Ein Donnerstagabend im ausverkauften „Blue Note“
Der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat am Donnerstagabend des 19. Februar im ausverkauften „Blue Note“ sein aktuelles Werk „Macht im Umbruch“ vorgestellt. Vor rund 150 Gästen zeichnete der Intellektuelle auf Einladung von Bücher Wenner das Bild einer fragmentierten Welt, in der Deutschland und Europa ihre bisherige strategische Zurückhaltung aufgeben müssen, um nicht zum Spielball neuer Großmächte zu werden.
Zwischen den Blöcken: Europa unter Zugzwang
In der sachlichen, fast unterkühlten Atmosphäre des Blue Note sparte Münkler nicht an deutlichen Analysen. Das Ende der „westlich-liberalen Weltordnung“, wie wir sie seit 1945 kannten, sei kein Szenario der Zukunft, sondern eine bereits vollzogene Realität. „Die Ära der Naivität und die Ära der Betriebswirte, die dachten, man könne überall Kosten einsparen und brauche keine Lagerhaltung, ist vorbei“, so Münkler mit Blick auf die wirtschaftliche und militärische Verwundbarkeit des Kontinents.
Der Kern seiner Lesung drehte sich um die Transformation von einer regelbasierten zu einer rein machtbasierten Ordnung. Münkler beschreibt eine Welt, die von fünf großen Akteuren geprägt wird: den USA, China, Russland, Indien und der EU. Dabei warnte er eindringlich vor der gegenwärtigen Schwäche Europas. Wer nicht über militärische und politische Durchsetzungskraft verfüge, laufe Gefahr, zum „Fußabtreter der großen Mächte“ zu werden.

Unser Interview im Wortlaut
Herr Professor Münkler, in Ihrem Buch geht es ja auch um das Fünfersystem. Warum ist eine Weltordnung, die auf fünf Großmächten basiert, stabiler als eine bipolare oder tripolare Konstellation?
Die Bipolarität ist vorbei und wird nicht wiederkehren. Momentan haben wir es mit drei Mächten zu tun: den USA, China und dem abgeschlagenen Russland, das nur noch über militärische Macht verfügt. Spieltheoretisch ist ein Dreiersystem schwierig: Es führt entweder zu einer Zwei-gegen-eins-Konstellation oder zu einer Situation, in der ein Akteur als Zünglein an der Waage fungiert, aber ständig befürchten muss, dass sich die anderen gegen ihn verbünden. Historisch sind alle Dreiersituationen gescheitert.
Ein Fünfersystem hingegen ermöglicht es, dass ein Akteur zwischen zwei Lagern die Mitte hält. Die europäische Geschichte nach 1648 war eine solche Pentarchie, die – mit Unterbrechung durch Napoleon – bis 1914 hielt. Es ist kein „ewiger Friede“, aber ein stabileres, resilientes System. Europa muss Teil dieses Systems sein, um nicht zum „Fußabtreter“ der Großen zu werden. Neben den USA, China und Russland sollten auch Indien und Brasilien dazugehören. Das bietet Indien die Chance, den globalen Süden einzubringen.
Wie sollte Europa reagieren, wenn die USA sich dauerhaft als globaler Ordnungshüter zurückziehen?
Ich glaube, dass sie das dauerhaft tun werden. Die Rolle des Hegemons, der kollektive Güter wie Währungsstabilität oder Friedensstrukturen bereitstellt, ist unbefriedigend, wenn alle anderen davon profitieren, während bei den USA Stress, Risiko und Kosten bleiben. Da internationale Organisationen wie die UNO diese Aufgaben nicht übernehmen können, tritt eine Mechanik wie das Fünfersystem an deren Stelle.
Die Europäer müssen Fähigkeiten entwickeln, die bisher von den Amerikanern bereitgestellt wurden: vor allem konventionelle Verteidigungsfähigkeit und nukleare Abschreckung. Zudem muss die EU eine Hierarchie ausbilden, in der nicht mehr einzelne Staaten durch ein Vetorecht alles blockieren können. Die „Fähigen und Willigen“ – etwa Deutschland, Frankreich, Polen, Italien und Großbritannien – müssen die Außen- und Sicherheitspolitik vorantreiben.
Wie bewerten Sie die Rede von Außenminister Marco Rubio bei der Münchner Sicherheitskonferenz?
Rubio ist ein klassischer Republikaner, für Europäer berechenbar und wohlgesonnen. Aber seine Botschaft lautet letztlich: Die Europäer sollen tun, was Trump sagt. Da Trump unberechenbar ist und rein amerikanische Interessenpolitik verfolgt, ist das für Europa keine Option. Europa muss auf eigenen Füßen stehen. Das ist militärisch konventionell machbar, bei der nuklearen Abschreckung und dem technologischen Nachholbedarf jedoch wesentlich schwieriger.
Wie behauptet sich ein Kontinent, der auf das Völkerrecht setzt, in einer Welt, in der taktische militärische Gewalt wieder zum primären Gestaltungsmittel wird?
Völkerrecht ist die kodifizierte Form einer regelbasierten Ordnung, braucht aber jemanden, der es durchsetzt. Wenn Europäer nur „Völkerrecht“ rufen, ohne Macht dahinter, wird das von Akteuren wie Putin oder Trump als Schwäche wahrgenommen. Man muss in der Lage sein, Regeln im eigenen Zuständigkeitsbereich durchzusetzen. Wo das nicht möglich ist, darf man nicht bei folgenlosen Deklamationen bleiben, sondern muss versuchen, mit praktischer Politik völkerrechtliche Ziele umzusetzen. Das Völkerrecht hat momentan keine bindende Kraft mehr, wenn sich die großen Mächte nicht daran halten.
Wie kann Deutschland eine strategische Führungsrolle in Europa übernehmen, ohne Ängste vor einer neuen Hegemonie zu schüren?
Böswillige Vorwürfe eines „Vierten Reichs“ lassen sich nicht vermeiden. Doch selbst in Polen erkennt man an, dass Deutschland aufgrund seiner Größe, Bevölkerung und Wirtschaftskraft eine dominierende Rolle spielen muss, wenn Europa vorankommen will. Die deutsche Politik muss lernen, „von vorne“ zu führen – also riskante Entscheidungen auch bei unvollständigen Informationen zu treffen. Friedrich Merz könnte hier ein Glücksfall sein, da er durch seine Zeit in der Wirtschaft gewohnt ist, unter Unsicherheit zu entscheiden. Zudem ist es Deutschlands Aufgabe, die Gruppe der „Willigen und Fähigen“ zusammenzuhalten.
Sind liberale Demokratien in der Lage, die notwendige Geschwindigkeit und Härte für geopolitische Wettbewerbe aufzubringen, ohne ihre Werte aufzugeben?
Demokratien müssen sich äußeren Umständen anpassen; sie wurden nicht nur für Schönwetterperioden erfunden. Das galt für das antike Athen ebenso wie für Churchill oder Roosevelt. Die Schwachstelle der Europäer, insbesondere der Deutschen, ist nicht die Fähigkeit, sondern das „Nicht-Wollen“. Wir sind durch die „Friedensdividende“ sorglos geworden. Dabei war unter Willy Brandt der Anteil des Wehretats am BIP deutlich höher als heute, und wir hatten eine Armee von 500 000 Mann.
Was würde Machiavelli den Regierenden heute sagen?
Er würde auf die qualita dei tempi verweisen, die Zeitumstände. Man muss erkennen, was möglich ist – etwa, dass Putin derzeit keinen Frieden will, sondern nur die Kapitulation der Ukraine. Machiavelli unterschied zwischen Fortuna (Glück/Zufall) und Virtù (Tüchtigkeit). Tüchtigkeit dient dazu, die unberechenbare Macht der Fortuna zu begrenzen. In manchen Konstellationen geht es nicht um Wohlstand oder Werte, sondern schlicht um das physische Überleben.
Wie sehen Sie die Zukunft der auf Menschenrechten gründeten, demokratischen Ordnung?
Demokratien sind von innen und außen bedroht und weltweit mittlerweile in der Minderheit. Menschen- und Bürgerrechte müssen immer wieder neu erkämpft werden. Ein aktuelles Problem ist der Schutz des privaten Raums vor digitaler Manipulation. Wir müssen sicherstellen, dass Menschen in einem befriedeten Raum aufwachsen können, um später fähig zu sein, ihre Rechte und die der anderen zu schützen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Münkler.
Weitere Bilder aus der Lesung von Professor Münkler sind unter dem LINK auf dem Blog von Toni Theilmeier zu sehen.













