Neoliberalismus konsequent zu Ende gedacht
Nach Friedrich Merz’ Satz, die gesetzliche Rentenversicherung werde künftig allenfalls noch „Basisabsicherung“ sein, dürften bei Wolfgang Kubicki und Konsorten die Sektkorken geknallt haben — natürlich privat finanziert und steuerlich effizient. Wenn soziale Sicherung ohnehin nur noch dekorativer Restposten ist, kann man die Rente auch gleich zum Missverständnis links-grün versiffter Sozialromantik erklären.
Kubicki bewirbt sich derzeit um den FDP-Vorsitz und sagte am 23. April 2026 zur AfD: „Ich kenne keine Brandmauer.“ Angenehm klar. Nach rechts keine Berührungsangst, nach links der Unvereinbarkeitsbeschluss — klingt ja nicht nach Brandmauer — und nach unten bitte keine Fürsorge. Dass Thomas Kemmerich 2020 in Thüringen mit AfD-Hilfe Ministerpräsident wurde, war in dieser Logik kein Ausrutscher, sondern der Moment, in dem der deutsche Liberalismus kurz seine Sonntagsmaske abnahm: darunter Machtgier mit bräunlich verrosteter FDP-Anstecknadel.
Das passt. Die FDP ist am ehrlichsten, wenn sie eigene Interessen und Karrieren verteidigt und den sozialen Satzbau einfach weglässt. Für sie gibt es im Kern zwei Sorten Mensch: den, der es geschafft hat, und den, der in der sozialen Hängematte längst bis zum Boden durchhängt.
Unter Kubicki dürfte daher wohl „Jeder ist seines Glückes Schmied“ im Parteiprogramm stehen. Das Mantra des deutschen Neoliberalismus: kurz, robust und von jeder störenden Wirklichkeit befreit. Keine Herkunft, keine Krankheit, keine Miete, keine Kinder, kein Niedriglohn. Nur Hammer, Amboss und der Vorwurf, andere hätten ihr Hufeisen des Glücks nicht entschlossen genug geschmiedet.
Sagt man das einer Alleinerziehenden mit drei Kindern, zeigt man vor allem, dass man nie darüber nachdenken musste, was Zeit kostet, Kraft frisst und ein Leben aufreibt. Das Statistische Bundesamt meldete für 2025 eine Armutsgefährdungsquote von 28,7 Prozent bei Alleinerziehenden. In vernünftiger Politik wäre das ein Hinweis auf strukturelle Lasten. Im FDP-Milieu ist es Anlass, „Eigenverantwortung“ noch langsamer und strenger auszusprechen.
Kubicki ist dafür ideal. Er verkörpert jenen Liberalismus, der soziale Härte für Selbstverantwortung hält. Survival of the Fittest, aber mit Einstecktuch. Man muss nie über Macht sprechen, wenn man „Leistung“ sagen kann. Nie über Ungleichheit, solange man „Chancengleichheit“ vorgaukelt. Nie über Armut, solange es Bitcoins und Start-ups gibt.
Auch Frauen stören in dieser Freiheit nicht, solange sie nicht gleichberechtigt auftreten wollen. Sobald es um Macht, Repräsentanz oder Sprache geht, beginnt das vertraute Raunen von Quote, Zwang und Ideologie. Kubicki nannte Quoten „kontraproduktiv“, schrieb gegen „verordneten Zwang“, und die FDP präsentierte 2026 eine „KUBICKI-Kolumne: Queer-Theorie gegen das Individuum“.
Das Komische daran: Jahrzehntelang galt männliche Vorherrschaft als Normalität. Männer saßen oben, setzten Maßstäbe und hielten das für Natur. Kaum verlangen Frauen gleiche Macht und Sichtbarkeit, wird daraus ein Martyrium für den liberalen Mann. Was Herrschaft war, heißt nun „Tradition“. Was Ausschluss war, heißt plötzlich „Leistung“. Und Besitzstand tritt frisch gebügelt als Verteidigung des Individuums auf.
Kubickis Satz von 2019, Männer müssten sich nicht dafür einsetzen, dass Frauen etwas tun, das müssten Frauen selbst machen, klingt nach Selbständigkeit. Tatsächlich ist es die elegante Methode, Verantwortung für Ungleichheit an Betroffene zurückzuschieben. Erst die Rampe steiler bauen, dann erklären, jede dürfe doch hochlaufen — „in Pömps“ eben schwieriger.
Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zur Rente. Wer Gleichstellung als Zumutung, soziale Schieflagen als Mentalitätsproblem und rechte Grenzüberschreitungen als unnötigen Alarm betrachtet, wird beim Alter nicht plötzlich Sozialromantiker. Dann ist die gesetzliche Rente kein zivilisatorischer Fortschritt mehr, sondern ein sentimentaler Irrtum aus Zeiten, in denen Arbeit noch Anspruch auf Sicherheit begründete.
Die FDP-Lösung wäre logisch: Rente abschaffen. Ersatzweise drei Säulen: privat vorsorgen, länger arbeiten, besser erben. Wer mit 72 trotzdem nichts hat, darf sich trösten, frei gewesen zu sein. Frei von Ansprüchen. Frei von Illusionen. Frei von ärztlicher Versorgung. Frei von dem kindischen Gedanken, ein Gemeinwesen könne sich mehr für Menschen interessieren als für Excel-Tabellen.
Die Alleinerziehende mit drei Kindern kommt weiter vor — nicht als Maßstab der Realität, sondern als pädagogischer Störfall. Man erklärt ihr: weniger Erschöpfung, mehr Resilienz; weniger Mangelverwaltung, mehr Anlagehorizont. Ein bisschen Aktienhandel zwischen Zahnarzttermin und Kinderversorgung wird ja wohl noch drin sein.
Am Ende bleibt derselbe eiskalte Kern: Wer oben ist, gilt als Beweis für das System. Wer unten ist, als Beweis gegen sich selbst. Und wenn Frauen, Alleinerziehende oder Rentner widersprechen, erklärt Kubicki, man müsse endlich wieder mehr Freiheit wagen.Gemeint ist natürlich die Freiheit der Starken. Die Schwachen sind dafür einfach zu schwach. Schade irgendwie …
Freie Fahrt für freie Bürger fordert auch die AfD. Läuft doch für die FDP …












