Neue Gesichter der Städtepartnerschaften

Brückenbauerinnen im Rathaus

Vier junge Frauen aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Türkei sind Mitten in ihrer Arbeit im Osnabrücker Städtepartnerschaftsbüro. Ein Jahr lang wollen sie den kulturellen Austausch lebendig gestalten und neue Impulse in der Friedensstadt setzen. Seit letztem Jahr ist das internationale Team im historischen Rathaus am Markt wieder komplett. Mit Emma Leroi (Angers), Sophie Bailey (Derby), Emma Bos (Haarlem) und Elif Şeref (Çanakkale) wird die diplomatische Arbeit der Stadt Osnabrück erstmals seit längerer Zeit rein weiblich besetzt. Unter der Leitung von Jens Koopmann fungieren die Botschafterinnen als direkte Verbindungspersonen zwischen ihren Heimatstädten und der Osnabrücker Bürgerschaft.


Motivation und kulturelle Ziele

Die Beweggründe für das Engagement sind vielfältig, doch eint alle die Begeisterung für den interkulturellen Dialog. Emma Leroi, 24 Jahre alt und Absolventin der literarischen Übersetzung, sieht in ihrer Aufgabe die Chance, Theorie und Praxis zu verknüpfen: „Ich freue mich darauf, hier jeden Tag etwas Neues zu erleben“, so Leroi. Sophie Bailey (26), die zuvor für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in London tätig war, möchte ihren Schwerpunkt auf die Vernetzung von Kulturinitiativen legen. „Ich möchte bereits bestehende Verbindungen zwischen den Kultureinrichtungen in Derby und Osnabrück weiterentwickeln“, betonte sie im Gespräch. Auch Elif Şeref (25), Bioingenieurin aus Çanakkale, und Emma Bos (25), Historikerin aus Haarlem, bringen spezifische Ziele mit. Während Şeref ihr Organisationstalent in neue Projekte einfließen lassen möchte, will Bos ihr Wissen über deutsche Geschichte mit konkretem sozialen
Engagement vor Ort verbinden.


Der Weg in die Stadtgesellschaft

Die Aufgaben der Botschafterinnen gehen weit über reine Verwaltungstätigkeiten hinaus. Sie vermitteln Praktika, organisieren Bürgerreisen und unterstützen Vereine bei Austauschprogrammen. Besonders die offenen Formate wie die Begegnungsabende im Spitzboden der Lagerhalle sollen Barrieren abbauen. Das Ziel der einjährigen Amtszeit ist klar definiert: Die Partnerschaften sollen nicht nur auf dem Papier existieren, sondern durch persönliche Begegnungen für jeden Osnabrücker erlebbar werden.


Unser Interview im Wortlaut

Osnabrücker Rundschau (OR): Frau Şeref, im letzten Jahr war die Felix-Nussbaum-Ausstellung in Çanakkale zu sehen. Wie bewerten Sie die Bedeutung dieses konkreten Austauschprojekts für die Festigung der Städtepartnerschaft zwischen Osnabrück und Çanakkale in der Praxis?

Elif Şeref: Die Felix-Nussbaum-Ausstellung war eine sehr schöne Veranstaltung und ich hatte die Chance, daran teilzunehmen. Ich war damals noch nicht im Dienst, es war im August während der Festivalzeit. Eine Delegation war in Çanakkale und hat die Eröffnung der Ausstellung durchgeführt. Ich finde diese Art von Austausch sehr wichtig, auch wenn der Transport und andere Aspekte schwierig zu organisieren sind. Beide Städte haben das toll erledigt. Es war eine sehr gelungene Veranstaltung.

Seit 2004 Leiter des Städtepartnerschaftsbüro: Jens Koopmann. Foto: Toni Theilmeier

OR: Herr Koopmann, wie kam es zu diesem Austausch zwischen der Felix-Nussbaum-Gesellschaft und dem Städtepartnerschaftsbüro?

Jens Koopmann: Wir haben uns sehr gefreut, dass die Felix-Nussbaum-Gesellschaft beschlossen hat, die Partnerstädte nacheinander zu besuchen. Bislang war die Ausstellung schon in Haarlem, Derby und Angers , vor Kurzem sogar in Seoul in Südkorea. Leider hat es mit Gwangmyeong nicht geklappt. Die Städte liegen dort so dicht beieinander, dass der Aufwand für eine nur vierwöchige Anschlussstation zu groß gewesen wäre. Aber es war die Initiative der Nussbaum-Gesellschaft, die Partnerstädte reihum zu besuchen, was für uns eine sehr gute und wertvolle Kooperation geworden ist.

OR: Çanakkale liegt am Ufer der Dardanellen. Wie ist es für Sie, in eine Stadt wie Osnabrück zu kommen, die fernab vom Meer liegt?

Elif Şeref: Ich finde Osnabrück sehr schön. Dass es kein Meer gibt, ist natürlich schade. Çanakkale und Osnabrück sind sich jedoch ähnlich: Beide sind weder sehr groß noch sehr klein. Ich mag keine riesigen Metropolen, deshalb liebe ich es, hier zu wohnen. Es ist eine ruhige, entspannte Stadt, die dennoch viele Optionen bietet.

OR: Welche Impulse wollen Sie in Ihrer Amtszeit setzen und welche persönliche Motivation haben Sie?

Elif Seref: Einen Teil meiner Kindheit habe ich in Deutschland verbracht, daher war mir die deutsche Kultur nie fremd. Ich freue mich, dass ich dieses kulturelle Verständnis während meiner Arbeit als Städtebotschafterin nutzen kann.

OR: Der nächste deutsch-türkische Begegnungsabend findet im Spitzboden der Lagerhalle statt. Bereiten Sie sich darauf schon vor?

Elif Şeref: Wir sprechen im Moment mit unseren Teilnehmern, planen den Ablauf und auch Musik und kleine kulinarische Spezialitäten.

OR: Frau Bos, Haarlem liegt knapp 250 Kilometer von Osnabrück entfernt. Welche Highlights machen Haarlem für Tagesreisende besonders interessant? Ich denke da speziell an den Blumenkorso im April.

Emma Bos: Der Blumenkorso ist ein großes und sehr populäres Event. Ebenfalls beliebt sind Grachtenfahrten, um Haarlem vom Wasser aus zu sehen. Zudem haben wir das älteste Museum der Niederlande mit Zeichnungen von Michelangelo sowie das Frans-Hals-Museum. Ein weiteres Highlight ist die große St.-Bavo-Kirche direkt im Zentrum. Ähnlich wie in Osnabrück kann man das Zentrum an einem Tag zu Fuß erkunden und fast alles sehen, auch wenn man die Museen nur von außen betrachtet.

OR: Die Niederlande gelten als Fahrradnation. Wie beurteilen Sie Osnabrück als Fahrradstadt im Vergleich zu Haarlem?

Emma Bos: Das ist eine gute Frage, die mir oft von Niederländern gestellt wird. Am Anfang hat es mich überrascht, wie viele Menschen in Osnabrück Fahrrad fahren. Gleichzeitig fiel mir auf, dass Haarlem eine eigene, sehr gute Infrastruktur für Fahrräder hat. Dort gibt es überall separate Wege. Hier in Osnabrück ist das etwas anders. In den Niederlanden sind der motorisierte Individualverkehr und Radfahrer stärker voneinander getrennt, was mehr Sicherheit bietet.

OR: Mit einem Master in Deutscher Geschichte bringen Sie viel theoretisches Wissen mit. Welcher Aspekt der Osnabrücker Geschichte interessiert Sie besonders?

Emma Bos: Natürlich der Westfälische Friede, da wir darüber viel bei Stadtführungen erzählen. Ich finde zudem Zeitgeschichte und die Erinnerungskultur sehr interessant. Osnabrück ist dafür ein gutes Beispiel. Man kann an Orten wie der Stadtbibliothek sehen, wie die Stadt in den 1960er Jahren aussah. Mich interessiert sehr, wie Museen damit umgehen und wie die Menschen heute darüber denken.

OR: Frau Bailey, Ihre Heimatstadt Derby und Osnabrück teilen eine lange industrielle Geschichte. Haben Sie bereits Orte gefunden, die Sie an Derby erinnern?

Sophie Bailey: Ich glaube, die industrielle Geschichte war ursprünglich der Grund, warum Osnabrück und Derby nach dem Zweiten Weltkrieg Partnerstädte wurden. Wir konnten bereits das Museum für Industriekultur besichtigen. Das erinnert mich sehr an Derby, das als Heimat der industriellen Revolution gilt. In Derbyshire gibt es viele Steinwerke, was mich an die industriellen Anlagen am Piesberg erinnert.

OR: Wie wichtig ist es Ihnen, die Verbindung auf kommunaler Ebene zu stärken?

Sophie Bailey: Das ist sehr wichtig. Gerade im britischen Kontext, da wir uns weiter von Europa entfernen, haben viele Menschen in meiner Heimat leider nicht mehr so oft die Möglichkeit, Sprachen zu lernen oder andere Länder zu besuchen. Deshalb möchte ich nicht nur in Osnabrück, sondern auch in Derby präsent sein. In diesem Jahr feiern wir das 50jährige Jubiläum der Partnerschaft. Es wird in Derby eine große Feier geben, bei der Osnabrück vorgestellt wird. Die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene bietet große Chancen, den Kontakt zwischen den Menschen und auch der politischen Ebene wie den Bürgermeistern aufrechtzuerhalten, auch wenn die Landesregierungen vielleicht weniger intensiv kooperieren.

Jens Koopmann: Das Thema „Urban Diplomacy“, also Städtediplomatie, wird mittlerweile auch auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene stärker wahrgenommen. Als ich 2004 im Städtepartnerschaftsbüro anfing, wurde die „kommunale Außenpolitik“ oft noch belächelt. Heute hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass wir auf kommunaler Ebene die Menschen durch Projekte und Freundschaften zusammenbringen. Angesichts weltweiter Konfliktherde ist es entscheidend, die Beziehungen zwischen den Menschen aufrechtzuerhalten. Die Rolle der Kommunen wird heute in offiziellen Papieren als sehr wichtig eingestuft. Die Städte werden vom Auswärtigen Amt stärker einbezogen und wir profitieren gegenseitig voneinander. Wir sind nicht die Macher der großen Außenpolitik, aber die zwischenmenschliche Ebene, die wir durch Bürgerreisen oder Begegnungsabende und viele andere Projekte erreichen, bildet weiterhin eine wichtige Grundlage für Austausch, Vertrauen und Verständnis und muss gepflegt werden..

OR: Zur Partnerstadt Twer in Russland: Andere Städte haben ihre Partnerschaften aufgelöst, Osnabrück lässt sie ruhen. Ist das der bessere Weg?

Jens Koopmann: Ja, ganz klar. So behalten wir die Chance, uns wieder annähern zu können, falls es die Verhältnisse in Russland eines Tages wieder zulassen. Wir können zwar nicht eins zu eins dort weitermachen, wo wir 2022 aufgehört haben, da sich vor Ort viel verändert hat, aber die Tür bleibt einen Spalt offen. Andere Städte haben einen harten Schnitt gemacht, was eine spätere Wiederaufnahme sehr erschwert. Dass die Partnerschaft offiziell noch existiert, auch wenn sie ruht, war eine sehr gute Entscheidung.

OR: Welche kulturellen Brücken möchten Sie schlagen?

Sophie Bailey: Ich würde gerne das „Museum of Making“ in Derby mit dem Museum für Industriekultur in Osnabrück verbinden. Mir ist wichtig, dass Menschen jeden Alters Anschlussmöglichkeiten finden – sei es beim Sport, in der Musik oder durch Kunst. Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einem Austausch zwischen Parkrun-Gruppen. Mein Ziel ist es, dass beide Städte zusammenwachsen und man in Derby den Wert des interkulturellen Austauschs wieder stärker schätzt.

OR: Inwieweit sind Sie in die Planung der Bürgereisen eingebunden?
Sophie Bailey: Die Bürgerreise ist unser „Baby“. Die Planung und Durchführung macht einen Großteil unserer Arbeit aus. Wir sind schließlich dafür gewählt worden, weil wir unsere Heimatstädte kennen.

OR: Frau Leroi, waren Sie vor Ihrem Amtsantritt schon einmal in Osnabrück?

Emma Leroi: Nein, ich bin zum ersten Mal hier. Obwohl es seit Jahrzehnten einen regen Schüleraustausch zwischen Angers und Osnabrück gibt, hatte ich zuvor noch keine Gelegenheit für einen Besuch.

OR: Was erwartet die Bürger bei den Begegnungsabenden und warum sollte man ihn erlebt haben?

Emma Leroi: Es ist die beste Gelegenheit, mehr über unsere tägliche Arbeit und unsere Projekte zu erfahren. Es ist informativ, aber gleichzeitig sehr locker und entspannt.

OR: Wie sieht Ihr Alltag eine Städtebotschafterin aus?
Elif Seref: Auch wenn wir täglich einen 8 Stunden-Tag haben, ist jeder Tag sehr unterschiedlich. Manchmal gehen wir als Team zu verschiedenen Institutionen und Organisationen, manchmal haben wir persönliche Termine mit unseren Projektpartnern. Darüber hinaus laufen auch die Vorbereitungen für festgelegte Projekte wie die Maiwoche, Bürgerreise oder Begegnungsabend.

Jens Koopmann: Die Erfahrung zeigt: Einen typischen Arbeitstag gibt es kaum. Momentan planen wir viel: Bürgerreisen, Maiwoche, Partnerschaftstage und Schulbesuche. Das macht auch den Reiz unserer Arbeit aus, dass eben kein Tag wie der andere ist und sich auch die Städtebotschafterjahre immer wieder voneinander unterscheiden. Und es hängt auch davon ab, welche Projekte von außen an uns herangetragen werden.

OR: Wie wichtig sind Veranstaltungen wie die Maiwoche für den Austausch?

Jens Koopmann: Die Maiwoche ist neben den Begegnungsabenden unser Highlight, um uns sichtbar zu machen. Mit unserem Infostand im Europadorf erreichen wir ein großes Publikum. Der Nikolaiort ist dort zehn Tage lang unser Zuhause.

OR: Haben Sie einen Lieblingsort in Osnabrück gefunden?

Elif Şeref: Der Ausblick von meiner Wohnung über den Marktplatz.

Emma Bos: Der Rubbenbruchsee, besonders am frühen Morgen, wenn der Nebel aufsteigt.

Sophie Bailey: Der Rubbenbruchsee.

Emma Leroi: Ebenfalls der Botanische Garten und der Wochenmarkt am Dom am Samstag. Es ist dort sehr gemütlich zum Spazierengehen oder Kaffeetrinken.

OR: Auf welche Veranstaltungen/ Event freuen sie sich besonderes?

Elif Seref: Am meisten freue ich mich auf die Bürgerreise, da ich diese Veranstaltung für eine großartige Gelegenheit halte, meine eigene Kultur und meine Stadt vor Ort zu präsentieren.

Emma Leroi: Ich freue mich besonders auf die Bürgerreise nach Angers, die im Juli stattfinden wird. Für mich ist es eine wunderschöne Gelegenheit, meine Lieblingsorte in Angers durch die Mitreisenden entdecken zu lassen und Orte zu besichtigen, die ich selbst auch noch nie besucht habe. In Osnabrück freue ich mich auf weitere Empfänge von Schulgruppen aus Angers.

OR: Gibt es etwas, das Sie besonders vermissen?

Elif Seref: Abgesehen von meiner Familie und meinen Freunden vermisse ich es sehr, täglich am Meer spazieren zu gehen, da mein Zuhause in Çanakkale ziemlich nah am Wasser liegt.

Emma Leroi: Ich vermisse das ebenso Meer und insbesondere die bretonische Küste, die mir wirklich am Herzen liegt.

OR: Vielen Dank für das Gespräch.

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