Absolut Dritte Liga – mehr nicht

Warum der VfL in der Saison 21/22 keine Spitzenmannschaft ist

Auch wenn die vorläufige Schlusspointe durch einen rassistischen Eklat gesetzt wurde und wir alle in getrübter Verstörung in die Winterpause gehen, sollte an dieser Stelle eine Zwischenbilanz der sportlichen Seite nicht zu kurz kommen. Es geht also im Folgenden um Fußball und nichts anderes.

Die Mannschaft des VfL Osnabrück „überwintert“ auf dem neunten Platz und damit, wie man es gerne abgedroschen metaphorisch ausmalt, im Niemandsland der Tabelle. Wenn das Spiel gegen den 18ten der Tabelle zu Ende gespielt worden wäre, hätte es vielleicht auch der siebte sein können … Danach sah es allerdings am Sonntag bis zu jener schwarzen 35 Minute nicht unbedingt aus. Wieder mal.

Gute vier Wochen vorher ging es noch darum, den direkten Anschluss an den FC Magdeburg herzustellen, fuhren rund 5.000 Osnabrücker Fans an einem Montagabend ins naheliegende Lotte und jubelten über einen Dreier. Zwar nicht gerade überragend gespielt, aber immerhin gewonnen, mit den Fans im Rücken! Die Begeisterung flog, wie es oft hier ist, dem tatsächlichen Vermögen voraus. Und dann kamen jene Spiele, die der gemeine Fan schnell vergessen möchte.

Vergessen sollte man nicht, dass die bisher beste Saisonleistung kein Ligaspiel war, sondern der Pokal-Hit gegen das Bundesligateam des SC Freiburg, das aktuell auf einem Champions-League-Platz thront. Dass das Spiel nach langem Auf -und Ab ganz knapp verloren ging, findet im Nachklang kaum Erwähnung. Gefühlt war es allemal ein Sieg. Nur, gegen das zweite Aufgebot des Breisgauer Kultclubs wurde dann ebenfalls verloren, unglücklich vielleicht, aber nicht auf unlogische Weise.

Diese leistungsmäßige Diskrepanz, ein paarmal richtig stark und dann wieder unerwartet schwach, zieht sich durch den Verlauf der Saison und ist auch anhand der Auftritte einiger Spieler, auf die man setzt, festzumachen.

 

Daniel Scherning: ein Trainer mit Format

Scherning – Foto: Revierfoto

Bevor darauf im Einzelnen einzugehen ist, ein Blick auf den Trainer Daniel Scherning. Seine Leistung besteht darin, aus einem neu zusammengesuchten Kader eine funktionierende Einheit geformt zu haben. Die Mannschaft ist stabil, wirkt fit und ist in der Lage an guten Tagen, attraktiv und effektiv aufzutreten. Schernings Spielidee ist modern: konsequentes Pressing, schnelles Umschaltspiel, möglichst viel One-Touch-Spielzüge. Dabei wird wenig am System gefummelt, sodass die Spieler ein klares Konzept im Kopf haben müssten. Mit seiner mutigen offensiven Grundausrichtung erinnert Scherning an seinen Mentor Steffen Baumgart. Schernings Auftritte am Spielfeldrand strahlen ebenso Ruhe wie Engagement aus. Gegenüber der Mannschaft scheint er ein respektiertes Standing zu haben, inwieweit er auch mental auf das Team als Ganzes oder einzelne Akteure einwirken kann ist schwer zu beurteilen. Seine Aussagen und Analysen lassen durchweg Kompetenz erkennen, schwerwiegende Fehleinschätzungen oder falsche Entscheidungen kann man ihm nicht anlasten. Eine besondere Ausstrahlung wie z. B. Daniel Thioune hat er allerdings nicht. Vielleicht ist Scherning sogar ein wirklich guter Trainer, dem zu größeren Erfolgen besseres Personal zu wünschen wäre …

 

Das Stammpersonal in der Bewertung

Damit wären wir bei denen, die es auf´m Platz richten sollen.

Torhüter Philipp Kühn ist mittlerweile DER Publikumsliebling. Und das hat er sich vor allem durch seine reaktionsschnellen Aktionen auf der Linie und unmittelbar davor verdient. Seine Körpersprache und Mimik sagen aus, dass er für diesen Verein brennt. Mit seinen Paraden hat er manchen Punkt mehr als mitgewonnen. Kühn ist also ein guter Keeper, aber kein überragender. Zwar hat er sein Spiel im und um den Strafraum verbessert, jedoch fehlt es ihm da an Schnelligkeit und auch an Einschätzungsvermögen bei knappen Situationen mit heranstürmenden Gegnern. Da sorgt er zuweilen für Verwirrung im eigenen Hoheitsgebiet und hat so auch Strafstöße verursacht.

Mit Omar Traoré wurde ein starker rechter Verteidiger zurück an die Bremer Brüche geholt, dessen Qualitäten in der Offensive ebenso positiv ins Gewicht fallen. Der wohl verlässlichste Defensivspieler dieser Saison.

Kleinhansl – Foto: Revierfoto

Auf der anderen Seite sticht Florian Kleinhansl als Außenbahnspieler noch auffälliger hervor. Ganz klar eine Verstärkung im Offensivspiel. Allerdings muss er sein Abwehrverhalten noch verbessern, um ein konstant Überdurchschnittlicher zu werden.

Die Schwächen der Abwehr passieren im Zentrum. Sowohl Timo Beermann als auch Maurice Trapp spielen mit Licht und Schatten, haben zwar in dem einen oder anderen Spiel sehr gute Momente, aber machen insgesamt zu viele Fehler im direkten Zweikampf und im Stellungsverhalten. „Eule“ merkt man die langen Jahre der Karriere an, er steht im Herbst und die Mühe mitzuhalten prägt sein Gesicht. Das Gemunkel über einen Wechsel war wahrscheinlich nicht mehr als Gerücht.

Lukas Gugganig hat seine stärksten Szenen bei Eckbällen oder Freistößen vor dem gegnerischen Tor. Ganz toll sein Ausgleichstreffer gegen Freiburg im Pokal! Solide in der Abwehr – mehr nicht. Als defensiver Mittelfeldspieler bzw. doppelte Sechs wenig geeignet.

Ulrich Taffertshofer spielt das, was er kann. Darüber hinaus limitiert. Das Sheriff-Image bleibt ihm und defensiv ist ihm kaum etwas anzulasten. Drittligadurchschnitt, zuweilen mehr.

Lukas Kunze ist eine Entdeckung der Saison, erinnert an Moritz Heyer, auch aufgrund seiner Torgefährlichkeit. Ein Spieler mit offensichtlichem Potenzial, einer für mehr als Mittelmaß.

Mit leichten Abstrichen kann man das auch von Sven Köhlers Auftritten sagen, wobei sein Tor gegen Werder im Pokal ganz oben in Erinnerung geblieben ist. Ihm haben die Ausleihzeit beim SC Verl weitergebracht. Auch bei Köhler ist Luft nach oben zu erahnen. Ein Lichtblick der Saison.

Wären wir bei Sebastian Klaas: Viel Vorschusslorbeeren, viel Talent, viel Verletzungspech, große Hoffnungen wieder mal. Zu allererst müsste jeden VfLer freuen, dass Klaas bislang verletzungsfrei geblieben ist. Toi, toi, toi! Aufgrund dessen, was ihm alles an Fähigkeiten zugeschrieben wird, sollte er es in dieser Saison zu einem Führungsspieler im offensiven Mittelfeld bringen – hoffen alle. Tatsächlich hat er sich in ein paar Spielen diesem Niveau angenähert, insbesondere im Pokalspiel gegen Freiburg, und wäre fast zum Torschützen des Monats gekürt worden. Leider versandet sein Spiel noch zu oft im Mittelmaß. Um wirklich zu Spitze zu sein, braucht der VfL öfter einen Klaas wie im Pokal oder gegen Braunschweig. Die einzelnen Scheinwerfermomente reichen nicht.

Simakala – Foto: Revierfoto

DIE Entdeckung der Saison ist Ba-Muaka Simakala, alias ´Chance´. Leider zuweilen etwas ungestüm unterwegs. Ein Rohdiamant sozusagen. Diesen in den richtigen Schliff zu bringen, ist eine der kniffeligsten Aufgaben für das Trainerteam, denn dieser Spieler hat das Zeug zu einem Top-Stürmer.

DIE Überraschung: Marc Heider, läuft wie früher ein VW, der torgefährlichste Stürmer, und das mit 34 Lenzen. Dazu fit wie ein Paar Adidas-SPEEDFLOW. Mit ihm und etwas mehr durchschlagskräftigeren Kollegen zu beiden Seiten würde der VfL glatt in die Zweite Liga stürmen.

Aber das verhält sich leider nicht so, denn an Heiders Seite grassiert das Torblockade-Syndrom. Betroffen davon sind Higl, ansonsten mit Dynamik und Robustheit unterwegs, und Aaron Opoku. Letzterer dribbelt und kombiniert sich laufend in beeindruckender Gewandtheit von der Mittellinie bis an den Rand der Box. Ja, und dann kommt das große Flattern.

Ein Fall fürs mentale Coaching. Ob Scherning das auch kann?

Wenn sich allein bei diesen beiden Spielern der Knoten lösen würde, könnte der VfL eine echte Alternative an der Spitze sein.

 

Von der Bank

Von den Akteuren, die eher von der Bank kommen, überzeugt keiner so, dass man ihn sich als Stammkraft wünschen würde.

Einer, der sich sporadisch als Verstärkung gezeigt hat, ist Bertram. Sein größter Moment das entscheidende Tor gegen Meppen. Ansonsten muss man von einem gestandenen Drittligaprofi, der es laut eigenem Anspruch noch einmal wissen will, mehr erwarten.

Davide Itter ist auf der rechten Abwehrseite nur eine Alternative, wenn Traoré nicht zur Verfügung steht. Gleiches gilt für Tim Möller im defensiven Mittefeld. Aufgedrängt haben sich beide nicht.

Enttäuschend bisher das Schaulaufen von Andrew Wooten. Hier spielt einer seine Gnadensaison. Eigentlich ein Kandidat für eine gütliche Abgabe zum Jahreswechsel. Aber welcher Club sollte den nehmen?

Ähnlich wirkungslos Ulrich Bapoh. Die Erwartungen, die man vor der Saison 20/21 in ihn gesetzt hatte, sind perdu. Die Dauerausrede vom Verletzungspech hat sich verschlissen. Was er zu bieten hat, ist Alibifußball. Vielleicht um weiteren Verletzungen aus dem Weg zu gehen? Ihm sollte man ebenfalls nahelegen, bei einem anderen Verein als Hoffnungsträger aufzulaufen.

Mit Bapoh und Wooten hätte man dann zwei kostspielige Mitläufer von der Gehaltsliste und könnte auf neue Kräfte setzen, die der Mannschaft wirklich weiterhelfen.

Man sollte davon ausgehen, dass Sportdirektor Amir Shapourzadeh ähnlich spekuliert.

Bleibt noch Oliver Wähling. Über ihn raunt man Vielversprechendes auf der Illoshöhe. Woanders hat er für den VfL noch nicht gekickt. Eine Option aus der Wundertüte. Vielleicht startet ja mit ihm im Januar die Jagd auf die Spitze.

Wenn man den aktuellsten Nachrichten entnimmt, dass die Rückrunde definitiv mit Geisterspielen beginnt, kann man das als Fan nur bedauern. Es sind nun mal nicht allein die individuellen oder kollektiven sportliche Leistungen, die das Spiel des VfL tragen. Mehr als andere Teams leidet diese unter den coronabedingten Beschränkungen an der Bremer Brücke. Osnabrücker Mannschaften haben stets eine besondere Verbindung zu ihrem Publikum. Sind die Osnabrücker auf den Rängen zahlreich da, läuft´s meistens auch auf dem Rasen besser. Ohne oder auch nur mit gebremster Unterstützung fehlt etwas, und zwar Entscheidendes. Das lässt sich schwer kompensieren. Nur für diesen Verein zu kämpfen und zu schrei´n, hat an der Bremer Brücke ein Gewicht wie in keinem anderen Stadion.

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