Ist Snobismus eine Art Werkseinstellung im Betriebssystem Kunst?
„Most of us are art-snobs“ schrieb Aldous Huxley 1931. Luxus leistet sich, wer die Realität im Kunstkontext angemessen wahrnimmt: Kunst ist heute – wohl immer noch – etwas für Kunstsnobs. Ist Snobismus also möglicherweise so etwas wie eine Art Werkseinstellung im Betriebssystem Kunst? Man interessiert sich als Snobist/in offenbar immer gerne für äussere, scheinbar oberflächliche Sensationen, für Geschichten neuester Kunsttrends und allerneueste
Kunstbegegnungen. Ob hierbei jetzt Werbung für Kunst oder Kunst für Werbung gemacht wird, ist eindeutig nicht auszumachen
Ein kurzer Blick zurück: Das PUBLIKUM des 19. Jahrhunderts war in gewisser Weise rezeptionsmässig betrachtet in einer quasi schizophrenen Lage. Kunst erlöst, versöhnt und tröstet – und stört zunehmend das Bild von schöner Kunst. Das kunstliebende Bildungsbürgertum reagiert damals vielfach schockiert auf die Zumutungen und Tabubrüche der Kunstmoderne und protestiert dagegen heftig. Die Künstler*innen ihrerseits mokieren sich über den Unverstand der Ausstellungsbesuchenden.
Seit dem XX. Jahrhundert lernt das Publikum deutlich hinzu, was die Schmerzgrenzen des Kunstgeschmacks betrifft. Als 1961 Joseph Beuys in der Galerie Schmela seinem toten Hasen die Bilder erklärt, war das staunende Publikum gebannt von dem, was es sich partout nicht erklären konnte. Im Mai 2026 wird die Künstlerin Florentina Holzinger auf der Biennale in Venedig die Schraube der Zumutungen für das Publikum genüsslich weiterdrehen; die ZEIT notiert begeistert: „In ihren Stücken ächzt das Publikum vor Schmerz und Genuss.“
Das Publikum mit seine Reaktionen gehört heute so intensiv wie noch nie in der Geschichte zu den zentralen Grössen im Kultur- und Kunstbetrieb. Der „Anteil des Betrachters“ hieß 1983 ein – damals wegweisendes – Buch. Heute ist die Bezeichnung des Kunstbetrachters ziemlich veraltet. Der aufgeklärte coole Kunstfan steht im Mittelpunkt des Geschehens (bzw. sitzt vor seinem Monitor).
Kunst adressiert heute alle Menschen, die sich mit der Welt, in der wir leben, auseinander setzen. Das gerade die Kunstwelt immer noch durch snobistische Phänomene bestimmt, wird ist eine Tatsache, die mit dieser sozialen Realität seit langem verbunden ist. Ist Kunst erfolgreich, weil Erfolg irgendwie nach Kunst riecht? Fragen dieser Art könnten Kunstsnobisten heute durchaus auch interessieren.
Ein Auszug aus einem Essay über Snobismus im Kunstbetrieb des Jahres 1913 liest sich heute verdächtig aktuell:
Ist der Snob eine neue Spielart Mensch? ….
So viel Snobfutter wie die Moderne hat die Kunstarbeit noch nie geliefert…..der Premierenbetrieb, die Zurichtung der Bühne in eine Dekorationsschaubühne, die Sensationsreklame der Kunstausstellungen, die Hypertrophie der Kleidungsstilisierung … Der Snob jagt der Mode nach. … Es steigert seine Lust an der Sensation.Ein besonderes Kapitel wäre der Einfluss des Snobismus auf die Kunstschriftstellerei. ….Indem sie ihr Geld in Kunst anlegen machten sie es äusserlich und gesellschaftlich wirksam. So trat der moderne Snob als der reiche Kunstprotz zutage.
Aus: Ludwig Coellen. Snobismus und Kunstinteresse, in: Die Rheinlande. 23. S. 71- 73.
Unmissverständlich notierte später Aldous Huxley in einem kurzen Essay Selected Snobberies (1931): “ The value of snobbery in general is in its power to stimulate activity.“ Was für eine weit in die Gegenwart reichende Vorhersage….
Im Netz lese ich zum Abschluß dieses Textes noch etwas akademisch Formuliertes über den Kultursnob. Hier also zur möglichen Nachbereitung:
Kultursnobs stellen sich mithilfe einer anerkannten kanonischen Instanz über andere. Insofern ist der Kultursnobismus hochgradig konformistisch. Er reduziert die Ambivalenz kultureller Deutungen auf eine vermeintliche Wahrheit mit der Absicht, dass andere ihm darin folgen. Entscheidend ist für eine kultursnobistische Gruppierung, dass sie ihre eigene soziokulturelle Identität sichert, indem sie sich anderen Gruppen gegenüber als überlegen beweist. Man sollte sich deshalb davor hüten, den Kultursnobismus allzu leichtfertig nur als ein Problem einer älteren weißen soziokulturellen Elite anzusehen, die sich an besagten Orten aufhält und für besagte Gegenstände interessiert. Kultursnobismus als Kulturtechnik ist überall präsent und keinesfalls auf Medienkritiker und Kulturpessimisten, auf Ultramontanisten und die Ewiggestrigen limitiert.
Kai Matuszkiewicz













