„Unser guter alter Führer Gaertner“
Die Beurteilung des Osnabrücker Oberbürgermeisters während der NS-Zeit, Dr. Erich Gaertner, hat sich seit seinem Ausscheiden aus dem Amt 1945 mehrfach geändert. Vierzig Jahre lang hing das Porträt des Stadtoberhaupts und SA-Sturmführers, der während der NS-Zeit öffentlich in seiner braunen Uniform auftrat, in der Eingangshalle des Rathauses. Gaertner wurde als Politiker beschrieben, der sich mit den Nationalsozialisten arrangierte, „um Schlimmeres zu verhindern“.
Erst 1995 erschienen erstmals kritische Artikel über den ehemaligen Oberbürgermeister in der Osnabrücker Presse. Darin ging es um die mögliche Täterschaft bei dem Mord an Anna-Daumeyer-Bitter bei Gaertners Flucht vor den alliierten Truppen im April 1945. Es folgte die Untersuchung seiner Rolle beim Abriss des Jüdischen Gotteshauses nach der Pogromnacht und dem Verkauf des Synagogengrundstücks.
Dennoch wurde bei der Bewertung Gaertners bis heute eine wichtige Information zu seiner politischen Ausrichtung übersehen. Gaertner war tatsächlich zunächst kein Anhänger der NSDAP. Der Osnabrücker Oberbürgermeister saß 1929 bis 1932 für eine nationalliberale Partei rechts der Mitte, die Deutsche Volkspartei (DVP), im Provinziallandtag, der von 1867 bis 1933 die Selbstverwaltungskörperschaft der preußischen Provinz Hannover war. Unmittelbar vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten wechselte Gaertner, wie neue Recherchen zeigen, jedoch noch zu einer mit den Nationalsozialisten konkurrierenden und ebenso rechtsradikalen und extrem antisemitischen Partei. Die Auswertung von Akten im Landesarchiv rückt Gaertner in ein neues Licht.
Dr. Erich Gaertner stammte aus einer süddeutschen Kleinstadt in Baden-Württemberg. Nach dem Studium der Rechtswissenshaften in Freiburg, München und Berlin war er als Regierungsassessor in Karlsruhe tätig und wechselte dann nach Gelsenkirchen, wo er nach dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg Finanz- und Kulturdezernent der Stadt wurde. Gaertner war mit Olga geborene Volkmar, der Tochter eines Geheimen Regierungsrats bei der Verwaltung der Reichseisenbahn in Straßburg, verheiratet und hatte zwei Kinder, Beate, geb. 1919 und Adolf, geb. 26.4.1922.
Nach dem Ablauf der Amtszeit von Bürgermeister Rißmüller wurde Gaertner 1927 mit dieser neuen Amtsbezeichnung Oberbürgermeister in Osnabrück. Die sozialdemokratische Osnabrücker Freie Presse berichtete, dass Gaertner der Kandidat „der Rechten“ war, „und wirtschaftlich „sehr stark nach der Seite der Großindustrie orientiert“ sein sollte.
Rechtsradikal statt resistent?
Während Gaertners DVP bei den Wahlen des Jahres 1932 zur Bedeutungslosigkeit herabsank, brachte die Wahl im November 1932 einen Gewinn für eine andere rechte Partei, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die sich auf 8,3 Prozent der Stimmen steigern konnte, und gleichzeitig eine Wahlniederlage für die NSDAP.

Wie Akten der DNVP beweisen, die nach der Auflösung der Partei von dem letzten Vorsitzenden Gustav Hagen 1935 dem damaligen Staatsarchiv übergeben wurden, setzte Erich Gaertner in diesem Moment auf den Gewinner und wechselte von der DVP zur DNVP, einer Partei, die nicht nur extrem antisemitisch sondern auch monarchistisch und deutlich republikfeindlicher als die DVP war. Sie hatte 1920 den Kapp-Putsch unterstützt, der fast das Ende der ersten deutschen Republik bedeutet hätte. Ihre Vertreter in Osnabrück hatten 1921 den vermeintlichen Mörder von Reichsfinanzminister Matthias Erzberger unterstützt und 1924 alle jüdischen Mitglieder aus dem Osnabrücker Turnverein ausgeschlossen.
Zur Reichstagswahl am März 1933 trat die DNVP in einem Wahlbündnis mit dem antirepublikanischen Landbund und dem Stahlhelm an, das sich nach den Nationalfarben des Deutschen Kaiserreichs benannte, die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. Für dieses extrem rechte Bündnis ließ Gaertner sich bei der Wahl zum Provinzial-Landtag in Hannover am 12. März 1933 aufstellen und wurde schließlich auch gewählt. Am 29. März 1933 teilte der Landesverband Osnabrück der Deutschnationalen Volkspartei der Hauptgeschäftsstelle in Berlin mit, dass aus ihrem Landesverband der Hofbesitzer Klasink aus Wilsum und Oberbürgermeister Dr. Gaertner aus Osnabrück in den Provinzial-Landtag gewählt worden seien.
Die „Kampffront“ malte sich aus, wie bei ihrem Wahlsieg Freudenfeuer auf den Ausläufern des Teutoburger Waldes und des Wiehengebirges aufflammen und „das Ende der marxistischen Herrschaft“ besiegeln würden. Das eher mäßige Ergebnis von 52 Sitzen, die die Kampffront im Reichstag erhielt, sicherte zwar der gemeinsamen Koalitionsregierung unter Hitler 51,9 Prozent aller Stimmen, doch danach hatte die DNVP ihre Rolle als „Steigbügelhalter“ für die Nationalsozialisten erfüllt. Sie wurde Ende Juni 1933 zur Selbstauflösung gezwungen.
„Aufbruch zur nationalen Erhebung“
Zu der Sitzung des Rates der Stadt Osnabrück am 30. März 1933 erschienen die Nationalsozialisten unter den Ratsmitgliedern in Osnabrück sämtlich in Uniform. Aus Gaertners Rede klang an diesem Tag nicht die vorsichtige Zurückhaltung eines Skeptikers oder die pflichtschuldige Zustimmung eines offiziellen Amtsträgers, sondern die Begeisterung eines Überzeugten, als er die Machtübergabe an die Nationalsozialisten als einen „Aufbruch zur nationalen Erhebung“ beschrieb, der „wie ein Frühlingssturm über Nacht […] über unser Vaterland gekommen“ sei, „geführt von Männern, die mit heißem Herzen und flammender Leidenschaft um Freiheit und Wohlfahrt des Volkes ringen.“ Gaertner sah sich anscheinend als einen dieser Männer, auch wenn nicht seine DNVP, sondern die NSDAP die „nationale Erhebung“ weiterführen würde.
Als Mitglied der antidemokratischen DNVP stimmte er in Bezug auf die Freude über das Ende der demokratischen Weimarer Republik mit der NSDAP überein, was den Enthusiasmus seiner Rede erklärt. Auch zwei Jahre später, nachdem politische Gegner der NSDAP in den ersten Konzentrationslagern gefoltert worden waren, nach brutalen Morden beim sogenannten „Röhm-Putsch“ 1934, und der Entrechtung jüdischer Deutscher durch die „Nürnberger Gesetze“ sprach Gaertner von der Machtübergabe an die Nationalsozialisten immer noch pathetisch als dem „großen Werk der Nationalen Wiedergeburt“.

Der Oberbürgermeister als „Führer der Gemeinde“
Gaertner führte die nationalsozialistische Politik vorbehaltlos aus, auch wenn er zunächst nicht in die NSDAP eintrat. Als ehemaliges Mitglied von DVP und DNVP, zwei Parteien, die sich beide die Monarchie zurückwünschten, konnte er sich anscheinend mit der Idee eines starken „Führers“ anfreunden, auch wenn er sich darunter sicher nicht den Gefreiten Adolf Hitler vorgestellt hatte.
Als seine Partei, die DNVP, sich im Juni 1933 auflöste, gab es bereits eine Aufnahmesperre bei der NSDAP, die erst 1937 aufgehoben wurde. Gaertner konnte also 1933 noch gar nicht in die NSDAP eintreten. Er beantragte am 15. Januar 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde mit der Mitgliedsnummer 5.633.828 rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. Doch der Oberbürgermeister ließ auch in der Zwischenzeit keinen Zweifel an seiner Ergebenheit gegenüber dem neuen Regime aufkommen. Im November 1933 trat er in die SA ein, deren Uniform er auch bei öffentlichen Auftritten als Loyalitätsbekenntnis zur „nationalen Bewegung“ trug. Gaertner bekleidete einen Offiziersrang im Stab der SA-Standarte 78.

Gaertner begrüßte auch die „Gleichschaltung“ der Körperschaften der kommunalen Selbstverwaltung, die das sogenannte „Führerprinzip“ auch in den Kommunen verankerte und den Oberbürgermeister zum „Führer der Gemeinde“ erklärte. Rein formal hatte der Oberbürgermeister nach der neuen Gemeindeordnung von Ende 1933 die alleinige Entscheidungsgewalt.
Gaertners Personalentscheidungen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten zeichneten sich dadurch aus, dass sie nicht nur antisemitisch ausgerichtet waren, sondern auch über die rassistischen gesetzlichen Regelungen hinausgingen oder ihnen sogar zuvorkamen.
Per Parteiprogramm zum Antisemitismus verpflichtet
Vor dem Hintergrund, dass Gaertner zuletzt nicht mehr der nationalliberalen DVP, sondern der radikal antisemitischen DNVP zugehörig war, fragt sich, ob seine Maßnahmen gegen Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, gegen Mitarbeiter, die mit jüdischen Frauen verheiratet waren und gegen Personen, die von den Nationalsozialisten rassistisch als „Juden“ definiert wurden, möglicherweise mehr als nur Anpassung eines um den Erhalt seines Amtes bemühten Hauptverwaltungsbeamten an die neuen nationalsozialistischen Machthaber waren. Ein bereits 1920 ins Parteiprogramm aufgenommener Passus verpflichtete die Mitglieder der DNVP zum Kampf gegen die „Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit“. Daran war Gaertner zumindest bis zur Auflösung der DNVP im Juni 1933 gebunden, die bis dahin immer noch auf ihr politisches Überleben neben der NSDAP hoffte und ihr deshalb an Radikalität in nichts nachstand.
Es war die städtische Ortspolizeibehörde, die bereits am 13. März 1933 neun Geschäfte jüdischer Osnabrücker Kleinhändler schloss. Für die erste durch Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz erzwungene Flucht von drei dieser jüdischen Familien aus Osnabrück und ihre Auswanderung nach Palästina war nicht die NSDAP, sondern die Stadtverwaltung mit der Polizeibehörde unter Oberbürgermeister Gaertner verantwortlich.
Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wandte Oberbürgermeister Gaertner auf zwei Mitarbeiter der Stadtverwaltung, August Kolkmeyer und Wilhelm Mölk, an, die keine Juden, sondern mit jüdischen Frauen verheiratet waren. Mit diesen Entscheidungen entsprach Gaertner der Maxime seiner Partei, der DNVP, die „Vorherrschaft des Judentums“ zu bekämpfen, und gleichzeitig der Ideologie der NSDAP. Selbst einer seiner Kritiker bestätigte Gaertner 1936, dass man ihm in Bezug auf „die Sauberhaltung des Verwaltungsapparates“ als Nationalsozialisten ansehen könne. Damit waren die Entlassungen von Mitarbeitern gemeint, die als „politisch unzuverlässig“ galten. Als „Liberalist“ fehle ihm allerdings „jedes nationalsozialistische Gefühl“.
Gaertner als Vertreter der „Politik des Nationalsozialismus in der Judenfrage“
Gaertner traf auch in den folgenden Jahren wiederholt antisemitische Entscheidungen, ohne dass ein Gesetz das von ihm verlangte. Am 17. August 1935 verbot der Oberbürgermeister dem „nichtarischen“ evangelischen Pastor Paul Leo, das städtische Krankenhaus zu betreten und machte ihm dadurch die Ausübung eines Teils seines seelsorgerischen Berufs unmöglich. Das wirkte sich auch auf Leos Einkommen aus.
Als sich Pastoren des „Osnabrücker Kreises“ für Leo einsetzten, kritisierte auch Gaertner diese von der Gestapo nach Berlin gemeldete „bewusste Einstellung gegen die Politik des Nationalsozialismus in der Judenfrage“. Damit machte er seine eigene Position als Befürworter der nationalsozialistischen Weltanschauung in der „Judenfrage“ klar.

Obwohl Gaertners antisemitische Maßnahmen der Einstellung der NSDAP entsprachen, war das Verhältnis zwischen der Partei und Gaertner anfangs gespannt. Das lag an der Person des seit 1934 amtierenden Kreisleiters Willi Münzer und nicht an Gaertners mangelnder Kooperation mit der Partei.
In Gaertners Entnazifizierungsverfahren wird von mehreren Personen ausgesagt, dass Kreisleiter Münzer selbst Interesse am Amt des Oberbürgermeisters gehabt habe. Der Kreisleiter habe versucht, Gaertner „abzusägen“. Man fürchtete in der Stadt, dass mit dem rabiaten Kreisleiter Münzer „ein reiner Parteibonze“ die Leitung der Stadt bekommen würde.
Genau den wünschte sich aber Gaertners Vorgesetzter. Der stramm nationalsozialistische Regierungspräsident Bernhard Eggers war 1936 der Meinung, dass Gaertner als Angehöriger der bürgerlichen Elite es nach drei Jahren immer noch nicht fertiggebracht habe, „mit der Partei und dem Volk in Fühlung“ zu kommen. Der Oberbürgermeister fuhr nicht zu den Reichsparteitagen und nahm auch nicht an den „Gelagen“ der Parteigrößen in Osnabrück teil.
Man warf ihm vor, dass er „völlig selbstherrlich eingestellt ist und in der Bevölkerung als unnahbar […] gilt“. Eggers Nachfolger Regierungspräsident Rodenberg erkundigte sich nach der Möglichkeit eines Wechsels Gaertners in die Wissenschaftsverwaltung als Kurator einer Universität in Halle, Greifswald oder in Österreich.
Gaertner wollte das Nettetal fluten
Doch die Gauleitung stimmte acht Monate vor Ablauf von Gaertners Amtszeit seinem Verbleib im Amt zu, und auch Kreisleiter Münzer unterstützte „trotz mannigfaltiger Bedenken seitens der Partei“ die Wiederwahl, weil der Oberbürgermeister die Interessen der Nationalsozialisten inzwischen zu deren vollster Zufriedenheit vertrat. Zudem war er nach Ablauf der Aufnahmesperre inzwischen NSDAP-Mitglied. Vor allem hatte der Oberbürgermeister sich seit 1937 für einen Aufmarschplatz für die den Nationalsozialisten so wichtigen Massenveranstaltungen von gewaltigen Ausmaßen stark gemacht und das dafür nötige Grundstückstauschgeschäft mit der Gestapo durch den zügigen und unnötigen Abriss der Synagoge nach der Pogromnacht unterstützt. Außerdem wollte Gaertner das Nettetal fluten und dort eine Talsperre errichten sowie im Gebiet des Rubbenbruchs einen See anlegen.
Gaertner hatte außerdem durch seine Rolle bei den „Arisierungen“, die er für die Stadtplanung gewinnbringend genutzt hatte, etliche Grundstücke jüdischer Eigentümerinnen und Eigentümer für städtebauliche Zwecke requiriert. Der Eingriff der Stadt in die privaten Kaufverhandlungen hatte die Deportation und Ermordung zweier Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zur Folge, weil denen die Flucht zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr gelang.
Anlässlich seiner „Berufung“ zu einer zweiten Amtszeit – Wahlen gab es nicht mehr – bat Gaertner 1939 die Vertreter der NSDAP „um die enge Tuchfühlung zwischen der Partei und der Stadt, wie wir sie seit 1933 gehalten haben […], denn unsere Aufgabe berührt sich hier auf’s engste in der Menschenführung“. „Menschenführung“ in der NS-Zeit bedeutete die Vermittlung der NS-Ideologie, bei der der „Mensch“ nur eine untergeordnete Bedeutung hatte. Auch Kreisleiter Münzer lobte beim Festakt „die enge Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Oberbürgermeister als zwei Kämpfern und Arbeitern des Führers“. Als Kreisleiter und Oberbürgermeister sich gegenseitig ihrer Wertschätzung versicherten und ihre gute Zusammenarbeit betonten, hatte der Zweite Weltkrieg bereits begonnen.
Auf ein Wort mit Heinrich Himmler
Im Herbst 1942 begrüßte der Oberbürgermeister mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler einen der mächtigsten Männer im NS-Staat in Osnabrück. Kurz darauf gelang es Gaertner, KZ-Häftlinge aus Neuengamme nach Osnabrück zu holen, die hier von Oktober 1942 bis Mai 1943 die lebensgefährlichen Aufräumungsarbeiten nach Bombenangriffen übernehmen mussten. Die Sterberate unter den jungen, überwiegend russischen Häftlingen war die höchste unter den Außenkommandos des Konzentrationslagers Neuengamme. Die Osnabrücker Bevölkerung störte sich nicht an der engen Zusammenarbeit ihres Oberbürgermeisters mit der Partei und der SS-Verwaltung, sondern rechnete Gaertner seine Bemühungen um den Luftschutz in der Stadt hoch an.
Gaertner schützte das Leben von Angehörigen der „Volksgemeinschaft“ in Osnabrück nicht nur durch Luftschutzmaßnahmen, sondern vor allem dadurch, dass er das Leben von sehr vielen KZ-Häftlingen und auch das von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern für sie opferte, das ihm offensichtlich weniger wertvoll erschien.
Feige Flucht vor dem Feind
Aber auch die einheimische Osnabrücker Bevölkerung, für die er trotz seiner angeschlagenen Gesundheit angeblich so lange auf „seinem Posten“ ausgeharrt hatte, ließ Oberbürgermeister Gaertner am Ende im Stich. Im entscheidenden Moment entzog er sich seiner Verantwortung als Stadtoberhaupt. Als sich die Alliierten der Stadt näherten, floh er zusammen mit dem Osnabrücker Ex-Kreisleiter Wilhelm Münzer und Gauinspekteur Fritz Wehmeier aus der Stadt. Für den Mord an der Bäuerin Anna Daumeier-Bitter, an dem die drei auf ihrer Flucht beteiligt waren, wurde keiner von ihnen zur Rechenschaft gezogen.
Als die Briten mit ihm über die Kapitulation der Stadt verhandeln wollten, war der Oberbürgermeister nicht mehr zu finden. Oberstleutnant Jung, der die bewaffneten Polizeiformationen befehligte und im Gegensatz zum Oberbürgermeister auf seinem Posten geblieben war, weigerte sich in einem Telefongespräch mit den Briten, die Stadt kampflos zu übergeben. So zogen die Truppen der Alliierten kämpfend in die Stadt ein. Bei den Gefechtshandlungen sollen auf beiden Seiten mindestens fünf Mann gefallen sein. Kühling berichtete, dass man sah, „wie gefallene und verwundete deutsche Soldaten weggetragen wurden”. In den Gärten am Corsicaskamp und im Schinkel lagen die Leichen von britischen Soldaten.
Das letzte Bataillon der Wehrmacht in der Stadt erlitt beim Rückzug in Richtung Bad Essen durch Granatfeuer starke Verluste. All diese Todesfälle hätte Erich Gaertner verhindern können, wenn er auf seinem Posten geblieben wäre und die Stadt an die Briten übergeben hätte. Doch Gaertner, der nach Kriegsende in seinem Entnazifizierungsverfahren mehrfach betonte, dass er sich mit den Nationalsozialisten arrangierte, weil er die Stadt im Krieg nicht „im Stich lassen“ wollte, tat am Ende genau das.
Stadthistoriker Karl Kühling, der in der OR bereits ausgiebig beleuchtet wurde, hat aus seiner Sympathie für Gaertner nie einen Hehl gemacht. Er behauptete, Gaertner habe einen Befehl der Reichsregierung befolgt, als er versuchte, sich aus der Stadt abzusetzen. Es gab aber bei Kriegsende 1945 keine generelle Anordnung der Reichsregierung an deutsche Bürgermeister, sich aus ihren Städten abzusetzen. Im Gegenteil: Die offizielle Haltung des NS-Regimes bis in die letzten Tage war das Ausharren und der „Kampf bis zur letzten Patrone“. Die Bürgermeister standen vor der Wahl, das zu tun oder die Stadt kampflos zu übergeben, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Obwohl man sich in Osnabrück seit 1995 durchaus kritisch mit Erich Gaertner auseinandersetzte, wurde hier bisher nicht thematisiert, dass der Oberbürgermeister sich 1933 einer rechtsradikalen und extrem antisemitischen Partei anschloss. Gaertners Mitgliedschaft in der DNVP wurde bisher in keiner Veröffentlichung zur Geschichte Osnabrücks erwähnt, auch nicht im 2015 erschienenen Standardwerk zur NS-Zeit in Osnabrück, Topografien des Terrors. Nachzulesen war sie bereits seit 2004 im Biographischen Lexikon niedersächsischer Parlamentarier 1919 – 1945.
Nur ein „nomineller Nazi-Unterstützer“ ?
Gaertner behauptete in seinem Entnazifizierungsverfahren, er sei trotz immer massiver werdender Gesundheitsprobleme in seinem Amt geblieben, weil er darum gebeten worden sei. „Ich wurde aber immer wieder seitens der nicht zur Partei gehörenden Kreise gebeten, die Stadt nicht im Stich zu lassen.“ Gaertner war kein „überzeugter Nationalsozialist“. Der Osnabrücker Oberbürgermeister schloss sich am Kipppunkt der demokratischen Weimarer Republik mit der DNVP einer anderen extrem rechten und antisemitischen Partei an, die vierzehn Jahre lang die Demokratie und die erste deutsche Republik mit radikalen Methoden bekämpft hatte. Der tödliche Antisemitismus in Deutschland hatte allerdings verschiedenen Wurzeln. Der Nationalismus der DNVP, deren Vorsitzender Fritz Frömbling bereits 1923 alle jüdischen Mitglieder aus dem Osnabrücker Turnverein ausschloss, war eine davon. Bei ihrem Kampf gegen die demokratische Weimarer Republik waren die Osnabrücker DNVP-Vorstandsmitglieder Paul Meyer und Fritz Frömbling so weit gegangen, dass sie dem vermeintlichen Mörder von Reichsfinanzminister Matthias Erzberger zur Flucht verholfen hatten.
Dr. Erich Gaertner hat den Antisemitismus der DNVP 1932/33 zumindest billigend in Kauf genommen und nach der Auflösung dieser Partei willfährig, wenn nicht willentlich die antisemitische und rassistische Politik der NSDAP umgesetzt. Obwohl er nach der Gemeindereform die alleinige Entscheidungsbefugnis in der Kommunalpolitik hatte, zeigte er wenig Widerstand, sondern beteuerte und bewies der Partei immer wieder seine Loyalität, wie seiner Personalakte zu entnehmen ist. Damit bot er ein Vorbild für die vorbehaltlose Anbiederung an des NS-Regime, wie es auch andere hochrangige Persönlichkeiten der Stadt wie der Osnabrücker Bischof Dr. Wilhelm Berning zeigten. Es ist denkbar, dass es mehr Opposition gegen die Maßnahmen der NSDAP in Osnabrück gegeben hätte, wenn diese von einem fanatischen Nationalsozialisten wie Kreisleiter Münzer statt von einer „im Auftreten eher moderaten Persönlichkeit wie Gaertner angeordnet worden wären, wie das zum Beispiel auch von dem Bürgermeister in Schwenningen zur Zeit des Nationalsozialismus angenommen wird.
Nach Kriegsende kursierten in Osnabrück Gerüchte, Gaertner sei zusammen mit sämtlichen Ortsgruppenleitern und sonstigen „hervorragende(n) Nazis” verhaftet worden, in ein Konzentrationslager gebracht und in einen Sträflingsanzug gesteckt worden. Das Gerücht war nicht wahr, zeigt aber doch, wie man Gaertners Nähe zur NSDAP in der Stadt einschätzte. Der ehemalige Osnabrücker Oberbürgermeister wurde im Juni 1947 vom Entnazifizierungsausschuss nur als „nomineller Nazi-Unterstützer“ eingestuft und behielt deshalb seinen Pensionsanspruch.
„Unser guter alter Führer Gaertner“ – so nannte ihn die Nordwestdeutsche Rundschau den Anhänger des „Führerprinzips“ 1949 ironisch. Sie bezeichnete das ehemalige DNVP-Mitglied Gaertner „unseligen Angedenkens“ zu Recht als „Gegner der Demokratie“.
Gaertner lebte noch bis 1954 in Osnabrück, dann zog er nach Freiburg, wo er 1973 starb.













