Sonntag, 14. Juli 2024

Verbannt aus Leben und Erinnerung: Lotte Rayß

Friedrich Wolf kennen die meisten – als Dramatiker und als Vater des Regisseurs Konrad Wolf und des DDR-Auslandspionagechefs Markus Wolf. Doch der schreibende Arzt hatte noch fünf weitere Kinder mit vier anderen Frauen. Eines davon war Lotte Rayß, eine Frau, die in der DDR-Heldenbiografie des Autors von „Cyankali“ und „Professor Mamlock“ nicht vorkommt. Heute ist ihr Geburtstag.

Über Lieselotte Rayß-Strub, geboren am 17. Januar 1912 in Kaiserslautern, wüsste man bis heute kaum etwas, hätte ihr Sohn Konrad nicht 2018, zehn Jahre nach ihrem Tod, ihre erschütternde Autobiografie „Verdammt und entrechtet …“ herausgegeben.

Die in Stuttgart aufgewachsene junge Frau, die Kunst studiert, u.a. als Produktgestalterin und Löterin ihren Lebensunterhalt verdient und sich 1928 an einer Schneidemaschine einen Finger so verletzt, dass ein Arzt ihn amputieren will, erinnert sich in diesem Moment an einen anderen Arzt, der gerade nach Stuttgart gezogen war und „gegen chirurgische Eingriffe war. In Stuttgart wurde viel von ihm gesprochen. In Schaufenstern hatte ich Broschüren gesehen, die dieser Arzt verfasst hatte…“ – Lotte Rayß (16) sucht ihn auf. Es ist Friedrich Wolf (40), ein bekannter linker Arzt und politischer Autor und bald ihr Geliebter.

Wolf, dessen Frau Else seine vielen Affären hinnimmt und ihr prophezeit: „Heute sind’s Sie, morgen ein anderes kleines Mädchen“, versichert ihr, dass er sie brauche und sie seine Muse sei. Er ersetzt ihr wohl auch ein wenig den Vater, den sie früh verloren hatte, und er fördert sie. Lotte, zum ersten Mal so richtig verliebt, und überglücklich in seiner Nähe, wird zugleich für Wolf zum Mädchen für alles, zur Sekretärin, Redakteurin und Ideengeberin. Sie kümmert sich um seine Angelegenheiten und seine Söhne, als er 1931 und 1932 jeweils für mehrere Wochen in die Sowjetunion reist, sie leitet eine Pioniergruppe der „Internationalen Arbeiterhilfe“, sie sammelt Material für sein Stück „Bauer Baetz“, sie hilft ihm bei seiner Theatergruppe und beginnt selbst, Texte zu schreiben.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 folgt Lotte Rayß dem Ehepaar Wolf zu den diversen Stationen ihres Exils, nach Österreich, in die Schweiz, nach Frankreich, kehrt aber zwischendurch nach Stuttgart zurück, um deren dort zurückgelassenen Söhne in Sicherheit zu bringen. Anschließend schmuggelt sie unter Lebensgefahr auch noch Wolfs Archiv in die Schweiz (Lotte: „er hat kein einziges Wort über meine Rettung seines Archivs verloren, als wir uns wiedersahen“). Und sie hat die Idee (und ist die mögliche Verfasserin der ersten beiden Akte) von Wolfs bekanntestem Theaterstück „Professor Mamlock“. Sie ist es, die ihm von einem jüdischen Arzt erzählt, der mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet ist und an den zunehmenden Repressalien gegen die Juden zerbricht. Sie schenkt ihm ihr eigenes begonnenes Manuskript und in Frankreich arbeiten beide zusammen daran weiter (gut zu erinnern, wenn man den Mamlock liest!).

An einem dieser Fluchtorte war Lotte von Wolf schwanger geworden. Und sie will das Kind unbedingt. Am 21. Februar 1934 bringt sie in Zürich ihrer beider Tochter Lena zur Welt. Der Schriftsteller ist da schon weiter nach Moskau emigriert und auf seinen Wunsch hin folgt sie ihm mit Lena Anfang Mai. Sie wird vier Monate lang in deren Zweizimmerwohnung auf dem Fußboden neben dem Ehebett der Wolfs schlafen und dann auf Order von Lenins Witwe Nadeschda Krupskaja nach Engels abgeschoben werden; die Partei macht sich Sorgen, das Ansehen des Dramatikers könnte unter dessen Dreiecksbeziehung Schaden nehmen.

Engels, zu dieser Zeit Hauptstadt der „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ und etwa 850 Kilometer südlich von Moskau gelegen, hatte ein deutsches Theater, wo unter anderem Erwin Piscator inszenierte und Stücke von Wolf gespielt wurden. Lotte arbeitet als Lektorin und nebenbei am Theater. Wolf kommt ab und zu nach Engels wegen seiner Stücke und wegen ihr und denkt sogar darüber nach, sich für Lotte scheiden zu lassen, doch seine Frau Else fleht sie an, ihre Familie nicht zu zerstören und Lotte schreibt rückblickend in ihren Notizen, auch seinen Geiz und Egoismus ins Visier nehmend: „… Er liebte nur sich, sonst Niemanden. Stolz auf seine Schönheit, war auch sein geliebtes Geld nur dazu da, ihm allein zu nutzen. … Seine Frau Käthe … mit 2 Kindern erhielt nie einen Pfennig Unterhalt … 1936 will er Else und Kinder verlassen, um für immer zu mir und Lena nach Engels zu ziehen. Ich habe ein eigenes Haus, verdiene als Korrektor und Lektor gut … Er kann problemlos bei mir leben … Ich durchschau (das), breche die Beziehung ganz ab … Geld? Sein Schweizer Konto dank des Dramas ‚Mamlock’ ist achtstellig…“. (zit. n. Horst Groschopp)

Statt Friedrich Wolf heiratet Lotte Rayss den Journalisten Lorenz Lochthofen, der in Engels für die „Deutsche Zentralzeitung“ arbeitet, für die auch Herbert Wehner (aka Kurt Funk) schreibt. Doch in Folge Stalins erster Moskauer Schauprozesse 1937 fangen auch hier Terroraktionen an, die deutschsprachigen Theaterprojekte werden gestoppt und deutsche Emigranten bezichtigt, Faschisten oder bourgeoise Nationalisten zu sein. Lotte und Lorenz lassen sie sich pro forma wieder scheiden, weil sie glauben, Lena und das Kind, das sie erwarten, so vor der allgegenwärtigen „Sippenhaft“ zu schützen. Drei Monate später kommt Larissa, Lottes zweite Tochter auf die Welt. Weitere drei Monate später wird Lorenz Lochthofen verhaftet und zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Danach bleibt er als Verbannter in Workuta. Im Lager wird ihm eine gefälschte Urkunde über den Tod seiner Ex-Frau übergeben. Er schreibt einen Trauerbrief an die Wolfs, die weder ihn darüber aufklären, dass sie lebt, noch sie, dass er lebt (das erfährt sie erst 16 Jahre später), obwohl beide vereinbart hatten, über die Wolfs in Kontakt zu bleiben.

Friedrich Wolf war im Dezember 1937 noch einmal kurz nach Engels gekommen, um Lotte mitzuteilen, dass er nach Spanien gehen wolle. Sie, über 60 Jahre später in einer Notiz: „…Wolf dachte sich als Held, als tapfer, mutig, siegreich, was ihn später zu Verfälschungen seiner Biographie veranlasste … 1937 reist er aus der SU aus … weil er an der Span. Front will kämpfen … Spanien, nein! Er flieht vor NKWD, egal, daß Else, seine Kinder zurückbleiben. Er rettet sein heißgeliebtes Ego an die Côte d‘Azur.“ (zit. n. Horst Groschopp). Tatsächlich bleibt Wolf in Frankreich, wird nach Kriegsausbruch interniert und kehrt mit Hilfe der Sowjets 1941 nach Moskau zurück, wo er später das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mitbegründen wird.

Lotte wird indes Anfang Februar 1938 – sie ist gerade 26 geworden – verhaftet. Sie darf nur ein Kind mit ins Gefängnis nehmen, weiß nicht, was sie machen soll, und entscheidet sich für die wenige Monate alte Larissa, wohl auch, weil sie hofft, Lena würde von den Wolfs aufgenommen werden; doch die wird zunächst in ein Kinderheim gesteckt. Lotte wird in der Untersuchungshaft gefoltert und monatelang verhört, mit absurden Anschuldigungen und absurden Fragen. Der Vernehmer: „Wieder wandte er sich an mich: ‚Leonardo da Vinci. Du kennst ihn?’ – ‚Ja.’ – ‚Italiener?’ – ‚Ja.’ – ‚Alle Italiener sind Faschisten.’ Leonardo – ein Faschist? Ich war verdutzt, kam aber nicht zum Antworten. ‚Du bist eine Spionin. Sag endlich: Welche Spionageaufträge hat dir dieser Italiener gegeben, dieser da Vinci?’ Ich schwieg.“ 

Im März stirbt die kleine Larissa unter ungeklärten Umständen im Gefängnis. Im August wird Lotte nach Paragraf 58 – konterrevolutionäre Tätigkeit – zu fünf Jahren Haft verurteilt, ein Paragraf, der beliebig anwendbar war und dem NKWD einen unerschöpflichen Fundus an Arbeitssklaven verschaffte. Sie wird die nächsten acht Jahre im „Karlag“, im Karagandaer „Besserungsarbeitslager“ in Kasachstan verbringen und anschließend acht Jahre in der Verbannung, ohne dass sich Friedrich Wolf, der sehr wohl über ihr Schicksal informiert war, sich je um ihren Verbleib gekümmert oder sich für sie eingesetzt hätte.

In den Arbeitslagern herrschen unvorstellbare Zustände. Hunger, Schmutz, Kälte, Krankheiten, Schwerstarbeit, sexuelle Gewalt, Angst, Denunziationen, Erschießungen… Lotte Raysß lebt zeitweise in einem Erdloch, „das nur um weniges größer als ein Grab war“, erledigt jedoch jede ihre aufgetragene Arbeit (meist in der Landwirtschaft) kreativ und zuverlässig. Dabei bricht sich u.a. einen Lendenwirbel und erfriert sich die Füße; der Chirurg amputiert ihr zwei Zehen mit einer Zange, während Lotte Witze erzählt, um die Schmerzen auszuhalten. Als ihr nach Kriegsende 1945 zugetragen wird, Friedrich Wolf sei nach Berlin zurückgekehrt, bricht sie zusammen und kann nur knapp davon abgehalten werden, sich umzubringen. Eine Mitinsassin rät ihr, sich ein Kind anzuschaffen, was ihrer Psyche helfen und vielleicht sogar die Entlassung bringen würde. Sie sucht sich dafür einen netten georgischen Mithäftling aus (der jedoch wenig später entlassen wird) und da sie in ihrem Zustand bald nicht mehr als vollwertige Arbeitskraft taugt, verliert sie ihr Recht auf eine Schlafpritsche und muss auf dem nackten Boden schlafen. Aber nachdem sie ihren Sohn Nikolai (später Konrad) 1946 zur Welt gebracht hat, wird sie tatsächlich in die (lebenslange) Verbannung entlassen, denn kleine Kinder stören das Lagerregime.

Lotte bekommt mit ihrem Söhnchen in Dolinka, dem Ort der Zentralverwaltung des Karlag, einen Verschlag zugeteilt. Und erfährt erst jetzt, dass ihre totgeglaubte Tochter Lena lebt. Laut Thomas Naumann, dem letzten der unehelichen Kinder Friedrich Wolfs, hatte Else Wolf Lena in einem Kinderheim aufgespürt und nach Moskau geholt. Dort habe sie erst bei den Wolfs und dann bei einer anderen Familie gelebt. Allerdings haben die Wolfs Lotte nie darüber informiert, obgleich Else jedes halbe Jahr einen Brief ins Lager schreiben durfte. Lena wird jedenfalls zu Lotte nach Dolinka abgeschoben (Lotte: „Lästig war sie den Wolfs geworden“). Sie ist jetzt 15 Jahre alt, kommt aus einem relativ normalen Leben in dieses Elendsloch zu einer Frau, an die sie sich nicht erinnern kann – und hasst sie. Sie wird bei der ersten besten Gelegenheit verschwinden und sich nie wieder bei ihrer Mutter melden.

Im März 1953 stirbt Stalin. Im Oktober 1954 darf Lotte Rayß nach 16 Jahren Martyrium mit ihrem kleinen Sohn Dolinka verlassen und nach Ost-Berlin ausreisen. Friedrich Wolf ist da bereits ein Jahr tot. Sie muss sich beim ZK melden und wird über ihre Zeit in der Sowjetunion befragt. Ihr Bericht landet im Panzerschrank, sie selbst hat über alles Erlebte zu schweigen und darf den Ost-Sektor der Stadt nicht verlassen. Lotte Rayss hält sich daran. Sie wird Russischlehrerin, heiratet 1959 Richard Strub (einen Sohn des Schweizer Kommunisten Walter Strub, der ihr 1933 in der Schweiz Unterschlupf gegeben hatte und der nun zu ihr übersiedelt), muss 1964 wegen der im Lager erlittenen Schäden an Körper und Seele den Beruf aufgeben, übernimmt ehrenamtlich die Leitung eines Kulturklubs, beginnt in ihren letzten Lebensjahren, in denen sie ans Bett gefesselt ist, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und stirbt am 6. Januar 2008 in Berlin.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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