Zur Moralisierung von Kunst
Der Begriff der Luxusmodernisierung von Wohnraum erzählt beispielhaft vieles über die Verhältnisse unserer sozialen Wirklichkeit. Luxus war und ist immer auch ein treibendes Element der Kultur. Die soziale Form eines gerechten Zusammenlebens ist heute zu einer Frage der moralisierenden Bestimmung unseres heutigen teilweise „spätluxuriösen“ Lebensstils geworden.
In einzelnen, in der Regel sozial gebildeten, Milieus gilt die drängende Frage: Welche klima-, sozial- und identitätspolitisch korrekte Moral/isierung kann/will ich mir leisten? Es geht seit einigen Jahren offenbar weniger um den Erhalt bzw. die Steigerung eines äußeren finanziellen Reichtums, sondern um die Fähigkeit, die feinen kulturellen Unterschiede (Pierre Bourdieu), die in heutigen, teilweise rigoros moralisierenden, Bewertungen von Kunst zum Ausdruck kommen, sichtbar werden zu lassen. Früher kultivierten Künstlerinnen ihre je eigene Originaliät im Wettbewerb um individuelle Anerkennung; Kunst vermittelte stark selbstbezügliche, exklusive und am Kunstmarkt orientierte Dimensionen.
Heute dagegen kultivieren KuratorInnen und besonders jüngere Kunstfans eher umgekehrt ein betont aussenbezogenes, emphatisches WIR-Gefühl indem wir alle unbestimmte Dimensionen eines neuen Reichtums von politisch-sozialen Werten erahnen können und das individuell ästhetisch Geformte nicht mehr unbedingt bewundern müssen. Bereits 2017 beobachtete Wolfgang Ullrich eine bemerkenswerte innere Verschiebung innerhalb der Grenzen zwischen hoher Kunst und aktueller medialer Politik, Markt und ästhetisch gesteigerter Öffentlichkeit:
„So geht es für viele Kuratoren – wie etwa auch für Kunstaktivisten – nicht mehr primär darum, mit ihren Ausstellungen und Projekten in Kunstmagazinen und Feuilletons besprochen zu werden; vielmehr wollen sie in die Politikteile der Zeitungen vordringen, in Politmagazinen des Fernsehens auftauchen, in den Sozialen Medien Shitstorms und virale Effekte erzeugen. Die Grenzen von Kunst, politischem Protest, Theater, zivilem Ungehorsam, Comedy und Crowdfunding-Kampagnen werden hier fließend. Gerade damit aber spielen Fragen nach künstlerischer Originalität, Fragen nach Form und Material oder Fragen nach Werkprozessen keine nennenswerte Rolle mehr.“ (Wolfgang Ullrich)
Die „Siegerkünstler“ der Zukunft werden nicht mehr die kommerziell erfolgreichen, globalen agierenden Künstlerinnen alten Typs sein, sondern eher die „sozial Verantwortungsreichen“, die genauer darüber nachdenken, wie unsere Gemeinschaften der Zukunft überleben können, wenn die globalen Krisen zukünftig überhand nehmen werden. Hierzu ist durchaus sinnvoll, heutige moralisierende Gewohnheiten zu prüfen, die als Signalgeber für neue Formen von gemeinschaftlicher Vielfalt funktionieren können.
„Kunst ist als Statussymbol gar nicht mehr so interessant“ behauptete kürzlich die weltweit renommierte Künstlerin Hito Steyerl in einem SZ Interview. Doch für welchen Wandel steht heute der sich verändernde Umgang mit gegenwärtiger Kunst? Sollte etwa die kritisch-politische Moralisierung neuer sozialer Werte an die Stelle von Werken der Kunst getreten sein? Wer moralisiert, entscheidet nicht ob, sondern w i e open minded es in öffentlichen Gemeinschaften und ihren Projekten zukünftig weitergehen wird …













