Freitag, 19. April 2024

Die Vorgeschichte Israels in Palästina – Teil 1

Teil 1
die Teile 2 und 3 folgen morgen und übermorgen

Der Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen mit seinen grausamen Folgen für die Zivilbevölkerung beschäftigt uns alle. Bei den kontrovers geführten Debatten über das Recht zum Krieg Israels gegen die Hamas kommt immer wieder auch die Frage nach den Gründen, den Ursachen des gesamten Konfliktfeldes mit ins Visier. Da diese Fragen teilweise weit in die Vergangenheit reichen, soll hier der Versuch gemacht werden, so kurz wie möglich die Hintergründe und die Entwicklung dieses Konfliktes bis zur Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 zu skizzieren. Denn die Kenntnis dieser „Vorgeschichte“ ist für das Verständnis auch des gegenwärtigen Dramas unabdingbar. Die Hoffnung ist, dass die historische Orientierung auch zur Versachlichung der Debatten beiträgt.

Am Anfang steht die Frage: Wo beginnen? Thomas Mann hat seine Tetralogie Joseph und seine Brüder mit dem Satz eröffnet: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollten wir ihn nicht unergründlich nennen?“ Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Und die Geschichte des jüdischen Volkes gehört dank des Alten Testamentes bis in die tiefen Vorzeiten zu den am besten aufgezeichneten und überlieferten Geschichtserzählungen. Aber auch hier müssen wir der Versuchung widerstehen, sprichwörtlich bei Adam und Eva anzufangen, denn auch dieses wäre ein Anfang mit einer Vorgeschichte. Also bleibt uns eine gewisse Willkür beim Einstieg nicht erspart.

Religionsgeschichtlich ist das Judentum nicht nur wegen seines Alters bedeutend, es ist auch die erste monotheistische Religion. Jahrhundertelang stand sie allein, umgeben von polytheistischen Konkurrenten. Der eine Gott, der die Stämme Israels durch seinen Bund mit ihnen einte, ist ein abstrakter Gott, von dem sich ein Bildnis zu machen verboten ist. Am Berg Sinai schloss er mit seinem „auserwählten Volk“ einen Bund, seinen Geboten zu folgen. Das war kein Privileg gegenüber anderen Völkern, sondern eine Verpflichtung des Volkes gegenüber seinem einigenden Gott.

Die aus diesem Bund resultierende Einheit des jüdischen Volkes begründet sich aus der Gemeinschaft dieses Glaubens an den einen Gott, der das Volk zugleich konstituiert. Die Geschichte des jüdischen Volkes, wovon das Alte Testament berichtet, war dadurch keine leichte und glückliche. Man ist geneigt zu sagen, es war auch eine Bürde, zumindest eine Herausforderung. Die wechselvolle Leidensgeschichte und die sie begleitenden Hoffnungen, wovon das Alte Testament berichtet, sollen hier aber nicht weiterverfolgt werden.

Der Beginn dieser Geschichte setzt dort ein, wo das uns heute noch vertraute und bekannte Drama und Trauma des jüdischen Volkes beginnt. Mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, dem einzigen Heiligtum der Juden, durch die Römer im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung, beginnt das, was man die Diaspora nennt. Gemeint ist damit eine erzwungene Zerstreuung. Die Juden werden aus ihrem angestammten Land vertrieben und suchen fortan nach einer neuen Bleibe. Zunächst in der unmittelbaren Umgebung ihrer alten Heimstätte, dann während des tiefen Mittelalters überwiegend unter der Herrschaft des Islam, wo sie mit Muslimen relativ friedlich zusammenleben. Dann führt sie der Weg nach Europa, stets auf der Suche nach einem Schutz von „Wirtsvölkern“ und deren Herrschern. Die Juden wurden, wie Max Weber in seinen religionssoziologischen Studien konstatiert, das „Pariavolk“ schlechthin.

In diesen langen Zeitraum bekommt in der gleichen Region der jüdische Monotheismus von ihm abgeleitete Gefährten. Zunächst zeitgleich mit der Diaspora in Gestalt des Christentums und dann hunderte Jahre später durch Mohammed mit dem Islam. Die Gemeinsamkeit des Monotheismus wird zum Problem, denn sie trennt mehr, als das sie verbindet. Der monotheistische Gott duldet keine anderen Götter neben sich. Dieses erste der zehn Gebote richtete sich ursprünglich gegen die Vielgötterei des Polytheismus und der einzelnen Stammesgötter der Juden, nun richtet es sich auch gegen den konkurrierenden Absolutheitsanspruch der anderen monotheistischen Glaubensgemeinschaften.

Im beginnenden Hochmittelalter Europas sind die Kreuzzüge die ersten Sendboten, die den Frieden im Innern durch den gemeinsamen Glauben in einen Krieg nach außen verwandeln. Was einerseits inkludiert, wirkt andererseits exkludierend. Zwar sind die Kreuzzüge in erster Linie Kämpfe christlicher Ritter gegen die muslimischen „Besitzer“ der Heiligen Stätten, aber die ersten Opfer christlicher Nächstenliebe mit dem Schwert wurden die in Europa angesiedelten Juden. Dabei standen sie seit Papst Gregor dem Großen um 600 unter einem besonderen Schutz.

Dennoch ist die Papstkirche nicht unbeteiligt am Judenhass, die als „Gottestöter“ verunglimpft und verfolgt werden. Seine „Achsenzeit“ erlebt der Judenhass in Europa um 1200. Die Juden, die einerseits nach ihren religiösen Eigenarten in der vorgeschriebenen Form der „Gesetze“, die weite Teile des Alltagslebens streng reglementieren, durchaus auch unter sich leben und bleiben wollten, werden andererseits von ihren „Wirtsvölkern“ ghettoisiert und von etlichen wirtschaftlichen Tätigkeiten ausgeschlossen. So ist beispielsweise die Landwirtschaft fast überall für sie tabu, da sie keinen Grund und Boden erwerben dürfen. Die aufkommenden Handwerkszünfte sind fast überall judenfreie Zonen. Juden werden so zunehmend auf Tätigkeiten verwiesen, für die sie dann charakteristisch werden.

Der Zeitraum um 1200 wird von Historikern als „Achsenzeit“ einer Neubestimmung des Verhältnisses zu den Juden in Europa terminiert. Es ist die Zeit der Renaissance der Städte, der Entwicklung von Handwerk, Handel und Gewerbe, aber auch der Geldwirtschaft, die im agrarisch dominierten Feudalismus nahezu ausgestorben war. Der Handel mit Geld, genauer das Leihen und Verleihen gegen Zins, wo aus Geld scheinbar mehr Geld gemacht wird, war Christen durch das kanonische Zinsverbot untersagt. Für Juden galt das nur gegenüber Brüdern, nicht für Fremde. Aus dieser Situation entsteht ein Musterbild des Juden, den Shakespeare in seinem Shylock im Kaufmann von Venedig dramatisch verewigt hat.

In England wurden 1290 die Juden für fast vierhundert Jahren von König Edward I. des Landes verwiesen, weil sie bei der Kreditierung des Königs versagten. Da dieses Geschäft in der Folgezeit den Engländern übergeben werden musste, fehlt, wie der renommierte britische Sozial- und Wirtschaftshistoriker George M. Trevelyan darlegt, ein klassisches Element des Judenhasses. Der Jude als gefürchteter und verachteter Geldverleiher fiel in England auf keinen fruchtbaren Boden mehr. Das lag allerdings auch daran, dass die Rückkehr der Juden in der Mitte des 17. Jahrhunderts unter der Regentschaft Oliver Cromwells erfolgte. Unter dem starken Einfluss der alttestamentlichen Puritaner entwickelte sich eine Nähe zum Judentum, die von Historikern auch als „philosemitisch“ gewertet wird und in England das Verhältnis zu den Juden nachhaltig prägte. In Nordamerika wurde das noch offenkundiger. Hier reihte sich die jüdische Gemeinschaft in die von Puritanern dominierte Vielzahl von Sekten ein, die ihr Eigenleben in friedlicher Koexistenz mit anderen hegten und pflegten. Wichtig war hier weniger, was man glaubte, als dass man glaubte.

Die Stigmatisierung der Juden als Schacherer fand im Hochmittealter noch eine Steigerung indem sie als „Sündenböcke“ für allerlei Unheil herhalten mussten. Prominentestes und grausames Beispiel dafür war die Verfolgung und Vernichtung von Juden, als sie als „Brunnenvergifter“ für den Ausbruch der großen Pest gegen Ende des 14. Jahrhunderts verantwortlich gemacht wurden. Die sich daraus ergebenden Pogrome waren nicht nur, aber auch religiös motiviert. Da sie keineswegs immer spontan erfolgten, vermischten sie sich auch mit Motiven, die sich mit der anderen traditionellen Rolle des Juden als Kreditgeber verbanden und manchem Christen auch der gewaltsamen Befreiung aus der Schuldnerrolle dienten.

Man könnte nun zu der Überzeugung gelangen, dass abgesehen von diesen sozialen Funktionalisierungen des Judenhasses, die Juden mit ihrer selbst geschaffenen Eigenart, die sie aus nachvollziehbaren Gründen sowohl aus religiösen wie auch aus Gemeinschaftsgründen bewahren und erhalten wollten, an ihrer Ghettorolle durch Selbstghettoisierung zumindest eine Mitschuld tragen. Als Beispiel dient die Ablehnung der Mischehe, sie fand bei Juden genauso Zuspruch wie bei ihren Feinden, die sie damit exkludieren wollten.

Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass sich die Juden von wenigen Ausnahmen abgesehen in Europa in einem asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnis befanden. Sie verhandelten über ihre Aufenthaltsrechte und -bedingungen nicht von gleich zu gleich. Sie wurden von ihren jeweiligen Herrschern lediglich geduldet, mehr nicht. Im katholischen Spanien und Portugal wurden Juden im 15. Jahrhundert beispielsweise außer Landes verwiesen, weil sie sich der Taufe verweigerten. Dem religiösen Judenhass bereitete auch die Reformation kein Ende. Als Martin Luther feststellen musste, dass er die Juden mit seiner Lehre nicht zum Christentum bekehren konnte, verdammte er sie mit nicht zitierbarer Wortgewalt.

Der Befund George Steiners, dass das eigentliche Wunder des Judentums sein Überleben sei, erhält seine Nahrung vor allem aus den exzessiven Judenpogromen. Sie bilden auch die Basis für Raul Hilbergs umstrittene These, es gebe eine durchgehende Linie von der mittelalterlichen Diskriminierung zum Holocaust.

So sehr mit Blick auf Gesamteuropa die Judenpogrome das Verhältnis der Juden zu den Christen wie auch der weltlichen Herrscher, deren Rolle vielleicht stärker hervorzuheben wäre, bestimmen, so gehört zu dieser Gesamtentwicklung auch ein Bruch, der sich mit der Französischen Revolution ankündigt und im 19. Jahrhundert mit Schwerpunkt in Westeuropa ein neues Kapital einleitet: die Judenemanzipation.

 

Der Jude als Bürger oder die „Judenemanzipation“

Inspiriert wurde dieser Wandel im 18. Jahrhundert durch die Aufklärung. Die Aufklärung war insgesamt nicht atheistisch, wenngleich es wie beispielsweise mit La Mettrie, Helvétius und Holbach auch solche Vertreter gab. Im Übrigen dachte man wie Goethes Faust: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, aber das Wunder hatte in den modernen Wissenschaften einen mächtigen und wachsenden Feind bekommen. Durch die rationale Erklärung der Natur wurden die Wunder zu einer immer knapperen Ressource. In diesem Prozess der „Entzauberung der Welt“, wie Max Weber diesen Zug der Moderne nannte, nahm das mechanische Denken eine führende Rolle ein. Es geprägte auch das Weltbild der Aufklärung. Die Welt, das ist die Natur, glich einem gigantischen Uhrwerk. Dessen Ursprung und Anfang schien unergründlich, bedurfte aber logisch eines „Uhrmachers“ und dafür setzte man Gott. Er hatte das Werk geschaffen und in Bewegung gesetzt, sich dann zurückgezogen und die geschaffene Welt sich selbst überlassen. Deismus nennt man diese Lehre. Es ist ein abwesender Gott, der nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift. Und der vernunftbegabte Mensch kann die Gesetze der Natur zwar erkennen, das war der Triumph vorzugsweise der modernen Naturwissenschaften, aber warum und zu welchem Zweck diese Welt entstand, bleibt ein Rätsel oder Gottes Geheimnis. Es blieb das letzte Wunder.

Innerhalb dieser insbesondere von Immanuel Kant gezogenen Grenzen der Vernunft haben die Religionen weiterhin ihre Daseinsberechtigung, entsprechen sie doch dem Bedürfnis der Menschen, sich auch Fragen zu stellen, auf die es keine definitiven Antworten gibt. Aber der Preis ist, dass die Religionen ihren Anspruch auf die alleinige absolute Wahrheit aufgeben müssen. Die Relativierung des Wahrheitsgehalts der Religion und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Toleranz finden sich in prägnanter Form in der berühmten „Ringparabel“ in Lessings Drama Nathan der Weise.

Der Sturm der Aufklärung erreichte auch das Judentum. Der Prozess der Säkularisierung und der Aufstieg der Vernunft als Maßstab der Wahrnehmung der Realität erreicht auch das jüdische Denken. Die für die moderne Denkweise der Wissenschaft empfänglichen Teile der jüdischen Gelehrten versuchten das jüdische Erbe von seinem mystischen Schwergewicht der Kabbala unter dem Einfluss der Vernunftphilosophie zu rationalisieren. Im Deutschland des 18. Jahrhunderts ist dieser Prozess ganz wesentlich mit dem Namen Moses Mendelssohn (1729 – 1786) verbunden, der als enger Freund Lessings in Berlin und Königsberg seine stärkste Unterstützung erhielt. Unter der Bezeichnung Haskala ging sie als jüdische Aufklärung in die Geschichte ein.

Die Veränderungen im „theologischen“ Selbstverständnis der Juden liefen parallel zu den Ambitionen, sich aus der auch selbst entwickelten sozialen und kulturellen Ghettosituation zu befreien. Das konnte aber nur gelingen, wenn beide Seiten dazu bereit waren. Das heißt, die Juden mussten willens und bereit sein, sich in die jeweiligen Gesellschaften zu integrieren und diese mussten bereit sein, die Juden als gleichberechtigte Bürger zu akzeptieren.

In Frankreich wurde nach der Revolution am 27. September 1791 der Anfang gemacht, als die Nationalversammlung die Juden zu gleichberechtigten Bürgern erklärte. Napoleon hielt gegenläufigen Bestrebungen zum Trotz daran fest und exportierte diesen Rechtstitel mit seinen Eroberungen. Aber auch unabhängig davon, stieg die Erkenntnis im aufgeklärten Bürgertum, dass es insgesamt für das Staatsinteresse nützlicher sein könnte, die brachliegenden Kapazitäten der Juden sich entfalten zu lassen.

In Preußen fand die „Emanzipation der Juden“, wie das Reformprojekt lautete, als Abschluss der Hardenbergschen Reformen in dem „Judenedikt“ von 1812 seinen ersten rechtlichen Durchbruch. Trotz einiger Rückschlägen (exemplarisch seien die gewaltsamen antijüdischen „Hep-Hep-Krawalle“ 1819 in Preußen genannt) fand sie in der Reichsverfassung von 1871 ihren vorläufigen Abschluss. In West- und Mitteleuropa setzte sich in verschlungenen Wegen diese Entwicklung zur formalen rechtlichen Gleichberechtigung im 19. Jahrhundert durch. Aber selbst im „judenfreundlichen“ England dauerte das bis 1850 und erst 1856 fiel auch die Parlamentsbeschränkung.

Die formale Gleichberechtigung schloss allerdings nirgends weiterbestehende soziale, ökonomische und kulturelle Diskriminierungen aus. So blieben etliche Berufe sowie öffentliche Ämter für Juden unerreichbar oder explizit gesperrt. Die Folge war, dass der Geldverleih (nun allerdings häufiger als anerkannte Bankiers) sowie der Kleinhandel weiterhin Schwerpunkte jüdischen Lebens bildeten. Mit der Zulassung zu den öffentlichen Schulen und auch Universitäten stiegen dagegen die Chancen, in akademische Berufe zu gelangen. Jüdische Ärzte und Rechtsanwälte wurden relativ schnell zur Selbstverständlichkeit. Der Zugang zur allgemeinen wie akademischen Lehre war dagegen eine Rarität, teilweise wegen des Beamtenstatus sogar ausgeschlossen.

Die andere Seite der Judenemanzipation war die Öffnung und Modernisierung des jüdischen Gemeindelebens zur Gesellschaft in der sie bis dahin in einer Quasi-Parallelgesellschaft lebten. Noam Zadoff hat in seiner Geschichte Israels auf die Herausforderung hingewiesen, dass die jüdische Religion sich ja nicht als eine Konfession im üblichen Sinne versteht. „Traditionell reglementieren 613 Gebote alle Bereiche des jüdischen Alltags und dienen als unsichtbare Mauer zwischen Juden und Nichtjuden. Säkulare Juden, die ihre traditionelle Welt verlassen hatten, gerieten in einen inneren Zwiespalt: Oft wurden sie ermutigt zu konvertieren, oder aber sie bleiben trotz fortschreitender Säkularisierung im Kontakt zur eigenen Tradition und damit auch innerhalb der unsichtbaren Mauern der jüdischen Gemeinschaft.“

Die daraus resultierenden Konflikte bildeten sich in den westeuropäischen Ländern häufig auch noch im sozialen Status ab und fanden sich zudem im gesamteuropäischen West- Ostgefälle der Judenemanzipation und dem Grad der Säkularisierung und Emanzipation wieder. Die Wahl zwischen Emanzipation durch Integration bis hin zur Assimilation durch Konvertierung zu einer christlichen Konfession oder Erhalt der jüdischen Identität, spaltete das Judentum zunehmend in Orthodoxe oder Traditionale und Säkulare, deren Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft sich in vielfältigen Abstufungen der Distanz zum rituellen Leben wiederfindet.

Darauf reagierten die weiterhin existenten Judenfeinde, in dem sie das „Jüdische“ nicht mehr an dem religiösen Bekenntnis festmachten, sondern an der Abstammung als „Volk“. Die sich daraus entwickelnde neue Form der „Judenfeindschaft“ wurde von dem deutschen Journalisten Wilhelm Marr 1879 erstmals Antisemitismus genannt. In einer weiteren Entwicklungsstufe wurde aus dem „Volk“ ganz im Einklang mit dem Zeitgeist eine „Rasse“, aus deren biologischer Substanz es dann kein Entkommen mehr gibt.

Zunächst artikuliert sich der Antisemitismus als Produkt eines zunehmenden Nationalismus, der den Juden ihre individuelle Loyalität zum nationalen Kollektiv abverlangt. Exemplarisch fand das in einer wegweisenden Debatte im Deutschen Reich zu Beginn der 1880er Jahren zwischen dem preußisch-großdeutschen Historiker Heinrich von Treitschke, der für die Nationalliberale Partei im Reichstag saß und dem „altachtundvierziger“ liberalen Historiker Theodor Mommsen, der für seine „Römische Geschichte“ 1902 den Nobelpreis für Literatur erhielt, statt.

Treitschke befand, dass die Juden aus prinzipiellen Gründen, die sich nicht auf die Religion bezogen, sondern auf ihr Selbstverständnis als eigenständiges Volk, stets eine Nation in einer Nation sein würden. Betrachtet man die Juden als Nation, sind sie Staat im Staate und somit eine Art „trojanisches Pferd“ für was auch immer. Ein Streben nach Weltherrschaft, wie später die gefälschten Papiere Die Protokolle der Weisen von Zion suggerieren, unterstellt Treitschke ihnen nicht, wie er überhaupt nur begrenzt praktische Schlüsse aus seinem Verdacht der Illoyalität der Juden an sich zieht. Er empfiehlt die christliche Taufe und dass sie „Deutsche“ werden müssten. Seine Hauptsorge ist, ob das bei den zunehmenden Einwanderungen, insbesondere denen aus Polen und Osteuropa, gelingen kann. Andernfalls würden diese „hosenverkaufenden Jünglinge“ dereinst unsere „Börsen und Zeitungen“ beherrschen, ohne zu „uns“ zu gehören.

Mit seinem Generalverdacht der Illoyalität, der in dem Satz Die Juden sind unser Unglück kulminiert, bereitet er den Weg zu einem „völkischen“ Nationalismus, der ein homogenes Volk voraussetzt. Das wird (noch) nicht rassistisch begründet, sondern lebt von der Annahme einer „kulturellen Homogenität“, die deshalb durch die Juden gefährdet wird, weil er eben Jude ist und nichts anderes sein könne. Kurzum: die Assimilation ist Schein und Trug. Aber Treitschke fordert weder eine Rücknahme der rechtlichen Gleichstellung noch sonstige Diskriminierungen für Juden.

Zum eigentlichen Problem wird die Judenfrage als Loyalitätsprobleme aber erst durch die von Treitschke unterstellte Zunahme der jüdischen Bevölkerung. Von 1800 bis 1914 stieg die Zahl der Juden in ganz Europa von ca. 1, 5 Millionen auf 10,6 Millionen 1914 (4 Millionen im Jahr 1850 und 8,7 im Jahre 1900). Die Judenpogrome in Osteuropa, insbesondere in Russland seit 1881 nach dem Attentat auf Zar Alexander II., wofür die Juden wegen der Beteiligung einer jüdischen Terroristin mitverantwortlich gemacht wurden, und die desaströse wirtschaftliche Situation für Juden insgesamt setzten 2,5 Millionen bis 1914 gen Westen in Bewegung. Ein großer Teil russischer Juden wanderte in die USA aus, in den 1880er Jahren noch ca. 20.000 pro Jahr, zwischen 1906 bis 1910 waren es jeweils über 80.000. (s. dazu Eisenstadt, 103 f.) Die USA wurden dadurch zu dem Land mit dem größten Anteil der Juden weltweit.

Im Deutschen Reich, worauf sich Treitschkes gefühlten, nicht statistisch unterlegten Befürchtungen konzentrierten, nahm die absolute Zahl der Juden von 1871 bis 1910 von 512.000 auf 615.000 zu. Das entspricht einer Zunahme von ca. 20 Prozent. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sank wegen des enormen Bevölkerungswachstums der Anteil der Juden aber von 1,25 (!) auf 0,95 Prozent. (s. Nipperdey, 396 ff.)

Es war Treitschkes Generalverdacht der Unzuverlässigkeit, wogegen sich Mommsen vor allem mit Verweis darauf wandte, dass dieser Vorwurf auch jedem anderen deutschen Stamm gemacht werden könne. Mommsen wies Treitschkes homogenes Verständnis von Volk und Nation zurück.

Aber Treitschke hatte die Vorlage geliefert für einen Wandel des Antisemitismus, der nun mit einem vermehrt aufkommenden „völkischen“ Nationalismus korrespondierte. Kaum noch bekannte, aber einst einflussreiche Publizisten und „Denker“ wie Julius Langbehn, der sich selbst als der „Rembrandtdeutsche“ erfolgreich mit einem so betitelten Buch mit unvorstellbaren Auflagen bestens verkaufte, beschimpfte die Juden als „plebejisch“, weil sie mit ihrer Gleichberechtigung keine Juden mehr sein wollten, sondern aus purem Eigennutz in eine jeweils andere Nationalität flüchteten. So etwas war für Langbehn prädestiniert für den Verdacht, besonders unsichere Kantonisten zu sein.

Paul de Lagarde, eine andere einflussreiche Figur im jungen Kaiserreich, knüpfte an der generellen Fremdheit der Juden gegenüber dem Deutschtum an. Er verglich die Juden mit den Freimaurern, als „eine internationale Verschwörung zum Besten der jüdischen ‚Weltherrschaft“, die wesentliche Züge der Jesuiten aufgenommen hätten. Überall in Europa seien sie „Fremdkörper“ am nationalen Leib der Nationen und brächten somit Krankheit bis zum Tod mit sich. Sie blieben Staatsangehörige ohne zur Nation gehören zu können und müssten als tödliche Keime am Volkskörper angesehen werden.

Diese in akademischen Kreisen vermehrt auftauchenden Neubewertungen der jüdischen Integration fanden auch politische Abnehmer. In Berlin gründete der Hofprediger Adolf Stoecker 1878 eine „Christlich-Soziale Partei“, die das in Klassen zerrissene Kaiserreich einigen wollte. Das „moderne Judentum“ wurde als Verursacher der Aufspaltung des deutschen Volkes entlarvt. Das geschah gleich an zwei sozialen Fronten. Einerseits durch eine neue liberale Bourgeoisie, die als „jüdisches“ Pendant zum deutschen Bürgertum mit seinen Tugenden des „ehrbaren Kaufmanns“ eruiert wurde und andererseits durch ein von jüdischen Sozialdemokraten verseuchtes Proletariat, das durch Klassenkampf die nationale Eintracht zerstört. Solche Hetzreden fielen allerdings beim Proletariat auf keinen ertragreichen Boden und auch beim Kleinbürgertum reichte es zur politischen Massenbewegung noch nicht, sodass Stoecker schon um die Jahrhundertwende das Feld räumte.

Anders sein Gesinnungsgenosse in Wien. Der dortige Bürgermeister Karl Lueger gründete ebenfalls eine „Christlich-Soziale Partei“, allerdings katholischer Provenienz, die mit dem gleichen Programm wie Stoecker arbeitete. Lueger verstand jedoch seinen Antisemitismus so populär zu machen, dass er viermal zum Wiener Bürgermeister gewählt wurde und einen Antisemitismus implementierte, der auch nach dem Weltkrieg anschlussfähig blieb. Nicht nur bei einem gewissen Adolf Hitler fiel er auf empfangsbereiten Boden.

Das dritte Mekka des zentral- und westeuropäischen Antisemitismus schien um die Jahrhundertwende Frankreich zu werden. Hier lebten um 1900 zwar nur 45.000 Juden, das waren so viel wie allein in Berlin. Aber dafür tobte ausgerechnet in dem Land, dass die gleichen Bürgerrechte für Juden eingeführt hatten, in der Dreyfus-Affäre ein Kampf gegen die Juden generell. Der Fall des Offiziers Alfred Dreyfus, der Vorwurf seines Geheimnisverrats an den Erzfeind Deutschland, bewegte nicht nur die französische Öffentlichkeit und Politik, sondern erhitzte die Gemüter europaweit.

Während die Beweise immer spärlicher wurden, wurde Dreyfus stellvertretend für die Juden insgesamt unter den Generalverdacht des Verrats gestellt. Als dann die Intellektuellen, eine sich hier konstituierenden neue Gattung politischer Öffentlichkeit, angeführt von dem schon zu seiner Lebzeit berühmten Schriftsteller Emile Zola, öffentlich wirksam dagegen protestierten, endete die Affäre zwar mit einer Niederlage der Antisemiten, aber der Sieg des „Fortschritts“ war nicht so total, dass er den französischen Antisemitismus in die Verbannung schicken konnte. In der „Action francaise“ erhob er schon bald – und wesentlich erfolgreicher – erneut sein grausiges Haupt und wies den Weg in den Faschismus.

Um 1900 erhielt der Antisemitismus europaweit noch eine erweiterte mächtige Variante. Vertreten durch den Schwiegersohn Richard Wagners, Houston St. Chamberlain, mit seinem auflagenstarken Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, das sich in ganz Europa einer begierigen Leserschaft erfreute, erhielt er eine rassische und tendenziell biologische Komponente. Chamberlain knüpfte an der sich schon zuvor ausbreitenden „wissenschaftlichen Rassenlehre“ an, die in Frankreich von Gobineau zwar erfunden, aber nicht antisemitisch genutzt wurde. „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ avancierten in dieser Zeit zu akademischen Disziplinen. Der Clou war, dass ein biologisch-rassisch verstandenes Judentum bedeutet, dass es aus ihm kein Entkommen gibt und alle Versuche, es religiös oder kulturell abzustreifen, nur Camouflage sein kann. Sieht man im Judentum gar ein „Krebsgespür“ am gesunden Organismus des Volkes, hilft nur seine Entfernung. Das ist ein Grundelement der Judenvernichtung als Notwendigkeit, um das gesunde Volk zu retten.

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Fluchtbewegung von überwiegend armen, mittellosen Juden nach England einsetzte, schien es auch mit dem englischen Immunsystem gegen den grassierenden Antisemitismus zu Ende zu gehen. Es gab Proteste in der Arbeiterschaft gegen diese Einwanderung, die darin ein dem Kapital genehmes Instrument für Lohnsenkungen sahen. Aber die Proteste richteten sich gegen die „billigen Arbeitskräfte“, nicht gegen die Juden. Als die Regierung die Einwanderung stoppte, liefen die Proteste aus, aber die britische Regierung war damit für die „Judenfrage“ sensibilisiert und es begannen Überlegungen, die Flüchtlingswellen in andere Weltregionen zu kanalisieren.

 

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