Dreiteilige Buchvorstellung von Peter Roberts „Feindbilder“ – Teil 2: „Woher kommen Sie?“

Peter Robert
Das Rassismus-Gas und seine Folgen
(Teil 1)

Für identitäre Antirassist*innen durchzieht und prägt der fundamentale Konflikt zwischen »Schwarz« und »Weiß« die gesamte Gesellschaft. »In einer Welt, in der unverblümte offensichtliche Akte nur die Spitze des Rassismus-Eisbergs sind, müssen wir den unsichtbaren Monolithen heben«, so die britische Autorin Reni Eddo-Lodge (»Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche«). »Wir müssen Rassismus als strukturell sehen, um seine Heimtücke zu erkennen. Wir müssen sehen, wie er wie giftiges Gas in alles strömt.« Und die afrodeutsche Autorin und Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette (»exit RACISM«) sekundiert: »Wir sind in einer Welt aufgewachsen, der seit über dreihundert Jahren Rassismus tief in den Knochen steckt. So tief, dass es keinen Raum gibt, in dem er nicht zu finden ist.« Die Folge: »Niemand will rassistisch sein. Und doch sind wir es eben alle.« (…)

Die angebliche Allgegenwart von Rassismus veranlasst die Identitären zu einer obsessiven Suche nach rassistischen Mustern in allen erdenklichen Situationen und Verhaltensweisen. Die afrodeutsche Autorin Alice Hasters (»Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten«) findet sie zum Beispiel in den verängstigten Gesichtern, die Schwarze zu sehen bekämen, wenn sie durch die Straßen liefen; an einem traditionellen irischen Tanzabend, bei dem ihre afroamerikanische Mutter nicht zum Tanzen aufgefordert worden sei; in Textaufgaben in Mathe, die meist mit Familie Schmitz oder Müller arbeiteten (statt mit Familie Haruko); darin, dass Weiße als Individuen, BIPoC jedoch nur als Vertreter einer Gruppe gesehen würden und als unintelligent gälten; dass Hasters’ Talent beim Tanzen ihrer Hautfarbe zugeschrieben werde; dass Hiphop auch nur einen zugewiesenen Platz darstelle; dass alle plötzlich die afroamerikanische Kultur gut gefunden hätten (»Es war so, als ob jemand ein Kleid für mich genäht hätte, und auf einmal kämen andere und rissen es vor mir von der Kleiderstange«); dass sie das Gefühl habe, sich auf Fragen nach ihrer Haarpflege für mangelnde Hygiene rechtfertigen zu müssen; dass es in Drogerien kein Makeup in ihrem Hautton, keine Pflaster, keine Strumpfhosen in ihrer Hautfarbe gäbe und so weiter und so fort. Am prägnantesten erklärt sie es selbst: In der Grundschule habe eine Klassenkameradin sie ausgegrenzt, aber »falls jetzt alle auf eine Szene warten, wo Svenja mir sagte, sie mochte mich nicht, weil ich Schwarz sei – das ist nicht passiert. … Die meisten Beleidigungen hatten nicht direkt etwas mit meinem Schwarzsein zu tun. Svenja behauptete, ich sei zu merkwürdig, zu langweilig oder einfach nicht würdig, mit ihr oder ihren Freund*innen zu spielen. Was ich weiß, ist, dass ich die einzige Schwarze in meiner Klasse war und Svenja mich behandelte, wie sie es eben tat. Selbst wenn sie mich nicht bewusst aufgrund meiner Hautfarbe ausschloss, kamen mir diese Gedanken von ganz allein. Schließlich suchte ich nach einem Grund, warum ausgerechnet mit mir niemand befreundet sein wollte.«

Wer eine Brille mit ausgesparten Katzensilhouetten in den dunklen Gläsern aufsetzt, sieht eben in allem nur Katzen.

Es ist, als düsten die Identitären in einem kleinen schwarzen Raumschiff durch ein weißes Universum und stopften biberfleißig alle Lücken in ihrem fadenscheinigen
Konstrukt, damit ihnen die Glaubwürdigkeitsluft nicht entweicht. Dabei würden sie, wenn sie etwas mehr Durchlässigkeit zuließen, vielleicht feststellen, dass der weiße Welt-Raum gar nicht so tödlich ist, wie sie glauben. Zumindest nicht überall.

Die schwarze taz-Autorin Anna Dushime erzählt in ihrer Kolumne, dass sie sich von ihrem Hautarzt einmal mit rassistischen Stereotypen belästigt fühlte. Dann fragte dieser auch noch: »Spielen Sie Basketball?« Dushime: »Ich war kurz davor auszurasten, weil ich nicht verstand, warum er jetzt noch ein Stereotyp auspackte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann sah ich, dass sein Blick an meinem T-Shirt hing. Ich schaute hinunter, und mir fiel auf, dass ich ein Chicago-Bulls-T-Shirt trug. Na ja, manchmal ist alles nicht so, wie es scheint.«

Ein gutes Beispiel für die Suche der Identitären nach rassistischen Mustern ist ihr Umgang mit der simplen Frage nach der Herkunft.

»Fragen wie ›Woher kommen Sie?‹ … machen Personen, die ihren Lebensmittelpunkt hier haben, deutlich, dass der für sie vorgesehene Platz außerhalb der Gesellschaft ist«, schreibt Ogette. Die Frage »bekundet meist kein Interesse an mir«, meint Hasters, »sondern an der Bestätigung bestimmter Vorurteile.« Ogette bewertet sogar das Interesse am Gegenüber als negativ: »Hinter der Frage befindet sich ein Wunsch. Der Wunsch nach Ordnung. Der Wunsch zu wissen, mit wem ich es denn da zu tun habe. Der Wunsch, das Gegenüber in (m)eine imaginäre Kiste zu packen. Und auf der Kiste steht ›die Anderen‹. Da gehörst Du hin, (Ich finde Dich interessant, exotisch, spannend, lustig …, aber eines bist Du nicht (so richtig): eine von uns.«

Zunächst muss man Folgendes festhalten: Würde man die Herkunftsfrage etwa einem nach Deutschland geflüchteten Afghanen stellen, sähe er darin wahrscheinlich gar kein Problem und würde sie einfach wahrheitsgemäß beantworten. Von ihr genervt sind dagegen Angehörige einer solchen Geflüchteten gegenüber deutlich besser gestellten Bevölkerungsgruppe, nämlich Afrodeutsche und Migranten(kinder) mit deutschem Pass. So ist etwa für die in Deutschland geborene, türkischstämmige Autorin Ferda Ataman schon die Frage eine »verbale Ausbürgerung« oder »Zwangsmigrantisierung«. Nichts schlimmer als das, wo man sich doch, möglicherweise über Generationen hinweg, die Zugehörigkeit zum »Deutschsein« mühsam erkämpft hat! Eine echte narzisstische Kränkung.

Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass es sich bei dunkelhäutigen Menschen, denen man irgendwo im Lande begegnet, um Deutsche handelt. Außer den wenigen Afrodeutschen – ihr Bevölkerungsanteil liegt unter einem Prozent – gibt es schließlich noch zahlreiche schwarzafrikanische Migrant*innen, aber auch Afroamerikaner*innen und andere, die sich als Student*innen oder aus beruflichen Gründen vorübergehend in Deutschland aufhalten. Die Frage, woher sie kommen, liegt also nicht so fern, dass man zwangsläufig rassistische Motive dahinter sehen müsste. (…)

Die türkischstämmige Autorin Cigdem Toprak sieht die Sache erfreulich pragmatisch. »Nicht an der Frage kann ich Rassismus oder Abgrenzung ablesen«, erklärt sie, »sondern an der Reaktion auf meine Antwort. Wenn jemand meint, ich werde niemals dazugehören, weil ich anders aussehe, weil meine Vorfahren nicht deutsch sind, dann kann ich von Ausgrenzung sprechen. Und von Rassismus, wenn jemand mich als minderwertig sieht aufgrund meiner kulturellen oder ethnischen Wurzeln. Denn Rassismus setzt immer voraus, dass man die andere soziale Kategorie als minderwertig ansieht. Die Frage, woher man kommt, kann zu einer Kategorisierung führen, aber ist erst dann rassistisch, wenn man glaubt, dass jemand, der aus Bayern kommt oder aus Anatolien, minderwertiger sei. … Wie kann ich leugnen, dass ich diese Frage nicht nur von den Deutschen höre, sondern dass sie gerade auch in migrantischen Communitys immer zu den ersten Fragen gehört, die man sich in Gesprächen stellt? Ob im türkischen Supermarkt, in Gesprächen in der Arztpraxis oder sogar während meiner journalistischen Tätigkeit in Interviews werde ich von Menschen mit türkischen, arabischen oder bosnischen Wurzeln immer gefragt, woher ich komme.«

Ich höre schon den Einwand der Identitären: Opferkommunikation ist doch was ganz anderes als Opfer-Täter-Kommunikation! Wie schön, dass es für alles eine Schublade gibt. Aber wenn solche Rollenverteilungen wegen der angeblichen »Allgegenwart« des Rassismus bis auf die privateste Ebene durchgezogen werden, wie soll dann überhaupt noch Kommunikation möglich sein?
Soll sie ja vielleicht gar nicht. Reni Eddo-Lodges Buch trägt seinen Titel nicht umsonst. (…)

»Wenn eine schwarze Person oder Person of Colour morgens rausgeht und abends nach Hause kommt«, schreibt die afrodeutsche Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly, »hat sie über hundert Begegnungen mit Rassismus gemacht. Und diese Summe macht es aus.« Jede schwarze und farbige Person, jeden Tag, innerhalb von zwölf Stunden? Starker Tobak. Und in der Tat, eine solche Summe würde Quantität in Qualität verwandeln und die These von der Allgegenwart des »Rassismus-Gases« plausibler machen. Da mir als Weißem solche Erfahrungen verwehrt bleiben: Wie glaubwürdig ist diese Behauptung? Ein paar Schlaglichter.

In ihrem Buch berichtet Alice Hasters ihrem (imaginären?) weißen Freund von den »kleinen Situationen«, die ganz anders ablaufen, wenn er nicht dabei ist: »Ich werde dir erzählen, wie die Pförtner*innen sonst zu mir sind oder die Menschen in der Bahn oder hinter der Ladentheke. Du wirst mir nicht glauben. … Du wirst nach konkreten Geschichten fragen, weil du wissen willst, wie das so ohne dich abläuft. Ich werde dir keine erzählen können, weil mir spontan keine einfallen.« Bei mehr als hundert pro Tag? Die afrodeutsche taz-Autorin Neneh Sowe schreibt in einem Artikel über ihre Kindheit in einem thüringischen Dorf: »Ich hatte das Glück, in einem kleinen Ort groß zu werden, in dem die Menschen zum größten Teil nett und freundlich zu mir waren. … Das Dorfleben [war] für mich und meine Geschwister als akzentfrei sprechende light-skinned Personen, also Schwarze mit hellerem Hautton, aber eigentlich ziemlich gut.«

Interview in der taz mit dem 60jährigen iranischstämmigen Hamburger Betriebswirt und Lebensmittelhändler Ali Shahandeh, der vor 35 Jahren nach Deutschland gekommen ist. »Frage: Haben Sie rassistische Erfahrungen gemacht? Antwort: Natürlich habe ich die auch gemacht. Auf dem Weg zu meinem Asylverfahren bin ich in Zirndorf ausgestiegen und wollte nachfragen, welchen Zug ich nehmen sollte. Da haben sie laut geschrien: ›Raus, du Schwein!‹ … Frage: Haben Sie oft solche Erfahrungen wie die in Zirndorf gemacht? Antwort: Nein, nicht so oft. Wenn ich alles zusammenzähle, vielleicht fünf, sechs Mal. Frage: Sechs Mal zu oft. Antwort: Es ist so. Früher war es mehr. Jetzt ist es viel humaner geworden, weil sie entweder ausgestorben sind oder sich gebildet haben, eine andere Ansicht angenommen haben. Die Gesellschaft ist bunter geworden.«

Zahlen bestätigen das. Laut einer repräsentativen Umfrage der Stiftung Mercator und der Universität Bielefeld über Einstellungen zu Integration und Migration begrüßte 2020 erstmals eine Mehrheit der Bevölkerung die Willkommenskultur: »Die meisten Befragten begrüßen es, wenn Einwandernde sich für Deutschland entscheiden. Mehr als die Hälfte der Befragten (62%) freuen  ich, dass Deutschland vielfältiger und bunter wird; jede fünfte befragte Person lehnt das hingegen ab.« 33% der befragten Eingewanderten gaben an, oft oder sehr oft rassistisch beschimpft worden zu sein. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass zwei Dritteln so etwas nicht oft, selten oder gar nicht widerfährt. Laut einer Studie von 2009 glaubt fast ein Drittel der weißen Europäer*innen, dass eine natürliche Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen existiere. Mehr als zwei Drittel sind also immerhin keine Hardcore-Rassist*innen. Und einer Erhebung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes über subjektive Diskriminierungserfahrungen von 2016 zufolge äußerten 11,6 Prozent der Befragten mit direktem Migrationshintergrund und 8,7 Prozent mit indirektem Migrationshintergrund, sie hätten in den letzten 24 Monaten Diskriminierungserfahrungen wegen ihrer ethnischen Herkunft oder aus rassistischen Gründen gemacht.
Alles schlimm genug. Aber nicht so schlimm, wie Kelly glauben machen möchte.

Der Rassismus-Eisberg, von dem Eddo-Lodge spricht, der unsichtbare Monolith, der gehoben werden müsse: Das sind Phantasmen. Der Eisberg schmilzt längst in warmen antirassistischen Strömungen dahin, und der angebliche Monolith hat schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten Risse und bröckelt an allen Ecken und Enden. Wenn Rassismus ein giftiges Gas ist, das in alles strömt, dann gilt dasselbe auch für das Gegengift des antikolonialistischen und antirassistischen Widerstands: Im weißen  Universum der Identitätspolitik ist er die unkaputtbare Antimaterie, die überall dort die Rassismusmaterie vernichtet, wo beide aufeinandertreffen (meine kleine private  Astrophysik). »Das ist meine Auffassung von Rassismus«, schreibt Alice Hasters: »Er ist schon so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln.«

Falsch. Wir können durchaus anders.


Gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Buch „Feindbilder – das weiße Universum des identitären Antirassismus“ von Peter Robert (renitenT Verlag, 2021).
Den vollständigen Text samt Quellenangaben gibt es hier als PDF-Download: Feindbilder

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des renitenT Verlags

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