Forschung muss keineswegs trocken rüberkommen
In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Theater bewiesen jeweils drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Samstagabend, dass komplexe Forschung keineswegs trocken sein muss. Den Sieg des ersten „Best of Science-Slam“ sicherte sich der Informatiker Jan Kettler mit einer beeindruckenden Punktzahl von 96 Punkten.
In einem Format, das den Transfer von akademischen Inhalten in die breite Öffentlichkeit forcierte, präsentierten die Teilnehmenden ihre Forschungsschwerpunkte in jeweils genau zehn Minuten. Unter der Moderation von Sören Hage reichte das Themenspektrum von der Astronomie über die Biologie bis hin zur Traumforschung. Das Publikum fungierte dabei als Jury und bewertete nicht nur den wissenschaftlichen Gehalt, sondern vor allem die Verständlichkeit und den Unterhaltungswert der Beiträge.
Gesa Hoffmann eröffnete den Abend mit einer Analyse über die Symbolik und die verborgenen Gefahren in der Pflanzenwelt. Sie schlug eine Brücke von der Theaterbühne zu den Pflanzenwissenschaften und erläuterte, dass Blüten als „sekundäre Geschlechtsmerkmale“ fungieren. Hoffmann verdeutlichte am Beispiel der Arabidopsis thaliana (Ackerschmalwand), wie chronische Virusinfektionen Pflanzen dauerhaft schädigen. „Pflanzen haben Sex, nicht genau wie ihr“, konstatierte sie humorvoll und wies darauf hin, dass pflanzliche Pathogene wie das Kokosnuss-Panthera-Viroid oder das Arabis-Mosaik-Virus massive Ernteverluste verursachen können.
Der Geograf Corvin Drößler widmete sich unter dem Schlagwort „Critical Westdeutschness“ der Identität und den Wahrnehmungsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland. Anhand des kulinarischen Beispiels des „Jägerschnitzels“ – welches in Ostdeutschland traditionell aus panierter Jagdwurst besteht – illustrierte er, wie westdeutsche Perspektiven oft als Norm gesetzt werden, während ostdeutsche Besonderheiten unsichtbar blieben. Drößler forderte dazu auf, dieses Wissen zu nutzen, um „den Deprivilegierungen und Privilegierungen entgegenzuwirken“.
Einen Ausflug in die Tiefen des Weltalls unternahm Martin Fournier. Er erklärte die Strukturen von Galaxienhaufen und fokussierte sich dabei auf das, was zwischen den Galaxien liegt: heißes Gas, das nur durch Röntgenstrahlung sichtbar wird. Fournier zog eine amüsante Parallele zwischen schwarzen Löchern, die „Hohlräume im Universum carven“, und den Besuchen beim Zahnarzt. Seine Forschung am Perseus-Cluster zeige, dass Galaxien wie Menschen Gemeinschaften bilden.
Katharina Lüth, auch bekannt als „Dr. Dream” entführte das Publikum in die Welt der Alpträume. Sie erläuterte, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung unter einer Alptraumstörung leiden, was sie als „Theater im Gehirn“ beschrieb, bei dem das Gehirn maßlos übertreibt. Lüth forschte an der Universität Osnabrück an Methoden, wie Menschen aktiv Einfluss auf ihre Träume nehmen können, um diesen ein „Happy End“ zu verleihen.

Der spätere Sieger Jan Kettler befasste sich mit den Themen Datenschutz und Anonymisierung im Straßenverkehr. Er präsentierte Werkzeuge, die es Städten wie Osnabrück ermöglichen sollen, Verkehrsströme zu verstehen, ohne die Privatsphäre der Bürger zu verletzen. Durch die Zusammenfassung von Bewegungsprofilen – die sogenannte K-Anonymität – könne der Verkehr fair gestaltet werden, während die Daten geschützt bleiben. Kettler verglich seine Arbeit humorvoll mit deutschem Rap: „Ich und Silo, wir kommen beide von der Straße“.
Den Abschluss bildete der Biologe Paul Bischof, der die Darmflora der Tangfliege untersuchte. Er erklärte, wie diese Insekten es schaffen, sich ausschließlich von schwer verdaulichem Seetang zu ernähren, der zudem oft mit Schwermetallen belastet ist. Seine Forschung zeigte, dass spezielle Bakterien im Mikrobiom der Larven essenzielle Funktionen übernehmen, um diese komplexen Polysaccharide abzubauen.
Hintergrund
Der Science-Slam hat sich in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil der Wissenschaftskommunikation in Deutschland entwickelt. Ziel ist es, universitäre Forschung aus dem Elfenbeinturm zu holen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Veranstaltung im Theater am Domhof markierte einen weiteren Meilenstein, um Osnabrück als lebendigen Wissenschaftsstandort zu präsentieren.
+++ ANKÜNDIGUNG +++
Wissenschaftsfans sollten sich bereits den nächsten Termin vormerken: Der kommende Science-Slam findet am 27. Oktober in der Lagerhalle statt.












