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Dienstag, 24. Februar 2026

Standing Ovations für einen Faschisten

Größenwahn oder das Ende der Bisons

Als Marco Rubio mit seiner Rede fertig war, hielt es die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz nicht mehr auf ihren Stühlen. Der ganze Saal spendete dem amerikanischen Außenminister stehenden Applaus, und Tagungsleiter Wolfgang Ischinger fragte ihn, ob er den „Seufzer der Erleichterung“ des Publikums gehört habe: Europa und die USA, endlich wieder vereint!

Manche hören eben nur, was sie hören wollen. Die Frage ist doch: Vereint wofür oder wogegen?

Was das betraf, drückte Rubio sich ganz klar aus: „Unter Präsident Trump werden die Vereinigten Staaten von Amerika erneut die Aufgabe der Erneuerung und der Wiederherstellung in Angriff nehmen, angespornt von der Vision einer Zukunft, die so stolz, so souverän und so vital ist wie die Vergangenheit unserer Zivilisation. Und obgleich wir bereit sind, dies notfalls allein zu tun, hegen wir doch die Hoffnung, es zusammen mit euch tun zu können, unseren Freunden hier in Europa.“

Fünfhundert Jahre lang habe sich „der Westen“ ausgedehnt: „Seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten, seine Forschungsreisenden strömten hinaus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln und gewaltige Imperien zu errichten, die sich über den gesamten Erdball erstreckten.“ 1945 sei der Westen jedoch „zum ersten Mal seit den Zeiten von Kolumbus geschrumpft. Europa lag in Trümmern.“

Europa in Trümmern? Wie konnte das passieren? Rubio schweigt sich darüber aus und fährt fort: „Die großen Weltreiche des Westens waren endgültig im Abstieg begriffen, beschleunigt von gottlosen kommunistischen Revolutionen und antikolonialistischen Erhebungen.“ Darum glaubten nun viele, so Rubio, das Zeitalter der westlichen Vorherrschaft sei vorbei. Gemeinsam könne man jedoch „ein neues westliches Jahrhundert“ begründen. Dafür brauche man jedoch starke, nicht von Scham und Schuldgefühlen belastete Verbündete, die stolz auf das historische Erbe ihrer „großartigen und edlen Zivilisation“ seien, willens und fähig, diese zusammen mit den Amerikanern zu „verteidigen“.

Fast hundert Jahre vor Rubio, nach den Demütigungen des verlorenen Ersten Weltkriegs samt anschließender Reparationen und dem Scheitern der Weimarer Republik, hatte schon jemand anders den Deutschen eine glorreiche Zukunft in einem nicht nur hundertjährigen, sondern gleich tausendjährigen Reich versprochen, dem „Dritten Reich“ in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches und des Kaiserreichs. „Immer und immer wieder predige ich“, schrie Hitler am 10. Februar 1933 bei einer Kundgebung im Berliner Sportpalast, „der Wiederaufstieg der deutschen Nation ist die Frage der Wiedergewinnung der inneren Kraft und Gesundheit des deutschen Volkes.“ Und er ergänzte wenige Monate später, am 1. Mai: „Unser Volk ist nicht mehr das Volk der Ehrlosigkeit, der Schande, der Selbstzerfleischung, der Kleinmütigkeit und Kleingläubigkeit. Das deutsche Volk ist wieder stark geworden in seinem Geiste, stark in seinem Willen, stark in seiner Beharrlichkeit, stark im Ertragen aller Opfer.“

Die Parallelen sind augenfällig. Make America great again, make Germany great again, make the Western Civilisation great again! Der krankhafte Größen-Wahn, der die MAGA-Bewegung und die Nationalsozialisten eint, träumt von der Rückkehr in eine imaginierte Vergangenheit und verschließt dabei die Augen vor allem, was dieses irreale Wunschbild trüben könnte.

Ein paar Schlaglichter, zur Erinnerung: Kolumbus‘ zweite Reise (1493-1496) „wurde zum Auftakt für den wohl größten Völkermord, den die Menschheit bis dahin erlebt hatte“, schreibt der deutsche Autor und Dramaturg Fabian Scheidler in „Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“. Binnen zwei Jahren wurde die Hälfte der 250.000 Menschen zählenden Bevölkerung Hispaniolas (heute Haiti und Dominikanische Republik) ausgerottet. Die übrigen mussten sich auf Sklavenplantagen zu Tode schuften. 1550 waren schließlich nur noch 500 Menschen übrig. So geschah es laut Scheidler in allen Gegenden, in die die Spanier ihre Füße setzten, von Mexiko bis Peru. „Die genauen Zahlen dieses Völkermordes werden wohl nie definitiv zu ermitteln sein. Von schätzungsweise 50 Millionen Einwohnern Süd- und Mittelamerikas waren 150 Jahre nach Kolumbus gerade noch drei Millionen übrig.“

Kurz zuvor hatte die letzte Phase der christlichen Reconquista mit der Eroberung Granadas die maurisch-muslimische Hochkultur in Andalusien endgültig vernichtet. Noch im selben Jahr wurde die Vertreibung der Juden aus allen von Kastilien und Aragon beherrschten Gebieten beschlossen. Mit diesem strahlenden Sieg der christlichen Zivilisation gingen vor allem die Spanische Inquisition und die Hexenverfolgungen einher.

In der „Neuen Welt“ wurden unterdessen die Ressourcen geplündert. Am Cerro Rico bei Potosi im heutigen Bolivien baute man große Silbervorkommen ab. „Vielleicht ist tatsächlich kein Ort auf Erden dem Bild der Hölle je so nahe gekommen wie die Minen von Potosi“, so Scheidler. „Nachts brannten an den Hängen des Berges 6000 Feuer, in denen das Silber geschmolzen wurde; die giftigen Dämpfe löschten jede Vegetation im Umkreis von 30 Kilometern aus. Der uruguayische Journalist Eduarda Galeano schätzt die Gesamtzahl der Todesopfer in den Minen während der drei Jahrhunderte ihres Betriebes auf acht Millionen Menschen.“ Gewaltige Mengen von Silber überschwemmten Europa, was zu einer galoppierenden Inflation vor allem bei den Lebensmittelpreisen führte. Zugleich hielten die Herrschenden die Löhne so niedrig wie möglich. „Zwischen 1500 und 1700 fielen daher die Reallöhne dramatisch, in vielen Regionen um bis zu 70 Prozent. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichten die Durchschnittslöhne in Europa wieder das Niveau des späten Mittelalters.“

Anfang des siebzehnten Jahrhunderts weigerten sich die Bewohner der indonesischen Banda-Inseln, der holländischen Ostindien-Kompanie ein Monopol auf die begehrten Muskatnüsse zu gewähren. Daraufhin lernten sie die westliche Zivilisation erst so richtig kennen: 1621 rückte die Ostindien-Kompanie „mit einigen Tausend Söldnern an und veranstaltete ein Massaker auf den Inseln“, so Scheidler. „Nach einem Jahr hatten die Holländer ihr Monopol, während von den ursprünglich 15.000 Einwohnern nur noch 1000 übrig waren. Unterdessen blühte Amsterdam zur reichsten Stadt Europas auf, berühmt für seine Kunst und Liberalität. … Das ‚Goldene Zeitalter‘ der Niederlande war zugleich eines der finstersten Zeitalter in der indonesischen Geschichte. Der Aufstieg der europäischen Zivilisation war gekoppelt an die Barbarei auf der anderen Seite des Globus.“

In Amerika wurde die Ausrottung der Ureinwohner mit allen Mitteln vorangetrieben; man massakrierte sie oder ließ sie verhungern. Von mehreren Millionen nordamerikanischen „Indianern“ war 1900 nur noch eine knappe Viertelmillion übrig. „Tötet so viele Büffel, wie ihr könnt, denn jeder tote Büffel ist ein Indianer weniger“, so Colonel Richard Irving Dodge im Jahr 1867. Bis 1890 wurden die rund 30 Millionen Bisons fast vollständig ausgerottet. General Philip Sheridan („Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“) setzte sich für die Tötung auch noch der letzten Tiere ein, um „die Indianer ruhigzustellen“.

Es gibt ein um 1875 herum entstandenes Foto, das einen gewaltigen Berg von abertausend Bison-Schädeln zeigt; davor ein weißer Mann, der den Fuß wie ein Trophäenjäger auf einen solchen Schädel stellt. Wenn etwas ein Sinnbild der christlich-westlichen Zivilisation ist, dann dieses Foto.

„Hätte jemand die Zivilisation vor 1492 zusammenbrechen lassen, würden wahrscheinlich die Arawak immer noch friedlich in der Karibik leben“, schreibt der US-amerikanische Autor und Umweltaktivist Derrick Jensen in „Endgame – Zivilisation als Problem“. „In den Urwäldern an der ganzen Ostküste entlang würden Indianer leben, zusammen mit Bisons, Mardern und Fischmardern. Nord-, Mittel- und Südamerika wären ökologisch und kulturell intakt. Die Menschen hätten wahrscheinlich, wie immer, reichlich zu essen. Hätte jemand die Zivilisation beseitigt, bevor der Sklavenhandel einsetzte, dann wären nicht 100 Millionen Afrikaner auf diesem speziellen Altar der wirtschaftlichen Produktion geopfert worden.“ Über die Zahl mag man streiten, aber dass es viele Millionen waren, steht fest.

Im Heiligen Römischen Reich hatte sich der Kurfürst von Brandenburg schon ab 1683 am Sklavenhandel beteiligt; die Brandenburgisch-Afrikanische Kompagnie verkaufte ca. 17.000 Sklaven in die Karibik. Das Deutsche Kaiserreich erwarb dann ab 1884 zahlreiche Kolonien („Deutsche Schutzgebiete“) in aller Welt. Bekannt ist der Völkermord an den Nama und Herero in „Deutsch-Südwestafrika“ (dem heutigen Namibia) von 1904 bis 1908, dem bis zu 60.000 Herero und etwa 10.000 Nama zum Opfer fielen. „Ein Recht der Eingeborenen, welches nur um den Preis verwirklicht werden könnte, dass die Entwicklung der weißen Rasse darüber an irgendeinem Punkt verkümmern müsste, existiert nicht“, zitiert Jensen einen deutschen Kolonialoffizier in Südwestafrika, der fortfährt: „Die Idee, dass die Bantus, die Sudanneger und die Hottentotten in Afrika ein Recht darauf hätten, nach ihrer eigenen Facon zu leben und zu sterben, selbst wenn darüber unzählige Existenzen bei den Kulturvölkern Europas in einem proletarischen Kümmerdasein stecken bleiben, anstatt dass sie durch eine Vollausnutzung der Produktionsfähigkeit unseres Kolonialbesitzes sowohl selbst zu einem reicheren Dasein emporsteigen, als auch den Gesamtbau der humanen und nationalen Wohlfahrt freier in die Höhe richten helfen (…), diese Idee ist absurd.“

Bei der Errichtung dieses Gesamtbaus verschwand wenig später auch das Licht der Aufklärung unter Lampenschirmen aus der Haut jüdischer Menschen. Den Leichengestank dieser Zivilisation kann auch der Talmi-Glanz der „westlichen Werte“ nicht überdecken.

Kolonialismus, Rassismus, Sklaverei, Völkermord; Kapitalismus, Faschismus und Antisemitismus: Nichts von alledem findet sich in Marco Rubios Kitschgemälde von der glorreichen Vergangenheit der westlichen Zivilisation. „Wir lernen aus der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen, damit wir die Zukunft besser gestalten können“, formuliert der australische Paläontologe Mike Archer einen fundamentalen Grundsatz, der nicht nur für die wissenschaftliche Arbeit, sondern auch für die Politik gelten sollte. Die MAGA-Bewegung will jedoch das genaue Gegenteil: Sie will weder aus der Vergangenheit lernen noch die Gegenwart verstehen, sondern uns in eine Zukunft führen, die wahrlich von gestern ist; eine Zukunft, in der wir die genannten Schrecken erneut oder weiterhin und möglichst ohne jedes Schamgefühl anderen zufügen oder selbst durchleben müssten.

Mit ihren Standing Ovations haben die „glücklichen Vasallen“ (Leon Holly in der taz) der europäischen Politik diesem reaktionären Programm zugestimmt und ihre Bereitschaft zur Mitwirkung erklärt.

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