Wortmann wortwörtlich: Krieg als Kulturkampf

Zur Verleihung des diesjährigen Osnabrücker Musikpreises

Wie sicherlich vielen bekannt, hat die diesjährige Verleihung des Osnabrücker Musikpreises höchste politische Wellen geschlagen. Der allgegenwärtige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk fuhr gegen diese Preisverleihung schwerstes Geschütz auf, indem er dazu erklärte, deshalb nie wieder Osnabrück zu besuchen. Ob wir schon mal die Ehre seines Besuches hatten, entzieht sich meiner Kenntnis.

Man kann über etliche Äußerungen dieses Mannes die Stirn runzeln, aber hier wird ein neuralgischer Punkt getroffen, der die Kultur und deren Verständnis und damit verbunden auch ein Teil des Selbstverständnisses der ukrainischen Kriegsführung thematisiert. Es passt zu seiner Aussage, alle Russen seien Feinde, wenn er es für eine Zumutung hält, dass ein russischer Musiker, der sich zudem als dezidierter Gegner des putinschen Krieges erklärt, aus Solidarität mit der Ukraine statt Haydn ein Stück eines ukrainischen Komponisten namens Valentin Silvestrov spielt. Statt Brücken zu bauen, würden so Fahrten in die Hölle vorbereitet. Mit ähnlichen Gründen hatte er schon eine Einladung des Bundespräsidenten für ein Solidaritätskonzert gegen Putins Krieg mit ukrainischer und russischer Beteiligung zurück gewiesen.

Dabei wäre es doch gerade in der aufgeheizten Stimmung dieses brutalen Krieges dringend nötig, auch jenen, die erzwungenermaßen zu der Seite der Kriegsgegner zählen, die versöhnende Hand zu reichen, die sich nicht hinter Putin stellen. Stattdessen empört sich der Botschafter über die Teilnahme von Russen an dem Konzert. Ein Verhalten, das nicht so gut zu der Rolle passt, die die ukrainische Führung für sich gerne in Anspruch nimmt und mit der sie in der Welt um Solidarität wirbt: Sie kämpfe stellvertretend für die Ideale der westlichen Welt, für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte gegen Diktatur, Gewalt und nach unseren Maßstäben gehört auch der Völkerhass dazu.

Eine ebenfalls befremdliche Begründung für das Verhalten des Botschafters liefert jene Person, die für die politische Skandalierung der Osnabrücker Preisverleihung den Anstoß gab. Sergej Sumlenny ist ein in Berlin lebender gebürtiger Russe, promovierter Politologe, der zwischenzeitlich als Direktor für die (grüne) Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew arbeitete. Er begründete seine Empörung über die Preisverleihung per Twitter damit, dass es sich für viele Ukrainer um eine „kulturelle Aneignung“ handele, wenn ein Russe eine Komposition eines ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov spiele. Der 84 Jahre alte Silvestrov ist vor dem Krieg aus Kiew geflohen.

Diese im wahrsten Sinne kulturfeindliche Begründung ist nun keine neue Erfindung. Sumlenny bedient sich einer Argumentation, die in postkolonialistischen und antirassistischen Diskursen, vor allem in den USA, aber auch in Europa und hierzulande, schon seit einiger Zeit Aufmerksamkeit erheischt. Es snd die Debatten über kulturelle Identitäten, ob beispielsweise ein weißer Mensch (um nicht gleich den alten weißen Mann zu bemühen) das Gedicht einer – sagen wir mal – schwarzen jungen Frau übersetzen kann und darf oder ob es sich dabei um „kulturelle Aneignung“ handelt.

Das würde formvollendet bedeuten,  eine schwarze Sängerin darf in Bayreuth oder sonst wo keine Wagneropernpartie singen, ein weißer Jazzmusiker wird zum Widerspruch in sich selbst, Schostakowitsch ist in der Ukraine nicht mehr zu hören. Und wer bitte darf dann noch Shakespeare ins Deutsche übersetzen oder Goethe ins Englische? Und allen Ernstes gibt es als Antwort auf Putins großrussischen Kulturimperialismus, der ja tatsächlich der Ukraine jedes Recht auf eine eigene Kultur abspricht, die ukrainische Retourkutsche, dass man schärfer zwischen russischer und ukrainischer Herkunft unterscheiden müsse. So firmiert der berühmte Schriftsteller Nikolaj Gogol jetzt unter ukrainischer statt russischer Flagge. Nun denn, könnte man sagen, wenn’s der Identitätssuche dient.

Aber die Ukraine ist schlecht beraten, wenn sie Putins Kulturchauvinismus nur mit Pochen auf eigene nationale kulturelle Identität antwortet, statt sich als weltoffenes modernes Land zu präsentieren. Es würde auch besser zu dem Anspruch passen, Teil der europäischen Kultur zu sein. Dabei wäre es ratsam, die momentan modische Hascherei nach kultureller Identität zu übergehen. Die Verbindung mit dem Krieg offenbart, wie viel Unheil hier angelegt ist.

Kultur in Gestalt von Literatur und Musik und allen anderen Ausdrucksformen der Kunst sollte gerade in Zeiten des Krieges entgegen den Versuchungen zu  kollektiver Feindschaft ihren die Menschen verbindenden Chancen nicht verspielen und sich schon gar nicht in den Dienst des Krieges stellen. Europa hat damit in zwei Weltkriegen hinreichend üble Erfahrungen gemacht, als erst im Geiste der Verteidigung der Kultur und dann der Rassen die Völker aufeinander gehetzt wurden.

Was eine „kulturelle Aneignung“ sein soll, bleibt  rätselhaft. Aber wenn Putin auf die Idee käme, wie einst Hitler mit seinen Schergen 1942 der 9. Symphonie Beethovens „andächtig“ zu lauschen, damals dirigiert von Wilhelm Furtwängler, dann könnte man angesichts der Botschaft des Schlusschors „Alle Menschen werden Brüder“ von einer schlimmen Form der kulturellen Vergewaltigung sprechen. So etwas wäre zu skandalieren. Davon kann bei der Verleihung des Osnabrücker Musikpreises wohl nicht die Rede sein. Die Reaktion des ukrainischen Botschafters und die Rechtfertigung durch den ehemaligen Direktor der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew dagegen schon.

 

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