Deutsch und andere Fremdsprachen – Teil 1

Heute: 25 Jahre Rechtschreibreform

Am 1. August 1998, vor genau 25 Jahren also, wurde die Neuregelung der deutschen Orthografie beschlossen. Der Urheber dieser Zeilen nahm als Autor der Sprach- und Lesebuchreihe des Hirschgraben Verlags (Cornelsen) 1990 an den Diskussionen um die sogenannten Wiener-Gespräche teil, in denen erste Vorschläge für eine Rechtschreibreform erarbeitet wurden.

Sprache und Rechtschreibung als eine eherne, auf alle Zeiten ge­gen Neuerungen festgemauerte Trutzburg zu betrachten, ist in konservativen Kreisen zwar beliebt, hält aber keiner praktischen Prüfung auch nur eine Minute stand, denn nichts ist lebendiger als Sprache. Sprache ist im steten Wandel, täglich, stündlich, jetzt, in diesem Moment, wird bereits ir­gendwo eine Wortneuschöpfung erfunden. Da mutet es absolut widersinnig an, zu einem x-be­liebi­gen Zeitpunkt die Sprache über­haupt in starre Regeln zu fassen, sozusagen le­bens­länglich in Ketten zu le­gen und dann für ewig und immer auf die Einhaltung die­ser Regeln zu pochen.


Bei all den Rechtschreibdiskussionen der letzten Jahrzehnte wurde völlig übersehen, den Du­den selbst in Frage zu stellen

Eine Recht­schreibre­form hat vor 25 Jahren ohnehin nur arg begrenzt stattgefunden. Wäre sie mit Sinn und Verstand verlaufen, hätte man alle Regeln auf einem einzigen A4-Zettel zusammenfassen können. Eine Reform wäre gewesen, endlich die Kleinschreibung nach internationalem Vor­bild einzuführen, in der ganzen Welt funktioniert das prächtig, nur nicht im deutschsprachigen Raum. Über 50 % aller Diktatfehler wären damit übrigens hinfällig.

Und was ist mit der Zeichensetzung? Warum wurden nicht die Kommaregeln nach skandi­navischem Muster eingeführt? „Immer, wenn du in Gedanken atmest, setzt du ein Komma.“ Schluss, aus, fertig, das war’s. Zack! So einfach ist das. Okay, das ist natürlich ärgerlich für Schluckat­mer, aber deswegen steht da ja „in Gedanken“. Nach diesem „Selber-atmen-und-Komma-setzen-Prinzip“ handelt sowieso die absolute Mehrheit im deutschsprachigen Raum. 

Und wie wäre es mit einer Regel, die da lautet: “Zusammen- oder Getrenntschreibung immer dann, wenn es logisch ist.” Das wäre zwar die erste logische Regel im Duden, würde aber die Fehlerquote in Diktaten um weitere 20% senken.

Wenn die überwältigende Mehrheit der Bevölke­rung unsinnige Komma- oder von mir aus sogar bestimmte Geni­tiv­re­geln ignoriert – auch wenn’s manchmal in den Ohren klingelt -, dann sind diese Regeln eben tot – basta! Das bombt uns ganz be­stimmt nicht zurück in die Steinzeit. Das Gegenteil ist sogar der Fall, wenn die re­gelgläubigen Sprachhüter:innen der Nation und  Anhänger:innen des alten wie des ach so neuen Duden schon zu Höhlenzeiten Oberwasser gehabt hätten, dürf­ten wir nach deren Logk heute nur noch „Agga-agga!“ von uns geben, denn für alles andere gäbe es schließlich keine einzige Re­gel.

Wenn ich von den kleinkarierten Gralshüter:innen des Deutschen nur höre: „Wir ruinieren die Sprache von Goethe und Schiller“, dann soll­ten sich diese Leute doch wenigstens ein einziges Mal die Mühe machen und sich ei­nen Goethe-Text im Ori­gi­nal anschauen, mit dem hat die Recht­schreibung in der Duden-Ver­sion von 2020 oder von mir aus auch in der von 1918 genauso we­nig zu tun wie mit der Recht­schrei­bung in der allerneuesten Fassung. Wenn also schon zurück, dann gefälligst auf den Stand zu Goethes oder Schillers Zeiten! Das heißt, dem „H“ nach dem „T“ bitte wieder Thür und Thor öffnen, denn schon das Streichen des „H“ nach dem „T“ war ein ästhetisch kaum zu verschmerzender Sprachverlust, unter dem wir ja alle heute noch furchtbar leiden.


Am Anfang war das Wort und das Wort war „Agga-agga!“

Und über­haupt, der größte Schandfleck war der Übergang vom wohl strukturierten Latein ins hässliche Deutsche. Was wehrte sich damals der katho­lische Klerus gegen die Übersetzung der Bibel ins lesbare Deutsch – wenngleich ich dem Klerus diesbezüglich ein einziges Mal Recht gebe: eine Nichtübersetzung der Bibel hätte nachfolgenden Generationen viel Leid erspart. Immerhin ist die Bibel seit ihrer Erstauslieferung über viertausend­mal neu oder umge­schrieben worden, da widerspricht nicht einmal der Vatikan. Und wir wissen ja, was für ein Mist dabei raus­kommt, wenn man jemandem ein Gerücht ins Ohr flüstert und der erzählt es an­deren Leuten weiter, und das über viertau­sendmal Mal! Das muss man sich mal vorstellen! Folglich stand in der Urbibel wahrscheinlich nur: „Im An­fang war das Wort, und das Wort war: Agga-agga.“ Da die Bibel nun aber bereits etliche Tausend Updates erfahren hat, müsste es wohl längst lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war: Bit für Bit kommt man sich näher.“

Und da sind wir bei einem wirklichen Problem der Sprache ange­langt. Seit Einführung der Computer lässt sich eine gewal­tige Verarmung und Rückentwicklung der Sprache in der Li­te­ratur und in den Printmedien feststellen. Die Ursache dafür be­ruht mei­ner Mei­nung nach ganz einfach auf dem Umstand, dass man nicht mehr allzu lange nach­denkt, bevor man einen Satz in die Tasta­tur hämmert, weil man ihn auf dem Computer im Nach­hinein be­liebig korrigieren kann. Schreibt man hingegen mit der Hand oder mit der Schreibma­schine, über­legt man sich eine Formulierung von vornher­ein ganz ge­nau und wägt nach allen Seiten ab, bis man sich endlich entschließt, den er­sonnenen Satz möglichst fehlerfrei nieder­zu­schrei­ben oder zu tippen, weil man einfach keine Lust aufs nachträgliche Korrigieren hat. Wie mühselig war es einst, mit Tipp-Ex zu arbeiten oder ein neues Blatt einzu­spannen. Man sieht: Faulheit kann durchaus kreativ sein, för­dert aber auf jeden Fall den Sprachstil. Der Gipfel des Missbrauchs der eigenen Schriftsprache ist dann in den Kommentarspalten der Nachsatz: „Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten.“


Denglish oder Engdeutsch?

Dasselbe gilt natürlich auch für literarische Übersetzungen, die mittlerweile mit Vorliebe unter Zuhilfenahme von Computer­pro­grammen vorgenommen werden. Beispielsweise die von vielen Kritiker:innen hochgelobte Übersetzung des Litera­turbestsellers „Lemprière’s Dictionary“, wo es an einer Stelle in dem Roman von Lawrence Norfolk heißt: „At the mention of pork the place erupts“, auf Deutsch hieße das eigentlich: „Als der Schweine­braten angekün­digt wurde, brach Jubel im Wirtshaus aus“, doch unser hoch­gelobter Übersetzer machte daraus: „Bei der Nennung des Schweins explo­dierte der Platz.“ An ei­ner anderen Stelle stand: „Casterleigh stopped in his tracks“, also auf Deutsch: „Casterleigh blieb wie angewur­zelt ste­hen“, und unser Übersetzer schrieb: „Casterleigh erstarrte im Schritt.“

Da verschlägt es einem wirklich die Sprache oder wie Karl Kraus einmal sagte: „Da hat jemand aus dem Engli­schen in eine Spra­che über­setzt, die er auch nicht ver­steht.“

Modeschöpferin Jil Sander sprach sogar einst in einer Sprache aus einer anderen Welt. Ich zitiere jetzt wortwörtlich aus einem FAZ-Interview mit der Hamburger Mode- und Sprachschöp­fe­rin. „Mein Leben ist eine Giving-Story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das Future-Denken haben muss. Meine Idee war, die Handtailored-Geschichte mit neuen Technologien zu ver­binden. Und für den Erfolg war mein coordinated Concept entschei­dend, die Idee, dass man viele Teile einer Collection miteinander combinen kann. Aber die Audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sa­chen, diese refined Qualitäten mit Spirit eben auch appreciaten.“

Appreciaten! Ich appreciate – du appreciatest – er, sie, es …

Ist das nun eine Mischung aus Deutsch und Englisch, also Deng­lisch, oder nicht viel mehr aus Englisch und Deutsch, also Eng­deutsch?


Duden-Hotline oder Astro-TV?

Falls jemand das ein oder andere Wort nicht verstanden hat: macht nichts! Einfach im Duden nachschauen. Ich meine, wie oft bekommt man zur Antwort, wenn man jemanden nach der Bedeutung oder Schreibweise eines Wortes fragt: „Guck doch selber nach!“ Das heißt übrigens auf Deutsch, dein Gegenüber hat auch keinen blassen Schimmer. Zudem weiß man im deutschsprachigen Raum ganz genau, wo man nachzu­schauen hat, nämlich im Duden. Im Ausland gibt es diesen Satz zwar auch, würde aber niemals mit einem Nachschlagwerk in Verbindung gebracht werden. Im Engli­schen hieße „Guck doch selber nach“ übri­gens „Look for yourself“, zurückübersetzt also: „Pass auf dich auf!“

Noch ein Tipp, falls Sie Probleme mit der Rechtschreibung haben: Rufen Sie einfach die Duden-Hotline an – und das ist jetzt kein Witz – für nur 1,99 € pro Minute. Meine Empfehlung: Ru­fen Sie irgendeine 0190er Nummer an, am besten eine Astro- oder Sexhot­line für 0,50 € pro Minute, da sind sowieso meistens irgendwel­che Werkstudent:innen an der Strippe und irgendwo haben die auch einen Duden rumliegen.

Was für die Vercomputerisierung der Schriftsprache gilt, trifft schon längst auf das gesprochene Wort zu, das automa­tische Kor­rek­turprogramm im Kopf funktioniert nur bei den meisten leider nicht mehr. Wenn ein Politiker beispielsweise sagt: „Wir werden die 2,55 Millionen Arbeitslosen über kurz oder lang abschaffen“, dann klingt das für einen Zyniker zwar recht witzig, ist aber alles andere als geschickt for­muliert. Oder wenn eine AfD-Politikerin nach einer Wahl – womöglich zur Gauleiterin – sagt: „Als ich vor ei­nem Jahr gesagt habe, dass wir 20 bis 25 Prozent erreichen, da hat man mich noch für eine Spinnerin gehalten und mittlerweile glauben das alle.“


Trash-TV als Hochburg der totalen Verblödung

Sprachgenies aus dem Trash-TV tragen sicherlich auch zu ei­ner bundesweiten Sprachverfeinerung bei – Zitat: „Dann werde ich diese‘ Dep­pen mal sagen, was ich von dene‘ Wichsern halte.“ Diese Wichser liefern mir das Stichwort …

… früher war das Fernsehen durchaus kommunikationsfördernd. Wenn man am nächsten Tag in die Schule oder zur Arbeit ging, hatte man zumeist ein gemeinsames Gesprächsthema, als wäre man tags zuvor gemeinsam ins Kino gegangen. Denken wir nur mal an Francis Durbridge’s „Halstuch“ – na, da erinnern sich doch einige, oder? Und als Wolfgang Neuss vor Ausstrahlung des letzten Teils den Mörder in der Bildzeitung verriet, da grenzte das an Landesverrat.

Und heute?
„Was hast du denn gestern gesehen?“
„Ähm … weiß ich nicht mehr so genau. Na ja, irgendwas jedenfalls … und du?“
„Ähm … deswegen frag ich dich ja. Ich hab’s nämlich auch verges­sen.“

Bei den vielen Streaming-Diensten und TV-Sendern sieht jeder Mensch was anderes, doch vor allem scheint man sich mit der passiven Rolle als Zuschauer:in längst nicht mehr abspeisen lassen zu wollen – man will selbst ins Fernsehen, egal, was es kostet, egal, wie lächerlich man sich macht. Und dabei müssen wir in Osnabrück gar nicht in die Ferne schweifen


… wird fortgesetzt

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