Vor hundert Jahren erfolgte in Italien die Machtergreifung der Faschisten

Der „Marsch auf Rom“

Vor hundert Jahren, am 28. Oktober 1922 erfolgte mit dem „Marsch auf Rom“ die Machtergreifung durch eine neuartige politische Bewegung, die sich „fascismo“ nannte. Ihr Führer, der „duce“ Benito Mussolini, wurde zwei Tage später vom italienischen König Vittorio Emanuele III. mit der Regierungsbildung beauftragt. Er herrschte bis zu seinem Sturz am 25. Juli 1943 und überwinterte in einem Restteil des faschistischen Italiens noch bis zum 25. April 1945. Am 28. April wurde er von Partisanen erschossen.

Wie der Faschismus ideell auf die Kraft des Mythos baute, so wurde auch die Machtergreifung vor hundert Jahren zum Mythos stilisiert. Die neue Zeit beginnt mit der Legende, die bewaffneten „Schwarzhemden“, schwarze Hemden waren die Uniform der gefürchteten paramilitärischen faschistischen Massenorganisation squadre d’azione, hätten mit einem heroischen „Marsch auf Rom“ die Macht erobert.

Die imposante Erzählung ist mehr Dichtung als Wahrheit. Denn am 28. Oktober versammelte sich in der Umgebung Roms zwar eine Streitmacht von 26.000 der durch ihre Gewaltbereitschaft gefürchteten „Privatarmee“ Mussolinis, die aber in einem Dauerregen vorerst mit ihrer Stimmung kämpfte. Während der Duce durch Abwesenheit vor Ort glänzte, stattdessen saß er in seiner „Hauptstadt“ Mailand in der Oper, setzte kein Kämpfer seinen Fuß ins eigentlich verhasste Rom, das nun als Kern eines neuen und großen Italiens zu neuer Blüte gebracht werden sollte.

Das faktische Aufgebot vor den Toren Roms hätte der bewaffneten Staatsmacht kaum gefährlich werden können, obwohl der Einfluss und die Macht der Faschisten in Nord- und  Mittelitalien nach Straßenkämpfen mit bürgerkriegsähnlichem Terror der Squadristen und ungezählten Opfern zwischen 1919 und 1922 beträchtlich war. Jedenfalls war er groß genug, den König und die Staatsgewalt von einem entscheidenden Kräftemessen abzuhalten. Aber sowenig die Regierung und der König über die tatsächliche Stärke der Faschisten im Bilde war, so ungewiss war die Sache auch für Mussolini.

Jedenfalls kassierte König Vittorio Emanuele III. am 28. Oktober das von der amtierenden  Regierung vorbereitete Dekret zur Erklärung des Ausnahmezustandes, was Mussolini dazu ermutigte, seine Truppen zurückzuhalten und stattdessen mit seinen überwiegend liberalen Kontrahenten im Regierungslager zu verhandeln. Mussolini versprach den  Regierungsvertretern angesichts der unkalkulierbaren Drohkulisse alles und zugleich nichts, sodass der König es als Erfolg ansah, Mussolini am 29. Oktober als Ministerpräsidenten mit der Bildung einer Regierung zu beauftragen. Der friedliche Machtwechsel, die Einrahmung des Duce mit bürgerlichen liberalen und konservativen christlichen Kräften, verhieß Kontinuität und Stabilität.

Damit war zwar die Messe des Machtwechsels gelesen, der wie ein scheinbar gewöhnlicher und ordnungsgemäßer Regierungswechsel aussah. Aber das lief nicht nur den kämpfenden Bataillonen der Faschisten entgegen, sondern auch dem heroischen Selbstverständnis des von Mythen besessen Führers. Um dieser unspektakulären bürgerlichen Schmach eines ordinären Regierungswechsels zu entkommen, folgte nun als angemessener Ersatz eine groß inszenierte Operette, indem der Faschismus das aufbot, was sein Markenzeichen war. Er demonstrierte die neue Basis der Herrschaft: die formierten gewaltbereiten Massen im geordneten Gleichschritt in Aktion als selbsternannte Repräsentanten der gesamten Nation.

Das war zwar nicht die heldenhafte „Revolution von rechts“, aber auch in der Form doch mehr als ein normaler Regierungswechsel. Die neuere Geschichtsschreibung – Giulia Albanese z.B. – siedelt dieses Ereignis zwischen Aufstand und Staatsstreich gegen den liberalen Staat an.  Es war ein Staatsstreich mit Ansage. Den Faschisten war es in jahrelanger Propaganda gelungen, ihre „Ideologie“ mit der Nation zu identifizieren.

Der von ihnen verfolgte und ins Gefängnis geworfene marxistische Theoretiker Antonio Gramsci sah in der Machtergreifung die Eroberung der „kulturellen Hegemonie“ durch die Faschisten. Die kulturelle Hegemonie war nicht primär das Resultat erfolgreicher Überzeugungsarbeit, sondern neben der Formulierung der Ängste des Bürgertums und der herrschenden Klasse vor einem vermeintlich drohenden Bolschewismus und die Anprangerung der chaotischen ökonomischen und sozialen Zustände der Nachkriegszeit, die eine lange Liste all dessen füllte, was es zu bekämpfen galt.

Nicht zu unterschätzen ist die Wirksamkeit der überall grassierenden nackten Gewalt als Ordnungsmittel für die einen und als Einschüchterungsmittel gegen die Feinde. Ein weiterer Vorteil war das Fehlen eines kampfbereiten Gegners, was einen relativ leichten Sieg ermöglichte. Die Machtergreifung besiegelte nicht nur eine Niederlage der nach dem Krieg zunächst erstarkten Sozialisten, die sich Anfang der zwanziger Jahre wie in fast allen Ländern in reformistische Sozialdemokraten und revolutionäre Kommunisten spalteten, es war auch eine krachende Niederlage des Jahrzehnte in Italien herrschenden Liberalismus.

Zu lange hatte man den systematischen Aufbau der faschistischen Bürgerkriegsarmee tatenlos geschehen lassen und als man ihre Gefahr und Kraft schmerzlich erfuhr, war es längst zu spät. Von diesem Versagen konnten sich auch der Liberalismus und das ihn tragende Bürgertum nicht freisprechen. Indem der liberale Staat sich zurückhielt, demonstrierte er seine Unwilligkeit und Unfähigkeit die bestehende Ordnung selbst gegen politische Kriminelle zu verteidigen und damit eine Schwäche, die einen zu allem bereiten Feind zum Äußersten ermutigte.

Die neuartige Bewegung der fasci stützte sich nicht auf klar umrissene materielle Interessen, sie verfügte auch nicht über eine neue in sich kohärente politische Ideologie, ihr Markenzeichen war die Entfachung eines beispiellosen „privaten“ Terrors, inclusive zahlreicher Morde und Totschläge gegen alle politischen Gegner nach der von Mussolini deklarierten Devise, was wir nicht durch Konsens bekommen, das holen wir uns mit Gewalt.

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Die Ursprünge und Entwicklung des Faschismus in Italien – die moderne Weltsicht

Woher kam diese neuartige politische Bewegung, die in ganz Europa Aufsehen erregte und schnell Nachfolger in nahezu allen europäischen Ländern und später auch darüber hinaus fand? Sie ist zwar ein Produkt des Weltkrieges, aber die Quellen reichen noch weiter zurück. Der Name fasci entstammt dem Lateinischen und bedeutet „Rutenbündel“. Er verrät nichts Politisches, außer dass es sich um ein „Bündel“, einen „Bund“ handelt. Seine Entstehungsgründe liegen einerseits in den Spezifika der italienischen Geschichte, andererseits reflektieren sich in ihm allgemeine Probleme und Herausforderungen, die auch andere europäische Staaten im Zuge der epochalen Umbrüche in der Folge des Ersten Weltkrieges erschütterten und beschäftigten.

Der Faschismus erblickte nicht als ein starres System von Dogmen das Licht der politischen Welt.  Sucht man nach „geistigen“ Vorläufern, so wird man bei Filippo Tomasso Marinettis erstem „Manifest des Futurismus“ von 1909, es werden noch zahlreiche weitere folgen, fündig. Was sich zunächst wie ein weiterer Aufruf zu einer erneuten modernen Kunstrichtung liest, die sich damals gern mit „Manifesten“ bemerkbar machten, enthält eine „Lebensanschauung“ ganz im Sinne eines Zeitgeistes, der sich zwar unpolitisch wähnt, aber eine Kunst mit starker Nähe zum Politischen verkündet.

Das „Manifest“ beginnt mit der „Liebe zur Gefahr“ mit „Mut, Kühnheit und Auflehnung“ als „Wesenselement unserer Dichtung“. Er preist die „Schönheit der Geschwindigkeit“ und deren Träger, die „Rennwagen“ mit ihren „aufheulenden Motoren“. „Schönheit gibt es nur noch im Kampf.“ Von dort ist es nur noch ein kurzer Schritt zur „Zerstörung von Museen, Bibliotheken und Akademien“ als altem Plunder hin zum Lob des Militarismus und Patriotismus, der in dem richtungsweisenden Satz kulminiert: „Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt.“ Das alles wird adressiert an die „großen Menschenmengen“. In dem folgenden, unmittelbar „Politischen Programm des Futurismus“ von 1913 werden die „Futuristischen Wähler“ aufgerufen, für ein Programm zu stimmen, das viele spätere Elemente des Faschismus vorwegnimmt. Neben dem „Antisozialismus“ wird der „Antiklerikalismus“ besonders betont und 1920 steht die Abschaffung des „Papsttums, des Parlamentarismus, des Senats und der Bürokratie“ und die „Übergabe der Regierung in die Hände der Frontkämpfer“ im Zentrum der politischen Tagesforderungen.

Was immer man von diesem „ästhetischen“ Bellizismus hält, er ist alles andere als ein Rückfall in Romantik oder konservative Beschwörung einer Vergangenheit. In ihm reflektiert sich das Vorwärts- und Aufwärtsstrebende einer Moderne, die sich der Technikbegeisterung und der Beschwörung der „Masse“ hingibt. Und das in einer Zeit, in der das Bürgertum eigentlich nichts mehr fürchtet als die „amorphe Masse“, diese unheimliche und unkalkulierbare Urgewalt.

Was die künstlerische Avantgarde jener Zeit in Italien propagierte, wurde in der Politik zu einem Kult der Gewalt als Selbstzweck, die sich – explizit bei Mussolini – auf George Sorels Buch „Über die Gewalt“ berief und in einer „Philosophie der Tat“ mündete. Sie folgte einer  weiteren Devise: erst die Tat,  dann die Begründung. Daraus folgt ein Voluntarismus, der die Gewalt an die Stelle von Argumentieren, Überzeugen und Diskutieren setzt und folgerichtig  im Nihilismus mündet.

Das ist insofern richtig, als der Faschismus weder Prinzipien noch Utopien oder irgendwelche Endzwecke im Gepäck hat. Er agierte situativ, aber frei von Zielen und Inhalten war er natürlich nicht und konnte es auf Dauer auch nicht sein. Und so sah sich Mussolini denn mit dem Ausbau und der Konsolidierung der faschistischen Herrschaft, die in der Tat keinem vorgedachten und vorgefertigten Plan folgte, aber dennoch eine klare Richtschnur kannte, gezwungen, zu Beginn der dreißiger Jahre den gewollten Mangel an Ideologie durch eine „Doktrin“ zu ersetzen. Das entsprach in etwa dem, was in Deutschland nicht nur bei den Nazis, sondern damals im gesamten völkischen Dunstkreis und der Konservativen Revolution als „Weltanschauung“ dem rationalen Denken, der Vernunft und Aufklärung als Negation der „Ideen von 1789“ entgegengesetzt wurde.


Die Entwicklung zur politischen Organisation

Die politische und organisatorische Entwicklung des Faschismus vollzog sich parallel in mehreren Phasen im Windschatten des Ersten Weltkrieges. Der Ausgangpunkt war der inneritalienische Kampf um die Frage eines Kriegseintritts. Außenpolitisch bewegte sich Italien anfangs zwischen allen Bündnisfronten, was ihm nach dem Krieg den Ruf eines unsicheren Kantonisten einhandelte.

Seit 1882 war Italien Mitglied eines Dreibunds mit Deutschland und Österreich. Die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn war eigentlich Italiens Erzfeind. Die Habsburger galten als die ewigen Besatzer, die Italiens Einheit und Staatswerdung durch ihre Eingriffe im Norden verhinderten. Das 1861 zur Nation geeinte Italien strebte weitreichende territoriale Veränderungen an und erhob Ansprüche auf Gebiete wie das Trentino, Triest, Venetien, Istrien und Südtirol, angereichert mit erheblichen Begehrlichkeiten mindestens auf die dalmatinische Seite des Balkans. Das alles galt schon um die Jahrhundertwende unter liberaler Flagge als Ausgangspunkt für kommende Größe, die sich auf zu erobernde nordafrikanische  Auswanderungsgebiete ausdehnte. Die junge Nation wollte sich schnell in das Konzert der   imperialistischen Bestrebungen der europäischen Großmächte einreihen.

Da all das nicht gesichert mit dem Kriegsausbruch 1914 von den Vertragsparteien des Dreibundes im Falle eines Sieges zu erwarten war und der Vertrag von 1882 mit Österreich und Deutschland Italien akut zu nichts verpflichtete, verhielt man sich nach Kriegsausbruch zunächst abwartend neutral. In einem kurzen, aber heftigen inneren Kampf zwischen Kriegsgegnern, die sich vor allem aus Sozialisten und Katholiken zusammensetzten (Papst Benedict XV. war ein leidenschaftlicher Gegner des „Völkergemetzels“), und den Kriegseintrittsbefürwortern, erfolgte dann 1915 doch der Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente. Vorausgegangen war ein Geheimabkommen im April 1915 in London. Es versprach umfangreiche Gebietsgewinne, nämlich all das, was beim Dreibund als ungewiss galt.  Dafür verlangten Frankreich und Großbritannien aber den Kriegseintritt innerhalb eines Monats.

Für den Frontenwechsel und den Kriegseintritt auf Seiten der Entente spielte ein gewisser Benito Mussolini in der öffentlichen Debatte eine einflussreiche Rolle. Nach dem er zunächst für eine aktive Neutralität warb, verließ er die einflussreiche Stelle als Chefredakteur des sozialistischen Zentralorgans „Avanti“ und wechselte mit fliegenden Fahnen ins Lager der Kriegspartei auf Seiten der Entente. Mussolini wurde dafür aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen. Wie die anderen begründete auch Mussolini den Kriegseintritt unverhohlen mit umfangreichen imperialen, expansionistischen Zielen, denn nur so könne Italien in die große Politik eintreten, um eine für seine künftige Größe angemessene Kriegsbeute zu erlangen. Sein Publikationsorgan wurde nun das neu gegründete – und von der Großindustrie finanzierte – „Popolo d’Italia“.

Über dieses Publikationsorgan hinaus bemühte sich Mussolini um den Aufbau einer politisch wirksamen Organisation für die sich entfaltende „Massenbewegung“ im und für den Krieg. Im Anschluss an die 1910 erfolgte Gründung der „Assozione Nazionale Italiana“ gründete Mussolini 1915 dann die erste präfaschistische Organisation, die  „Fasci di azioni rivoluzionaria“. Die brachte es zwar nur auf 5000 Mitglieder, aber sie erfüllte ihr Ziel, Italien in den Krieg zu führen. Danach löste sie sich auf und erst 1919 erfolgten dann weitere Neugründungen. Entstehung und Entwicklung der Bewegung bis hin zur Partei ist zwar nicht allein das Verdienst Benito Mussolinis, aber ohne seine offensichtlich charismatische Ausstrahlung auf die Massen, die ihm die Rolle des „duce“ einbrachte, sowie seine enorme politische Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit und sein außerordentliches Gespür für die Wünsche dieser Massen ist der Erfolg nicht zu erklären.

In den Schützengräben gab es für die Kriegsbegeisterten mit Kriegseintritt nun die Begegnungen mit dem keineswegs kriegswilligen einfachen Volk, das jetzt gezwungenermaßen in den Schützengräben lag, wo es nicht hinwollte. Besonders erfolgreich war militärisch betrachtet Italiens Kriegsbeitrag denn auch nicht. 1917 drohte nach einer deutsch-österreichischen Offensive, bei der 300.000 italienische Soldaten in Gefangenschaft gerieten, sogar der Zusammenbruch. Ohne die Hilfe der Verbündeten wäre Italien im Winter 1917/18 jämmerlich aus dem Krieg ausgeschieden. Italien überstand den Krieg, aber die Verluste waren mit über ca. 600.000 Toten und über eine Millionen Versehrte (die Zahlen variieren)  enorm. Dank der Hilfe der Alliierten gehörte Italien dennoch zu den Siegermächten.


Der Krieg als Krisenbeschleuniger

Dort saß man bei den Friedensverhandlungen in den Pariser Vororten 1919 allerdings eher am Katzentisch. Dennoch meldete Italien mit großem Selbstbewusstsein seine noch erweiterten  Forderungen an, die auf wenig Unterstützung der Verbündeten trafen. Gleich zu Beginn schied Italien aus dem „Rat der Großen Vier“ aus, von da an waren es nur doch drei. Obwohl Italien letztlich beträchtliche Gebietsgewinne mit Südtirol, Trentino, Triest, Julisch-Venetien, Istrien und Teilen Dalmatiens einheimsen konnte, wurde in Italien die Propaganda eines „verstümmelten Sieges“ (vittoria mutilata), einem erfolgreichen Pendant zur „Dolchstoßlegende“ in Deutschland, entfacht. Auf fruchtbaren Boden stieß diese Propaganda besonders bei den demobilisierten Soldaten, deren Perspektivlosigkeit wahrscheinlich mindestens so viel Protestpotenzial wachrief wie der Glaube, um die verdienten Früchte eines Sieges betrogen worden zu sein.

Der nationale Rausch von 1915 war schnell dahin, der Unmut über den Krieg groß. Der Krieg hatte nicht nur die Wirtschaft überfordert und nachhaltig ruiniert, sondern auch das jahrzehntelange liberale und parlamentarische System massiv geschwächt. Der mit Auslandsanleihen finanzierte Krieg trieb die Lira in den freien Fall und die um das Siebenfache erhöhte Geldmenge trieb die Inflation in die Höhe. Die Umstellung von profitabler Kriegsproduktion für einige Konzerne in Norditalien – zu Lasten des Südens – in eine Friedensproduktion ließ auf sich warten. Firmenzusammenbrüche summierten sich, die Massenarbeitslosigkeit stieg allein im Jahre 1921 von 100.000 auf das fünffache und trieb die Lohnabhängigen in Stadt und auf dem Lande massenhaft auf die Straßen. Zusammen mit den Kriegsheimkehrern hingen sie alle von der Hilfe des Staates ab, der nichts zu verteilen hatte. Mehr als zwei Millionen beteiligten sich an 1860 Streiks. Fabrikbesetzungen folgten, die Landarbeiter rebellierten gegen die allmächtigen Großgrundbesitzer, Kommunen wurden erobert. Benachteiligt waren all die vielen Kleinbauern, selbständigen Gewerbetreibenden und all jene, denen die Waffe des Streiks nicht zur Verfügung stand. Ohnmächtig mussten sie zusehen, wie die Inflation sie ruinierte.

Ganz im Geiste der Vorlage durch die russische Oktoberrevolution 1917 schien Italien, wie etliche andere Länder in Europa am Ende des Weltkrieges, 1919/20 reif für eine Räterepublik der Arbeiter und Bauern. Bei der ersten Parlamentswahl nach dem Kriege 1919, bei der  erstmals das allgemeine Wahlrecht für alle Männer galt, wurden die Sozialisten (Partito Socialista Italiana / PSI) mit einem Drittel der Stimmen stärkste Kraft. Das waren viel mehr Stimmen als es Industriearbeiter, der sozialistischen Kernwählerschaft, gab. Sie zeugten von einem Einbruch in andere soziale Schichten und Klassen. Eine von ihnen geführte Regierung wollte zwar radikale Reformen und Einschnitte in das ökonomische Herrschaftssystem bis hin zu Enteignungen, aber keine Revolution.

Die Folge dieser krisenhaften revolutionären Situation war – ebenfalls wie in etlichen anderen  Ländern – eine Spaltung der Arbeiterbewegung in Revolutionäre, die sich an den Bolschewiki der russischen Revolution und der Dritten (Kommunistischen) Internationale (KOMINTERN) orientierte und eine reformistische Sozialdemokratie auf der politischen Basis einer parlamentarischen Demokratie. In Italien erfolgte diese organisatorische Spaltung am 21. Januar 1921 auf dem Parteitag von Livorno mit der Gründung der Partito Communista d’Italia /PCI.

Im Schatten der sozialen Kämpfe blieb das alte Kriegslager nicht untätig. 1917 vereinigte sich der rechte Flügel des Parlaments zur Fascio per la difensa nazionale. Aus den 1915 gegründeten Fascio d’azione revolutionari und dem 1919 aus Kriegsteilnehmern gebildeten Fascio di combattimento Mussolinis ging dann die 1921 gegründete Partito Nazionale Fascita (PNF) als die eigentliche faschistische Partei hervor, die erst mit dem Ende des faschistischen Regimes aufgelöst wurde.

Mussolinis Kampfverbände blieben zunächst einflusslos. Die Revolution blieb aus, Kriegsteilnehmer fühlten sich verraten. Der nationale Aktivismus gegen den Verrat bei dem Friedensschluss der Pariser Vorortverträge wurde anfangs nicht von Mussolini belebt, sondern durch den schillernden Dichter und Literaten Gabriele d’Annunzio. Fiume (heute Rijeka) war nicht, wie gefordert, zu Italien gekommen, sondern dem neu entstandenen und  bei italienischen Nationalisten zutiefst verhassten Jugoslawien zugeschlagen. Fiume wurde Symbol des Kampfes um die Kriegsbeute. Mussolini erkannte die Bedeutung Fiumes für die faschistische Bewegung erst, als d’Annunzio 1919 mit einer Truppe von Kriegsveteranen in die umstrittene Stadt einzog und sich mit seiner Propaganda für den Faschismus als möglicher Verbündeter oder auch Konkurrent Mussolinis entpuppte.

1921 wird der Faschismus nicht nur durch die nationalistische Propaganda gegen die verweigerte Kriegsbeute zur politischen Kraft. Im allgemeinen Chaos der Streiks und Unruhen entwickeln sich die organisierten „Schwarzhemden“ zu Ordnungskräften, die nun gegen die inneren Feinde immer brutaler vorgingen. Statt eines Programms hatten sie eine klare und einfache Botschaft: Kampf dem „sozialistisch-kommunistischen Chaos“ und einer „bolschewistischen“ Gefahr mit allen verfügbaren Mitteln.

Dem Bürgertum, insbesondere der Großindustrie und den Grundherren waren solche Ordnungshüter angesichts der Schwäche der Liberalen und des staatlichen Gewaltmonopols höchst willkommen. Mehr und mehr bot sich ihnen die eben frisch gegründete Partei des bekannten und einflussreichen Benito Mussolini an, der am 9. November 1921 die bis dahin locker organisierten fasci in eine politische Partei, die  Partito Nazionale Fascito (PNF) verwandelte. Gemessen an Wahlergebnissen hatten die noch kein nennenswertes politisches Gewicht erreicht. Das änderte sich mit Zuspitzung der ökonomischen und politischen Krise in atemberaubender Geschwindigkeit. Als es 1922 nicht gelang, eine handlungsfähige Regierung zu bilden, witterte Mussolini, plötzlich in der Rolle eines Napoleons als Retter in der Not, seine einzigartige Chance und setzte alles auf eine Karte.

Gestützt auf die Erfolge der faschistischen Terror- und Schlägerbanden in einigen Regionen vor allem Norditaliens durch die Besetzung von Rathäusern, Regionalpräfekturen, Bahnhöfen, Kasernen und Armeedepots, wo sie sich der Waffendepots bedienten, sollte nun d’Annunzios symbolträchtiger „Marsch auf Fiume“ zum „Marsch auf Rom“ kopiert werden.

In seiner programmatischen Rede in Udine am 20. September 1922 hatte Mussolini, nachdem er lange zwischen legaler und gewalttätiger Machtergreifung geschwankt hatte, sein künftiges Regierungsprogramm umrissen. Der Anerkennung der Monarchie und der Katholischen Kirche folgten bei aller grundsätzlichen Kritik am Liberalismus das dezidierte Bekenntnis zum Wirtschaftsliberalismus und das Ende der Sozialpolitik. Die genaue Bestimmung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit und die inhaltliche Füllung des angestrebten „Korporatismus“, der den Klassenkampf abschaffen sollte, blieben letztlich ungeklärt und mündete später Ende der zwanziger Jahre in der nichts sagenden Formel, der Staat überwache die Korporation. Damit galt diese gesellschaftspolitische Zentralfrage als erledigt.

Das Neue war nicht ein modernes, zukunftsorientiertes soziales und politisches Programm, sondern eigentlich eine Verteidigung der bestehenden Besitz- und Eigentumsverhältnisse durch Massen, die davon nur begrenzt profitierten. Nach der Machtergreifung erfuhren das die Arbeiter sogleich in Form eines allgemeinen Streikverbots. Kulturell wurden die Geister vergangener Größe beschworen und der Kampf gegen eine kulturelle Moderne, die dem Geist  der Aufklärung verpflichtet blieb, wurde mit allen Mitteln der modernen Technik bekämpft. Der Historiker und bedeutende Biograf Mussolinis, Renzo de Felice, sah anders als in Deutschland in den aufstrebenden Mittelschichten die treibenden sozialen Kräfte und eine zentrale soziale Basis des italienischen Faschismus und nicht in den verängstigten vom Abstieg bedrohten oder sich bedroht fühlenden alten Mittelstand. So sehr der Faschismus soziale Besitzstände weiterhin garantierte, reduzierte er sich nicht auf die Interessenvertretung einer Klasse. Damit hätte er auch kaum seine Erfolge einfahren  können.

Der Austromarxist Otto Bauer erkannte in seiner Faschismusanalyse im Jahre 1936, „die Keimzellen der faschistischen Partei Italiens in den nach dem Krieg demobilisierten Reserveoffizieren. Um sie scharten sich Deklassierte aus den Reihen der ‚Arditi‘, den Stoßtruppen des Krieges, stolz auf ihre Kriegsauszeichnungen und Kriegswunden, erbittert, weil das Vaterland, für das sie geblutet hatten, ihnen keine oder keine ihren Ansprüchen genügende Stellung bieten konnte.“ Sie hatten nichts als das Kriegshandwerk gelernt oder wollten es nicht aufgeben, sie kannten aus dem Krieg nur kommandieren und kommandiert werden, sie wollten die Uniform behalten und waren so die ideale Bewerbungsgruppe für eine politische Privatarmee. Das stimmte für die unmittelbare Zeit nach dem Krieg, erklärt aber nicht den gigantischen Zulauf in die Partei nach der Machtergreifung. Die Zahl der Mitglieder der PNF stieg 1923 innerhalb eines Jahres von 300.00 auf 780.000 Tsd. und erreichte 1927 die Millionengrenze.


Die Affäre Matteotti

Schon bald nach der erfolgreichen Machtergreifung und nachdem im Frühjahr 1924 die Anfangsprobleme überstanden waren, die ihren Ursprung in inhaltlich-programmatisch ungeklärten Themen und Problemen sowie internen Auseinandersetzungen über die Struktur und Funktion der Partei hatten und die faschistische Herrschaft sich gerade stabilisierte, erschütterte ein Skandal das faschistische Italien bis ins Mark. Er brachte die frisch erworbene Macht so sehr ins Wanken, dass er fast Mussolinis Ende bedeutet hätte. In die Geschichte ging er als die „Affäre Matteotti“ ein.

Am 11. Juni 1924 verschwand der Generalsekretär der Sozialistischen Partei, Giacomo Matteotti, wie vom Erdboden verschluckt. Er hatte am 31. Mai im Parlament, das es hier als eine quasi-demokratische Institution noch gab, eine mutige Rede gehalten, in der er Beweise für faschistische Übergriffe und dunkle Machenschaften der Regierung bis hin zum politischen Mord während des Wahlkampfes ankündigte. Am 16. August fand man Matteottis Leiche, er war ermordet worden. Untersuchungen ergaben, dass er von einer von einem  Berufsverbrecher geführten Schlägerbande verübt wurde, im Auftrag von Leuten aus der Umgebung Mussolinis. Zwar konnte Mussolini nicht nachgewiesen werden, dass er davon persönlich wusste, aber in der Öffentlichkeit stand er schwer angeschlagen und diskreditiert da.

Mussolini rettete sich zunächst durch einige personelle Bauernopfer. Er erhielt auch die erwartete  Rückendeckung bei der Vertrauensfrage im Senat. Der zentrale Grund, dass er diese schwerste Krise dann doch überlebte, verdankte er aber auch der Opposition, die sich aus dem Parlament in eine Schmollecke zurückzog, statt ihn dort öffentlich zur Verantwortung zu ziehen. Die Matteotti-Krise hätte Mussolinis Herrschaft fast vorzeitig beendet, wenn – und darum gab und gibt es immer noch Streit – die Sozialisten nicht zusätzlich in ihrem Legalismus erstarrt wären und zum Aufstand oder Generalstreik geblasen hätten. Sie taten es nicht und so ebneten sie einem – vom radikalen Parteiflügel gedrängt – zum Durchbruch entschlossenen Mussolini den Weg in einen faschistischen, totalen Staat als Krisenlöser durchzupeitschen.

Er übernahm formell die Verantwortung für den Fall Matteotti, ohne eine Mittäterschaft oder Beteiligung an seiner Ermordung zuzugeben. Mit diesem „Zugeständnis“ holte er am 3. Januar 1925 zum großen Gegenschlag aus, indem der das wichtigste „Instrument“ seiner Bewegung, die Gewaltausübung seiner Schwarzhemden rechtlich abgesichert freisetzte. Politische Gegner wurden nun verhaftet, konkurrierende Parteien verboten, Reste der  Pressefreiheit abgeschafft und die Regierung von Nichtfaschisten gesäubert. Mit der kompletten Regierungsübernahme und Vereinnahmung des Staates durch die Faschisten waren – wie Mussolini später feststellte – die „Grundlagen des totalen Staates“ gelegt. Das Parlament samt pseudodemokratischem Zierrat wurde liquidiert und durch den „Großen Faschistischen Rat“ ersetzt. „Diktatur mit offenem Visier“ nannte er diese Verfestigung seiner Macht. Die Matteotti-Krise endete so mit seiner Stärkung auch in der Partei, die nun nach dem „Führerprinzip“ umgebaut wurde.


Die Lateranverträge

Ein Meilenstein zur Konsolidierung und Anerkennung des „totalen Staates“ wurden die „Lateranverträge“ vom 11. Februar 1929 mit dem Vatikan. Seit einem halben Jahrhundert schwelte nach der nationalen Einigung Italiens die „römische Frage“. Die nationale Einheit Italiens erfolgte gegen den erbitterten Widerstand der Katholischen Kirche, die um ihre Existenz fürchtete und von ihren Gläubigen sogar verlangte, das ohnehin stark eingeschränkte Wahlrecht zurückzuweisen. Der Vatikan war nach dem Ende des Kirchenstaates eine fragile Enklave in der Stadt Rom, erhielt mit dem Lateranverträgen durch den (faschistischen) italienischen Staat einen Status, den ihm die Liberalen stets verweigert hatten. Er wurde ein souveräner Staat mit Regierungshoheit auf einem Territorium, dessen Umfang sich im Gegensatz zum alten Kirchenstaat zwar auf das wesentlich kleinere Gebiet des Vatikans in Rom reduzierte, aber im Gegenzug erhielt der Vatikan beträchtliche Entschädigungen für die seit dem Risorgimento erlittenen Gebietsverluste und für die Zukunft umfangreiche finanzielle Leistungen für den Unterhalt der kirchlichen Sozial- und Bildungseinrichtungen.

Mit dem gleichzeitigen Konkordat erfolgten weitere Zugeständnisse, indem der katholische Glaube zur alleinigen Staatsreligion erhoben und kirchlich geschlossene Ehen den zivilrechtlichen gleichgestellt wurden. Dagegen versicherte der Vatikan, sich aus der Politik herauszuhalten und sich auf seine sozialen und seelsorgerischen Aufgaben zu beschränken. Papst Pius XI. unterließ es aber nicht, Mussolini als einen „Mann der Vorsehung“ zu preisen, der Italien von den „Irrlehren des Liberalismus“ befreie. Eine Bewegung, die in ihren Anfängen noch das Papsttum beseitigen wollte, gab ihm neue Kraft und erhielt von ihm eine nicht zu unterschätzende Zufuhr an Legitimität für eine dauerhafte Sicherung der Herrschaft.

Benito Mussolini 1930 bei einer Rede in Mailand. Hitler kopierte seinen Stil. | ©Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 102-09844/CC-BY-SA 3.0 / koloriert von der ORBenito Mussolini 1930 bei einer Rede in Mailand. Hitler kopierte seinen Stil. | ©Wikimedia Commons/Bundesarchiv Bild 102-09844/CC-BY-SA 3.0 / koloriert von der OR

Konsolidierung der Herrschaft nach Innen und imperiale Ambitionen

Nach der Konsolidierung der Herrschaft des Faschismus im Innern durch die auch formelle Abschaffung des Parlamentes und der Einrichtung des allein von Faschisten besetzten „Großen Rates“, der Ausschaltung aller oppositionellen Gruppen und Kräfte, dem Frieden mit der Katholischen Kirche, der Ausrichtung der Partei als „Massenpartei“ mit dem „Führerprinzip“, die ganz dem Duce ergeben war, statt einer „Elitepartei, widmete sich der totale Staat in den dreißiger Jahren seiner eigentlichen Daseinsbestimmung: der Außenpolitik. Und das hieß die Wiedererrichtung einer einstigen Größe, die sich nicht am Nationalstaat des Risorgimento messen wollte, sondern in die Tiefen der Geschichte hinabstieg und sich an nichts Geringerem als am Imperium Romanum orientierte.

Dass hier nun purer Größenwahn mächtig wurde, erkennt man nicht erst im Nachhinein an den eher bescheidenen militärischen Erfolgen und Leistungen, die zum großen imperialen Ziel im umgekehrten Verhältnis stehen. Ein nüchterner Blick auf Italiens Zustand zur Zeit des Krieges und auch noch danach offenbarte eigentlich unübersehbare Schwächen. Italiens Reichtum an alter Kultur und agrarischen Produkten stand ein bedrohlicher Mangel an eigenen Ressourcen gegenüber, die für die Industrialisierung unabdingbar sind. Die Industrialisierung war wiederum die Voraussetzung zur Teilnahme am internationalen Mächtekonzert bis hin zu den dafür erforderliche militärischen Kapazitäten, die aber beschränkte sich auf den Norden Italiens, vertiefte somit die aus der Vergangenheit geerbte Teilung Italiens in den reicheren Norden und dem „Mezzogiorno“, dem armen Süden, statt sie einzuebnen. Dabei dominierte auch im höher entwickelten Norden noch die Landwirtschaft mit Großgrundbesitz und Landarbeitern, die zahlreicher waren als die Industriearbeiterschaft. Hinzu kam, dass Italien mit einer vergleichsweise hohen Analphabetenrate auch im Bildungswesen weit hinter der Entwicklung der modernen Industriestaaten Frankreich und Großbritannien und insbesondere der ebenfalls „verspäteten Nation“ Deutschland weit zurück geblieben war.

Es ist keine Relativierung des Expansionsdranges der Faschisten, wenn man daran erinnert, dass die Liberalen schon vorher davon befallen waren und ihre Fühler der Eroberungen nach Afrika ausstreckten. War den Liberalen der Krieg nur ein Instrument für politische Ziele, wird er den Faschisten zum eigentlichen Lebenselement. „Alles am Faschismus ist Krieg“ lautete das Selbstverständnis. Seit 1925 war ihre gesamte Politik nichts anderes als die Vorbereitung auf Kriege gewesen. Wie später in Nazi-Deutschland war der totale Staat im Innern die Basis für den totalen Krieg und die totale Machtentfaltung nach außen.

Fraglich war lediglich, in welche Richtung die Expansion gehen sollte. Die auf Europa gerichteten Begehrlichkeiten scheiterten daran, dass da stets eine europäische Großmacht störend im Wege stand. Für Italien waren das vorzugsweise die Franzosen. Das bevorzugte Objekt der Begierde wurde Abessinien am Horn von Afrika – heute Äthiopien. Hier sollte Land für die Kolonisierung gewonnen werden, bewohnt von landhungrigen Siedlern des Mezzogiorno, Auftakt eines künftigen Großreiches zwischen dem Indischen und Atlantischem Ozean. Der gesamte Nordteil Afrikas einschließlich der Sahara war in diesen Träumen das künftige Italien unter Einbeziehung des gesamten Mittelmeeres als mare nostra.

Diesen Teil der Träume nahm Mussolini 1936 mit dem Überfall auf Abessinien in Angriff, der zugleich die Ohnmacht und Verfall des Völkerbundes eindrucksvoll zelebrierte. Zum gleich Zeitpunkt aktivierte er, noch zurückhaltend, die Kooperation mit dem „seelenverwandten“ Führer des Deutschen Reiches. Von dieser Liaison offenkundig berauscht erweitert er die Aktivitäten und zieht, unterstützt von Hitler, in den seit 1936 tobenden spanischen Bürgerkrieg, der ganz Europa in zwei Lager teilte und elektrisierte. Gegen die linken „Internationalen Brigaden“, die auf der Seite der regierenden Republikaner kämpften, traten die faschistischen Mächte auf der Seite des aufständigen General Francos mit  großzügigen Militärhilfen an.

Für den hier stark engagierten Mussolini hatte das schwerwiegende Folgen, denn hier wurden im Laufe der Zeit Ressourcen gebunden und verbraucht, die Italiens Kampfkraft auf den bald folgenden Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges so sehr schwächten, dass Italien von seinem deutschen Verbündeten militärisch immer abhängiger wurde. Als die Briten dann am 6.4.1941 die Hauptstadt Addis Abeba eroberten, war nicht nur das prestigeträchtige Abessinienexperiment dramatisch gescheitert. Es war das einschneidende Ereignis, mit dem die Aura des Faschismus und Mussolinis im eigenen Land einen schweren Schlag erfuhr.

Seit 1936 begab sich der Duce in eine immer engere Allianz mit seinem Bewunderer Hitler. Man schuf die „Achse Rom-Berlin“, erweiterte sie mit Japan zum „Anti-Komintern-Pakt“, aber Mussolini wurde von Hitlers Taten (Annexion Österreichs) nicht vorher informiert, sondern überrascht. In der Tschechei-Krise 1938, wo sich Mussolini bei dem „Münchner Abkommen“ noch als Vermittler zwischen Hitler und Chamberlain und Daladier angedient hatte, wurde er schlicht ignoriert. Längst bestimmten die faktischen Machtverhältnisse das nach außen dramatisch inszenierte Vertrauensverhältnis der „Großen Führer“. Mussolini musste erkennen, dass seine imperialen Träume nur im Windschatten der deutschen Militärmacht Chancen auf Realisierung haben könnten. Die „Parallelkriege“, die er mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führte, sind nicht nur nicht erfolgreich, sie werden dem Hauptverbündeten Deutschland eher zur Last als Gewinn und im Januar 1941 verlangt der Führer, dass sich der Duce ihm unterstellt und von seinen eigenwilligen Expeditionen Abstand nimmt.


Die Resistenza, das Ende und die Folgen

Als dann am 10. Juli 1943 die Alliierten auf Sizilien landeten, waren die Tage des Duce schnell  gezählt. Der Große Faschistische Rat beschloss am 25. Juli 1943 seine Absetzung und übertrug dem Marschall Badoglio die Regierungsgeschäfte. Entlang der Linie Neapel bis Foggio an der Adriaküste wurde Italien besetztes Land. Im Süden die Alliierten mit dem Königreich Italien, im Norden besetzten Truppen des Deutschen Reiches das Gebiet. Für Hitler war die Frage, ob die verbliebene strategisch bedeutende Südflanke in der Form einer direkten oder indirekten Herrschaft abgesichert werden sollte.

Hitlers Entscheidung, eine kontrollierte Unterstützung durch die faschistischen Bundesgenossen könnte trotz ihres militärischen Versagens als innere Ordnungskraft für die Niederhaltung der Feinde und der bislang fehlenden Judenverfolgung hilfreich sein, rettete Mussolini das Leben und verlängerte so seine politische Existenz, allerdings als Vasall Hitlers von dessen Gnaden. Die Nazis befreiten ihn am 12. September 1943 aus der Gefangenschaft und eineinhalb Jahre konnte er sich noch über Wasser halten, indem er das von den Deutschen besetzte Gebiet unter dem Namen „Republica Sociale Italiana“(RSI) mit Sitz in Solà am Gardasee formell als Diktator beherrschte. Da Mussolini realistischerweise davon ausging, der Name Faschismus habe seinen Glanz verloren, verzichtete er zugunsten des „Sozialen“ auf diesen Namenstitel für den neuen Staat.

Während Badoglio am 13. Oktober 1943 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, kämpfte der Norden erzwungenermaßen auf der anderen Seite. Das Deutsche Reich signalisierte sogleich, dass man auf eine militärische Hilfe der Italiener verzichte und sie stattdessen lieber als (Zwangs-) Arbeiter für die Rüstungsproduktion sowie als Gehilfen bei der Judenverfolgung (die von der neuformierten faschistischen Rumpfpartei in ihrem Manifest von 1943 sogleich zum Programm erhoben wurde), und beim Kampf gegen den politischen Widerstand der stärker werdenden Partisanen einspannen wollte.

Mit der Teilung Italiens und der jeweiligen Herrschaft der Kriegsgegner in jeweils einem Teil des Landes begab sich Italien zugleich in einen Bürgerkrieg. Die Formierung des die Grenzen rasch überschreitenden antifaschistischen Widerstandes, der legendären Resistenza, in dem die gut organisierten  kommunistischen Partisanenverbände eine maßgebliche und aufopferungsvolle Rolle spielten, entwickelte eine „wirkungsmächtige nationale Tradition mit eigenen Riten und Symbolen“, so der Zeithistoriker Hans Woller. Das Partisanenlied bella ciao ist das bekannteste Zeugnis dafür. Selbst wenn die Resistenza später auch „zum Mythos stilisiert“ wurde, so erfüllte der bis April 1945 auf geschätzte 250 bis 300.000 Kämpfer und Kämpferinnen anschwellende Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ihre faschistischen Kollaborateure die Aktivisten mit Stolz und gab dem Glauben an die Selbstbefreiung vom Faschismus Nahrung.

Die regional unterschiedliche Stärke und Bedeutung der Resistenza hat die spätere politische und kulturelle Entwicklung Italiens nachhaltig geprägt. Der Süden blieb auch nach der Landung der Alliierten auf Sizilien von Kriegshandlungen am meisten verschont und hier vollzog sich der Abschied vom Faschismus im Windschatten der Alliierten Besatzung kontinuierlich und relativ friedlich. Dadurch blieb diese Region aber auch von der wichtigen politischen Erfahrung der Resistenza ausgeschlossen. Im mittleren Teil Italiens dominierte der Kampf gegen die deutschen Besatzer, während er sich im Norden zum antifaschistischen Bürgerkrieg gegen die Deutschen und ihre noch immer Mussolini folgenden Vasallen erweiterte. Hier vor allem vollzogen sich Orgien von Verbrechen, die sich auch gegen die Zivilbevölkerung richteten. Sie setzte den Gräueln des Krieges hier noch eine zusätzliche Krone auf. Der Blutzoll auf Seiten der Partisanen wird auf 30 bis 40 Tsd. und der der Faschisten auf über 10 Tsd. geschätzt.

Auf zwei Niederlagen bei Montecassino folgte am 4. Juni 1944 die Befreiung Roms und damit Mittelitaliens durch die Alliierten. Das Ende der faschistischen Republik erfolgte am 25. April 1945, mit der Übernahme der Macht in Norditalien durch das „Zentralkomitee für Nationale Befreiung“, einem Zusammenschluss von sechs antifaschistischen Parteien. 1955 hatte man diesen Tag zum symbolischen „Tag der Befreiung“ erklärt. Faktisch dauerte der Krieg aber eine Woche länger. Mussolini versuchte zwei Tage später mit seiner Geliebten in die Schweiz zu entkommen, wurde jedoch bei Dongo am Comer See von Partisanen gefangengenommen, in großer Eile ohne reguläre Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt und am 28. April 1945 erschossen. Tags darauf erfolgte die Kapitulation, die ab den 2. Mai in Kraft trat.

Die Partisanen wollten auf alle Fälle verhindern, dass Mussolini in die Hände der Alliierten fiel. Mit weiteren führenden Faschisten wurde seine Leiche auf der Mailänder Piazza Loreto öffentlich mit den Füßen nach oben aufgehängt und so dem allgemeinen Volkszorn ausgesetzt. Diese Art der Selbstbefreiung war aber letztlich nur der Sieg der Rache über die Gerechtigkeit. Denn nur eine öffentliche Aufarbeitung der Gewaltherrschaft durch Anklage ihrer Täter hätte das dunkelste Kapitel der italienischen Geschichte zu einem nachhaltigen politischen Lehrstück machen können.

Damit ersparten sie Mussolini, aber eben auch dem italienischen Volk, in einem öffentlichen Gerichtsverfahren die Wahrheit über die schrecklichen Verbrechen in den Afrikakriegen in Äthiopien, Eritrea und dem heutigen Somalia zu erfahren. Man hätte erfahren können, dass  die Judenverfolgung in Italien nicht allein auf Befehl der deutschen Besatzer erfolgte, wie ein später beharrlich verbreitetes Narrativ in Italien lautet, mit dem auch der fundamentale Unterschied zwischen Faschismus und Nationalsozialismus begründet wird.

Richtig ist wohl, dass der Antisemitismus in der politischen Kultur Italiens und auch bei den Faschisten zumindest anfangs keine wesentliche Rolle spielte, aber ab 1938, also vor der deutschen Besatzungszeit 1943, wenn auch gegenüber Deutschland im vorauseilenden Gehorsam zum wesentlichen Bestandteil der Politik wird. Richtig ist ebenfalls, dass die beiden Herrschaftssysteme jenseits der Bedeutung des Antisemitismus und des einzigartigen Verbrechens der Judenvernichtung als zentraler Teil des Nationalsozialismus den gleichen Prinzipien einer Steigerung der Diktatur zu einem totalen Staat folgten. Allen antibürgerlichen und antikapitalistischen Attitüden zum Trotz, an den herrschenden Eigentumsverhältnissen und der Wirtschaftsordnung wurde prinzipiell nichts geändert.

Gestützt auf eine aktive Massenbasis wurden Demokratie und der liberale Rechtsstaat beseitigt. Es wurde ein „homogenes Abstammungsvolk“ konstruiert und die politischen Gegner als Krebsgeschwüre eines an sich gesunden Volkskörpers auch physisch vernichtet. Selbstverständlich ist ihnen die Annahme einer Ungleichheit mit unterschiedlicher Wertigkeit der Menschen in Rassen, wo die einen dazu auserlesen sind, nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht zur Expansion für erweiterte Lebensräume zu Lasten anderer, minderwertiger Völker zu haben. Sie feiern gemeinsam den Krieg als die höchste kollektive Lebensform im ewigen Kampf ums Dasein als selbstverständliches und somit legitimes Mittel der Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele.

Mag der Antisemitismus Mussolini persönlich auch fremd gewesen sein, Rassismus war es nicht. Er fand seine Entwicklung und Anwendung mit den Eroberungen in Afrika, denn auch hier begegnet man der Formel von der „Minderwertigkeit“ anderer „Rassen“ als Legitimation für die Vertreibung und Ausrottung anderer Völker bei der Expansion zur Eroberung neuen und zusätzlichen Lebensraumes. Einen Wesensunterschied zwischen Nationalsozialismus und Faschismus gibt es in elementaren Fragen der Herrschaftsausübung und ihrer Zweckbestimmung sowie Begründung durch ein Weltbild, dessen Kern ein Antihumanismus und Antirationalismus ist, nicht. Dies zu erkennen, relativiert nichts von den zusätzlichen einzigartigen Verbrechen Nazi-Deutschlands.

Da Mussolinis Leichnam schließlich in seiner Familiengruft seine letzte Ruhestätte fand, entstand für seine „ewigen“ Anhänger auch noch eine mystische Pilgerstätte. Das ist den Deutschen durch den Selbstmord des Führers und dem befolgten Befehl, seine Leiche zu verbrennen,  erspart geblieben.

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