Dienstag, 16. August 2022

Stürmer Stürmer und das Straßenschild

Das im vergangenen Jahr gegründete Magazin „Sportlich unterwegs“ erzählt die bunten und kuriosen Geschichten des Sports in Osnabrück und dem Landkreis. Die folgende Story erschien in der ersten Ausgabe von „Sportlich unterwegs“. Die dritte Ausgabe erscheint am heutigen Freitag. Weitere Informationen sowie die ersten beiden Ausgaben als pdf-Datei gibt es hier: www.sportlich-unterwegs.de (Instagram: @sport_lich_unterwegs).

DIE STRASSE DES STÜRMERS UND DAS VERFLIXTE 13. TOR

Der Name war Programm. Stürmer. Klaus Stürmer. Von 1953 bis 1961 brillierte er im Angriff des Hamburger SV, als kongenialer Partner von Uwe Seeler. In der Oberliga Nord, der damals höchsten Spielklasse, trug er 108-mal das Trikot mit der Raute und erzielte 83 Tore. Die besten Mannschaften der verschiedenen Oberligen spielten damals den Deutschen Meister aus. Stürmer absolvierte 35 dieser DM-Spiele und machte zwölf Buden. Naja, eigentlich 13. Aber dazu später mehr.

Mit Osnabrück hatte der Angreifer nie etwas zu tun. Und dennoch erinnert die Klaus-Stürmer-Straße im Ortsteil Hellern an den HSV-Star. Vermutlich spielte der frühe Tod von Stürmer eine Rolle. Er verstarb 1971 im Alter von nur 35 Jahren. 1972 mussten nach der Eingemeindung nach Osnabrück Straßen in Hellern umbenannt werden. Thoby Stürmer, die Witwe des beliebten Fußballers, kann das Rätsel um die Osnabrücker Straße auch nicht ganz auflösen: „Mir wurde mal zugetragen, dass ein Mitarbeiter der Osnabrücker Stadtverwaltung großer Fan meines Mannes war“, erinnert sie sich.

„Wir waren neben und auf dem Platz ein Team“, sagte Uwe Seeler 2014 bei der Enthüllung einer Gedenktafel für Klaus Stürmer in dessen Geburtsort Glinde. Frank Gabbert, heute Abteilungsleiter beim TSV Glinde, der 2014 eine Stürmer-Ausstellung organisierte, war als Knirps dabei, als Stürmer in Glinde beerdigt wurde. „Es war sehr traurig. Es war aber auch beeindruckend, weil so viele Sportpromis nach Glinde kamen.“

Frank Gabbert erhielt vor einigen Jahren von Stürmers Witwe Kartons mit vielen historischen Aufnahmen und Erinnerungen. So zum Beispiel auch ein Poesiealbum mit Einträgen von Fußballgrößen wie Max Morlock. Gabbert erinnert sich auch, dass „Uns Uwe“ zu Lebzeiten Stürmers häufig zu Besuch bei der Familie Stürmer in Glinde war. „Die beiden waren wirklich dicke“, sagt Gabbert. Das bestätigt auch Thoby Stürmer. Und dennoch gebe es da die Sache mit dem einen Tor, dem 13. DM-Tor Stürmers.

„Klaus Stürmer war der Denker – Uwe der Vollstrecker. Was Stürmer plante, setzte Seeler in die Tat um“, schrieb das Sportmagazin „Kicker“ nach dem Tod von Stürmer. Seeler und Stürmer hatten sich einst in der Jugendnationalmannschaft kennengelernt. Damals kickte Stürmer noch für den Eimsbütteler TV. Er wechselte zum HSV, zu Uwe. Dies lief nicht ganz reibungslos. Der alte Verein war unglücklich, beschwerte sich und ließ ihn sogar für ein Jahr sperren.

Klaus Stürmer absolvierte zwei Länderspiele für die DFB-Elf und erzielte ein Tor. 1960 wurde er mit dem HSV Deutscher Meister, nach einem 3:2-Erfolg im Finale gegen den 1. FC Köln. Stürmer, so zeigt ein TV-Bericht aus der damaligen Zeit, glänzte mit einer Vorlage zum 2:1. Der Geißbock-Elf gelang zwar noch das 2:2, doch kurz vor Schluss traf Uwe Seeler zum 3:2 und machte die Hanseaten zum Deutschen Meister. So steht es zumindest in sämtlichen Chroniken.

Nach acht Jahren an der Elbe zog es Klaus Stürmer 1961 – also noch vor Gründung der heutigen Bundesliga – in die Schweiz. Er kassierte damals ein stattliches Handgeld. Zweimal wurde er in der Schweiz Meister. Er spielte noch bis zum Frühjahr 1971, ehe er am 1. Juni 1971 den Kampf gegen den im Jahr zuvor bei ihm diagnostizierten Hodenkrebs verlor.

„Als Klaus schon todkrank war, wollte er unbedingt noch einmal seine alte HSV-Mannschaft treffen“, erzählt Witwe Thoby Stürmer. Und so reisten sie damals gemeinsam aus der Schweiz nach Hamburg. Stürmer nahm Abschied von alten Weggefährten. „Damals, bei der Verabschiedung in Hamburg, sagte ihm einer, dass sich Uwe Seeler immer noch mit dem Tor zum 3:2 rühmen würde. Als Klaus das gehört hat, hat er nur noch geweint. Die beiden waren so gut befreundet. Uwe hätte das klarstellen können. Denn eigentlich hat Klaus das Tor geschossen“, so die Witwe.

Wer sich die historischen Aufnahmen des Finales 1960 anschaut, versteht, was Thoby Stürmer meint.

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Kurz vor Spielschluss erhält der HSV auf halblinker Position, Torentfernung etwas mehr als 25 Meter, einen Freistoß. Charly Dörfel hebt den Ball über die Mauer in den Strafraum. Etwa sechs Meter vor dem Tor springt Klaus Stürmer akrobatisch in die Luft und lupft den Ball über den herausgeeilten FC-Keeper. Der Ball fliegt aufs leere Tor zu. Dann kommt Uwe Seeler, weit und breit keine Abwehrspieler zu sehen. Kurz vor der Torlinie – oder vielleicht auch erst dahinter – schiebt „Uns Uwe“ den Ball, der ohnehin ins Tor gegangen wäre, ein. Seeler hätte auch zurückziehen können. Stürmer wäre dann als „Meistermacher“ in die Annalen eingegangen und hätte sein 13. DM-Tor bekommen.
Aber Seeler war nun halt mal Stürmer.

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