Ein Nachmittag voller kurzer Spielszenen, Gedichte und Gesänge begeistert ein vielköpfiges Publikum
Die Schevtschenko-Nationaluniversität in Kiev, Schevtschenko-Denkmäler in Washington, D.C., in Städten wie Kyiv, Charkiv, Lviv und Luhansk; Lenin-Denkmäler, die in der Ukraine durch solche von Schevtschenko ersetzt werden; der März als Schevtschenko-Monat an ukrainischen Schulen und Universitäten – nur wenige Beispiele für die ungebrochene Wichtigkeit eines Dichters, Künstlers und politischen Aktivisten, der vor 165 Jahren starb.
Testament
[…]
Begrabt mich, dann erhebt euch,
Zerreißt die Ketten
Und besprengt die Freiheit
Mit dem bösen Blut des Feindes.
Und mir, in der großen Familie,
In der freien, neuen Familie,
Vergesst nicht, mit einem
Guten, leisen Wort zu gedenken.
Dieser Ausschnitt aus einem der bekanntesten Gedichte des ukrainischen Nationaldichters macht sofort klar, warum Schevtschenko (9. 3. 1814 – 10. 3. 1861) noch immer aktuell ist und von den meisten Ukrainern hoch verehrt wird.
Da sowohl Geburts- als auch Todestag des „Barden“ (Kobzar, Ehrenname Schevtschenkos) im März liegen, war es keine Überraschung, dass die ukrainische Gemeinde Osnabrücks am vergangenen Samstag zu einem Nachmittag einlud, der ganz im Zeichen seiner Verehrung stand. Teilnehmer und Zuschauer spachen von Schauern der Begeisterung, gar von Gänsehaut, die die teils von Kindern vorgetragenen, gekonnten Rezitationen von Gedichten Schevtschenkos in ihnen hervorriefen.
Mehrere Spielszenen brachten den Zuschauern Schlüsselmomente des Lebens des Barden näher, so zum Beispiel, als der Leibeigene Schevtschenko sich entschließt, Maler zu werden. Leibeigener? Maler? Ja, tatsächlich, der spätere Nationaldichter Schevtschenko war auch das, wurde erst, nachdem er in St Petersburg Kunst studieren wollte und das als Leibeigener nicht konnte, vom berühmten Maler Karl Briullov freigekauft. Es darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass seine Besitzer (wie will man sie anders nennen?) auch seine frühen Förderer waren.
Es heißt, dass Schevtschenko die Technik der Radierung im russischen Reich einführte; jedenfalls sind seine Bilder, die die Ukraine, und später seinen Verbannungsort in der Gegend des Aralsees und auch Einwohner Kasachstans zeigen, in der Ukraine allgemein bekannt. Sie wurden während der Veranstaltung in einer Slideshow auf einem Großbildschirm hinter der improvisierten Bühne gezeigt. Und ja, Verbannter war Schevtschenko auch, denn er kämpfte in seinen Werken unter anderem für eine Gleichstellung aller Völkerschaften im russischen Reich.
Auch weil man eines seiner Spottgedichte über die Zarenfamilie bei einem Mitglied der fortschrittlichen „Bruderschaft der Heiligen Cyrill und Method“ fand, wurde er für 11 Jahre hinter den Ural geschickt, als Gemeiner Soldat. Der Zar persönlich bestimmte, dass er dort „unter striktester Überwachung, und ohne das Recht zu schreiben oder zu malen“ gehalten werden sollte. Zwar setzte sich das künstlerische Genie Schevtschenkos auch in der Verbannung durch, so dass er sich Privilegien erkämpfen konnte, jedoch trugen die dortigen Lebensbedingungen maßgeblich zu seinem frühen Tod bei.
Den Abschluss des Nachmittags bildeten zwei Lieder, die von vier Mitgliedern des hervorragenden Chors „Sori“ vorgetragen wurden. Ihre wunderbaren Stimmen füllten den Raum und erhielten wohlverdienten Applaus. Im Anschluss führten viele BesucherInnen und Mitwirkende angeregte Gespräche bei Kyiver Torte und anderen Leckereien.
Weitere Bilder finden sich in meinem Blog.













