus auf ihrer Reise. Sorina, Hamudi, Leyla, Tanya, Malik und Zeki, fast alle haben einen „Migrationshintergrund“, sind aufgeregt, neugierig, ängstlich oder skeptisch und einer der palästinensischen Jungs hat absolut keinen Bock, ein Geschenk für die jüdische Gastfamilie in Israel mitzubringen …

… doch dann sitzen endlich alle im Flieger und erleben entlang ihrer Reiseroute einen Ritt durch die Geschichte und Gegenwart der Region – Olivenbäume, Katzen, Herzl, Teilungsplan, Autonomiebehörde, die Rolle von Jerusalem, die Betzeiten auf dem Tempelberg, Sperranlagen und das Thema Attentate. Die Neuköllner treffen jüdische und palästinensische Mitglieder des „Parent Circle“, die Kinder in diesem Konflikt verloren und sich trotz allem zusammengetan haben. Sie erleben eine „Pride-Parade“ und den sprachgewirrvollen Strand in Tel Aviv, besuchen Yad Vashem, staunen über einen arabischen Judenretter und über Schoa-Überlebende, die – immer noch traumatisiert – wegen der Raketenangriffe Lebensmittel bunkern. Sie wundern sich bei einem Besuch in einem arabischen Dorf, dass die Jugendlichen dort unterschiedliche Meinungen zu der Frage haben, ob sie arabische Israelis oder israelische Araber sind, und bei einem Schulbesuch, dass auch jüdische Kids ihre wurzeln in Deutschland, Syrien oder Russland haben und die gleiche Musik hören wie sie. All die kleinen Altäglichkeiten über die Presse und Fernsehen weitaus seltener berichten als über blutige Auseinandersetzungen.

Die Macher*innen dieser „graphic novel“ haben es geschafft, all diese Dinge auf kurze prägnante Szenen herunterzubrechen (wobei ich bedauert habe, dass nach 62 Seiten schon Schluss war; ich hätte gern mehr davon gehabt). Der Comic ist schwarz-weiß gezeichnet, aber malt keine schwarz-weißen und keine Friede-Freude-Eierkuchen-Bilder. Er „sagt“: Es ist kompliziert, es gibt keine einfachen Antworten und Lösungen und jede seite hat Recht(e) und hat Leid erfahren.

Ist möglicherweise ein Cartoon von Buch

Wer also dem Horizont seiner Kinder oder Schüler*innen im (pi mal Daumen) Pubertätsalter etwas Gutes tun will, besorge ihnen „Mehr als 2 Seiten“ oder lade den Comic hier als pdf-Datei herunter.

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