Heimat und Exil: Osnabrücker Gedenken an Remarque und Nussbaum

Diskussionsrunde im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum

Am Mittwochabend, den 18. Februar, luden Bernd Stegemann und Dr. Sven Jürgensen zu einer außergewöhnlichen Diskussionsrunde in das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum ein. Im Fokus der gut besuchten Veranstaltung standen die schwierige Wiedereinbürgerung des Schriftstellers Erich Maria Remarque sowie die künstlerische Geistesverwandtschaft zum Maler Felix Nussbaum.

Anstelle einer klassischen Autorenlesung setzten der Vorsitzende der Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft, Bernd Stegemann, und dem Leiter des Friedenszentrums, Dr. Sven Jürgensen, auf einen offenen Dialog mit dem Publikum. Anlass des Abends war die Veröffentlichung des neuen Forschungsbandes der Remarque-Jahrbuch mit dem Titel „Einsamkeit und Nähe“, von Claudia Junk.


Der Kampf um die Staatsbürgerschaft

Ein zentrales Thema des Abends war Remarques ambivalentes Verhältnis zu seiner Geburtsstadt und der verwehrten deutschen Staatsbürgerschaft. Trotz einer Annäherung in den 1960er-Jahren – dokumentiert durch einen intensiven Briefwechsel mit der Stadt Osnabrück – kehrte der Autor von „Im Westen nichts Neues“ nie zurück. Remarque nahm 1947 die US-Staatsbürgerschaft an. Zu dieser Zeit war die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland (und den USA) gesetzlich nicht vorgesehen und wurde erst Jahrzehnte später durch Reformen erleichtert. Eine Wiedereinbürgerung hätte für ihn bedeutet, seinen US-Pass aufzugeben, was er nicht wollte. Er betrachtete sich selbst als „Weltbürger wider Willen“.

Stegemann beleuchtete die juristischen Hürden der Nachkriegszeit: Zwar gab es seitens der Stadt Osnabrück Bestrebungen, Remarque wieder einbürgern, doch scheiterten diese an bürokratischen Widerständen und Remarques Weigerung, einen formalen Antrag zu stellen. Remarque empfand es als Unrecht, dass den Opfern des NS-Regimes die Staatsbürgerschaft nicht automatisch zurückgegeben wurde. Er sah sich in einer absurden Situation, in der ehemalige Nationalsozialisten ihre Rechte behielten, während er als Ausgebürgerter rechtlich schlechter gestellt war.


Geistige Brücken zwischen Literatur und Malerei

Im zweiten Teil des Abends schlug Dr. Sven Jürgensen die Brücke zu Felix Nussbaum. Obwohl sich der Schriftsteller und der Maler in Osnabrück vermutlich nie persönlich begegnet sind, eint sie die Erfahrung des Exils und die künstlerische Verarbeitung ihrer Heimat.

Jürgensen verdeutlichte diese Verbindung am Beispiel des Architekten Daniel Libeskind, der beim Entwurf des Felix-Nussbaum-Hauses explizit Bezug auf Remarques Werk nahm. In Libeskinds Wettbewerbsentwurf von 1995 findet sich eine Textpassage aus „Im Westen nichts Neues“, die das Ende des Protagonisten Paul Bäumer beschreibt. Diese „Collage der Erinnerungen“ symbolisiert laut Jürgensen die tiefe Verankerung beider Künstler in der Epoche der „Neuen Sachlichkeit“ und ihr gemeinsames Schicksal als Repräsentanten einer verlorenen Generation.


Hintergrund und Rezeption

Die Diskussion machte deutlich, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Osnabrück – wie in weiten Teilen der Bundesrepublik – von einer „bleiernen Zeit“ geprägt war. Während Remarque in seinen Briefen nostalgisch von der „Hakenstraße“ oder der „Schlossstraße“ schwärmte, blieb das offizielle Klima ihm gegenüber bis in die 1970er-Jahre hinein distanziert.

Interessierte Leser können die vertiefenden Forschungsergebnisse im neuen Jahrbuch nachlesen, das Über den Buchhandel oder im Remarque-Friedenszentrum für 35 Euro erhältlich ist. Das Werk beleuchtet detailliert die Biografie und das Schaffen Remarques im Kontext seiner Zeit.

 

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