Kein Schmus, kein Trost, kein Happy-End
Ein gut gelaunt und topfit daherkommender Heinz Strunk präsentierte am Samstagabend vor fast ausverkauftem Haus Geschichten aus seinem aktuellen Erzählband (Kein Geld Kein Glück Kein Sprit), eingebunden in eine »Show«, die laut Selbsteinschätzung des Künstlers zwischen Rammstein und Pink Floyd oszilliere. Was natürlich, wie einige aus der Eingebung herausgehauenen Bemerkungen, nicht so ganz ernst gemeint ist. Keine Frage, der Schriftsteller Heinz Strunk ist längst zu einem Entertainer gereift, mit einem Programm, das von einer fünfzehnminütigen Pause unterbrochen gute eineinhalb Stunden mehr Scharfsinniges und Abgründiges bietet als Klamauk.
Eine von scharlachrotem Tuch umhüllte Bühne, schummrig ausgeleuchtet von drei Spotlights, in deren Kegel sich zarter Nebel windet, lässt Grusliges erahnen und Erinnerungen aufpoppen an die Komposition, mit der Strunk bislang am nachhaltigsten geschockt hat: Der goldene Handschuh (2016), das literarische Biopic des Frauenmörders Fritz Honka. Vielleicht wirken hier auch Bilder aus der gleichnamigen Verfilmung (2019, Fatih Akin) mit, ganz auseinanderhalten lässt sich sowas nie. An diesem Abend soll das schaurige Ambiente mehr zu dem passen, was im zweiten Teil des Events kommt: Auszüge aus dem neusten Sujet, an dem sich der multibegabte Hamburger ausprobiert: Graf Fauchi und das verlorene Gebiss, eine Vampirgeschichte als Graphic Novel, für reine Kinderseelen eher nicht zu empfehlen. Und was noch? Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mikro (das den Meister nervt, weil es dazu neigt, sich selbst zu verstellen), ein ins hellere Licht gesetzte Instrument (Casio Keyboard), daneben ein Schellenkranz.
Geschichten aus dem sozialen Niemandsland

Mit diesem Einstieg hat er die Leute schon mal auf seiner Seite. Und setzt noch einen drauf mit einer Klage darüber, dass Erzählbände in Deutschland ein Schattendasein fristen würden. Zu Unrecht, wie er meint. Das »Fasse-dich-kurz-Prinzip« von Erzählungen umfasse unschätzbare Vorteile. Was ihn dazu bringt, eine Rechnung aufzumachen, die zu einem frappierenden Ergebnis führt: Man bekomme mit seinem Buch, das weniger als 300 gr. wiege, unter der Voraussetzung, dass in jeder kurzen Geschichte ein Roman stecke, für ganze 23€ insgesamt 10800 Seiten geliefert – spare somit sage und schreibe 877 €!
Ganz zu schweigen, dass es sich um 36 »Premium-Erzählungen« handle. Überhaupt scheint es ihm an Selbstbewusstsein nicht zu mangeln, immer wieder wirft er in den Erzählpausen oder zwischen den Absätzen ein, wie genial er dieses oder jenes gelöst habe oder aus was für einer super Idee das gerade Vorgetragene entstanden sei.
Der Kern seiner »Show« bietet einen literarischen Parforceritt durch unsere Welt, wie Heinz Strunk sie sieht. Es beginnt mit einem Schlaglicht auf Sehnsüchte (nach einem Flirt oder mehr), wie sie auch erfolgreiche Männer plagen, gefolgt von einem Nachruf auf die Bergers, ein »Denkmal« für Menschen, die von ihrem Leben keine Spuren hinterlassen. Nicht zu überhören die Nähe dieser biografischen Skizze zu der kleinbürgerlichen Enge, wie sie der Autor in seinen Kinder- und Jugendjahren in Hamburg-Harburg selbst durchlitten hat. Zwischendurch eine Kostprobe seines Faibles für Horror-Fiction, das auf minimale zwei Seiten das Schicksal des Torsten Markgraff in Szene setzt, der am Grosser-Marfin Syndrom leidet. Auch so eine »geniale Erfindung« von Strunk, dem es hörbar Vergnügen bereitet, vorzulesen, wie der arme Torsten durch einen genetisch bedingten Stimmfehler immer mehr der Vereinsamung anheimfällt, weil er sich nur mit Kreaturen aus der Tierwelt verständigen kann, zuletzt mit Fledermäusen im Ultraschallbereich.
Eine Kernkompetenz Strunks ist das Sozialdrama, ebenso akribisch entworfene wie leichtfließend erzählte Loser-Geschichten aus den Abgründen des Prekären, immer mit dem ihm eigenen Zug ins Absurde. Wie die Passionsgeschichte von Dennis, einem hoffnungslos übergewichtigen, früh verrenteten LKW-Fahrer, der sich eigentlich nichts mehr wünscht als »rauchen, naschen und Mezzomix«. Und das soll ihm gestrichen werden, von Nadine, seiner Frau. Mit dem Ergebnis, dass das Aneurysma in seinem Kopf schließlich platzt.
Harter Text, findet selbst der Autor, »aber nützt ja nix!«
Die Heinz-Strunk-Show
Zurück zur »Show« erinnert der sich fürs Entertainment verantwortlich fühlende Autor nach etwa 45 Minuten, dass da ja noch was kommen müsse. Und so schickt er seine Zuhörer mit einem Lern-Rap im Casio-Keyboard-Takt in die Pause, ganz nach Vorbild von Trio komponiert und arrangiert. Das Stück heißt Drohnen, eine Hommage an den »schönsten aller Vokale- das O«. Je nach Tagesform sei er mit seinem Gesang bis zu 40% schneller als Eminem. Wie er das an diesem Abend in der Botschaft hinkriegt, lässt sich nicht exakt bemessen.
Zum zweiten Teil seiner »Show« erscheint Strunk doch ein bisschen aufgeregt, vielleicht, weil er sich nicht ganz sicher ist, wie die das Experiment mit dem Comic-Genre ankommt – und ob der Klapprechner funktioniert. Er tut´s. Damit gelingt es ihm leicht, das Lesen durch die Präsentation der kongenialen Illustration (André Breinbauer) auf der Leinwand zu illuminieren. Über mehrere Bild-Stationen kann das staunende Auge dabei mitfiebern, wie der Dieb der so überlebensnotwendigen Kauhilfe schließlich dingfest gemacht wird. Es war der Glöckner von Transsylvanien. Und so sehen wir einen überglücklichen Grafen durch die Wolken davonrauschen, einer nachhaltigen Existenz unter den Untoten entgegen. Immerhin eine Geschichte mit Happy End.
Weiter geht´s im Reigen des ganz normalen oder skurrilen Wahnsinns, je nach dem. Das Ganze schließt mit dem zweiten Teil von Scampipfanne, einer Groteske über die Reiselust der Boomer und noch Älteren, deren jährliche Pauschal-Trips zu den Touristenhotspots des mediterranen Südens und wie das Essen im Herbst des Lebens den Sex ersetzt. Um dieser geriatrisch zersetzten Vorhölle aus Strunks Fantasie zu entfliehen, hilft Musik. Ob das vibrierende Solo auf der Querflöte, mit dem er den Lese-Teil ausklingen lässt, wohl von Jethro Tull inspiriert ist? Musikalische Intermezzi wie dieses erinnern daran, dass Strunk ursprünglich eine Karriere als Popmusiker vorschwebte, bevor ihn sein Roman-Debut (Fleisch ist mein Gemüse) drauf brachte, es besser mit dem Erzählen zu versuchen.
Um die Anwesenden nicht vollends im Trostlosen zu verabschieden, schwingt sich der »Altrocker«, der er ja sei, noch einmal, multimedial aufgepeppt durch zwei Tamborini, zu einer melodiösen Performance auf: Computerfreak, salopp kommentiert, das Gegenteil von einer Pop-Hymne.
Das war´s, zwei überaus höfliche Verbeugungen zu jeder Seite.
Und tschüss!
P.S.: Natürlich gab es noch die obligatorische Viertelstunde zum Signieren. Es brauchte allerdings etwas Geduld, bis der Mann des Abends sich dazu aufraffen konnte. Die Pflichtschuldigkeit, mit der er diesen letzten Akt der Vorstellung erledigte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Trotzdem blieb noch Zeit für Selfies – nützt ja nix.
Wer mehr von Heinz Strunk lesen oder erleben möchte, sei ans Herz gelegt, dass er (»bis zu meinem Ableben«) im jährlichen Wechsel einen Erzählband (der nächste liegt bereits druckreif unter dem Titel Die Weihnachtsfeier der Tagesschau-Sprecher auf Lager) und einen Roman herausbringen wird. Auch die Serie mit Graf Fauchi werde fortgesetzt. Zurzeit läuft die Bühnenversion seines Romans Ein Sommer in Niendorf am Hamburger Schauspielhaus mit Charly Hübner in der Hauptrolle.












