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Samstag, 24. Januar 2026

Europa auf der Couch

Katerina Poladjan las „Goldstrand“

Am vergangenen Freitagabend gastierte die Autorin Katerina Poladjan im Rahmen der „LiteraTour Nord“ im Renaissance-Saal des Ledenhofs. Im gut besetzten Renaissancesaal vom Ledenhof präsentierte sie ihren aktuellen Roman „Goldstrand“ und sprach mit Anton Bröll, der über die historische Tiefenschärfe deutsch-bulgarischer Beziehungen. Es war die vierte von insgesamt fünf Lesungen der Lesereihe vom Literaturbüro Westniedersachsen.


Die Rekonstruktion einer Epoche

Im Gespräch mit Anton Bröll wurde schnell deutlich, dass Poladjan kein rein nostalgisches Porträt zeichnen wollte. Vielmehr ging es um die Frage, wie Identität unter dem Druck politischer Systeme geformt wird. „Die Recherche am Schwarzen Meer war für mich auch eine Suche nach den Geistern der Vergangenheit“, erläuterte Poladjan während der Lesung. Die Autorin las Passagen, die durch ihre sprachliche Präzision und eine fast greifbare Sinnlichkeit bestachen – vom Geruch des salzigen Wassers bis hin zur stickigen Luft in den Hotelanlagen der achtziger Jahre.

Bröll verstand es, die literarischen Motive geschickt mit der Biografie der Autorin und dem historischen Kontext zu verknüpfen. Die Fragen nach der „Freiheit im Kleinen“ und der Rolle des Zufalls im Leben der Protagonistin bildeten den roten Faden des Abends.


Europa auf der Couch

Die zentrale Figur Eli, ein alternder Regisseur in einer Schaffenskrise, ist laut Poladjan weit mehr als ein individueller Charakter; er fungiert als eine Art Personifizierung Europas. Er lebt in einer bröckelnden Villa in Rom – der vermeintlichen Wiege des Kontinents – und leidet an seiner eigenen Privilegiertheit und schwindenden Gewissheiten. Seine therapeutischen Sitzungen bei der „Dottoressa“ dienen ihm dabei als Raum zur Selbstvergewisserung.


Zwischen Wahrheit und Erfindung

Ein Kernthema des Abends war das Verhältnis zwischen Erinnerung und Fiktion. Eli nutzt die Couch nicht für eine klassische Aufarbeitung, sondern konstruiert und dekonstruiert sein Leben gleichzeitig. Da die Realität oft schwer auszuhalten ist, füllt er Leerstellen in seiner Biografie – wie die Ungewissheit über seinen Vater – durch glanzvolle Erzählungen. Poladjan verglich dies mit dem Prinzip der Scheherazade aus 1001 Nacht: Er erzählt, um nicht unterzugehen.


Die Rolle der Frauen und der Realität

Obwohl Eli zum Eskapismus neigt, wird er durch die Frauen in seinem Leben immer wieder mit der harten Realität konfrontiert. So ist seine Mutter eine emanzipierte Frau, die ihn dazu drängen will, endlich im Hier und Jetzt zu leben. Seine Tochter Vera, die in der Gedenkstätte Sachsenhausen arbeitet, konfrontiert ihn direkt mit konkreter Geschichte und kritisiert seine fragmentarische, unpolitische Kunst. Poladjan bezeichnete „Goldstrand“ daher auch als einen feministischen Text, in dem ein unsicherer Mann von unabhängigen Frauen umringt ist, die ihn stetig „zurechtrücken“.


Das Unausgesprochene als Kunstform

Abschließend gab die Autorin Einblicke in ihre Arbeitsweise: Ihr Ziel ist die erzählerische Verknappung. Inspiriert von Ilse Aichinger sucht sie nach dem, was ein Text nicht sagt, um den Lesern Freiraum für eigene Interpretationen zu geben. Auch die surrealen Momente des Romans – wie ein Vogel, der direkt aus einem alten Film auf Elis Kopf landet – dienen dazu, die Absurdität des Lebens einzufangen und die Eindeutigkeit der Erzählung bewusst ins Wanken zu bringen.

Die Atmosphäre im historischen Gebälk des Ledenhofs korrespondierte an diesem Abend auffällig mit dem Sujets des Textes. In „Goldstrand“ führt Poladjan ihre Leser zurück in das Jahr 1985 – eine Zeit des Umbruchs und der Ungewissheit. Im Zentrum steht eine junge Frau, die aus der Enge der DDR an die bulgarische Schwarzmeerküste flieht, nur um dort auf eine komplexe Gemengelage aus Sehnsucht und sozialistischer Realität zu treffen.

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