Nobelpreisträgerin Irina Scherbakowa in der Lagerhalle
Von Pascal Grötemeyer und Toni Theilmeier
Auf Einladung des Literaturbüros Westniedersachsen, der Lagerhalle und der Volkshochschule Osnabrück gastierte die Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa am Mittwoch, dem 11. März, in der Friedensstadt. Vor vollen Rängen las die Historikerin und Aktivistin aus ihrem aktuellen Buch und diskutierte anschließend über die politische Entwicklung Russlands sowie die Vorzeichen des Angriffs auf die Ukraine.
Der lange Weg des Widerstands
Die Memorial-Mitbegründerin las in der ausverkauften Lagerhalle aus ihrem aktuellen Werk “Der Schlüssel würde noch passen” und analysierte die historischen Wurzeln des Ukraine-Krieges. Scherbakowa, Jahrgang 1949, widmete ihr berufliches Leben als Germanistin früh der Aufarbeitung der stalinistischen Repressionen – ein Thema, das in ihrer Heimat bis heute weitgehend verschwiegen wird. Ihr politisches Erwachen datiert sie auf den August 1968: Die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts markierte für sie den Wendepunkt, an dem sie die strukturelle Unfreiheit des sowjetischen Systems erkannte.
Ab 1977 begann sie, systematisch Interviews mit Überlebenden des Gulag-Systems zu führen, um Zeugnisse zu sichern, die in der Breschnew-Ära offiziell nicht existieren durften. Dieser mühsame Weg der Aufklärung mündete schließlich in der Mitbegründung der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich für die Errichtung von Denkmälern für die Opfer des Stalinismus einsetzt.
Scherbakova sei umgeben von Überlebenden und Angehörigen von Opfern des Gulag-Systems gewesen, daher ergab es sich für sie ganz natürlich, dass sie Interviews mit ihnen führte um zu erfahren, was in der Breschnew-Zeit praktisch nicht zu erfahren war, so Scherbakova in einem Gespräch nach der Signierstunde, die sich an Lesung und Diskussion anschloss. Nach der Möglichkeit der Veröffentlichung von bspw. Solzhenitsyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“ wurde das halbherzige Tauwetter der Ägide Chrustschows schnell durch eine weitere Periode der Repression abgelöst. Dass ein so wichtiger Autor wie Varlam Schalamov („Erzählungen von der Kolyma“) heutzutage fast vergessen ist, sei, so Scherbakova, auch auf diese repressive Atmosphäre der Siebziger und Achtziger zurückzuführen.
Ein Krieg mit Ansage
In der sich an die Lesung anschließenden Diskussion bezog Scherbakowa klar Stellung zur aktuellen Weltlage. Den russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 bezeichnete sie als ein Ereignis, das man hätte voraussehen können. Sie verwies dabei auf:
- Aggressive Reden Wladimir Putins, die bereits früh als „Kriegserklärung an den Westen“ lesbar gewesen seien.
- Die vorangegangenen militärischen Konflikte in Tschetschenien und Georgien.
- Die systematische Einschränkung zivilgesellschaftlicher Engagements durch immer weitreichendere Verbote.
Besonders kritisch bewertete die Historikerin den „wiederauferstehenden Stalin-Kult“ als zentrales Element der Kreml-Ideologie. Laut Scherbakowa werde der historische Kampf gegen Hitlerdeutschland heute instrumentalisiert und mit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine gleichgesetzt.
Flucht ins Ungewisse
Für Scherbakowa persönlich markierte der Kriegsbeginn 2022 einen schmerzhaften Bruch. Obwohl sie nie ins Exil gehen wollte, zwang sie der Einmarsch und das faktische Verbot ihrer Organisation Memorial dazu, ihre Koffer zu packen und nach Deutschland auszuwandern. Trotz der düsteren Gegenwart wagte sie einen vorsichtigen Blick in die Zukunft: Eine konkrete Prognose verweigerte sie zwar, hielt jedoch einen politischen Wandel in der Ära „nach Putin“ unter bestimmten Umständen für vorstellbar.
Weitere Bilder vom Abend mit Irina Scherbakova finden sich auf dem Blog von Toni Theilmeier.












