Vorspiel im Gästezimmer: VfL gegen Hoffenheim II

Unsere ohnehin umfangreiche VfL-Berichterstattung wird ab sofort um ein neues Format ergänzt, und zwar um das „Vorspiel im Gästezimmer“ und das „Vorspiel im Wohnzimmer“.
Verantwortlich für das „Gästezimmer“ ist Janis Weber, der schon einige interessante Beiträge für die OR verfasst hat und VfL-Fans vom Podcast Ostkurvenchor hinlänglich bekannt sein dürfte.

Das Wohnzimmer räumt Lars Mosel vor jedem Heimspiel auf, der vor allem als Mitglied der ersten Stunde des VfL-Podcasts auf OS-Radio 104,8 berühmt und zugleich berüchtigt wurde: „Ich werde hier gegen meinen Willen festgehalten“, ein unvergessener Satz, mit dem der erste VfL-Podcast eröffnet wurde und der schon früh die mafiöse Grundstruktur der OR offenbarte.

 

Vorschau auf das Heimspiel gegen TSG Hoffenheim II (nur echt von 1899)
mit persönlichen Einschätzungen von Lars Mosel, Janis Weber und Sven Dirkes

Was ist für einen Fußballfan schlimmer als auswärts bei der TSG aus Hoffenheim anzutreten? Bei der Zweitvertretung dieses mit Dietmar Hopps SAP-Milliarden gedopten Konstrukts antreten zu müssen. Am Sonntag um 13:30 Uhr spielt der VfL zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte im Dietmar-Hopp-Stadion. Die Premiere gegen die „Erste“ verlor man 2007 in der 2. Bundesliga mit 1:3, im Rückspiel setzte es an der Brücke eine 0:3 Niederlage.

Auch das Hinspiel in dieser Saison war aus lila-weißer Sicht ein Spiel zum Vergessen: Hopps Amateure konnten einen 4:0 Auswärtssieg aus Osnabrück entführen, es war für den VfL die erste Pleite seit dem zweiten Spieltag nach zuvor acht Spielen ohne Niederlage.


Auf’m Platz

Wie soll man eine Mannschaft sportlich einordnen, bei der man nicht weiß wie der nächste Spieltagskader aussehen wird bzw. wie viele vermeintliche Bundesligaspieler im nächsten Spiel auflaufen werden? Beim „Drittligaklassiker“ gegen Stuttgart II wurden von Trainer Stefan Kleineheismann Spieler im Wert von 22,5 Millionen Euro (laut transfermarkt.de/Stand  18. März) eingesetzt, zum Vergleich: der gesamte Kader des VfL ist mit einem Marktwert von 6,8 Millionen Euro beziffert. Und dabei hat die TSG im Winter sogar ihren mit 2 Millionen Euro Marktwert ausgewiesenen Top-Scorer der Hinrunde, Ayoube Amaimouni-Echghouyab, an die Eintracht aus Frankfurt abgegeben. Der Marrokaner sammelte bis zur Winterpause neun Treffer und sechs Vorlagen, steuerte unter anderem im Hinspiel an der Bremer Brücke ein Tor und eine Vorlage bei und hatte damit großen Anteil an der erfolgreichen Hinrunde der Kraichgauer. Mit 31 Punkten stand man an Weihnachten nur drei Punkte hinter dem Relegationsplatz und hatte mit plus 13 das zweitbeste Torverhältnis der Liga. Mit viel Offensivpower, schnellem Umschaltspiel und einer gehörigen Portion Spielfreude brachte man einige „Größen“ der Liga ganz schön in Bedrängnis. Neben Osnabrück konnten auch Duisburg, Cottbus, Rostock, 1860 und Wiesbaden geschlagen werden.

In der Rückrunde zeigt sich ein komplett anderes Bild: Zum Auftakt gab es eine 4:0 Klatsche beim Kellerkind aus Havelse. Und damit war der Trend für die nächsten Wochen gesetzt. In zehn Rückrundenspielen konnte man nur magere vier Pünktchen sammeln, kassierte mit 26 Gegentoren so viele wie keine andere Mannschaft der Liga und bekleidet aktuell Platz 15 in der Tabelle. Wäre der Abstiegskampf in den letzten Wochen nicht zu einem Schneckenrennen verkommen, hätte es eventuell nochmal bedrohlich für Hopps Amateure werden können. So werden sie allerdings auch in der neuen Saison in Liga 3 antreten und den anderen Vereinen samt Anhängern durch sportliche Wettbewerbsverzerrung und nicht vorhandene Fans auf den Zeiger gehen.


Im Fokus

In der Sommerpause wechselte Deniz Zeitler für 1 Millionen Euro vom FC Ingolstadt zur TSG. Eine Ablösesumme, die andere Drittligisten nicht annähernd im Stande sind zu bezahlen. Was zur Wahrheit gehört: Zeitler ist langfristig für die Bundesliga eingeplant und wird in der 3. Liga dafür von Hoffenheims Zweitvertretung aufgebaut. Diese Möglichkeit bietet sich der Ligakonkurrenz, mit Ausnahme von Stuttgart 2, nicht.

Im Gegensatz zu anderen Spielern im Kader hat Zeitler in dieser Saison noch keine Bundesligaluft schnuppern dürfen. Dafür läuft es in der Offensive der Profis aktuell vermutlich auch zu gut. In der 3. Liga hat er hingegen noch kein Spiel verpasst und stand, das Heimspiel gegen Wiesbaden ausgenommen, jedes Mal in der Startelf.

Als Ryan Naderi im Winter von Hansa Rostock für kolportierte 6 Millionen Euro zu den Glasgow Rangers wechselte, hatte er weniger Spiele und auch weniger Spielminuten im Profifußball gesammelt als Deniz Zeitler. Dabei ist letzterer über drei Jahre jünger als Naderi! Mit 16 Jahren debütierte er für Ingolstadt im Profifußball, kam schon für die U19 und die U20 Nationalmannschaft Deutschlands zum Einsatz und ist der einzige Teenager, dem es gelang 20 Tore in Liga 3 zu erzielen.

Zeitler überzeugt mit Tempo, Technik und einem guten Abschluss. Wie eiskalt er manche Torchancen im Netz unterbringt ist für sein Alter bemerkenswert. In dieser Saison ist seine Entwicklung antizyklisch zu der Entwicklung der gesamten Mannschaft. In der wirklich starken Hinrunde der TSG steuerte er vier Treffer bei, in der Rückrunde hat er bereits jetzt doppelt so oft getroffen, auch wenn man erst ein Spiel gewinnen konnte. Ob er im Sturmzentrum, als hängende Spitze oder eher auf außen spielt ist dabei egal. Zeitler ist in der Offensive überall einsetzbar und auch von überall gefährlich. Da kommt eine Aufgabe auf die starke VfL-Defensive zu.


Stadion

Während die Profimannschaft ihre Bundesligaspiele im weniger als zehn Kilometer entfernten Sinsheim in der Pre-Zero-Arena austrägt, bestreiten die Amateure ihre Heimspiele im Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim. Die Spielstätte wurde 1999 mit einem Spiel gegen den FC Bayern eröffnet und sollte den nächsten Schritt in der Entwicklung der TSG vorwegnehmen, die Ende der 90er-Jahre am Aufstieg in die viertklassige Oberliga kratzte.

Das Stadion versprüht mit seiner Kapazität von 6350 Plätzen und dem Mangel an supportenden Heimfans eher Sportplatzcharme, ist aber ganz idyllisch auf einer Anhöhe gelegen, die man nach einem Waldspaziergang erreicht. Im Schnitt besuchen in dieser Saison gut 1.500 Zuschauer*innen die Heimspiele der Hoffenheimer Zweitvertretung, eine Zahl, die ohne Gästefans noch viel erschreckender ausfallen würde. Zur Einordnung: Gegen die Viktoria aus Köln, Wehen Wiesbaden, Verl und die Zweitvertretung des VfB Stuttgart erreichte man jeweils nur Zuschauer*innenzahlen im dreistelligen Bereich. Zum Saisonauftakt gegen den TSV Havelse knackte man die 1000er-Marke nur ganz knapp: 1010 Zuschauer*innen kamen um die Drittligapremiere der TSG-Amateure live zu verfolgen.


Geschichten aus der Geschichte

Die Kritik deutscher Fankurven an Dietmar Hopp und seinem Engagement in Hoffenheim haben fast schon mehr Tradition als die TSG selbst. Als der VfL zum bislang einzigen Mal in den fragwürdigen Genuss eines Auswärtsspiels im Kraichgau kam, wedelten die Gästefans mit Geldscheinen, die das Konterfei des SAP-Gründers zeigten (und von denen sogar einige Exemplare den Weg in das DFB-Museum geschafft haben) und garnierten das Ganze mit einem „Eure Armut kotzt uns an“-Banner.

Vereinsverantwortliche, Spieler und Funktionäre hielten sich damals eher bedeckt mit Kritik am milliardenschweren Hoffenheim-Mäzen. Eine prominente Ausnahme stellte Christian Heidel dar, damals noch Sportdirektor beim FSV Mainz. Es sei schade, dass „so eine Mannschaft einen der 36 Plätze im Profifußball wegnehme“. Dietmar Hopp fühlte sich von dieser eher harmlosen Aussage Heidels derart diffamiert, dass er ein Rundschreiben aufsetzen ließ, das halb Fußball-Deutschland zugeschickt bekam: „Jedermann ist glücklich darüber, dass der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga mit konsequenter Härte gegen Rassismus vorgehen. Wir würden uns wünschen, dass man Diskriminierung, wie sie Herr Heidel betreibt, mit der gleichen Konsequenz verfolgt“ und „Diese infame Diffamierung unseres Klubs, die wohl bewusst den Hass auf Hoffenheim schüren soll, ist auch geeignet, Gewalt gegen uns auszulösen.“

Heidels Aussage, dass das künstlich hochgepushte Hoffenheim anderen einen Platz im Profifußball wegnehme, mit Rassismus gleichzusetzen und ihm darüber hinaus vorzuwerfen Gewalt zu schüren ist schon ein absurdes Maß an Realitätsferne eines Milliardärs, dessen Blick auf die Proteste gegen ihn und die TSG Hoffenheim auch in den mittlerweile fast 20 Jahren danach speziell geblieben ist.

Springen wir ins Jahr 2020: der FC Bayern ist in Sinsheim zu Gast. In den Wochen vor dieser Begegnung urteilte der DFB, dass BVB-Fans wegen Protesten und Beleidigungen für zwei Jahre die Spiele in Sinsheim nicht besuchen dürfen. Die Bayern-Fans griffen diese Thematik auf, zeigten sich solidarisch und benutzten auf einem Spruchband ganz bewusst das gleiche Schmähwort, das auch die Dortmunder benutzt hatten: „Alles beim Alten. Der DFB bricht sein Wort. Hopp bleibt ein Hurensohn.“ Der DFB hatte sich in der Zeit davor von Kollektivstrafen distanzieren wollen, im Falle Hopp aber eine Ausnahme gemacht. Wegen des Spruchbands wurde der Drei-Stufen-Plan angewendet und die Partie zweimal unterbrochen. Karl-Heinz Rummenigge stellte sich demonstrativ Hand in Hand mit Hopp an den Spielfeldrand und nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde stellten die Spieler beider Mannschaften den Wettbewerb ein und spielten sich nur noch den Ball zu.

Auf der Homepage des DFB heißt es zum Drei-Stufen-Plan: „Der Drei-Stufen-Plan soll nicht bei Beleidigungen oder anderen grob unsportlichen (aber nicht-diskriminierenden) Verhalten angewendet werden. Kritik in Form von Transparenten, Sprechchören o.ä. kann sehr direkt, unhöflich, unsachlich oder geschmacklos sein. In solchen Fällen kann das Spiel auch künftig weiterlaufen und gegebenenfalls, wie bisher, sportgerichtliche Ermittlungen nach dem Spiel eingeleitet werden. Eine inflationäre Anwendung hätte eine Bagatellisierung von Diskriminierungen zur Folge und würde bewusste Spielmanipulationen ermöglichen.“ Warum der Plan an diesem Tag in Sinsheim trotzdem angewendet wurde, ist nur schwer zu erklären.

Hopp äußerte sich am Tag danach zu den Protesten gegen seine Person: „Ich kann mir nicht erklären, warum die mich so anfeinden“. Über die Art des Protests lässt sich vortrefflich streiten, Hopp wurde von anderen Fangruppen auch des Öfteren im Fadenkreuz gezeigt, was sicherlich schwerer zu akzeptieren ist. Aber dass er darüber verwundert war, dass es überhaupt zu Protesten kommt, ließ abermals eine erstaunliche Realitätsferne erkennen.

Nochmal die DFB-Homepage: „Der Drei-Stufen-Plan wurde 2011 von der UEFA eingeführt, um Spieler*innen vor Diskriminierungen, insbesondere rassistischen Diskriminierungen während des Spiels zu schützen.“ Nur drei Wochen vor dem besagten Bayern-Spiel wurde Jordan Torunarigha beim Pokalspiel zwischen Schalke und Hertha mehrfach rassistisch beleidigt. Passiert ist nichts. Oder um es mit Orwell zu sagen: manche Tiere sind dann doch gleicher als andere.


Prognose Lars Mosel (OS-Rundschau)

Genau wie in der Hinrunde hat der VfL erst mit 2:0 gegen Regensburg gewonnen und dann mit 4:1 gegen Mannheim. Am 11. Spieltag verlor man dann mit 0:4 gegen Hoffenheim II. Da die Mannschaft in der Rückrunde aber deutlich stabiler auftritt, wiederholen sich diese Ereignisse nicht. Der VfL bleibt durch einen 2:0 Erfolg das einzige in 2026 ungeschlagene Team. Kopacz und Kehl machen den Sack zu und der VfL baut die Tabellenführung zumindest ein kleines bisschen aus.

Janis Weber (Ostkurvenchor)

In allen drei Spielen hat der VfL gegen dieses Konstrukt eine Niederlage kassiert, damit ist jetzt Schluss. Die Truppe ist auf Wiedergutmachung für das Hinspiel aus und echte Wiedergutmachung kann es nur mit einem 4:0 Auswärtssieg geben. Nach längerer Zeit zeigt der Unparteiische mal wieder auf den Punkt für den VfL und das dann gleich doppelt in Halbzeit eins. Beide Elfmeter verwandelt Kehl sicher. Komplettiert wird das Ganze durch Treffer von Meißner und Christensen.

PS: Amateure raus aus Liga 3

Sven Dirkes (Ostkurvenchor)

Der VfL revanchiert sich nach der Niederlage in der Hinrunde und fährt einen überzeugenden 3:1 Auswärtssieg ein. Der Gegner ist mit der Stabilität des VfL überfordert und findet keine Mittel. Zwei Umschaltsituationen nach hohen Ballgewinnen und ein Standard sorgen für unsere Tore. Den Gegner braucht niemand, die drei Punkte nehmen wir gerne mit.

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