Wortmann wortwörtlich: Heute vor hundertfünfzig Jahren endete die „Pariser Kommune“

Die Pariser Kommune

Das Blutbad von Paris
Vor hundertfünfzig Jahren endete die „Pariser Kommune“

Am 28. Mai 1871 endete nach nur 72 Tagen die „Pariser Kommune“ in einem Meer von Blut, das im 19. Jahrhundert seinesgleichen sucht. In unseren Geschichtsbüchern verschwindet sie im Schatten der Reichsgründung im Versailler Spiegelsaal am 18. Januar 1871. Dabei versetzte dieser Aufstand des arbeitenden Volkes weit über Frankreich hinaus die herrschenden Klassen Europas in Angst und Schrecken. Für die sich international formierende sozialistische Arbeiterbewegung war sie eine Inspiration und wurde dann zum Mythos der modernen proletarischen Revolution verklärt. Was also war das, was aus einem Krieg entstand, sich mit beispielloser sozialer und politischer Erfindungskraft entwickelte und dann in einem Bürgerkrieg niedergemetzelt wurde?

Die Vorgeschichte

Die Franzosen waren im langen 19. Jahrhundert ein sehr revolutionsfreudiges Volk. Die vier Revolutionen, die Große von 1789, die Julirevolution 1830, die Februarrevolution 1848 und die Pariser Kommune verbindet die Erkenntnis und Überzeugung, dass die Menschen ihre Geschichte selber machen. Aber sie machen sie – wie Karl Marx hinzusetzte – nicht unter selbst gewählten, sondern unter vorgefundenen Bedingungen. Und die waren jedesmal anders. Die Verbindung von Krieg und Revolution macht die Pariser Kommune zu einem Vorläufer der Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Das gilt für die Oktoberrevolution, alle (gescheiterten) Revolutionen am Ende des Ersten Weltkrieges, die chinesische Revolution, die vietnamesische und alle im Zusammenhang gegen den Kolonialismus.

Die Suche nach den Quellen der Pariser Kommune führt zum deutsch-französischen Krieg 1870 – und der führt zu seinem Urheber. Sein bürgerlicher Name lautet Louis-Napoleon Bonaparte, Neffe des legendären Napoleon I. Er war eine zwielichtige Figur, als Putschist in die Verbannung geschickt, kam er von dort in den Wirren der 48er Revolution kraft seines Namens in die Position, als „Retter der Nation“ in die Rolle seines Onkels schlüpfen zu dürfen, um Frankreichs Zweite Republik aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu erlösen. Das gelang ihm gründlich, er liquidierte die Republik gleich mit und setzte sich – wie sein Onkel – am 2. Dezember 1852 als Napoleon III. die Kaiserkrone auf. Innovativ war der kopierende Neffe insofern, als er seine Herrschaft nicht auf das Militär gründete, sondern auf das überwältigende Votum des Volkes, genauer der großen Masse der Kleinbauern. Getragen von 75 % der Stimmen aus dem von ihm eingeführten allgemeinen Wahlrecht wurde er „Kaiser der Franzosen“, nicht „Kaiser von Frankreich“. Im strengen Sinne des Wortes war er der erste Populist.

Ansonsten war das „Zweite Kaiserreich“ alles, nur keine Demokratie. Aber es war eine Periode einzigartiger wirtschaftlicher Dynamik. Das Sozialprodukt verdoppelte sich, die Industrialisierung nahm Fahrt auf, die Finanzwelt erlebte ihre Blüte, der Kapitalismus eroberte auch die Landwirtschaft. Die Metropole Paris erstrahlte im neuen Glanz und avancierte zur kulturellen Hauptstadt Europas. Die Kehrseite war ein sozialer Strukturwandel: Mit der Industrialisierung stieg die Zahl der modernen Lohnarbeiter, die rechtlos ihren Fabrikherrn ausgeliefert weder streiken noch Gewerkschaften gründen durften, deren Löhne sanken, weil die Lebensmittelpreise immer schneller stiegen und sie meldeten sich immer lauter mit ihren sozialen Forderungen zu Wort. Trotz des industriellen Aufschwungs blieb Frankreich überwiegend ein Land der Ackerbauern. Mehr als zwei Drittel lebten von der Landwirtschaft, überwiegend als Parzellenbauern. Sie waren die einstigen Profiteure der Landverteilung in der Großen Revolution. Meistens reichten die ökonomisch unproduktiven Parzellen nur zur Selbstversorgung, aber die „Jacquerie“, wie man sie abfällig nannte, liebte ihre an dieses schmale Eigentum gebundene Selbständigkeit. Weil sie damit zugleich zu den massenhaften Verfechtern des heiliggesprochenen Privateigentums schlechthin wurden, waren sie die sichere Bank der Herrschaft der Bourgeoisie und der politischen Reaktionäre, die ihre Angst vor Veränderungen bedienten.

Napoleon III. konnte aber nicht verhindern, dass auch die Kleinbauern ins Visier der Kapitalisierung gerieten. Schulden und Zinsknechtschaft bei den auftrumpfenden Bankiers endeten immer häufiger in Enteignung und Abstieg in die Lohnarbeit, sei es in der Industrie oder dem immer noch dominanten Kleinbetrieben von Handwerk, Gewerbe oder als Landarbeiter beim großen Grundeigentum. So dezimierte der wirtschaftliche Erfolg allmählich seine wichtigste Wählerbasis. Sie verkörperten die eine Seite der tiefen Spaltung Frankreichs in Zentrale und Peripherie, Stadt und Provinz. Diese sich fremd gegenüberstehenden Lebenswelten waren einerseits Ausdruck des extremen Gefälles von Landwirtschaft und Industrie, andererseits wurden sie durch den in Frankreich mit Beginn der Neuzeit angelegten Zentralismus verstärkt, der sich in der exponierten Stellung der Metropole Paris versinnbildlicht.

Der Place Vendôme nach dem Sturz der Säule, vorne Barrikaden

Der galoppierende Reputationsverlust des Kaisers deutete sich schon zu Beginn der sechziger Jahre an. Außenpolitische Ablenkungsversuche und ein paar liberale Zugeständnisse reichten nicht mehr. So wurden die Wahlen vom 24. Mai 1869 zum Menetekel eines sich abzeichnenden Niedergangs, als selbst die üblichen Wahlkreismanipulationen zwecks Sicherung der Mehrheiten nicht mehr funktionierte. Das städtische Bürgertum wählte über Paris hinaus vermehrt liberale Reformer. Selbst die Republik war als Alternative zur Monarchie nicht mehr ausgeschlossen. Die dann eingeleiteten Reformen hatten die fatale Folge, die Spaltung zu vertiefen statt auszugleichen. Beide Seiten sahen sich vom Regime enttäuscht.  Den einen gingen sie nicht weit genug, den Verfechtern des Status quo in den Kleinstädten und auf dem Lande gingen sie zu weit, weil sie jede Form von Veränderung ablehnten.

Die Demontage des Kaiserreiches erfolgte in Gestalt der Satire. Da sich das Second Empire gern mit der Operette als der neuen Kunstform schmückte, dechiffrierte die Satire mit wachsendem Erfolg das gesamte Regime als Operette. Und da für Herrschende nichts schlimmer ist, als wenn man über sie (nur noch) lacht, nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Kaiser griff erneut zu dem probaten Mittel der Ablenkung von inneren Problemen durch außenpolitische Aktivitäten. Das war nach dem Desaster von Mexiko 1867 zwar kein Selbstläufer mehr, aber 1870 öffnete sich im Konflikt um die vakante spanische Thronfolge mit der Bewerbung eines Hohenzollernprinzen, die massenwirksam als Angriff auf Frankreichs Sicherheit und Affront der Grand Nation gewertet wurde, ein Fenster der Gelegenheit.

Der Krieg als Anfang vom Ende des Second Empire

Am 19. Juli 1870 erfüllte sich der Wunsch einer breiten französischen Öffentlichkeit nach einem Krieg gegen die ungeliebten Preußen. Dem starken französischen Heer schienen die Preußen eine leichte Beute zu sein. Schnell lehrten schon die ersten Schlachten von Weißenburg und Wörth andere Einsichten als die patriotischen Jubelfeiern auf den Straßen verhießen. Es bedurfte – wir kennen sie als Straßennamen – weiterer Etappen wie Spichern und schließlich Sedan, um die militärischen Wahrheiten zu besiegeln. Die vermeintlichen Siege waren nur Rückzugsgefechte. Selbst die Preußen waren so überrascht, dass sich das gesamte Kriegsgeschehen von Beginn an auf das französische Territorium verlagerte. Sie hatten nicht einmal ausreichendes Kartenmaterial für Frankreich.

Nach nur sechs Wochen kapitulierte am 2. September 1870 Frankreichs „unschlagbare Armee“ bei Sedan. Napoleon III. begab sich in preußische Gefangenschaft. Um Unruhen zu vermeiden, erfuhr es das Volk erst einen Tag später. Allen Beteiligten war klar, hier wurde nicht nur ein Krieg verloren. Dem Niedergang folgte der Untergang. Die Kapitulation war das Ende des Kaisers und des Kaiserreiches. Am 4. September herrschte in den verbleibenden politischen Institutionen hektische Betriebsamkeit über das weitere Vorgehen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren mehrheitlich Monarchisten, die sich aber auf keine neue dynastisch-legitime Inthronisierung eines Königs einigen konnten, und ein erneuter Bonaparte als „Retter der Nation“ stand auch nicht parat.

Wie im Februar 1848 erzwang die immer größer werdende „Straße“ die Entscheidung, indem sie in den Sitzungssaal drang, die Sitzung sprengte und die Abgeordneten in Panik flohen. Zwei blieben standhaft: Leon Gambetta und Jules Favre, beides Republikaner. Ihre Präsenz verhinderte eine mögliche Revolution. Sie riefen dann vom Rathaus die Republik aus. Die Operette war am Ende und alles gut, nun musste nur noch die Bühne umdekoriert werden.  Der Tag der Niederlage wurde zum Tag eines Sieges.

Jules Favre 1865

Jules Favre hatte als Vertreter der provisorischen Regierung am 18. September bei seinem ersten Verhandlungsgespräch über die Beendigung des Krieges von Bismarck erfahren, dass seine Annahme, mit dem Sturz Napoleons sei für Preußen das Kriegsziel bereits erfüllt, ein schwerwiegender Irrtum war. Bismarck signalisierte sofortigen Waffenstillstand, wenn die Annexion von Elsass und Lothringen akzeptiert würde. Das konnte Favre unmöglich akzeptieren. Die Regierung sah als letzte Rettung vor dem Untergang nur noch die Hoffnung auf fremde Hilfe. Sie schickte den vom glühenden Monarchisten zum konservativen Republikaner mutierten Adolphe Thiers, den neuen starken Mann der Regierung, auf eine Reise zu den europäischen Höfen. Die Hoffnungen, sie davon zu überzeugen, dass es in ihrem eigenen Interesse liege, eine künftige Großmacht Preußen-Deutschland in Schach zu halten und sie deshalb Frankreich Beistand leisten müssten, wurden enttäuscht.

Die provisorische Regierung steckte nun in der Klemme. Weiter kämpfen statt zu kapitulieren, hieß die Verteidigung von Paris mit anderen Mitteln als der regulären Kriegsführung. Eine allgemeine Bewaffnung von Paris, das war die Revolution in Waffen. Schon am 11. September hatte sich dort ein „Zentralkomitee der 20 Stadtbezirke“ als inoffizielle Gegenregierung gebildet und am 17. September mit Forderungen, wie die Auflösung der Polizei und deren Ersatz durch neue Ordnungsorgane der Nationalgarde, das Bürgertum in Schrecken versetzt. Während in Paris noch über das Ausmaß der Veränderungen gestritten wurde, schloss sich nach dem widerstandslosen Vormarsch der preußischen Truppen am 19. September der Belagerungsring um Paris. Die Hauptstadt war umringt und von seiner Umgebung abgeschlossen.

Frankreichs Bourgeoisie blieb nur die Maxime: Wichtig ist nicht, wie wir herrschen, sondern dass wir herrschen! Die Angst vor der Revolution siegte über die Vaterlandsliebe. Enttäuscht wurde aber auch Bismarcks Hoffnung, „acht Tage ohne café au lait“ würden zur Kapitulation reichen. Stattdessen erfolgt am 31. Oktober 1870 durch die Blanquisten der erste Aufstand, aber zu mehr als einer kurzen Besetzung des Stadthauses reichte er mangels Masse nicht. Der Verdacht, die provisorische Regierung bereite die Kapitulation vor, blieb, aber Paris wurde nicht angegriffen. Der Belagerungszustand wurde zur Hängepartie, und der General Winter wurde zum Pariser Oberkommandierenden.

Hunger und Kälte wurden die Hauptfeinde. Die Versorgungslage spitzte sich besonders für die breite Masse dramatisch zu. Das Brennmaterial wurde knapp und die Speisekarten immer exotischer, obwohl man dort, angereichert mit Ratten, immer mehr vertrauten Haustieren wie Katze und Hund begegnete. Jedoch die breite Masse verzagte nicht, ihre ausweglose Lage steigerte nur den Hass auf die Belagerer und das Verlangen, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

Anders die Wohlhabenden in der Weststadt. Die Entbehrungen hielten sich hier in Grenzen, dafür stieg der Defätismus. Die Hoffnungen ruhten auf den geheimen Bestrebungen der provisorischen Regierung, durch Kapitulation die Belagerung zu beenden, um dem brodelnden Vulkan von Paris durch Flucht auf die Landsitze und in die Sicherheit der Provinz zu entkommen. Genau diesen geheimen Verrat vermutete und befürchtete das Volk, das den großen Proklamationen der provisorischen Regierung, den Feind wieder außer Land treiben zu wollen, nicht traute. Die Arbeiter und arme Bevölkerung in Paris erwarteten von der Dritten Republik für sich nichts.

„Herunter mit der Säule auf dem Place Vendôme dem Sinnbild für Barbarei und falschen Ruhm …“

Militärisch befand man sich im Zustand des Stellungskrieges. Paris konnte nicht raus, die Belagerer wollten nicht rein. Als Bismarck erkennen musste, dass es mit dem Aushungern nicht so schnell ging und er sich eines Scheiterns der Beistandsmission Thiers‘ nicht sicher war, drängte er aufs Handeln. Würde auch nur eine der europäischen Mächte der Bitte Thiers folgen, sähe Preußens Lage völlig anders aus, als wenn man zuvor Paris eingenommen und damit Frankreich definitiv besiegt hätte. Dagegen standen militärstrategische Fakten, die sein Generalstabschef Moltke klar erkannte. Mit Bombardements konnte man die zwei Millionenmetropole nicht erobern, für eine komplette Belagerung fehlte es an Soldaten, und ein Einmarsch kam in dem zu erwartenden Straßenkampf  gegen ortskundige Guerillas einem militärischen Selbstmord gleich. Moltke erkannte hier klar den neuen Charakter eines drohenden Volkskrieges. Aus der Nationalgarde entwickelt sich in Paris zwischenzeitlich eine Parallelarmee von 300.000 Menschen mit aus Spenden selbstfinanzierten eigenen Kanonen.

So zog sich auch auf preußischer Seite die relative Untätigkeit über den Winter hin. In Frankreich war die Stimmung gespalten. Auf dem Lande war man des Krieges schon lange überdrüssig, was die schlecht ausgebildeten Truppen in sinnlosen Kämpfen täglich demonstrierten. In Paris lebten die Rebellen, deren revolutionäres Potenzial sich über den Winter in vielfältigen politischen Clubs zu einer starken und geschlossenen Opposition formte, in einer gewissen Käseglocke und ein letzter Aufstandsversuch der Blanquisten endete am 22. Januar als Farce.

Dennoch hatte die in Paris ansässige Zentralregierung die Stadt immer weniger unter Kontrolle, denn die Macht der Opposition verlagerte sich auf die einzelnen Quartiere und Arrondissements. Das stärkte die bevölkerungsstarken Arbeiterviertel mit den leidenschaftlichsten Anhängern des Kommunegeistes. Am 29. Januar 1871 erfuhr Paris von der einen Tag zuvor erfolgten Unterzeichnung eines Waffenstillstandes, der faktisch eine Kapitulation war. Kriegsgegner war nun das am 18.Jannuar im Spiegelsaal zu Versailles gegründete Deutsche Reich. Das Abkommen verlangte für dessen Ratifizierung eine Neuwahl einer ausreichend legitimierten Nationalversammlung und enthielt noch einen hochexplosiven Sprengsatz. Nicht nur die reguläre Armee, auch die Pariser Nationalgarde sollte entwaffnet werden. Bismarck, von Moltkes Bedenken belehrt, übergab diese „Drecksarbeit“ der provisorischen Regierung und stellte ihr dafür Teile der regulären Armee in Aussicht. Die Abwicklung des Krieges delegierte er an einen Bürgerkrieg.

Die Wahlen am 8. Februar 1871

Die Neuwahl der Nationalversammlung am 8. Februar 1871 wurde zum Referendum über Krieg oder Frieden. Sie bildete die Stimmung im Land mit dem erwarteten Ergebnis ab. Das kriegsmüde Land, die Provinzen stimmten überwältigend für die Royalisten und gemäßigte Republikaner, also für den Frieden. Von 750 Abgeordneten stellten die Monarchisten mit 450 die Mehrheit, geschieden in Legitimisten und Orléanisten, den Rest teilten sich Liberale und Republikaner und 20 Sozialisten. Paris, Lyon und Marseille sowie noch ein paar größere Städte wählten die Weiterführung des Widerstandes.

Gestützt auf diese Mehrheit entwickelte der gestärkte Thiers seine Strategie. Die Monarchie erschien ihm, weniger wegen der dynastischen Zwistigkeiten, nicht mehr als die angemessene Form der bürgerlichen Herrschaft. Die Republik, bislang ein Projekt der Linken, musste ihnen entrissen werden, indem das Bürgertum erkennt, dass Familie, Religion, Ordnung und Eigentum, diese Vierfaltigkeit des Bürgertums, auch in einer konservativen Republik herrschen kann. Demonstriert werden sollte das durch die totale Vernichtung der Kommune von Paris und damit der Linken insgesamt. Die Nationalversammlung folgte in ihrem Hass auf das rebellische Paris dieser Strategie durch gezielte Provokationen.

Dem Abzug der Nationalversammlung in das von den Entbehrungen des Krieges verschonte stockbürgerliche Bordeaux folgte am 1. März die Ratifizierung des Waffenstillstandes. In den Augen der radikalen Republikaner besiegelte das die Schmach Frankreichs. Eine Steigerung der Zumutungen erfolgte am 7. März mit der sofortigen Aufkündigung der kriegsbedingten Moratorien für die Miet- und Wechselschulden und einer künftigen Koppelung des Solds für die Nationalgardisten an eine nachzuweisende Bedürftigkeit. Deutlicher konnte nicht demonstriert werden, wessen Interessen die Nationalversammlung vertrat. Diese soziale Kriegserklärung an die verschuldeten Kleinbürger, die Mieter von Paris (95 Prozent der Pariser waren Mieter) und die Arbeitslosen, die allein durch ihren Sold in der Nationalgarde ein Einkommen erhielten, trieb das verschuldete Kleinbürgertum massenhaft in die Arme der radikalen Republikaner. Der zusätzliche Beschluss, die künftigen Sitzungen der Nationalversammlung nach Versailles zu verlegen, forcierte den Verdacht einer Rückkehr zur Monarchie.

Die Parteigänger der Nationalversammlung in Paris reduzierten sich zunehmend auf die wohlhabenden Bürger im Westen der Stadt. Seit dem 24. Februar gab es faktisch zwei Regierungen in Frankreich. Die Nationalversammlung mit der von Adolphe Thiers geführten Regierung und das die Pariser Nationalgarde führende Zentralkomitee. Ihre einzige Gemeinsamkeit war ihre wechselseitige abgrundtiefe Verachtung und gegenseitiger Hass. Nach ein paar Wochen äußerlicher Ruhe entzündete sich jener Funke, der zur Explosion führte.

Der 18. März und die Geburt der Pariser Kommune

Thiers wollte der zum 20. März in Versailles angesetzten Sitzung der Nationalversammlung die Entwaffnung der Nationalgarde von Paris als Erfolg präsentieren. Ein Problem war, dass die Kanonen der Nationalgarde, erworben aus Spenden für die Verteidigung gegen die Preußen, deren Eigentum waren. Für Thiers und die Nationalversammlung waren sie das Symbol der widerrechtlichen, anmaßenden Souveränität von Paris. Militärstrategisch betrachtet stand ihr Symbolwert im umgekehrten Verhältnis zum Nutzen. Mit ihnen war eine Stadt weder zu erobern noch zu verteidigen, sondern nur zu zerstören. Letzteres wird auch ihre tragische Mission werden.

Als Thiers am 17. März in Paris durch Verhandlungen nicht zum gewünschten Erfolg, der Herausgabe der Kanonen, gelangte, griff er zu einem Überraschungscoup. In einer spontan inszenierten Nacht- und Nebelaktion sollten die Kanonen gekapert, dadurch die Nationalgarde entmachtet und Paris im Handstreich zurückerobert werden. Als in der Nacht vom 17. zum 18. März Regierungstruppen versuchten, die Kanonen zu entführen, fanden sie die Objekte ihrer Begierde zunächst im Arbeiterviertel Montmartre. Im Morgengrauen wurden sie von Frauen, die nach Brot Umschau hielten, entdeckt. Die erkannten sofort den Zweck, unterbanden den Abtransport und alarmierten die Nationalgarde. Es ging hier nicht mehr nur um die Kanonen als „Volkseigentum“, es ging um Sein oder Nichtsein. Die Macht kam fortan aus den Gewehrläufen.

Barrikaden an der Rue de Castiglione

Die Regierungstruppen erwarteten aber weder Gewehrsalven noch Kanonenempfänge der Nationalgarde, sondern leibhaftige Menschen, insbesondere Frauen mit ihren Kindern, die sich ihnen als Speerspitze entgegenstellten. Statt auf Befehl ihrer Generalität das Feuer auf diese Menschenwand zu eröffnen, senkten die überwiegend jungen und hungrigen Soldaten ihre Gewehre und erschossen sogar ihre Befehlshaber, genauer zwei Generäle, was die Regierungspresse zum eigentlichen Skandal machte. Die desertierenden Soldaten erhielten ihr Frühstück gratis. Diese spontane Fraternisierung der einfachen Soldaten mit dem Volk, ein vorbildlicher Akt des zivilen Widerstands, war sicher einer der erhebendsten Augenblicke des gesamten Dramas

Am Mittag des 18. März erkennt Thiers das Desaster, die Fraternisierung ist die eigentliche Niederlage. Er befiehlt nicht nur den sofortigen Rückzug aller Truppen aus Paris, er ordnet den kompletten Auszug der Regierung und der Verwaltung aus Paris an. Diese panikartige Flucht, in ihrer Logik schwer ergründbar, hatte zur Folge, dass Paris nun auf sich selbst gestellt war. Was spontan als grandioser Sieg erschien, stellte sich als Problem heraus, das mehr Fragen stellte als Antworten zur Verfügung standen.

Ein Problem beschäftigte spätere Analytiker von Marx über Lenin bis Trotzki mehr als die Pariser: Warum nutzte die Nationalgarde die Gunst der Stunde nicht, den flüchtenden Truppen zu folgen und sie zu schlagen? Hätte man nicht sogar die gesamte Kanaille aus Versailles verjagen können? Viele Revolutionsanalytiker haben hier den zentralen Fehler und den Grund für das Scheitern der Kommune gesehen. Aber sie argumentieren post festum. Wer das Ende des gesamten Spiels nicht kennt, würde diese Frage so gar nicht stellen. Es stellen sich nämlich viel mehr Gegenfragen. Wer hätte überhaupt über die Autorität verfügt, den Befehl zu einer Verfolgung der flüchtenden Truppen zu geben? Es existierte dafür weder eine formelle noch informelle Macht. Das gilt auch für das Zentralkomitee.

Keine Antworten gibt es auf weitere offene Fragen: Was hätte man im Falle eines Erfolges gemacht? Die gewählte Nationalversammlung verhaften? Ohne den geringsten Rückhalt im Lande? Es gab nicht einmal in den Großstädten gesicherte Unterstützung. Was sollte mit dem Sturz der Regierung als Neues installiert werden? Und schließlich die ganz pragmatische Frage aller Fragen: Sollte man nun, wie die verräterische Regierung, die Friedensbedingungen der Deutschen erfüllen? Neu verhandeln? Warum sollten die Deutschen das akzeptieren? So bleibt als letzte Option nur die Weiterführung des Krieges. Aber mit wem? Und wie – als revolutionärer Volksbefreiungskrieg gegen die Deutschen?

Auf alle diese Fragen gab und gibt es keine Antworten. Damals wurden erstere nicht einmal gestellt. Faktisch fand man in Paris einen leeren Tisch vor, den man nun decken musste, ohne dafür einen Plan zu haben. Im Kern stellt sich schon hier die alles entscheidende Frage, die wir später aufnehmen wollen: Was ist und will die Kommune sein und werden? Das Zentralkomitee der „Republikanischen Föderation der Nationalgarde“ bezichtigte in seinem Manifest vom 20. März die Regierung in Versailles, sie habe „unaufhörlich mit den schändlichsten Mitteln versucht, das schrecklichste aller Verbrechen zu wagen: den Bürgerkrieg.“ Das bedächtige Zentralkomitee interpretiert die Situation mit beeindruckendem Realitätssinn. Es bezog seine Legitimität aus der Zustimmung der Nationalgardisten, nicht aus der Bevölkerung. Und als Autorität konkurrierte es mit den gewählten Bürgermeistern der 20 Arrondissements, die aber kein eigenes Gremium bildeten. Schließlich einigte man sich auf Wahlen. Das Zentralkomitee verzichtete auf seine Macht und gab sie in die Hände des Volkes. Es wurden Wahlen für die Kommune von Paris ausgeschrieben.

Da es verfassungsrechtlich eine Kommune von Paris nicht gab und nicht geben sollte, traf die Wahl natürlich auf entschiedenen Widerspruch der Versailler Regierung. Es gehört zu den Paradoxien des Französischen Zentralismus, dass Paris als Hauptstadt und Regierungssitz nicht die gleichen Rechte genoss wie alle anderen Kommunen Frankreichs, sich einen Magistrat und Bürgermeister selbst zu wählen. In der Französischen Revolution hatte sich Paris dieses Recht, das nun zum historischen Vorbild und Anknüpfungspunkt wurde, erkämpft. Napoleon I. schaffte es wieder ab.

Die am 26. März durchgeführte Wahl erklärte Thiers für illegitim, „ohne Freiheit und moralische Autorität“. Der frisch gewählte Gemeinderat gab sich in seiner feierlichen Proklamation in Erinnerung an sein Vorbild von 1792 den symbolisch wirkungsmächtigen Namen „Commune de Paris“. Die Wahlen waren frei, und alle Strömungen und Parteiungen fanden sich im Gemeinderat wieder. Von den 86 vergebenen Sitzen traten die 15 gewählten monarchistischen Anhänger Thiers und sechs weitere Gewählte ihr Amt nicht an. Die verbliebenen entfielen auf 13 Abgeordnete des gemäßigt-liberalen Zentralkomitees der Nationalgarde, 17 ordneten sich als Sozialisten zu und 31 den Anhängern Louis-Auguste Blanquis, die in der Tradition der Jakobiner als zweimal gescheiterte Putschisten bekannt waren. Sozial setzte sich das Gremium aus Arbeitern, aber vor allem aus selbständigen Handwerkern, Kaufleuten sowie Ärzten, Anwälten, Journalisten und anderen Berufsgruppen zusammen.

Die Tage der Kommune

Ab dem 30. März erhalten die nun zahlreichen Dekrete der Kommune von Paris die stilbildenden Eingangsworte: „In Erwägung, dass….“  Gleich das erste Dekret regelt kurz und bündig den weitgehenden Erlass von Mietzahlungen und kriegsbedingten Mietschulden. Viele Beobachter, auswärtige vor allem, waren überrascht von der Ruhe und Sicherheit, die trotz der prekären Lage nach der panischen Flucht aller Verwaltungsorgane am 18. März in Paris herrschte. Sie beeindruckte, wie Amateure aus dem Stand die öffentlichen Angelegenheiten kreativ und zügig regelten. Schnell entwickelte sich eine neue Normalität. Verwundert wurde festgestellt, dass man in diesem Hort der Kriminalität selbst nachts gefahrlos die Straßen queren konnte.

Hier erlebte das von Karl Marx so nachdrücklich hervorgehobene Glanzstück dieser wahrhaft revolutionären Neuerungen seine kurzlebige Hochzeit: die Kommune als arbeitende Körperschaft. Sie lebte aus liberaler Sicht von dem Verbrechen der Aufhebung der Gewaltenteilung von Legislative und Exekutive. Die Beschlüsse werden vom Gesetzgeber selbst umgesetzt, und das wird zur Quelle unvorstellbarer Effektivität. Es gab zudem die jederzeitige Abwählbarkeit der „Beamten“, deren Verdienst auf das eines Facharbeiters begrenzt wurde. Die Verantwortlichen waren mit den Alltagssorgen und Nöten des Volkes bestens vertraut, weil es meistens ihre eigenen waren. So gewiss die Arbeiter hieran großen Anteil hatten, eine Diktatur, in welchem Sinne auch immer, übten sie nicht aus. Aber ihre sozialen Belange und Vorstellungen bestimmten das Handeln. Das wurde begünstigt, weil der zu erwartende Widerstand der Wohlhabenden entfiel. Sie hatten sich in die innere Emigration verabschiedet oder waren in die Provinz geflüchtet. Die Bourgeoisie ist keine kämpfende Klasse, sie lässt kämpfen.

Politisch dominierte keine Strömung eindeutig, schon gar nicht die später, insbesondere von Thiers, zum alles bestimmenden auswärtigen Geheimbund aufgeblasene Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) mit Sitz in London. Sie war in der Person von Karl Marx ein wichtiger Kommentator der Ereignisse, aber um Fäden zu ziehen fehlte es ihr an Macht und Masse. Parteien im heutigen Sinne gab es nicht. Das politische Leben bestimmten die zahlreichen Politischen Clubs mit ihren Zeitungen, die sich bis zur Zuspitzung des Bürgerkrieges völliger Pressefreiheit erfreuten. Die Mehrheit waren Republikaner, Radikaldemokraten, die sich gern in den Kostümen und Traditionen der Großen Französischen Revolution bewegten. Sie verband die alte Feindschaft auf Monarchisten, das Militär und die „Pfaffen“, den erdrückenden Einfluss des Klerus und der katholischen Kirche auf das Leben. Die Forderungen nach der Trennung von Staat und Kirche, der Abschaffung der Kirchensteuer, des Religionsunterrichts und der Bezahlung der Pfaffen aus Steuermitteln zeugen von diesem Geist. Sie erklären auch die spätere reziproke Nächstenliebe des Klerus auf diese Gräueltaten der Atheisten. Sie ließen es sich nicht entgehen, zur Ehre der „Niederschlagung“ der KommunardInnen ihre monströse Kirche Sacré Coeur an dem Ort zu bauen, wo die Arbeiter von Montmartre ihre Kanonen verteidigten und massakriert wurden.

Wie die Kommune sich unter selbstgewählten Bedingungen weiterentwickelt hätte, bleibt ein Geheimnis. In relativ ruhigen Gewässern befand sie sich nur kurze Zeit. Schon am 2. April regte sich der Feind außerhalb der Stadt erneut. Mit einer selbstbewussten, zum Kampf aufrufenden Proklamation beschwört die Kommune den Widerstandsgeist gegen die Royalisten. Der drohende Angriff führte nicht zur Lähmung, er entfesselt angesichts des drohenden Todes Kräfte, mit denen die Kommune über sich selbst hinauswächst.

Das Herzstück, das Manifest der Kommune ist die „Programmatische Proklamation an das französische Volk vom 19.April“. Sie fordert die absolute Autonomie aller Kommunen Frankreichs in Bereichen wie Budget- und Steuerhoheit, Polizei, Unterricht sowie Formen direkter Demokratie als permanente Teilnahme der Bürger und ökonomische Reformen in Richtung Genossenschaften und Gemeinwirtschaft. Die Kommune ist „das Ende der alten Welt des Despotismus, der Pfaffen-, Militär- und Beamtenwirtschaft, des Wuchers, der Monopole und Privilegien, denen das Proletariat seine Knechtschaft, das Vaterland sein Unglück und seinen Zusammenbruch verdankt.“ Die Kommune verstand sich als Bienenstock, der an die Stelle der Kaserne treten sollte.

Die programmatische Erklärung versteckt nur mühsam das zentrale strategische politische Problem der Kommune. Was eigentlich war ihr Zweck und Ziel? Wollte man für Paris nur die gleichen Selbstverwaltungsrechte wie für alle anderen Gemeinden? Offenkundig nicht. Oder sollte Frankreich in eine assoziierte Summe autonomer Kommunen transformiert werden mit der Pariser Kommune als Speerspitze einer nationalen Revolution? Wollte man gar zurück in eine vorstaatliche Welt des Mittelalters? Man wird es nicht genau erfahren, denn weitere Entscheidungen zur Klärung dieser Frage wurden den Kommunarden erspart.

Zu verhandeln gab es mit der Regierung in Versailles ohnehin nichts mehr. Thiers und Konsorten kannten nur ein Ziel: Bedingungslose Kapitulation der Kommune durch die gnadenlose Vernichtung der Kommunarden und ihrer Parteigänger. Militärisch befand sich Paris in einer Mausefalle, abgeschnitten von der Umwelt und ohne äußere Unterstützung und Verbindung. Die sympathisierenden Kommunen von Lyon, Marseille, Toulouse und anderen Großstädten waren nach kurzer Dauer schon hingestreckt.

Die extrem prekäre militärische Situation war der Kommune eigentlich schon am 2. April vor Augen geführt worden. An diesem Tag des Hochmuts riskierte die Nationalgarde ihren ersten Ausfall, um die Versailler Truppen zu verjagen und zu schlagen. Die Nationalgarde verlor mit dieser Aktion den Großteil ihrer besten und wichtigsten Kämpfer. Die desaströse Niederlage bewies nur eines sehr deutlich: für eine offene Feldschlacht war die Nationalgarde völlig untauglich. Es fehlten nicht nur die Waffen, es fehlte das dafür ausgebildete Personal. Die einzige Stärke der „Arbeiter in Waffen“ lag allein in der Defensive, in der Verteidigung der Stadt gegen fremde Eindringlinge in einem zermürbenden Guerillakrieg von Straße zu Straße und Haus zu Haus. Sie waren in der Tat die Vorboten dessen, was später von Mao bis Ernesto Che Guevara als Volkskrieg gepriesen wurde. Hier in ihren Straßen schwammen sie im Volk wie die Fische im Wasser. Draußen waren sie nur das Schlachtvieh. Diese Erfahrung markiert das Ende vom Glauben an einen Offensivkrieg durch die Kommune – und es war das unrühmliche Ende des Blanquismus.

Der drohende offene Bürgerkrieg wird zunehmend zur zentralen Bezugsgröße des gesamten Handelns. Aber Fragen der militärischen Verteidigung stehen nicht auf der Beratungsliste der Kommune. Wichtige Reformen wie das Recht auf kostenlose Bildung für alle, Arbeitsschutzmaßnahmen wie die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit, die Abschaffung der Nachtarbeit der Bäckergesellen, das Recht der Arbeiter, verwaiste Fabriken in Selbstverwaltung weitzuführen, das Recht, Gewerkschaften zu gründen, das alles wird Tag auf Tag beschlossen und verkündet oder, wie das Frauenwahlrecht, wenigstens diskutiert. Die arbeitende Kommune produziert Gesetze in einer Geschwindigkeit, wofür ein ordentliches bürgerliches Parlament Jahrzehnte bräuchte. Noch am Tag des Einmarsches der Versailler Truppen, am 21. Mai, dekretiert die Kommune in ihrer letzten Sitzung, die Theater der Erziehungskommission zu unterstellen und die Leitung in die Hände demokratisch gewählter Organe zu übergeben. Man könnte meinen, hier sei eine soziale Zukunftswerkstatt dabei, mit Signalen an die Zukunft schon an ihrer Unsterblichkeit zu arbeiten. Sie war eine Art Volksschule der Freiheit.

Das Ende als Tragödie oder die Bartholomäusnacht der französischen Bourgeoisie

Am 18. Mai ratifizierte die Nationalversammlung den am 10. Mai in Frankfurt unterschriebenen Friedensvertrag. Drei Tage später erfolgt der Generalangriff der Versailler Truppen auf Paris. Bismarck hatte der Versailler Regierung nach der Unterschrift die sehnlichst erwünschten zehntausende von Kriegsgefangenen zur Verfügung gestellt. Mit frischen und kampfentschlossenen neuen Truppen konnte Thiers nun mit überwältigender Übermacht angreifen.

Es ist Sonntag, herrliches Wetter. Während im Tuileriengarten ein großes Konzert stattfindet, ziehen die Versailler Truppen im kaum noch bewachten Westteil der Stadt ein. Gemäß dem Befehl, keine Gefangenen zu machen, führt sich die Kriegsführung mit der massenhaften Erschießung von Gefangenen ein. Der Anfangserfolg ist so großartig, dass Thiers tags darauf schon den Sieg und das Ende des Bürgerkriegs verkündet. Er irrt, es ist erst der Anfang.

Der wohlhabende Westen war kein Feindesland. Die Truppen werden von den Verbliebenen als Befreier durchgewunken. Das ändert sich ab dem Place de la Concorde. Von hier an war nach Norden und Osten jede Straße verbarrikadiert, fast tausend sollen es gewesen sein. Nicht nur hinter jeder Barrikade standen Kämpfer – und von nun immer mitzulesen, immer mehr auch Kämpferinnen. Von den Dächern und aus Fenstern wurde geschossen. Jede Straße, jedes Haus wurde verteidigt und musste einzeln erobert werden. Um überhaupt voran zu kommen, musste schließlich sogar schwere Artillerie eingesetzt werden, das hieß Zerstörung von Wohnhäusern, um der Kommunarden habhaft zu werden. Die setzen als Reaktion die Prestigegebäude ihrer Feinde in Brand. Das Haus der Ehrenlegion, des Rechnungshofes und des Staatsrates stehen bald in Flammen. Sie begleiteten nun den Rückzug der Kommunarden, ebenso wie Erschießungen mit modernsten Schnellfeuerwaffen den Vormarsch der Regierungstruppen.

So geht es Tag für Tag bis zur Erschöpfung. Mit der Dauer und zunehmenden Intensität der Massaker passen sich die Reaktionen der Verteidiger den Angreifern an. Das schändliche Geiseldekret der Kommune, das im April als Abschreckung zu den Hinrichtungen der Regierungstruppen gedacht war (mit vorübergehenden Erfolg, denn die Erschießungen nahmen ab), kam nun zur Anwendung. 62 Geiseln, darunter der Erzbischof von Paris, wurden hingerichtet. Das steht zwar rein quantitativ betrachtet in keinem Verhältnis zu den Mordorgien der Regierungstruppen, aber sie sind ein nicht tilgbarer hässlicher Fleck eines heroischen Kampfes, der dem zwischen David und Goliath, nur mit einem anderen Ausgang, gleicht.

Denn selbst als die Kämpfe schon faktisch endeten, begannen der Vernichtungszüge in die Arbeiterquartiere, wo alles durchkämmt und durchsucht wurde, alles Verdächtige gefangen genommen und dann ohne Gericht, nicht einmal durch Standgerichte hingerichtet wurde. Im Jardin du Luxemburg standen Menschenmassen Schlange für die Hinrichtung. Die Beseitigung der Leichenberge wurde zum drängendsten Problem für die Sieger und zur Grenze des Mordens. Die Londoner Times berichtete am 1. Juni über die „unmenschlichen Gesetze der Rache, unter denen die Versailler Truppen während der letzten sechs Tage Gefangene, Frauen und Kinder erschossen, erstochen und aufgeschlitzt haben. Soweit wir uns erinnern können, hat es in der Geschichte nichts Vergleichbares gegeben“.

Die Zahl der Opfer beruht auf Schätzungen. Die Gründlichkeit, Betroffene zu registrieren, war den Tätern fremd. Die Angaben variieren zwischen 17.000 bis über 30.000 Opfer. Gräuel und Elend quantitativ aufzurechnen ist müßig, aber um zu ermessen, was sich hier in der Metropole der Zivilisation abspielte, sei ein Vergleich herbeigezogen. Die Schreckensherrschaft der Jokobiner, ihr Terreur ist allen aus den Geschichtsbüchern bekannt, gilt mit Recht als das hässliche Gesicht der Großen Französischen Revolution. Vom April 1793 bis Juli 1794, der Herrschaft des Wohlfahrtsausschusses, wurden in Paris exakt 2596, übrigens nach (allerdings sehr zweifelhaften) Gerichtsverfahren, Feinde und Verräter der Revolution guillotiniert. An Grausamkeit und Masse der Ermordeten stellten Frankreichs Truppen in einem Krieg gegen das eigene Volk selbst den Blutrausch der legendären Bartholomäusnacht des 23./24.August. 1572 in den Schatten, von deren Masse nur die Rotfärbung der Seine eine Ahnung vermittelte.

Erschossene Kommunarden / Friedhof Père Lachaise

Aber auch das war noch nicht das Ende. Die Leichenberge werden selbst für die Hygiene der Sieger zum so großen Problem, dass man wieder Gefangene macht. Sie haben zudem den Vorteil, längerer propagandistischer Nachwirkung. „Die Versailler Truppen machten 43.522 Gefangene, die vier Jahre lang in 24 Kriegsgerichten verurteilt wurden. 10.137 wurden verurteilt, davon 93 zum Tode. 23 wurden hingerichtet … 251 Gefangene wurden zur Zwangsarbeit verurteilt, 4.586 Verurteilte nach Neukaledonien verbannt und der Rest zu mehr oder weniger langen Haftstrafen verurteilt.“ (Francois Caron) Die Prozesse gaben Einblicke in die soziale Zusammensetzung dieses „Abschaums“, es waren meistens gut ausgebildete Arbeiter in ehrbaren Handwerken und viele Ladenbesitzer. Die Folgen bemerkte sogar die Bourgeoisie, denn es fehlten etliche qualifizierte Arbeitskräfte

Das allgemeine öffentliche Entsetzen über diesen Zivilisationsbruch ist groß. Möglich wurde er aber erst dadurch, dass Bismarck nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages der französischen Regierung die gefangenen Armeen für die Niederschlagung der Kommune zur Verfügung gestellt hatte. Das machte am 25. Mai August Bebel im Deutschen Reichstag deutlich, und unter dem Hohngelächter der liberalen und konservativen Abgeordneten erklärte er sich mit den Kämpfern der Kommune solidarisch. Er rief ihnen zu, dies sei nur ein „kleines Vorpostengefecht“, und in wenigen Jahrzehnten werde der Schlachtruf der Pariser Arbeiter, „Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang!“ der Schlachtruf des europäischen Proletariats sein.

Nachschlag: Die Lehren und Mythen

Es gibt viele Legenden über die Pariser Kommune. Ihre Feinde machten aus ihr eine Schreckensherrschaft blutrünstiger Mordbrenner. Das behauptet heute niemand mehr, und das Bürgertum feiert auch seinen Sieg nicht mehr. Sacré Coeur erinnert nur die Wissenden daran, was es mit diesem Bau historisch auf sich hat. Die Erinnerungskultur der Linken konzentriert sich mit einer jährlichen Demonstration zu der „Mauer der Föderierten“ am Friedhof Pere Lachaise, wo am 28. Mai die vermutlich letzten 147 gefangenen Männer und Frauen hingerichtet wurden.

Zum Mythos wurde die Pariser Kommune durch die Interpretation ihrer politischen Botschaft. Vor allem durch Lenin und die Oktoberrevolution. Aber diese Lehre der Machtergreifung und -erhaltung ist weit entfernt von dem, was Karl Marx von der Kommune als Lernender entnahm. Sie war für ihn das Werk des arbeitenden Volkes, voller Spontanität. Sie war aber keine sozialistische Revolution. Die Nationalbank blieb ebenso unangetastet wie die friedlich weiterarbeitende Börse, auf deren Kurse das gesamte Geschehen keinen erkennbaren Einfluss nimmt.

Karl Marx hat ihr mit der ihm eigenen Sprachgewalt im Bürgerkrieg in Frankreich unmittelbar nach ihrem Ende ein unüberbietbares analytisches Denkmal gesetzt. Ihr Geheimnis sah er darin, dass sie als Resultat des Kampfes „der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form (war), unter der die ökonomsiche Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ Die Kommune als die politische Form, das war für ihn die direkte, unmittelbare, alle sozialen Bereiche umgreifende Demokratie, die  Selbstorganisation des Lebens durch die handelnden Menschen. Keine Rede von der Herrschaft einer Partei, sondern spontaner Erfindungsgeist, der „keine fix und fertigen Utopien in Volksbeschluß“ überführt. Es ist eine Ode an die gelebte Revolution, in der die Menschen als Akt der Emanzipation sich und die Verhältnisse ändern. In diesem Sinne kann man von der Kommune lernen. Aber die politische Form ist an eine revolutionäre Situation gebunden. Auf Dauer, das lehrt die Erfahrung, ist ein Staat auf dieser Basis nicht zu regieren.

https://www.youtube.com/watch?v=R_U8wcQ0E1Y

spot_img
spot_img
spot_img
spot_img
Follow by Email
Facebook
Youtube
Youtube
Instagram
Spotify