spot_imgspot_img
spot_img
Freitag, 4. April 2025
spot_img

Die Mitte als Mythos und Problem

Die Mitte als Mythos und Problem

Die Mitte ist allgegenwärtig. In der Politik gilt der Satz, dass „Wahlen nur in der Mitte gewonnen werden können“, als eine Wahrheit, die sich jeder Überprüfung entzieht. Folgerichtig kämpft man konkurrierend momentan um eine „hart arbeitende Mitte“, aber die Frage, woraus der Rest besteht, ob aus Bürgergeld empfangenen Faulenzern oder Couponschneidern, die „ihr Geld“ für sich arbeiten lassen, bleibt dabei unerwähnt im Dunklen. Die Mitte schafft den Wohlstand und sichert allen den Bestand des Gemeinwesens.

Diese „soziale Mitte“, der wir uns noch widmen werden, ist die eine Seite eines Mythos, der ergänzt wird um eine politische Mitte, die allein das Gemeinwesen repräsentiert und zusammenhält. Um diese Mitte dreht sich (nicht nur) bei uns der politische Kampf. Und diese Mitte hat bei uns auch einen Statthalter, der sie wie selbstverständlich verkörpert. Das ist die vorerst möglicherweise einzig verbliebene Volkspartei CDU/CSU. Sie erhebt seit ihrer Geburt nach dem Zweiten Weltkrieg den Anspruch, diese Mitte seit Gründung der Bundesrepublik zu besetzen und somit hängt von ihrem Bestand und ihrer Stärke das Wohl und Weh der Republik ab. Der Eindruck, die Bundesrepublik sei ein CDU-Staat wurde nicht zu Unrecht schon in den 1960er geäußert.

Mit Angela Merkel als Kanzlerin gab es das vertraute TV-Bild, wo sie stand, da stand auch die CDU mit dem Slogan „Mitten im Leben“. Obwohl das Leben vielleicht nicht immer in ihrer Mitte stand, insbesondere kulturell, trotzte der Slogan auch einem Zeitgeist, der Mitte mit „Mittelmäßigkeit“ als ziemlich unsexy assoziierte.


Die Logik der Mitte

Die Mitte ist aber ganz allgemein zunächst ziemlich inhaltslos und bei einer daraus folgenden allgemeineren Betrachtung ein ziemlich vertracktes Etwas, das voller Dialektik ist. Wirkt die Mitte wie ein Magnet zu dem alles strömt, um die sich alles dreht, dann gibt es zwar auch zentrifugale Kräfte, aber das sind nur Abweichungen. Die Mitte selbst wirkt als der ruhende Pol einer Gesellschaft. Sie ist es nur als Form, mit variablen Inhalten ist sie in ihrem Wesen ein konservatives, beharrendes Element, das einer Gesellschaft Stabilität und Kontinuität verleiht. Doch Stillstand ist in einer dynamischen Welt eine Seltenheit und ein potentieller Widerspruch in sich. Veränderungen erträgt die beharrende Mitte eher als Anpassung an das Unvermeidliche, ihre treibende Kraft ist sie in der Regel nicht. Kommen Veränderungen gar noch als gewollter Fortschritt daher, erhält das ein Etikett namens Ideologie und steigert die Abneigung zur Feindschaft.

Der Fortschritt im Allgemeinen ersetzt die Dimension des Raumes durch die Zeit. Die Zeit hat eigentlich keine Mitte, allenfalls die Mitte der Geschwindigkeiten einer Fortbewegung. Die Mitte liegt nun zwischen einem Zu-schnell und einem Zu-langsam. Sie trennt die Eiligen von den Fußlahmen und Renitenten und wirkt vermittelnd, wenn die Vorderen die anderen mitziehen wollen. In diesem Gepäck befinden sich zwangsläufig Konflikt und Streit, die man zwar zu unvermeidlichen Begleitern und Motoren gesellschaftlicher Entwicklung deklarieren kann, wie es der Soziologe Ralf Dahrendorf beispielhaft darlegte, aber die Mitte liebt sie nicht. Sie ist das passive Objekt, nicht das treibende Subjekt von Veränderungen.

Deshalb sind Parteien dieser Mitte auch gut beraten, sich ihrer Wählerschaft als Einheit und nicht als Streitvereinigung zu präsentieren. Streit, vor allem interner, gilt als Ausdruck der Zerrissenheit und dann weiß man nicht mehr genau, woran man ist. Unsicherheit ist beängstigend und das schätzt die Mitte gar nicht. Sicherheit ist der Mitte höchstes Gut. Lieber sieht sie sich als Zaungast der Politik, statt deren Zentrum oder gar Motor zu sein. Die Mitte ist nicht zufällig der Ort der „Passivbürger“, denn die Verteidigung des Bestehenden verlangt in der Regel, d. h. so lange die Stabilität durch die Mitte garantiert ist, keine übermäßigen Aktivitäten. Das Seiende ruht in sich und lebt von der „normativen Kraft des Faktischen“, weshalb man auf „Ideologie“ verzichten und sich auf „Pragmatismus“ der „Sachgesetzlichkeit“ beschränken kann.

Nun ist aber die Mitte nichts ohne ihre Seiten, Ränder oder Flügel. Die erfüllen eine unabdingbar widersprüchliche Funktion: einerseits gilt es die Ränder als Extreme in Schach zu halten, andererseits sind sie so wichtig wie die Feinde, die man bekanntlich auch nicht zu früh beseitigen sollte, da sie von Nutzen sein könnten. Für die Mitte sind sie sogar lebenswichtige Kameraden der Identitätssicherung. An diesen Anderen, den Außenseitern, die nicht zur Mitte gehören wollen und gehören sollen, findet die Mitte nicht nur ihre mehr oder weniger schwammige Identität, sie benötigt sie auch als permanent präsente Form des negativen und abschreckenden Beispiels. Die Mitte definiert sich mindestens so stark über ihre jeweiligen Feinde am Rand wie über sich selbst.

Die Mitte kann ein behaglicher Ort zwischen den negativen Extremen sein, so lange das Ganze von der Mitte getragen wird und sich die Dynamik der Entwicklungen in Grenzen hält und Veränderungen als unabdingbare Anpassungen an „höhere Gewalten“ erfahren werden. Aber sie kann auch zum gefährlichen Raum zwischen den Fronten werden, wenn Entscheidungen unter hohem Risiko verlangt werden, die zugleich implizieren, zu welcher der Seiten man neigt, die mehr oder weniger als Negationen der Mitte von Übel sind. Man denke dabei aktuell an die Situation der CDU in Ostdeutschland, die vor dem Problem steht, ihre „antitotalitäre“ Grundhaltung gegen die Extreme von rechts (AfD) wie links (Die Linke) koalitionspolitisch aufrecht zu erhalten, um den Status der Mitte bewahren zu können, oder zu differenzieren, dass Die Linke im Extremfall doch von der AfD zu unterscheiden wäre, womit der Status der Mitte ins Wanken geraten würde.


Die Mitte als Gefahr

Für die Mitte ist das die grausamste Situation. Der Barockdichter Friedrich von Logau hat dafür den Satz geprägt, der zum Titel eines Films von Alexander Kluge und so zum geflügelten Wort wurde: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Die Situation eines Entweder – Oder ist der Mitte als dem verbindenden „Sowohl als auch“ durch Abgrenzung nach außen wesensfremd, signalisiert es doch ein Versagen, den „Verlust der Mitte“. Die Mitte verliert ihre Magnetwirkung, sie schmilzt, erodiert und wird zu einem gleichen Teil wie die Flügel. Die Mitte hat ihre Arbeit getan, die Mitte kann gehen. Ihre Erosion geht mit einer Radikalisierung der Mitte einher, die sich nun den Rändern zuneigt. Das alte Maß ist verloren, sie wird maßlos, ihre Werte geraten ins Wanken, zerfallen und werden wertlos. Dass erlebte die Mitte exemplarisch in der Weimarer Republik. Aber die Frage ist auch, ob sie jemals eine hatte?

Die Mitte ist inhaltlich ein leeres Gefäß. Was sie jeweils füllt und definiert ist nicht in Stein gemeißelt, sondern bedingt durch die jeweilige gesellschaftliche und politische Konstellation. Man findet sie als das tragende Fundament der jeweils herrschenden Ordnung in jeder Gesellschaft, weil – wie Max Weber treffend feststellte – ohne Legitimität Herrschaft auf Dauer nicht haltbar ist. Legitim ist eine Herrschaft, die von den Beherrschten akzeptiert wird. Ihre Inhalte definieren sich über die jeweils herrschenden Verhältnisse und davon hängen dann auch die jeweiligen Ränder, Flügel oder Extreme ab, zwischen denen es zu vermitteln oder die es zu bekämpfen und zu marginalisieren gilt.

Die Mitte begegnet uns nicht erst heute in zweierlei Gestalt: Als soziale und als politische Mitte, die sich in unterschiedliche Seiten einlagern: Zwischen rechts und links in der Politik und zwischen oben und unten in der Gesellschaft. Die These der gegenwärtigen Befunde lautet, in beiden Formen scheint die einst stabile Mitte zu erodieren. Politischer Ausdruck dafür ist der Aufstieg so genannter populistischer Bewegungen und Parteien, der das feste Gefüge parlamentarischer Mehrheitsbildung durcheinanderwirbelt.

Aber die Krise der Mitte betrifft nicht nur das Parteiensystem, sie reicht auch in die Zivilgesellschaft und ist für ihre Leistungsfähigkeit von exorbitanter Bedeutung, denn nach allen empirischen Untersuchungen zeigt sich eindeutig, dass die soziale Mitte, präziser die Mittelschicht, die tragende Säule dieses Projektes ist. Kann sie ihre vermittelnde Funktion, die Sicherung der sozialen Integration noch erfüllen, wenn die Abstiegsängste gravierend werden, die Ohnmacht gegenüber den Oberen lähmt und die Bereitschaft zur Aufkündigung der Solidarität nach unten steigt? Könnte die Mitte dann zu einer Neuauflage einer Radikalisierung, eines Extremismus der Mitte analog der Weimarer Republik werden?


Perspektiven weiterer Untersuchungen

Um die vielfältigen Krisensymptome der Gegenwart zu begreifen, ihre kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Elemente und Folgen, scheint es hilfreich zu sein, die Zusammenhänge dieser Faktoren analytisch systematischer fassbar zu machen. Dabei ist es nicht uninteressant, sich die Sozialanalysen der modernen Gesellschaft und die Wirkungsmacht der sozialen „Mitte“, die sich darin spiegelt, genauer zu betrachten. Sie erleichtern den Blick auf die Veränderungen im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus und der Moderne und das Erfassen der gegenwärtigen Krisensituation.

Der Frage, welche Rolle eine „stabile Mitte“ in den Gesellschafts- und Politikanalysen der Vergangenheit spielte, soll in weiteren Beiträgen nachgegangen und mit der Frage verbunden werden, welche gesellschaftlichen Veränderungen für die heutigen Krisen, die in der „Erosion der Mitte“ als Kern in etlichen Analysen diagnostiziert werden, maßgeblich sind.

spot_img
April 2025spot_img
Oktober 2023spot_img
August 2024spot_img
August 2024spot_img
erscheint Oktober 2025spot_img
November 2020spot_img
2015spot_img
Follow by Email
Facebook
Youtube
Youtube
Set Youtube Channel ID
Instagram
Spotify