Freitag, 23. Februar 2024

Der Friseur und das Allgemeinwohl

Es gibt manchmal Lappalien, die im umgekehrten Verhältnis zur Erregung stehen.

Ein solcher Fall ist die Empörung eines Mitbürgers, der als selbständiger Friseur in Osnabrück tätig ist. Sein Geschäft liegt am Hasetorwall. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde ein Parkstreifen in einen längst überfälligen breiteren und sichereren Radweg umgewandelt. Nun sieht der Friseur sein Geschäft, seine Existenz bedroht, weil ihm die Kunden, die es eilig haben und „mal eben“ mit dem Auto vorbeikämen, ausbleiben, weil sie keinen Parkplatz mehr finden.

Dass der arme Mann nun Unterschriften für ausgleichende Parkplätze sammelt, ist sein gutes Recht. Aber ist es auch so viel Aufmerksamkeit wert, dass die NOZ ihm eine halbe Seite widmet? Denn hier geht es genauer betrachtet um ein Geschäftsinteresse, das sich in ein vermeintliches Allgemeinwohl kleidet. Da er offensichtlich allein tätig ist, bleibt uns die Arie von Arbeitsplatzverlusten erspart.

Ein paar Hundert Unterschriften soll er schon gesammelt haben, die er dann der Oberbürgermeisterin übergeben will. An einen Bürgerentscheid denkt er (noch) nicht. Ob die Unterschriften von seinen Kunden oder von Anwohnern stammen, die lediglich „ihren“ Parkplatz vor der Haustür wieder haben wollen, würde die Unterschriftenliste offenbaren.

Was ist an dieser Causa erwähnenswert? Es ist die Ouvertüre für einen sich abzeichnenden „Kulturkampf“ in der Umverteilung öffentlicher Räume. Der Herr Friseur agiert hier defensiv, denn den Radweg selbst hält er für eine gute Idee. Es ist übrigens auch kaum vorstellbar, dass seine Kunden ausgerechnet dort „mal eben“ in Eile ihren Parkplatz gefunden hätten, um sich dann in aller Ruhe in seine Obhut zu begeben.

Rechnet man die Zeit für die Parkplatzsuche ein, könnte man selbst seinen durch Zeitknappheit gestressten Kunden empfehlen, die üppige Ausstattung des Friseurladens mit anderen Parkangeboten zu nutzen. Der Laden sich umzingelt von Parkhäusern mit Minuten an Gehwegen. Drei Parkhäuser stehen bereit: Vitihof, Altstadt und Stadthaus. Alle drei sind unter fünf Minuten zum Laden erreichbar. Aber wer ist eilig habe, so der Friseur gegenüber der NOZ, dem sei das zu weit. Und da müsse man auch an seine kranken und behinderten Kunden denken.

Und hier entpuppt sich des Pudels Kern. Es geht um den ebenfalls gegenüberliegenden obererdigen Parkplatz an der Dominikanerkirche, der bis 14 Uhr Mitarbeitern der Stadtverwaltung vorbehalten ist. Der Zufall will es, dass unser Friseur genau zu dieser Tageszeit seine ersten Einbußen erlebt.

Und um diesen Parkplatz scheint es auch der NOZ zu gehen. Anders ist nicht nachvollziehbar, warum sie solchen argumentativen Unsinn kommentarlos eine halbe Seite schenkt und so ganz nebenbei erwähnt, dass die Autopartei BOB schon lange die Freigabe dieses Parkplatzes fordert.

Es wird nicht einmal gefragt, wie das andere der zahlreichen Friseurläden in der Innenstadt mit dem gleichen Geschäftsmodell geregelt kriegen. Oder soll nun – gleiches Recht für alle – jeder Friseurladen für seine Kundschaft ein besonderes Parkrecht erhalten?

Der „Kampf um die Nutzung öffentlicher Räume“ scheint eine neue Qualität zu bekommen. Die NOZ war hier bislang relativ neutral, aber das kann sich auch ändern. Es wird Zeit, intensiver an einer Gegenöffentlichkeit zu arbeiten.

 


Zum Thema zwei Satiren von Ende 2019, als die Kolumnen in der Hasepost zumindest hin und wieder noch les- und genießbar waren …

Die Grünen sind grün, aber BOB ist Grüne

Von Autobobbyisten und der schönsten Teerlunge der Stadt

 

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