Der falsche Biermann, der VfL und der 250. Einwurf

Der falsche Biermann, der VfL und der 250. Einwurf
„Nee, nee, das bin ich nicht“ — Identitätskrise an der Käsetheke

Kurz nach der Ausweisung von Wolf Biermann hatte ich eine ganze Weile eng mit ihm in Hamburg zusammengearbeitet. Es ging um Plattenproduktionen, um politische Gespräche, um Auftritte, um Gedankenaustausch und um Dissidenten wie Gerulf Pannach und Christian Kunert von der Renft Combo, um die ich mich in seinem Auftrag kümmern sollte. Also um all das, was man später gern „eine bewegte Zeit“ nennt, zumal „wir redeten viel, organisierten viel, stritten viel und machten uns pausenlos Sorgen“ nicht ganz so elegant klingt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich kannte Wolf also. Nicht nur vom Plattencover. Nicht nur aus dem Fernsehen. Nicht nur als zornigen Mann mit Gitarre und als Welterklärer. Ich kannte ihn wirklich, hatte mich schon vor seiner Ausbürgerung in Hamburg mit seiner Mutter Emma getroffen und zwei Mikrofone in den Osten geschmuggelt. Ich liebte vor allem seinen Song „Die hab ich satt!“.

Wir haben hin und wieder am Hohenzollernring in seinem Haus gemeinsam gefrühstückt. Das klingt jetzt nach hanseatischer Kultiviertheit, nach Zeitung, Marmelade und deutsch-deutscher Weltlage. War es auch. Bis Wolf den Toaster bediente.

Dieser Toaster stammte aus der DDR und er hatte auf dieses technische Wunderwerk bei seiner unfreiwilligen Ausreise offenbar nicht verzichten wollen.

Und wenn Wolf diesen Apparat einschaltete, besser gesagt: anschmiss, wurden nicht einfach zwei Scheiben Toast geröstet. Nein, es war, als würde im Keller eine volkseigene Turbine hochgefahren. Das ganze Haus vibrierte. Türen klapperten. In der Ferne bellten Hunde. Auf der nahen Elbe entwickelte sich ein Tsunami und ich erwartete jeden Moment, dass ein Brigadier mit Klemmbrett hereinstürmen könnte und fragte, ob die Fünfjahresplan-Bräunung für Vollkorntoast bereits erfüllt sei.

Ich sah Wolf dann an, leicht irritiert, und er beruhigte mich grinsend: „Kalla, was erwartest du so kurz nach dem Krieg?“

Das war Wolf. Selbst der Toaster hatte bei ihm einen historischen Hintergrund.

Unsere letzte Zusammenkunft verlief dann 1980 weniger frühstücksidyllisch. Ich war mit Ortwin Löwa vom NDR bei ihm zu Besuch, weil wir gemeinsam die gerade erschienene LP Himmel auf Erden meiner Rockband Oktober hören wollten, die wir am nächsten Tag in der zweistündigen Sendung „Der Club“ vorstellen durften … zwei Stunden auf NDR2, heute unvorstellbar. Eigentlich eine schöne Situation: Man sitzt zusammen, legt die Platte auf, hört aufmerksam zu, vielleicht sagt jemand „interessanter Klangteppich“, und am Ende gibt es noch ein Glas Rotwein — sofern der Toaster nicht vorher das Haus zwangsevakuiert hat.

Aber es kam alles anders.

Als mein vertontes Deutschland. Ein Wintermärchen erklang, wurde es im Raum merklich frostiger, tiefster Winter zog ein. Und am Ende stand Wolf da — innerlich vermutlich mit Heine, Marx, Böll, Hamburg, Ostberlin, Preußen und der gesamten deutschen Literaturgeschichte im Rücken — und sagte nichts Weiteres als den einen Satz: „Heine gehört mir!“

Das muss man sich mal vorstellen. Andere Leute sagen: „Die zweite Strophe gefällt mir nicht.“ Oder: „Der Bass ist ein bisschen laut.“ Wolf Biermann aber sagt: „Heine gehört mir!“ Da diskutiert man nicht mehr über Arrangements. Da befindet man sich plötzlich in einem kompositorisch-literarischen Sorgerechtsstreit.

Ich hätte natürlich souverän reagieren können. Etwa: „Wolf, Heine gehört niemandem.“ Oder: „Dann einigen wir uns auf das Umgangsrecht, jedes zweite Wochenende ist er bei dir.“ Aber in solchen Momenten fällt einem das nie ein. Mir fiel gar nichts ein, außer ungläubig zu staunen und dass ich hoffte, der DDR-Toaster möge anspringen und das Gespräch akustisch beenden.

Kurzum: Ich kannte Wolf Biermann. Prima Typ. Kluger Mann. Toller Dichter. Sehr guter Gitarrenspieler. Mit den Jahren vielleicht etwas zu rachesüchtig, konservativ und klugscheißerisch geworden, aber ich kannte sein Haus, seine Sätze, seine Hilfsbereitschaft, seinen Toaster und nun auch noch seinen Heine-Alleinvertretungsanspruch.

Ortwin und ich verließen fassungslos und kopfschüttelnd das Haus, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe Wolf nie wieder gesehen.

Nie wieder?

Moment!

Und deshalb war ich gestern vollkommen unvorbereitet, als ich ihn im Combi in der Dodesheide sah. Ausgerechnet an dem Tag, an dem mein 250. Einwurf auf OS-Radio 104,8 erschienen war und dort bescheiden gefeiert wurde.

Das muss man sich einmal vorstellen: Da gibt man zweihundertfünfzig Mal seinen Senf zum VfL von sich, zum Sinn des Lebens, zu Osnabrück und seinem Wahrzeichen Bremer Brücke und vermutlich auch zu allen Spielarten menschlicher Hoffnungslosigkeit — und dann geht man nichtsahnend zu Combi, um Käse zu kaufen. Man rechnet mit vielem: mit Sonderangeboten, mit einer Schlange an der Kasse und erst recht mit einem Einkaufswagen, der konsequent nach links zieht. Aber bestimmt nicht damit, dass einem das eigene Jubiläum in Gestalt eines falschen Wolf Biermanns entgegentritt.

Der Combi-Supermarkt Dodesheide ist ohnehin nicht unbedingt der Ort, an dem man mit historischen Erscheinungen rechnet. Man rechnet dort mit Menschen, die vor dem Leergutautomaten stehen, als ginge es um eine Grenzabfertigung. Mit Leuten, die beim Bäcker „ein normales Brötchen“ bestellen, als sei das eine international geschützte Backwarennorm. Mit Rentnern, die an der Kasse noch stundenlang Kleingeld aus Portemonnaies fischen, die aussehen wie geologische Opfer lokal begrenzter Plattentektonik.

Aber mit Wolf Biermann? Nein.

Und doch stand er da. Zwei, drei Meter entfernt.

Nicht in Hamburg. Nicht am Hohenzollernring. Nicht mit Gitarre. Nicht inmitten einer Grundsatzdebatte darüber, wie man Heine zu vertonen habe. Sondern in Osnabrück, bei Combi, zwischen Gemüse, Kühlregal und Kuchentheke. Ich blieb stehen, erstarrte sogar ein wenig, nicht vor Ehrfurcht, sondern vor Staunen.

Mein Einkaufswagen blieb auch stehen, allerdings mit dieser kleinen Verzögerung, die Einkaufswagen eingebaut zu haben scheinen, wenn sie einem wieder einmal kurz ihre Unabhängigkeit erklären möchten. Ich sah den Mann an und dachte nur: Das gibt’s nicht!

Das ist wirklich Wolf. Wolf Biermann. In der Dodesheide.

Vielleicht kauft auch ein großer Liedermacher und Heine-Vertoner gelegentlich mal ein Stück Käse. Vielleicht braucht selbst ein Mann wie er, der mit der deutschen Geschichte wie kaum ein anderer gerungen hat, irgendwann eine Küchenrolle im Angebot.

Er sah ihm täuschend ähnlich. Dieser Blick. Diese Stirn. Diese Mischung aus verschmitztem Blick, politischer Unbeugsamkeit und der Bereitschaft, notfalls auch an der Käsetheke ein Lied gegen die Verhältnisse im Iran anzustimmen.

Nur: Er war vielleicht zwanzig Jahre jünger als der echte Biermann. Wolf wird 90 dieses Jahr.

Aber wer weiß? Ich habe ihn seit seinem Besitzanspruch an Heines Gesamtwerk nie wieder gesehen. Das ist 45 Jahre her. Man ist beim Einkaufen ja nicht in Bestform. Das Gehirn ist auf „Butter, Kaffee, Klopapier und Joghurt nicht vergessen“ eingestellt, nicht auf präzise Altersbestimmung ehemaliger DDR-Dissidenten im feindlich gesinnten Supermarktumfeld.

Ich näherte mich also vorsichtig.

Nicht zu schnell. Man will ja eine historische Persönlichkeit nicht erschrecken, schon gar nicht zwischen Biogurken und abgepacktem Gouda. Ich tat so, als interessiere ich mich brennend für Zucchini, während ich in Wahrheit meine gesamte deutsch-deutsche Vergangenheit sortierte.

Dann fasste ich mir ein Herz und fragte: „Wolf, bist du das?“

Der Mann sah mich an. Sehr biermannesk, fand ich. Ein Blick, der gleichzeitig fragte: „Wer sind Sie?“, „Was ist aus diesem Land geworden?“ und „Warum stehen Sie so nah am Porree?“

Doch er sagte nur: „Nee, nee, das bin ich nicht.“

Ein schwerer Moment. Nicht historisch schwer, aber persönlich. Ich stand da, schiffbrüchig mit meinem Einkaufswagen, meinen Erinnerungen und meiner kompletten Biermann-Frühstücksbiografie inklusive DDR-Toaster und musste erkennen: Ich habe gerade einen fremden Mann im Supermarkt zu Wolf Biermann erklärt.

Ich grummelte etwas verlegen: „Alles klar. Entschuldigung auch.“

Das war natürlich viel zu wenig. Eigentlich hätte ich sagen müssen: „Verzeihen Sie, Sie aktivierten soeben mein kulturhistorisches Langzeitgedächtnis.“ Aber bei Combi sagt man solche Sätze nicht. Da stammelt man „… tschuldigung auch“ und hofft, dass einen die Tiefkühltruhe verschluckt.

Ich wollte mich gerade entfernen, möglichst unauffällig, also so unauffällig, wie man mit einem Einkaufswagen sein kann, der klingt, als hätte er 1976 ebenfalls die DDR verlassen müssen.

Da sagte der Mann plötzlich: „Aber Sie sind doch Kalla Wefel.“

Und jetzt wurde es kompliziert. Denn bis dahin war nur er nicht Wolf Biermann gewesen. Nun aber war ich plötzlich ich. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Gerade am Tag meines 250. Radio-Einwurfs hätte ich vielleicht würdevoller reagieren müssen. Souveräner. Jubiläumsgerechter. Vielleicht mit einem kleinen Nicken, wie es selbstbewusste Menschen tun, die sich ihrer öffentlichen Bedeutung bewusst sind und trotzdem noch wissen, wo die Haferflocken stehen.

Stattdessen reagierte ich blitzschnell. Leider nicht klug, aber schnell: „Nee, nee, das bin ich nicht.“

Kaum hatte ich es gesagt, wusste ich: Das war nicht mein stärkster Auftritt.

Der Mann hatte Wolf Biermann geleugnet, weil er nicht Wolf Biermann war. Ich hingegen leugnete Kalla Wefel, obwohl die Beweislage in meinem Fall erheblich gegen mich sprach war. Ich stand da wie ein auf frischer Tat ertappter Ladendieb der eigenen Identität.

Der falsche Biermann sah mich an. Ich sah den falschen Biermann an. Zwischen uns lag plötzlich die ganze Tragödie öffentlicher Bekanntheit: Man erkennt die Falschen und wird von den Richtigen erkannt.

Ich hätte sagen können: „Doch, ja, stimmt, aber ich wollte nur mal wissen, wie sich das anfühlt.“ Oder: „Kalla Wefel bin ich nur beruflich.“ Oder: „Nach dem Heine-Eklat habe ich meine Identität aus Sicherheitsgründen abgegeben.“

Aber mir fiel nichts ein. In meinem Kopf sprang nur irgendwo ein irrer DDR-Toaster an und machte: RRRRRRRRRRRRRRR. Aber Combi explodierte nicht.

Also wandte ich mich ab. Sehr würdevoll. Das heißt: So würdevoll, wie man sich abwenden kann, wenn man gerade erst Wolf Biermann erfunden und dann sich selbst verleugnet hat.

Ich rollte davon. Mein Einkaufswagen zog hin und her. Meine Selbstachtung auch. Da rief der Mann mir hinterher: „VfL-Kalla! Ich höre immer Ihren Einwurf! Klasse ist der!“

Damit war alles verloren. Der falsche Biermann hatte mich erkannt. Nicht ungefähr. Nicht als „irgendwas mit Kultur, mit Musik, Satire oder Kabarett“. Nicht als „der da aus Osnabrück“. Nein: VfL-Kalla, reduziert auf Einwurf. Und das ausgerechnet am Tag der 250. Sendung.

Da labert man sich zweihundertfünfzig Mal durch Siege, Niederlagen, Fehlpässe, Trainerwechsel, Hoffnungsschimmer und Tabellenregionen, in denen man Sauerstoffgeräte bereithalten sollte — und dann wird man bei Combi von einem Mann erkannt, der es richtig gut mit einem meint und den man selbst gerade fälschlicherweise für Wolf Biermann gehalten hat.

Mehr Jubiläum geht eigentlich nicht.

Ich ging weiter und tat, als hätte ich nichts gehört. Eine Fähigkeit, die man mit zunehmendem Alter perfektioniert: Dinge nicht hören, die man sehr genau gehört hat. An der Kasse fragte mich die Kassiererin dann noch, ob ich die Deutschland-Card habe. Ich war kurz davor zu sagen: „Nee, nee, das bin ich nicht.“

Aber ich riss mich zusammen. Man muss ja irgendwann in die Gesellschaft zurückfinden. Draußen auf dem Parkplatz blieb ich noch eine Weile stehen und versuchte, die Lage zu sondieren.

Ich hatte Wolf Biermann getroffen, der nicht Wolf Biermann war.

Der Nicht-Wolf-Biermann hatte Kalla Wefel getroffen, der behauptete, nicht Kalla Wefel zu sein.

Heine gehörte immer noch Wolf.

Der DDR-Toaster war vermutlich längst im technischen Museum Dessau gelandet.

Der 250. Einwurf war erschienen.

Und der VfL Osnabrück hatte in dieser ganzen Angelegenheit auf rätselhafte Weise die Deutungshoheit übernommen. Zumal er wenige Stunden zuvor drei Spieltage vor Saisonende so gut wie aufgestiegen war und deshalb ohnehin nichts mehr von dieser Erde zu sein schien. Es war einer dieser Tage, an denen man nicht mehr sicher sagen kann, ob man noch einkauft oder schon halluziniert.

Wobei: Halluzination war vielleicht gar nicht so abwegig.

Hatte ich schon erzählt, dass ich wegen eines Hörsturzes in der Woche zuvor hochdosiertes Cortison nehmen musste? Nein? Dann gehört das natürlich dringend in die Beweisaufnahme. Denn mir war seit Tagen elendig schwummerant, innerlich auswattiert, äußerlich bemüht, den Eindruck eines Menschen zu machen, der noch zuverlässig zwischen Gouda, Zucchini und deutscher Liedermachergeschichte zu unterscheiden wusste.

Im Combi erwischte mich dann auch noch eine heftige Kreislaufschwäche. So eine, bei der man sehr ruhig wird und denkt: Gleich kippste tot um, und der VfL muss in der 2. Liga ohne dich klarkommen.

Eine völlig absurde Vorstellung. Nicht das Totumkippen. Das kann schon mal passieren, aber dass der VfL ohne mich klarkommt? Unvorstellbar.

Und genau zu diesem Zeitpunkt erschien Wolf. Oder eben sein Abziehbild. Der falsche Biermann. Der Mann, der nicht Wolf war, aber aussah wie eine kulturhistorische Cortison-Nebenwirkung mit Bart.

Und plötzlich war ich wieder bei Sinnen. Denn wenn einem im Combi Dodesheide ein falscher Wolf Biermann begegnet, der einen als VfL-Kalla erkennt, während man selbst gerade nicht mehr sicher ist, ob man Kalla Wefel, ein Kreislaufpatient oder nur ein schlecht gelenkter Einkaufswagen ist, dann weiß man: Das Leben hat noch Aufgaben für mich.

Vor allem der VfL. Ohne mich schafft er es nicht.

Danke, Wolf!

spot_img
1. Mai 2026spot_img
April 2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img
November 2020spot_img
August 2024spot_img
erscheint Oktober 2026spot_img