St. Marien – Ort der Diskussion über Geschichte und Gegenwart
Eingebettet in eine beeindruckende szenische Darstellung von Rats-SchülerInnen und eine Diskussionsrunde wurde eine NDR-Dokumentation* über Hans-Georg Calmeyer zum zweiten Mal in Osnabrück öffentlich gezeigt. Nicht nur die Doku selbst, sondern auch Fragen von Zuschauern ließen alle im Kirchenschiff Anwesenden nachdenklich zurück.
Am 13. März fand sich eine zahlreiche Zuschauerschaft in St. Marien ein, die fast das ganze Kirchenschiff füllte. Auf dem Programm standen drei attraktive Punkte: Eine szenische Darstellung, erarbeitet von SchülerInnen des Ratsgymnasiums unter Leitung von Stefanie Westphal, die Aufführung der NDR-Doku „ARD-History: Calmeyers Dilemma“ sowie eine anschließende Diskussionsrunde. Moderiert von Pastor Matthias Bochow äußerten sich Stefanie Westphal, Dr. Friedemann Neuhaus (Fachobmann Geschichte am Ratsgymnasium), Dr. Mathias Middelberg MdB sowie, und nicht zuletzt, die Schülerinnen Judith Blömer und Patrizia Harmening.
Musikalisch begleitet wurde der Abend von einem Klaviertrio, ebenfalls vom Ratsgymnasium, das die Titelmelodie von „Schindlers Liste“ gekonnt und berührend darbot und damit einen ersten, auch inhaltlichen Punkt setzte.
Nach der musikalischen Einleitung fand das szenische Spiel der RatsschülerInnen statt. Äußerst beeindruckend und professionell bot die harmonisch interagierende Truppe Szenen dar, die, auf selbst erstellte Texte gründend, den Abend künstlerisch zugespitzt eröffneten. Beispielhaft wurde an zwei Schicksalen dargelegt, wie sich die Entscheidungen Calmeyers unmittelbar auf Wohl oder Wehe der betroffenen Personen auswirkten. Die bürokratischen Anteile an den Entscheidungen wurden durch Schreibmaschinengeräusche und pantomimische Umsetzung von Büroarbeit dargestellt. Allein diese ersten Minuten des Abends wären den Weg durch das feuchte und kalte Wetter zu St. Marien wert gewesen.
Die Vorführung der Doku nahm eine knappe Dreiviertelstunde in Anspruch. Hervorragend recherchiert und mit zahlreichen Interviews angereichert bildete sie eine Grundlage für die nachfolgende Diskussion. Die beiden Ratsschülerinnen berichteten von Entstehung und Auswirkung auf das Schulleben einer Ausstellung über Calmeyer**, die im Kirchenraum gehängt war und nach dem Programm des Abends besichtigt werden konnte. Die Tafeln der Ausstellung wirkten im Schulgebäude wie Stolpersteine, so die Schülerinnen. Sie führen dazu, dass die Beschäftigung mit Calmeyer in der Schule präsent, obgleich natürlich nicht überall Unterrichtsthema ist. Die wichtige Rolle Dr. Friedemann Neuhaus´ bei der Vermittlung der Geschichte der Zeit des Faschismus wurde von allen hervorgehoben.
Ein Mangel der Dokumentation war, dass die Namen der Interviewten nicht, oder nur unzureichend, in Untertiteln wiedergegeben wurden. Dr. Middelberg war während der Diskussion in der Lage, aufgrund seiner profunden Kenntnis der Materie mit diesen Informationen auszuhelfen. Fragen aus dem Publikum galten unter anderem der Problematik, ob Jugendliche, gar Kinder, die in unserem heutigen geschichtlichen Umfeld leben, die Vorgänge aus der Zeit Calmeyers nachempfinden können. Dr. Neumann bemerkte dazu, dass ein vollständiges Erfassen der damaligen Zeit bis zu einem bestimmten Alter nicht möglich sei, aber dass das Interesse am Thema ab der fünften Klasse feststellbar sei.
Die dem ganzen Abend zugrunde liegende Frage war natürlich, ob man Calmeyers Verhalten als positiv oder negativ einordnen muss, oder überhaupt kann. Middelberg bemerkte dazu, dass man die Diktatur bekämpfen muss, solange es nicht zu spät ist. Danach sei es nicht einfach, ein blitzsauberes Leben zu führen. Das Publikum fragte sich auch, ob man nicht ein Rad im Getriebe sein muss, wie Calmeyer es war, wenn man effektiv Widerstand leisten will, oder ob Totalopposition der einzig moralisch vertretbare Weg sei.
Dazu nahm natürlich auch die Dokumentation Stellung, und zwar anhand der Frage der Benennung des Calmeyer-Hauses. Die Position des Philosophiehistorikers Jan van Ophuijsen, der maßgeblich an der niederländischen Petition gegen die Umbenennung der Villa Schlikker mitarbeitete, ist ganz klar gegen die Benennung. Andererseits steht, ganz am Ende der Dokumentation, die Meinung Laureen Nussbaums, Holocaust-Überlebende und Freundin Margot Franks, die eine Benennung der Villa nach Calmeyer befürwortet, weil, so Nussbaum, man von ihm lernen kann, „gerade weil es eben nicht so eindeutig und einfach war.“
Mehr Bilder zur Veranstaltung finden sich in meinem Blog
* ARD-History: Calmeyers Dilemma. Hajo Schomerus und Lutz Hachmeister. Produktion TVPLUS GmbH im Auftrag des NDR. 2025
**Über die Ausstellung berichtete die OS-Rundschau bereits anlässlich der Veranstaltung zum 27. Januar in der Alexanderschule in Wallenhorst.















