Mit starker Ansage ins neue Jahr
In den Abgrund geschaut, wieder aufgerappelt und mit 4 Punkten hinterm Spitzenreiter in die Winterpause, dazu noch Planungen zur Stadionsanierung eingetütet, neues Trainingszentrums im Bau, – wenn das im Juli im »Kicker« oder anderswo vorausgesagt worden wäre, hätte ein Joe Enochs »dies sofort unterschrieben« (NOZ). Und doch sah man etliche mit bedröppelten Mienen nach dem letzten Heimspiel des Jahres 2025 aus dem Stadion ziehen und in den Kommentaren, sei es bei OS-Rundschau, NOZ oder in den Foren, machte sich Frust und Skepsis Luft. Prompt hat die sportliche Führung mit der spektakulären Verpflichtung Julian Kanias von Arminia Bielefeld noch vor Silvester reagiert. Laut Enochs keine Hauruck-Aktion, sondern von langer Hand geplant. Offenbar hatte sich auch in den Köpfen der verantwortlichen der Eindruck festgesetzt, dass mit dieser Mannschaft mehr drin sein könnte, wenn man sie gezielt verstärkt.
Auswärts hurra – zu Hause nicht richtig da
Für jeden Beobachter des bisherigen Saisonverlaufs müsste unstrittig sein, dass man mit dem Team der Hinrundenbesetzung die Liga maximal verwalten, aber nicht dominieren kann. Das scheint mittlerweile auch Joe Enochs und Timo Schultz zu wenig. Im ersten Statement des neuen Jahres (NOZ) spricht man ganz offiziell von der »Chance auf den Aufstieg«, die »mit aller Macht« ergriffen werden soll.
Dazu müsste sich jedoch etwas ändern, und zwar in erster Linie in den Spielen im eigenen Stadion. Zu eklatant klafft der Kontrast zwischen Auswärts- und Heimspielen.
Hinsichtlich der Auslastung liegt die Bremer Brücke bei 95% und gehört damit nicht erst seit dieser Saison zu den am meisten besuchten Stadien der Liga. Demgemäß sollte der VfL laut Enochs auch sportlich endlich wieder eine Macht werden. Aktuell ist er aber in der Heimtabelle nur 14., in der Auswärtstabelle dagegen Zweiter – dabei ist die Diskrepanz hinsichtlich der Punktausbeute gar nicht so riesig, aber eben in den Leistungen und aus der Sicht von den Rängen. Wie kann das?
Die gängigen Erklärungsmuster halten sich an Einschätzungen, die von vermeidbaren Punktverlusten sprechen und unnötigen Niederlagen. An sich sei der VfL, abgesehen von Hoffenheim II, stets die bessere Mannschaft gewesen. Betont wird in solchen Erzählungen das Übergewicht an Torchancen, die sich die Mannschaft erspielt habe – jedoch leider nicht genutzt. Eine Interpretation, die sich unter dem unmittelbaren Eindruck des Verlaufs der Stuttgart-Partie noch zu bestätigen schien. Nur ein überragender Torhüter auf der Gegenseite habe dem eigentlich vorhersehbaren Ausgang im Wege gestanden. Das mag in Bezug auf diese Niederlage zutreffen, die Analyse der Heim-Misere hingegen allein auf die Formel Chancenwucher zu reduzieren, greift zu kurz und übersieht das strukturelle Problem.
Probleme mit der Spielverantwortung
So klasse es auswärts auch läuft – die Mannschaft der Hinrunde kann keine Heimspiele. Und das liegt nicht nur am Personal, sondern auch am System. Dass es in der Abwehr so gut funktioniert, daran hat der Trainer einen großen Anteil. Aber dass es offensiv zu sehr rumpelt, liegt eben auch in seiner Verantwortung. Der Eindruck, dass der VfL in dem meisten Partien zu Hause dominant war, mag wohl belegen, wie oft der Ball in die gegnerische Hälfte getrieben wurde, übersieht aber, in welcher Art und Weise das auf heimischen Rasen abgelaufen ist. Entweder hatte die Mannschaft so gut wie keine Torchancen, aber irgendwie noch ein Tor erzwungen (Ingolstadt), es gab vermeintlich Chancen für nix (Duisburg) oder man verließ die Brücke mit dem Gefühl, das hätte ewig so ereignisarm weitergehen können (Aachen, Rostock). Ganz bitter die Nachmittage, an denen die gegnerische Mannschaft das durchschaubare Anrennen humorlos ausnutzte (Wehen-Wiesbaden, Stuttgart II).
Von vornherein war festgelegt, wie das Offensivspiel des VfL funktionieren sollte: von außen über die Schienenspieler. Und da sich an dieser Taktik bis dato nichts wesentlich geändert hat, sind ausgeschlafene Gegner bestens im Bilde und vorbereitet, die Wege der Schumachers, Christensens und Kammerbauers auf den Außenbahnen zu verteidigen. Mit Erfolg, wenn man die Heim-Torbilanz anschaut. Die Variante mit Lesueur auf der linken Strecke zeigte in den letzten zwei Partien vorne zwar Wirkung, ging phasenweise aber auch nach hinten los, weil der gute Tony nun mal ein gelernter Angreifer ist und kein Verteidiger.
Alle Versuche des Trainers, das Spiel durchs Zentrum zu forcieren, um variabler zu werden, haben bislang wenig gebracht. Durch die Mitte läuft´s auf heimischen Rasen nicht. Ob die offensivere Mittelfeldposition neben dem Defensivallrounder Jacobsen nun wechselweise mit Wagner, Henning oder Wiethaup besetzt wurde, es blieb ruckelig. Ungeschminkt betrachtet fehlt es im Zentrum, wenn es nach vorne gehen soll, an Qualität. Hinzu kommt, dass Schultz bislang mit einem Stoßstürmer agiert, der im Grunde keiner ist. Trotzdem gehört Robin Meißner zu den Leistungsträgern des Teams und ist wie Jacobsen, Kehl, Fabinski und Kammerbauer aktuell unverzichtbar. Als Mittelstürmer wird er gebraucht, weil sich aus dem Kader bisher keine ebenbürtigen Alternativen entwickelt haben. Ähnliches gilt für Lars Kehl. Obwohl er neben Meißner der gefährlichste Offensivkraft im Team ist, könnte er als Spielgestalter auf der Acht noch wertvoller für das Team sein.
Kania-Transfer eröffnet neue Optionen
So gesehen ist Joe Enochs mit der Ausleihe von Julian Kania ein Coup gelungen – wenn er dann einschlägt, wie man sich erhofft. Mit ihm als echter Spitze könnten sich für den VfL endlich die Optionen eröffnen, um die genannten Baustellen zu schließen: Meißner als Vorbereiter von außen und Kehl als aus der Tiefe agierender Spielgestalter. Wie das so ist rund um die Bremer Brücke, wenn nur Fünkchen von Hoffnung sprühen, träumen gleich etliche davon, dass es mit dem Torjäger aus Bielefeld ähnlich bergauf laufen könnte wie im Winter vor sechs Jahren mit Benjamin Girth, der nach seinem Blitztransfer innerhalb von wenigen Spielen zum Shooting-Star avancierte und den VfL in die Zweite Liga schoss.
Welche weiteren Personalveränderungen sind möglich?
Das Team des VfL umfasste in der Hinrunde 26 Spieler. Man kann also nicht von einem aufgeblähten Kader sprechen. Trotzdem steht zu erwarten, dass sich auf der Zugangsseite allenfalls noch etwas tut, wenn der eine oder andere Spieler den Verein kurzfristig verlässt.
Den Verein verlassen wird Nikky Gogouadze, der schon unter Antwerpen kaum zu Einsätzen kam und in den Planungen von Timo Schultz keine Rolle spielte. Er wird ab sofort für die zweite Mannschaft von St. Pauli auflaufen.
Ein weiterer Spieler, der in Ligaspielen nicht mehr zum Einsatz kommt, ist Bashkim Ajdini. In seinem Fall ist jedoch davon auszugehen, dass er seinen gut dotierten Vertrag bis zum Saisonende abfeiern wird. Ähnlich verhält es sich mit Robert Tesche, wobei nicht auszuschließen ist, dass der Verein über die Saison hinaus ihn irgendwo im Staff integrieren möchte. Vielleicht ist es deshalb um diese Personalie so still.
Im Blick auf Akteure, die bisher mehr schlecht als recht agiert haben, könnte man sich wünschen, dass ein Luc Ihorst sich vorzeitig im Guten verabschiedet. Zu erwarten ist das eher nicht. Welcher Club sollte da anklopfen? Ähnlich unzufrieden muss die bisherige Performance von Kai Pröger machen. Kaum vorstellbar, dass er in der Rückrunde mit mehr als sporadischen Einsätzen von der Bank aushelfen kann. Zu wünschen wäre, dass er zumindest seine Defizite hinsichtlich der Fitness in der Vorbereitung nach Neujahr aufholt.
Im Bereich des Möglichen schien im Dezember ein Winter-Wechsel von Kevin Wiethaup. Vor allem, weil er bei einem Marktwert von 200000 € noch eine ansehnliche Summe eingebracht hätte. Nun hat Enochs klargestellt, dass er vorerst bleibt. Womit sich die Optionen für den Spieler und seine Berater klar verbessert haben, denn zur kommenden Saison kann er ablösefrei wechseln. Erwarten kann man, dass der veranlagte Mittelfeldspieler richtig Gas geben wird, sei es, um mit der Mannschaft das ganz große Ziel zu schaffen oder um potenziell interessierte Vereine für sich zu überzeugen. Es bleibt also spannend mit ihm. Und – falls der Aufstieg tatsächlich gelingen sollte – vielleicht entscheidet er sich schließlich doch für eine Zukunft beim VfL.
Heimspielprobe mit attraktivem Gast: Schalke 04
Wie sich das neue Personal einfügt, kann Timo Schultz bereits in einer Woche in einem echten Härtetest ausprobieren. Am Samstag, 10. Januar (14 Uhr), ist kein Geringer als der aktuelle Tabellenführer der 2. Liga aus Gelsenkirchen zu Gast. Das ist aus sportlicher Perspektive wie in finanzieller Hinsicht (beide Vereine werden an den Einnahmen beteiligt) ein äußerst attraktiver Gegner. Nicht nur zahlreiche Anhänger des VfL aus Stadt und Umgebung, sondern auch viele Schalke-Fans aus der Region und aus dem Ruhrpott werden sich dies nicht entgehen lassen. Mit einer fünfstelligen Kulisse ist zu rechnen. Um die Vorfreude auf diese Rückrundenvorschau nicht zu trüben, ist die Vereinsführung bemüht, keine Erinnerungen an die letzte Begegnung der beiden Teams (ohne Zuschauer am 7.5.2024 auf St. Pauli) zu thematisieren. Deshalb soll auch an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Als man sich 2022 zuletzt auf freundschaftlicher Basis an der Bremer Brücke traf, kam jedenfalls ein spannendes und nicht torarmes Spiel (2:2) zustande. Laut nicht weiter konkretisierten Informationen soll es einen weiteren Test geben: gegen einen Regionalligisten, höchstwahrscheinlich ohne Zuschauer.
Unabhängig davon, wie diese Tests ergebnistechnisch verlaufen, können die Osnabrücker Fans tiefenentspannt auf die erste Begegnung der Rückrunde schauen. Die startet nämlich auswärts, bei Allemannia Aachen (17.1./16.30 Uhr). Dass der VfL Auswärtsspiele besonders gut kann, weiß mittlerweile die gesamte Liga. Vielleicht wird das neue Jahr ja eines dieser ganz besonderen für den VfL Osnabrück.













