Wiesbaden wird über Nacht mit ehrlicher Stadion-Fassade konfrontiert
Kleingartenverein „Fortschritt & Schönheit“ meldet Dachschaden mit kulturellem Mehrwert
Wiesbaden/Osnabrück. Es gibt Momente im Fußball, da wächst der Mensch über sich hinaus. Pelé 1966 und erst recht 1970. Lienen mit aufgeschlitztem Oberschenkel 1981. Riesselmann mit 90.+5 2026. Und nun: eine Gruppe VfL-Fans mit Akkuschraubern, lila-weißem Sendungsbewusstsein und einem sehr flexiblen Verhältnis zum Begriff „Kunst am Bau“.
In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist in Wiesbaden das geschehen, was Fachleute längst für überfällig hielten: Die BRITA-Arena, im Volksmund seit Jahren liebevoll „Blechdose“ genannt, wurde endlich auch baulich auf den Stand ihres Rufes gebracht. Aus einer Arena, die bislang nur so tat, als sei sie eine Dose, wurde eine Arena, die jetzt wenigstens den Anstand besitzt, auch wie eine auszusehen. Kurz gesagt: Die Maske ist gefallen. Und darunter war Wellblech.
Nach ersten Erkenntnissen rückten mehrere Dutzend VfL-Fans gegen 2:00 Uhr an. Also zu einer Uhrzeit, zu der Wiesbaden schläft, Osnabrücks „Kunstler:innen für den Frieden“, die sich angeblich nach dem Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb intern als Triebtäter bezeichnen, aber erst richtig aktiv werden. Das benötigte Baumaterial soll aus dem benachbarten Kleingartenverein „Fortschritt & Schönheit“ stammen. Dort bemerkten einige Pächter am Sonntagmorgen, dass ihre Lauben plötzlich sehr viel Luft nach oben hatten.
„Meine Parzelle ist jetzt lichtdurchflutet“, freute sich ein Kleingärtner, der nur noch unter seinem Vornamen Detlef auftreten möchte. „Früher hatte ich ein Dach, jetzt habe ich Atmosphäre. Die Tomaten sind verwirrt, aber irgendwie auch stolz.“
Ein anderer Laubenbesitzer sprach von „organisiertem Dachwechsel“. Seine Frau ergänzte: „Wenn das Kunst ist, möchte ich wenigstens Dauerkarten.“
Die VfL-Fans selbst weisen den Vorwurf der Sachbeschädigung entschieden zurück. Ein Bohemian mit lila-weißem Schal, Nietenzange und bemerkenswert ruhigem Puls erklärte: „Kär, Kär, Kär! Wir haben nichts kaputtgemacht. Wir haben nur den architektonischen Subtext sichtbar gemacht und sind damit gut zufrieden.“
Tatsächlich steht die BRITA-Arena nun da wie ein überdimensionierter Hering in Aspik: silbern, geriffelt, zweckmäßig und mit einem leichten Klangkörperproblem. Wer mit dem Finger gegen die neue Außenhaut klopft, hört angeblich eine Mischung aus leerer Regentonne, Walgesängen, Auswärtsspiel und der Frage, warum man eigentlich immer noch Fußballstadien baut, die aussehen wie Getränkemärkte mit Flutlicht.
Was war eigentlich passiert?
Am Morgen bot sich der heimischen Bevölkerung ein Bild, das viele zunächst für einen Marketing-Gag hielten. Die Arena glänzte in frischem Wellblech, auf dem Dach wehte eine riesige VfL-Osnabrück-Fahne, und davor standen hunderte unschuldig tuende lila-weiße Fans, als hätten sie nicht gerade eine städtische Liegenschaft verschönert, sondern den Aufstieg in dei 2. Liga eingetütet.
Es wurde gesungen, geschwenkt, gefachsimpelt und vermutlich auch irgendwo erklärt, warum man „nur mal kurz vorbeigucken wollte“. Vor dem Haupteingang herrschte eine Stimmung wie auf der Osnabrücker Maiwoche, nur mit mehr Blech, besserer Musik, weniger Altstadt und deutlich irritierten Hessen.
Das eigens für rund 6.000 angereiste VfL-Fans organisierte Public Viewing der Partie MSV Duisburg gegen Energie Cottbus wurde trotz der nächtlichen Fassadenreform nicht abgesagt. Man wolle, hieß es, „keine unnötige Unruhe gegen renovierbereite Gästfans erzeugen.“
Die Stadt Wiesbaden zeigte sich derweil sogar zurückhaltend begeistert. Ein Sprecher teilte mit: „Wir prüfen, ob es sich um Vandalismus, eine bauliche Veränderung oder einen sehr konsequenten Kommentar zur Stadionästhetik handelt.“ Hinter vorgehaltener Hand hieß es jedoch, die Arena habe „selten so ehrlich gewirkt“.
Auch aus Fachkreisen kam Zustimmung. Ein Professor für angewandte Tribünenkunst lobte den Eingriff als „radikale Rückführung der Multifunktionsarena auf ihre eigentliche Wahrheit“. Oder einfacher gesagt: Wer Blechdose genannt wird, soll nicht wie ein Schmuckkästchen herumstehen.
In Osnabrück sieht man die Sache gelassener. Dort spricht man nicht von einem Skandal, sondern von Fassaden-Pressing. In Wiesbaden dagegen wird noch diskutiert, ob die Wellblechhaut wieder entfernt werden soll. Allerdings besteht die Gefahr, dass danach alles wieder genauso aussieht wie vorher. Wer will das schon?
Und so steht sie nun da, die neue alte BRITA-Arena: nicht mehr ganz Stadion, nicht ganz Konservendose, nicht ganz Baumarkt, aber immerhin ein Ort mit Haltung. Eine Fassade weniger, eine Wahrheit mehr. Denn hinter jeder modernen Fußball-Maskerade steckt am Ende doch nur derselbe alte Putz. Oder, wie ein Unbekannter in großer poetischer Klarheit in die Wellblechwand ritzte:
Der Gips ist der alte,
nur die Fassade ist neu.
Bevor ich erkalte,
trenn ich Weizen von Spreu.
Der DFB prüft nun, ob diese Zeilen als unsportliches Verhalten, bauliche Provokation oder poetischer Platzsturm zu werten sind.
In Osnabrück ist man da schon weiter: Dort wurden sie bereits vertont, auf 3.000 Schals und 1.000 Tassen gedruckt. Natürlich gibt es auch ein Sondertrikot mit der Aufschrift: „Wir sind nur wegen der Dachschäden hier!“












