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Freitag, 23. Januar 2026

Teil 13 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Kurt Kränzlein (1904-1969)

Osnabrücker „Chefhetzer“ erklimmt NS-Karriereleiter

In jeder Stadt des Reiches gibt es neben prügelnden Kolonnen von SA und SS auch solche Nationalsozialisten, die den Zerstörern der Republik das geistige Rüstzeug vermitteln. In Osnabrück trifft dies besonders auf den gebürtigen Berliner Kurt Kränzlein zu. Spätestens ab 1932 ist er Hauptagitator der Osnabrücker Zeitung. Spiegelbildlich ist er somit zur Endphase der Republik die exakte „Gegenfigur“ zum Schriftleiter der sozialdemokratischen Tageszeitung Freie Presse, Josef Burgdorf, der unter dem Pseudonym Ilex schreibt. Kränzlein wird seine agitatorischen Fähigkeiten später dazu nutzen, zur Elite brauner Propagandamacher zu zählen.


Schritte zur „Gleichschaltung“ eines Traditionsblatts

Kurt Kränzlein, geboren am 16. November 1904 in Berlin, ist Sohn des evangelischen Bäckermeisters Wilhelm Thomas Karl Kränzlein und dessen Ehefrau Barbara, die beide aus dem Fränkischen stammen. Kurts knapp fünf Jahre älterer Bruder Fritz Karl wird ab 1929 Reichsbank-Inspektor werden. Bruder Willy Alfred ist knapp vier Jahre älter, wird später unter anderem Jockey und reitet somit bei öffentlichen Pferderennen auf hohem Ross. Die einzige, knapp zwei Jahre jüngere Schwester Margarete Babette wird den Bäckerberuf des Vaters erlernen. Die Familie Kränzlein ist spätestens seit der Eheschließung der Eltern am 28. Juni 1898 in Berlin ansässig.[1]

Offenkundig zählt die Bäckerfamilie eher zu den wirtschaftlich Erfolgreichen der Reichshauptstadt. Kurt Kränzlein ermöglichen es die Eltern jedenfalls, trotz hoher Abgaben für Gymnasium und Universität, im fernen Freiburg zu studieren. Offenkundig lohnen sich die Gelder: Am 24. April 1926 nimmt Sohn Kurt dort stolz sein Abgangszeugnis als Dr. phil. entgegen.[2]

Folgt man dem Deutschen Literatur-Lexikon des 20. Jahrhunderts, hat Kränzlein in der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität am Institut für Publizistik und Zeitungswissenschaft studiert, das es dort seit 1922 gibt und gemeinhin als Karriereschmiede dient. Daneben hat der junge Kurt in der Stadt an der Breisgau ein Studium in Germanistik und Geschichte absolviert. Kurzum: Kurt Kränzlein ist der Weg zur späteren Karriere im Bereich der Medienwelt bereits in jungen Jahren gebahnt. Er zählt 25 Lebensjahre, als er anno 1928 in die Redaktion der Osnabrücker Zeitung einsteigt.[3]

Die täglich erhältliche Presse-Lektüre, in dem der junge Kränzlein rund zwei Jahre nach Studienabschluss  eine Redakteursstelle antritt, gilt als klassisches Traditionsblatt. Zeitungslesende nennen das Printerzeugnis spöttisch bis liebevoll „Kislings Tante“. Es handelt sich dabei um die großbürgerlich-nationalliberale Osnabrücker Zeitung, die ihren Sitz direkt neben dem Amtsgerichtsgebäude und gegenüber der damaligen Siegessäule am Neumarkt besitzt. Produziert und vertrieben wird die Zeitung vom Traditionsverlag Kisling.[4]

Wie kein anderes Blatt verfügt die OZ in der Hasestadt über eine ungewöhnlich lange Historie, die bis in das 18. Jahrhundert hineinreicht. Immerhin war es der Verlag Kisling gewesen, der mit der Handschrift Justus Mösers (1720–1794) bereits anno 1766 die „Wöchentlichen Osnabrückischen Intelligenzblätter“ begründet hat. Jenes Blatt gilt bis heute – weit über Osnabrück hinaus – als besonders frühe Form einer Lokalzeitung.

Die später im Hause Kisling produzierte Osnabrücker Zeitung sollte, schon vor der Reichsgründung 1871, viele Jahrzehnte hindurch das Blatt der nationalliberal ausgerichteten Bürgerschaft bleiben. Selbst Kränzlein dürftte in seinen Anfangsjahren noch vom überlieferten Geist des großbürgerlichen Blattes geprägt gewesen sein. Er, der wenige Jahre später zum feurigen Nationalsozialisten wird, drischt nach der Kommunalwahl am 17. November 1929 verbal noch heftig auf die NS-freundliche Stadtwächterpartei des Dr. Schierbaum ein. Jene hatte nach dem Urnengang immerhin 14,9% der Stimmen eingeheimst, während die NSDAP ganze 2,1% der Wählerschaft hinter sich wusste. Zitiert wird der junge Kränzlein vom Stadtgeschichtsschreiber Karl Kühling.  Danach stellte der junge Redakteur  im Hinblick auf Schierbaum  fest, dass der Wahlausgang bewiesen habe, wie „dieser unerwünschte Bundesgenosse den Nationalsozialisten geschadet hat, die sicherlich mit Ingrimm eine große Menge ihrer Wähler dem großen Stimmenaufwand folgen sahen.“[5]

Nachdem er die prekäre Finanzsituation von Dr. Schierbaum und einigen seiner Bundesgenossen aufs Korn genommen hat, betont Kränzlein – damals noch relativ seriös und wenig um Effekthascherei bemüht:

So haben wir die Erscheinung, dass da, wo einst ein Möser seine patriotischen Phantasien schrieb, ein Schreihals mit dem Pathos des Volkstribunen die Missvergnügten blendet, sich das Richteramt anmaßt über Menschen, die zwar stiller sind als er, aber dafür mehr geleistet haben, …


1932: OZ wird braunes Sprachrohr

Nach dem Niedergang der Städtwächterpartei übernimmt im Wesentlichen die NSDAP die heimatlos gewordene Schierbaum-Szene. Allerdings scheitern weitere Versuche, zu lesen war dies im OR-Beitrag zu Dr. Marxer, eine eigene Zeitung für die Nationalsozialisten zu schaffen. Diese Lücke schließt aber ab 1932 tatsächlich die OZ. Spätestens seit Jahresbeginn ist sie ein lupenreines Verlautbarungsorgan des Nationalsozialismus. Der wesentliche Grund: Hauptschriftleiter Kurt Kränzlein ist inzwischen überzeugter Nationalsozialist geworden und drückt dem Traditionsblatt fortan seinen Stempel auf.

Ein zentrales Stilmittel bildet die nackte Provokation. Unter Kränzleins Regie wagt sich die OZ nämlich ganz bewusst über Erlaubtes hinaus – um sich nach Inkaufnahme von Strafen als Opfer des demokratischen Systems darzustellen. Dies wiederum gelingt: Am 16. April 1932 bringt die OZ ein Extrablatt heraus, in welchem dem Lesepublikum ein einwöchiges Zeitungsverbot mitgeteilt wird. Kränzlein und Kollegen hatten dem Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) „Illegalität und Pflichtvernachlässigung“ vorgeworfen. Gustav Noske, damals noch Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, hatte daraufhin das befristete Verbot eingeleitet.[6]

Nimmt man die OZ als Beispiel, spiegelt sie im Osnabrück der Weimarer Zeit jenen Richtungswandel wider, der sich auch andernorts vollzieht. Er zeigt sich auf Reichsebene besonders drastisch bei den bürgerlichen Parteien – mit Ausnahme des katholischen Zentrums. Die eher sozialliberale Demokratische Partei, später Staatspartei, wird immer bedeutungsloser und politisch nahezu pulverisiert. Von ihrem Bedeutungsverlust profitiert anfangs noch die Deutsche Volkspartei, die lange Jahre mit ihrem 1929 verstorbenen langjährigen Außenminister Gustav Stresemann punkten kann – und in Osnabrück noch bis 1932 offensiv durch die OZ gefördert wird.

Die Osnabrücker Zeitung profiliert sich allerdings schon lange Jahre keinesfalls als Stütze der Weimarer Republik. Nicht wenige der Blattverantwortlichen, der junge Kränzlein wird irgendwann dazu gehören, sympathisieren schon früh unverhohlen mit rückwärtsgewandten oder nationalistischen Kräften. Besonders deutlich hatte sich die rechtskonservative Linie des Blatts schon viele Jahre vor Kränzleins Eintritt in die Redaktion, anno 1925, bei der Wahl des neuen Reichspräsidenten angekündigt. Hoffnungsträger der vereinten deutschen Rechten und der Osnabrücker Zeitung ist seinerzeit der Ex-General Paul von Hindenburg. Das Kisling-Blatt deutet während des Wahlkampfes klipp und klar an, „dass es bei dem bevorstehenden Wahlgang nicht lediglich gilt, eine Persönlichkeit durch eine andere, sondern ein System durch ein anderes zu ersetzen.“ Kurzum: Die Republik steht bei vielen bürgerlichen Kräften bereits in den 20er-Jahren auf verlorenem Fuß.[7]


Demokraten im Visier faschistischer Demagogie

Befürworter militärischer Sprache lieben es, eine andere Seite der Front „sturmreif“ zu schießen. Diese Aufgabe übernimmt im Osnabrück bis 1933 zunehmend die Osnabrücker Zeitung. Sie ist mit ihrem frisch inthronisierten Hauptschriftleiter Kränzlein in vorderster Front dabei, vornehmlich sozialdemokratische Funktionsträger ins Visier zu nehmen.

Besonders die fiktive Figur eines sich „Narzis“ nennenden Kolumnenschreibers nimmt Menschen des „Systems“ gnadenlos ins Visier. Es darf fest angenommen werden, dass sich hinter „Narzis“ in Wahrheit Kurt Kränzlein verbirgt. Dies wiederum scheint die einzige Gemeinsamkeit mit dem politischen Todfeind der OZ, der sozialdemokratischen Freien Presse, zu sein. Denn dort textet der SPD-Schriftleiter Josef Burgdorf unter dem Pseudonym „Ilex“ – mit gänzlich anderen Feindbildern.

Systematisch mehren sich in der OZ Berichte über angebliche Vergehen, die sich sogenannte „Novemberverbrecher“ hätten zuschulden kommen lassen. Im Stakkato hämmern rechtsbürgerliche Kräfte ihrem Anhang auch jenseits der Tagespresse ein, dass jene „Novemberverbrecher“ dem angeblich siegreichen Heer im Ersten Weltkrieg in den Rücken gefallen seien. Im Visier aller Osnabrücker Rechtsaußen sind dabei ständig Gewerkschaftsfunktionäre wie Gustav Haas oder Fritz Szalinski. Weitere Hassobjekte sind als „Kassenbonzen“ verhöhnte Menschen wie der AOK-Verwaltungsinspektor  Wilhelm Mentrup oder Arbeitsamtsdirektor Heinrich Groos.  Systematisch werden vor allem sozialdemokratische Funktionsträger für die verschlechterte Lebenssituation verantwortlich gemacht. Besonders im Auge hat ein Schreibtischtäter wie Kurt Kränzlein den sozialdemokratischen Bürgervorsteher und Senator Heinrich Grewe. Jener ist Gründer und Leiter des gemeinwohlorientierten und genossenschaftlich aufgestellten Heimstättenvereins. Dem aktiven Sozialdemokraten werden permanent korruptes Verhalten, Meineide und Veruntreuung von Geldern unterstellt. Beweisen müssen NS-Schreiberlinge wie Kränzlein ihre Vorwürfe natürlich nie. [8]

Osnabrücker Zeitung: Ausgabe vom 31. Januar 1933


Euphorie zu Hitlers Kanzlerschaft – und der Weg von der OZ zum „Angriff“

Die am 30. Januar 1933 erfolgte Machtübergabe an das Kabinett Adolf Hitlers wird insbesondere von OZ-Chefagitator Kurt Kränzlein euphorisch begrüßt. Exakt einen Tag später wartet die OZ triumphierend mit mehreren Auftaktseiten auf, in denen Berliner wie auch Osnabrücker Ereignisse voller Hingabe als historische Wende zelebriert werden. Kränzlein selbst reserviert sich im Blatt einen Kommentar auf Seite 1, in dem er dem Lesepublikum unter anderem die Einmaligkeit seines Führers einhämmert. Wörtlich schreibt der Blatt-Chef unter dem Kürzel „krz“:

Über allen Entscheidungen der deutschen Politik in den letzten drei Jahren stand der Schatten Adolf Hitlers, alle Entschlüsse waren in der Angst vor ihm gefasst. Wir wollen nur erwähnen, welches gewaltige Maß von Kampfesmut dazu gehörte, aus dem Gefängnis in Landsberg den Weg nach der Wilhelmstraße anzutreten, den Weg, der heute zu dem ersten „amtlichen“ Erfolg geführt hat. Wir wollen daran erinnern, welches Maß an politischem Instinkt dieser Mann besitzt, der ohne Presse und Partei, gegen Bürokratie und Belastungen seiner Bewegung zur Millionenzahl und zur Verantwortung geführt hat.

Das Schreibtalent Kränzleins, der sich in der OZ häufig als Kenner von Strukturen in der Reichshauptstadt erweist, macht schnell Parteiobere in seiner Heimatstadt Berlin auf ihn aufmerksam. Der Osnabrücker Propagandaexperte kehrt vermutlich bereits 1933 in seine Heimatstadt zurück und schließt die Reihen in einem reichsweit bekannten Blatt. Er wird Redaktionsmitglied des Berliner NS-Organs „Der Angriff“. Als Kränzleins Adresse wird im virtuell einsehbaren Berliner Adressbuch die Wilhelmstraße 76 im Stadtteil Friedrichshagen angegeben.

Zum Redaktionsstab der Osnabrücker Zeitung zählt er offenkundig schon im Sommer 1933 nicht mehr. Der Beleg ist sein offenkundiges Fehlen in einem öffentlichen Disput. Denn Anfang August 1933 ist die OZ tatsächlich ins Visier der neuen, euphorisch unterstützen Machthaber geraten. Angeblich habe man dem Vorsitzenden des Quakenbrücker Luftsportverbandes „die Ehre gekränkt und verächtlich gemacht“. Die OZ wird darum sogar für drei Tage verboten. Schädlich ist der Disput in eigenen Reihen für die NSDAP inzwischen eh nicht mehr. Die Freie Presse der SPD ist verboten, der Rest der örtlichen Blätter ohnehin gleichgeschaltet. Im Oktober 1933 wird im Zuge des Disputs als Adressat für das Blatt tatsächlich nicht mehr als Schriftleiter Kurt Kränzlein, sondern offenkundig sein Nachfolger Christian Finke genannt. Aber auch dies ist nicht von Dauer: Bereits Anfang 1934 erfolgt eine Fusion mit dem früheren Zentrumsorgan „Osnabrücker Volkszeitung“, wonach die gemeinsame Tageszeitung nunmehr „Neue Volksblätter“ heißt.[9]

Kränzlein konzentriert sich mittlerweile in seiner Heimatstadt vollständig auf seinen neuen Arbeitgeber, die Tageszeitung „Der Angriff“. Folgt man, wie im weiteren Verlauf, der Darstellung von Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel, hat „Der Angriff“, schon zu diesem Zeitpunkt eine wechselvolle Historie hinter sich.[10]

Ursprünglich ist das braune Blatt eine vom Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels 1927 gegründete Zeitung gewesen. Vor allem antisemitische Agitation in Texten und Karikaturen zählen zu den besonderen Merkmalen. Entstanden ist das Blatt nach dem Verbot der Berliner NSDAP durch den Polizeipräsidenten im Frühjahr 1927 offenbar eher als Notlösung. Weil auch der damals frisch gekürte Gauleiter Goebbels erst wenige Monate zuvor mit einem Redeverbot belegt worden ist, will er für sich mit der Gründung einer eigenen Zeitung auch persönlich eine neue Plattform schaffen. „Der Angriff“ ist darum erstmals am 4. Juli 1927 als Montagsblatt mit einer Auflage von allenfalls 2.000 Exemplaren erschienen. Die wachsende Bedeutung des Blatts vollzieht sich erst in den Folgejahren – synchron mit dem Aufstieg der NSDAP zur wählerstärksten Partei. „Der Angriff“ ist seit November 1930 bereits eine Berliner Tageszeitung und erreicht seit Oktober 1932, in dem er sogar jeweils mit einer Morgen- und einer Abendausgabe aufwartet, eine beachtliche Auflage von 110.000 Exemplaren.

Nach der endgültigen Machtergreifung Hitlers verliert das NS-Blatt zeitweise an Bedeutung. Goebbels benötigt sein Ziehkind nicht weiter und konzentriert sich ab März 1933 ganz auf seine neue Aufgabe als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Kränzlein stößt also zu einem Blatt im Umbruch. Dem Parteiorgan fehlt fortan auch deshalb eine wichtige Rolle, weil sich unter der Regie von Goebbels schnell eine Gleichschaltung aller Medien des Reiches vollzieht, in denen sich NS-Propaganda flächendeckend ohnehin ausbreitet. Eher unspektakulär zieht sich Goebbels darum als Hauptherausgeber des „Angriff“ zurück. Insofern kann es auch Kränzlein nicht gelingen, bereits früh deutliche Spuren zu hinterlassen.

Vor allem in den Kriegszeiten entwickelt sich „Der Angriff“ unter Kränzlein zu einem Propagandablatt, das den wahren Frontverlauf zunehmend verfälschend darstellt.


Zwischen- und Nebenstation Reichswehr

Ob Kränzlein in den Anfangsjahren der NS-Diktatur allein für den „Angriff“ arbeitet und somit dauerhaft in Berlin ist, konnte bislang nicht ermittelt werden. 1935 ist er jedenfalls im Berliner Adressbuch bereits als Schriftleiter, wohnhaft in der Admiral-von-Schröder-Straße 22 in Berlin-Tiergarten, verzeichnet. Klar ist andererseits außerdem, dass die von der NS-Regierung am 16. März 1935 wieder eingeführte allgemeine Wehrpflicht in Kränzleins Lebensweg eine weitere Leidenschaft stärken wird: das bedingungslose Soldatentum.

Der Aufbau der neuen Wehrmacht, die nun auch begrifflich die alte Reichswehr ablöst, wird zum Schwerpunkt der NS-Politik. Der erste Jahrgang der neuen, mit 18 Lebensjahren zu musternden Rekruten ist ausgerechnet das erste Weltkriegsjahr 1914. Dieser Jahrgang wird nunmehr zunächst zum einjährigen, später zweijährigen Dienst in die neu wachsenden Kasernen gezwungen. Zunächst haben die künftigen Kämpfer, die fortan allesamt auf „Führer und Vaterland“ vereidigt werden, den soldatisch bestimmten Arbeitsdienst zu absolvieren. Die ersten Wehrpflichtigen des Jahrgangs 1915 leisten im Oktober 1935 ihren Arbeitsdienst, während der Jahrgang 1914 bereits 1935 eingezogen wird.

Bereits zuvor muss sich Kränzlein der Armee zur Ausbildung angeschlossen haben. Dokumentiert ist dies im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels am 13. November 1935. „Vom Arbeitsplatz zum MG Dreyse“ heißt eine rund 40 Bildseiten umfassende Publikation, die Kränzlein gemeinsam mit Alfred-Ingemar Berndt herausgibt. Versehen ist die Propagandaschrift zur Förderung des Wehrwillens mit einem Vorwort von General der Artillerie Freiherr von Fritsch, der seinerzeit Oberbefehlshaber des Heeres ist. Das MG Dreyse, das im Titel der Veröffentlichung genannt wird,  ist ein leichtes Maschinengewehr, das für das deutsche Militär 1930 bis 1935 produziert wird. Geworben wird für die Propagandaschrift, indem man sie im Börsenblatt „Das Buch der Kameradschaft des Wehrwillens“ nennt. Im Textteil berichten Kränzlein und Berndt gemäß Ankündigung „aus dem eigenen Erlebnis der Ausbildungszeit in Blankenburg“. Kränzlein, Jahrgang 1904, muss also deutlich zuvor jene Ausbildungszeit hinter sich gebracht haben.

Die Autoren des Buches verstehen sich als „E-Männer“. Darunter versteht man ab 1935 bei der Wehrmacht in der Regel „Ergänzungsmänner“. Dies wiederum sind ausgebildete, aber nicht ständig aktive Soldaten, die für den Mobilmachungsfall vorgesehen werden. Sie dienen dazu, die Friedensstärke der Truppe im Kriegsfall schnell auf Kriegsstärke zu ergänzen. Meist handelt es sich um Reservisten, die ihre Grundausbildung bereits absolviert haben und in bestimmten Abständen Übungen machen. Kränzlein und Berndt beschreiben das Selbstverständnis von sich selbst als „E-Männer“ wörtlich so:

So waren wir E-Männer – Arbeitslose, Kaufleute, Landarbeiter, Akademiker – Ersatzreserve II, aber eine Kameradschaft des Wehrwillens, die nicht anderes sein konnte als das fanatische Streben, das an sich nachzuholen, was die untergegangene Zeit zu vergessen und vernachlässigt hatte.

In Augenschein genommen werden soldatische Erlebnisbereiche wie Musterung, Einkleiden, Stubendienst, Unterricht, Geländeübung, Gefechtsübung, Nachtalarm, Sturmangriff und Verteidigung. Ergänzt wird: „Und über allem die stolze Freude, zur Wehrgemeinschaft des Volkes zu gehören.“

Als Zielgruppe der Buchwerbung wird jeder Bucherwerber genannt, „der Soldat war und werden darf“. Kurzum: Spätestens 1935, womöglich aber bereits zur Zeit des 100.000-Mann-Heeres der Reichswehr in der Weimarer Republik, muss Kränzlein eine durchaus qualifizierte militärische Ausbildung absolviert haben. Im späteren Weltkrieg, in den er phasenweise sehr aktiv wird, wird er immerhin den Offiziersrang eines Leutnants einnehmen.

Fragen betreffen seinen Ausbildungsort Blankenburg. Obwohl dort keine spezifischen, großen „Reichswehr-Divisionen“ direkt stationiert wurden, sind dort bereits bis 1933 Truppen und Ausbildungseinheiten der als Berufsheer aufgestellten Reichswehr präsent. Alle nutzen die bestehenden Kasernenanlagen, bevor die Wehrmacht nach 1933 die militärische Bedeutung der Region – beispielsweise auch durch Übungen im Harz – steigert. Ab 1936 wird der Ort zum Garnisonsort für das Infanterie-Regiment 12, das dem Wehrkreis XI unterstellt wird. [11]


„Der Angriff“, Kriegspropaganda – und Kränzleins Aufstieg in die NS-Presse-Elite

Kränzleins Bilanz als Publizist und Journalist ist nicht nur aus eigener Sicht erfolgreich, sondern wird zunehmend mehr von seinen Parteigenossen an der Staatsspitze wahrgenommen.  Im Februar 1935 wächst die Blatt-Bedeutung wieder deutlich, weil „Der Angriff“ zum Zentralorgan der Deutschen Arbeitsfront wird. Indem Blatt-Chef Hans Schwarz am 15. Oktober 1937 seinen Posten für Kurt Kränzlein räumt, läutet fortan dessen große Stunde, sich und seinem Blatt einen persönlichen Stempel aufzudrücken. Indem zur gleichen Zeit die „alte „Kampfzeit“ in Gestalt von Antikommunismus und Antisemitismus die Konstanten im „Angriff“ bleibt, garantiert Kränzlein wie kein zweiter eine bruchlose Kontinuität.[12]

Gerade mit antisemitischen Kampagnen steigert der vormalige Osnabrücker offenkundig nicht nur den Judenhass in der Hauptstadt, sondern zugleich die Auflage des Kampforgans. Mit der erfolgreichen Serie „… die Mischpoche verdient“ gießt das Hetzblatt im Sommer 1938 Öl ins Feuer und heizt die in Berlin herrschende Pogromstimmung zusätzlich an. Jene zeigt sich beispielsweise in der Kennzeichnung sämtlicher jüdischer Unternehmen sowie in Gestalt wachsender, zivil wie auch staatlich geförderter Gewaltakte. Mit Fug und Recht darf man feststellen, dass die Stimmungsmache von Kränzleins „Angriff“ durchaus zu den Exzessen rund um die Reichpogromnacht am 9. November 1938 beiträgt.

Agitatorisch erweist sich der Ex-Osnabrücker weiter konsequent als Antisemit. Nachdem die Deportationen längst eingesetzt haben, erklärt Kränzlers Redaktion in dem Artikel „Juden als Schleichhändler“ am 3. Juni 1942, dass jene Menschen angeblich die Kriegsanstrengungen sabotierten und das deutsche Volk ein Recht darauf habe, „mit allen Mitteln vor diesen Elementen geschützt zu werden“. Was „mit allen Mitteln“ bedeutet, wird sich später in Gestalt des Holocaust zeigen. Chefredakteur Kränzlein zeigt sich außerhalb der Schreiberei, so erwähnen es ebenfalls Kreutzmüller und Weigel, auch als vielgehörter Rundfunk-Agitator im Radio, das seit der Etablierung des „Volksempfängers“ der zu jener Zeit von etwa 70 % der deutschen Haushalte regelmäßig gehört wird, als zentraler Baustein der NS-Propaganda erweist.

1939 wird die Auflage des „Angriff“ unter Kränzleins Regie auf rund 147.000 Exemplare, bis 1944 sogar auf 306.000 Exemplare gesteigert. Kränzlein versteht es in jener Zeit, nicht nur selbst zu schreiben. Als Dozent der Reichspresseschule teilt er seine Einstellungen und Erfahrungen jederzeit gern mit dem Berufsnachwuchs. Daneben erweist er seine Fähigkeit, auch im Verlagswesen wirkungsvoll zu arbeiten. Er zählt zu den Hauptstützen des NS-hörigen Franz-Elser-Verlags.

Zu Kränzleins persönlichen Stabilisierung und stetigem Werdegang trägt auch bei, dass er mittlerweile Familienvater ist. Auf einer im Berliner Landesarchiv verwahrten, dem Autor  per Mail zugegangenen Mitteilung des Berliner Landesarchivs vom 14. Januar 2026 wird anhand einer übermittelten Karteikarte ersichtlich, dass Kränzlein inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet hat. Seine Ehefrau ist danach Lora Kränzlein, am 5. Februar 1918 in Düsseldorf geborene Kahr. Ihre gemeinsame Tochter Bettina wird am 28. November 1940 geboren. 

Dienstlich werden die äußeren Bedingungen allerdings für den Hauptschriftleiter schlechter. Schon mit Beginn des Zweiten Weltkriegs werden „Richtlinien für die Papiereinsparung“ erlassen, die auch den Umfang des Kränzlein-Blattes einschränken. Es erscheint schließlich mit sechs (1941), zuletzt sogar nur noch mit vier Seiten. Zu jenem Zeitpunkt agiert Kränzlein bereits zusätzlich, wie es unten noch ausgeführt wird, als Kriegsberichterstatter und hält sich infolgedessen zunehmend weniger in Berlin auf. Die letzte Nummer des „Angriff“ wird am 24. April 1945 publiziert werden.

Das Kriegsgeschehen prägt Kränzleins Arbeit zunehmend mehr. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für die NS-Führung wichtig, besonders linientreue Parteigenossen als Kriegsberichterstatter einzusetzen. Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn am 1. September ist Leutnant Kurt Kränzlein bis Oktober 1939, hier zusammen mit anderen Schriftleitern wie Hans Schwarz van Berk, als Kriegsberichterstatter im Einsatz, um vom Polen-Feldzug zu berichten. Er fungiert dabei als Wortführer eines größeren Propagandakommandos und garantiert eine euphorisch gehaltene Aufnahme des „siegreich“ abgeschlossenen „Blitzkriegs“.

Danach ist Kränzlein Kriegsberichterstatter  in  Polen, in Griechenland und Bulgarien. In Belgrad ist er Leiter einer  Propaganda-Abteilung. Im Kaukasus ist er sogar Kommandeur  einer  Propagandakompanie.[13]


Propaganda durch Kriegsliteratur: Kränzlein als Buchautor von NS-Gnaden

Auf die lesende männliche Jugend hat es Kränzlein angesichts der gesamten Kriegszeiten besonders abgesehen. Gut aufgemachte Lektüre soll Selbstbewusstsein wie Stolz unter der männlichen Jugend produzieren und gleichzeitig deren Opferbereitschaft intensivieren. Weiterhin sollen die Propagandawerke der Verbindung zwischen den Männern an der Front und den Jugendlichen in der Heimat dienen.

Als Nr. 45 von insgesamt 156 Heftromanen der „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“ erscheint anno 1943 das von Kränzlein verfasste Heft „Stoßtrupp auf Behlingen. Gewaltsame Aufklärung vor dem Westwall“. Die Kriegsbücherei ist seinerzeit eine deutsche Heftroman-Serie, die von 1939 bis 1945 in wöchentlicher Ausgabe in den Berliner Steiniger-Verlagen erscheint. Initiiert vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach, besitzt die Reihe die aktive Unterstützung des Oberkommandos des Heeres, des Oberkommandos der Marine sowie des Oberbefehlshabers der Luftwaffe. Die Hefte erscheinen jeweils im Mittelformat in einem Umfang von 32 Seiten. Begierig lesen vor allem Hitlerjungen die Schrift und erklären sich schon früh bereit für einen möglichen „Heldentod“.

Kränzleins Propaganda-Bücher: eine Auswahl

Kränzlein belässt es keineswegs beim genannten Jugendbuch. Bereits zuvor wie danach ist er umfassend als Autor von Büchern wie Broschüren aktiv. Im Gesamtüberblick verfasst der Redakteur seit 1935 die folgenden Titel:

  • Vom Arbeitsplatz zum M.-G. Dreyse (mit Alfred Ingemar Berndt, 1935)
  • R-Gespräche nach Berlin (1939)
  • Hexenkessel II: die Geschichte eines Stosstrupps im Westen (1940)
  • Mit dem K durch Frankreich: Erinnerungsbilder der Gruppe von Kleist (1941)
  • Stoßtrupp auf Behlingen: gewaltsame Aufklärung vor dem Westwall (1943)
  • Das Kind der Madeleine Montcornet (1943)

Die Tätigkeit beim „Angriff“, nicht weniger die Propagierung des Kriegsgeschehens machen offenkundig auch weiterhin bis in die höchsten NS-Kreise hinein Eindruck. Liest man einen einspaltigen Artikel in der NS-hörigen „Warschauer Zeitung“ vom 5. Juli 1942, ist es sogar Nazi-Propagandaführer Joseph Goebbels höchstpersönlich, der Kränzlein eine persönliche Ehrung zuteilwerden lässt. Das Lesepublikum erfährt unter anderem dieses:

Aus Anlass des 15jährigen Bestehens gewährte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels dem Hauptschriftleiter des „Angriff“, Kurt Kränzlein, eine Unterredung, in der er sich über das wichtigste Thema der Propaganda im Krieg äußerte.

Filmszene mit Otto Gebühr als Preußenkönig Friedrich II., von Rechten gern „Friedrich der Große“ oder verniedlichend „Der alte Fritz“ genannt.


Wortgewaltig auch als Filmexperte

Wie mit Hilfe des noch kurz vor Kriegsende aufgeführten Monsterfilm „Kolberg“, der vom „Abwehrkampf“ gegen Napoleon handelt und im schon zerstörten Reich den letzten Funken an Wehrkraft entzünden soll, versuchen die Nazis auch zuvor immer wieder, das Medium des Historienfilms für Kriegspropaganda zu nutzen. Die Vielseitigkeit führt deshalb auch Kränzlein in das Metier des Films. „Der große König“ ist anno 1942 ein bedeutender Historienstreifen, bei dem Veit Harlan, zuvor Macher des antisemitischen Hetzstreifens „Jud Süß“, Regie führt. Harlans neues Epos thematisiert das Leben des einmal mehr von Otto Gebühr gespielten Königs Friedrich II. von Preußen.

In teils opulenten Szenen wird insbesondere die Zeit nach dessen Niederlage in der Schlacht bei Kunersdorf 1759 während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) gezeigt. Umso eindrucksvoller werden danach Friedrichs Wiederaufstieg und Schlachtentriumphe in Szene gesetzt. Der gesamte Streifen, noch heute über Youtube anzuschauen, ist als nationalsozialistischer Monumental- und Propagandafilm aufgemacht, der während des Zweiten Weltkriegs als „Aufbaufilm“ konzipiert wird. Dabei geht es darum, den Durchhaltewillen der Bevölkerung im damals noch als siegreich empfundenen Kriegsgeschehen zu stärken. Zum Räderwerk der mit dem Film verbundenen Kriegsverherrlichung zählt auch Kurt Kränzlein. In der Reichsausgabe seines Blatts „Der Angriff“ am 5. März  1942 kommentiert er überschwänglich:

Der Film Veit Harlans nimmt den Weg von der Anekdote zur Realität, vom Heroisieren zum Menschen, vom Jubel der Massen zur Einsamkeit des Einzigen … Friedrich der Große … hätte nicht jene ständige und immer vorhandene Wirkung auf die späteren Zeiten gehabt, wenn er nicht derjenige wäre, von dem Dr. Goebbels vor zehn Jahren in einer Rede gesagt hat: „Friedrich der Große war der erste Nationalsozialist.[14]


Von der Mittwochsrunde zum „Gaupropagandaleiter“ Westfalen-Süd

In den letzten Kriegsjahren sind es offenbar Kränzleins propagandistischen Aktivitäten und Qualitäten, die ihm zu weiteren Posten verhilft. Offenkundig bemüht sich die Presseabteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda auch um informelle Kontakte zur deutschen Presse. Wichtigstes Instrument auf diesem Feld ist dabei offenbar die sogenannte „Mittwochsrunde“, ein wöchentlicher, im Auslandspresseclub tagender Stammtisch, zu dem der Abteilung nahestehende Journalisten herangezogen werden. Initiiert hat diese Einrichtung der Referatsleiter „Deutsche Presse“, Günter Lohse, unter dessen Vorsitz jene „Mittwochsrunde“ bis zum April 1945 regelmäßig tagt.[15]

Die eher locker gehaltenen Treffen dienen in erster Linie dazu, den Journalisten, die sich auch untereinander austauschen, seitens des Auswärtigen Amts streng vertraulich außenpolitische Hintergrundinformationen zu geben. Tatsächlich wird auch Kurt Kränzlein Teil jener 18-köpfigen „Mittwochsrunde“, deren Kreis wegen der vertraulichen Informationen eng begrenzt bleibt. Begleitet wird er von seinem „Angriff“-Kollegen Hermann Fiddikow.

In derartigen Funktionen kommt Kränzlein zweifellos zugute, dass er in der betreffenden Zeit zwar häufig als Kriegsberichterstatter unterwegs ist, aber mit seiner Familie offiziell stets in Berlin wohnt. Allerdings wechselt er mitsamt der Familie häufig die Adresse. 1935 lebt er noch in der Admiral-von-Schröder-Straße 22.  1936/37 verzeichnet das Berliner Adressbuch die Gärtnerstraße 4 in Lichterfelde. 1939–43 wohnt Familie Kränzlein in der Durlacher Straße 20 in Berlin-Wilmersdorf.[16]

Je mehr sich der Krieg seinem Ende nähert, desto intensiver entdecken und fördern NS-Obere Kränzleins propagandistischen Talente. 1944 verpasst der NS-Komponist Georg Nellius sogar einem Kränzlein-Gedicht die nötigen martialischen Noten. Der inbrünstig gesungene Kränzleins Text lautet dabei:[17]

Rot ist die Flamme auf Hütten und Werken,
Feuer weht über die Schächte.
Rot [NS-Fahne!] ist die Fahne, der wir gehören,
rot sind die Bombennächte. […]
Hart ist der Kampf der Soldaten im Osten,
hart ist das Herz der Westfalen. […]
Wenn die Teufel toben, die Hölle ist los, […]
dann steigt der Ruf ingrimmig empor aus der Erde Rot:
Vorwärts ihr Bombenkämpfer,
wir siegen trotz Terror und Tod!

Kurz vor Kriegsende verschlägt es Kurt Kränzlein ins Ruhrgebiet, das bereits stark von Zerstörungen heimgesucht ist. Folgt man einer Darstellung Constantin Goschlers zum Thema „Das Bochumer städtische Orchester in der Zeit des Nationalsozialismus“, ist der NS-Journalist anno 1944 „Gaupropagandaleiter Westfalen-Süd“, was ihm offenbar häufig auch zu Propaganda- und Durchhaltereden im Rundfunk verhilft.[18]

Kränzlein ist fortan in der Hierarchie der NSDAP für die Organisation und Durchführung der NS-Propaganda in seinem spezifischen geografischen Zuständigkeitsbereich, dem Gau Westfalen-Süd, verantwortlich. Dort bekleidet er das Amt des Gaupropagandaleiters im Gau Westfalen-Süd. Er steuert und initiiert in dieser Funktion auch den Gaueinsatzstab, der insbesondere in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs ab 1943 dazu dient, die moralischen Auswirkungen der alliierten Luftangriffe auf die Bevölkerung aufzufangen.

Propagandaleiter wie Kränzlein spielen auch hier eine zentrale Rolle bei der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie, der Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg und dem Auffangen der „moralischen“ Auswirkungen der Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung. Seine Rolle umfasst zum einen die Steuerung der öffentlichen Meinung: Er initiiert und leitet Propagandaaktionen, um die Bevölkerung im Sinne des Regimes zu beeinflussen. Zugleich lässt er akribisch die Presse überwachen. Die Gaupropagandaämter sind dabei eng mit den Gaupresseämtern und den regionalen Stellen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) verzahnt. Daneben ist Kränzlein auch für die Organisation von Veranstaltungen zuständig. Dazu gehören unter anderem Ausstellungen und Filmvorführungen, die der antisemitischen und kriegsverherrlichenden Agenda dienen.

Nicht zuletzt wird Kränzlein zum Empfänger von Spitzelberichten. Derartige Rapporte befassen sich beispielsweise mit dem Verhalten von Gefolgschaftsmitgliedern während und nach Luftangriffen, was die Bedeutung von Kränzleins Position für die Aufrechterhaltung der Moral und Disziplin in der Heimatfront unterstreicht.


Kränzlein in der Bundesrepublik: Fortsetzung der Schriftstellerei und Verlagstätigkeit

Über eine Benachteiligung oder gar Bestrafung und Inhaftierung Kränzleins in Nachkriegsdeutschland infolge seiner NS-Propagandatätigkeit hat der Autor dieses Beitrags bis heute nichts in Erfahrung bringen können. Vielmehr scheint, wie bei zahllosen anderen NS-Biografien, das exakte Gegenteil eingetreten zu sein. Denn nach dem Krieg setzt Kränzlein seine Karriere – zumindest nach überschaubarer Zeit – offenkundig erfolgreich fort, wo er maßgeblich zum Aufstieg des 1950 gegründeten Econ Verlags – heute Teil der Ullstein Buchverlage – beiträgt.

Zuvor wird bei den bereits oben erwähnten Unterlagen des Berliner Landesarchivs ersichtlich, dass Kränzlein Berlin spätestens 1949 verlassen hat. Gemäß einer im Archiv verwahrten Karteikarte hat sich Kränzlein laut Abmeldeeintrag am 29.01.1949 von Berlin nach weit weniger zerstörte Detmold (Ostwestfalen-Lippe), Palaisstraße 8 umgemeldet.

Irgendwann muss ein Umzug nach Düsseldorf, der Geburtsstadt seiner Ehefrau Lora erfolgt sein. Beim Düsseldorfer Verlag nimmt Kränzlein – offiziell als Verlagskaufmann – eine feste Stelle ein. Neben seiner Managementtätigkeit textet er als Journalist, Historiker und Schriftsteller. Für 1955 nennt Ancestry als Wohnort der Familie Kränzlein die Adresse Leostraße 11b in Düsseldorf.[19]

Laut bibliografischen Angaben im Deutschen Literatur-Lexikon nutzt der gewiefte Journalist und Schriftsteller in der Bundesrepublik interessanterweise gleich verschiedene Pseudonyme. Darunter befinden sich gemäß jener Quelle die Namen Curt in der Beek, Curt. Cränzlein in der Beek, Jane in der Beek sowie Bianca Montari. Zumal bei einigen dieser Namen jedoch auch eigene Lebenswege nachweisbar sind, müsste jene Liste der Pseudonyme jedoch noch einmal eingehend geprüft werden. Von allen, formal unterschiedlichen Autor*innen werden jedenfalls unterschiedliche Publikationen, darunter zahlreiche Romane, ins Lesepublikum gebracht.

Kränzlein zeigt sich somit auch nach 1945 vielseitig talentiert und bedient im Pressebereich zuweilen auch das Feuilleton. Zu seinem Repertoire zählen daneben beachtlich viele Romane und auch Lyrik. Die Veröffentlichungen, die Kränzlein im Lesepublikum platziert, sollen hier nur stichwortartig aufgereiht werden:


Kränzleins später Merkposten in Osnabrück: ein Text für den Munin-Verlag

Einer der umstrittensten Verlage, die jemals nach 1945 in Osnabrück ansässig waren, ist der Munin-Verlag gewesen. Jener wurde 1954 vom Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e. V. – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) gegründet. Ansässig ist der Verlag bis 2000 in Osnabrück. Der Name geht auf Munin, einen der beiden Raben und Begleiter des Kriegsgotts Odin in der bei Rechtsextremisten beliebten nordischen Mythologie, zurück.

Folgt man einer Sondernummer der Osnabrücker Antifaschistischen Beiträge, gibt es laut Neuer Osnabrücker Zeitung vom 21. November 1978 auch eine ganz offizielle Verlagsadresse. Seinen Sitz hat der Verlag ehemaliger  Kämpfer und Mörder der Waffen-SS danach in der Meller Straße 207. Geschäftsführer ist der Osnabrücker Helmuth Thöle. [20]

Bekanntestes Verlagsprodukt ist lange die Monatszeitschrift „Der Freiwillige“, in der die Waffen-SS als „normale Soldaten“ dargestellt und ihre Geschichte heldenhaft wie romantisch verklärt werden. Der Verlag veröffentlicht zudem zahlreiche Divisionsgeschichten und Bildbände.

Alt-Osnabrücker, die 1967 unbeirrt zu den „Unbelehrbaren“ zählen und die den 13. Jahrgang der Ausgabe von „Der Freiwillige“ in jenem Jahr betrachten, fällt darin ein altbekannter Autor auf. Denn ein Beitrag ist tatsächlich namentlich vom früheren Osnabrücker Kurt Kränzlein unterzeichnet. Seine Abhandlung befasst sich mit dem Thema „Der Marxismus und das deutsche Heer im Weltkriege“.[21]

Mutmaßlich bleibt es allerdings in diesem Organ der wohl einzige Beitrag Kränzleins. „Der Freiwillige“ wird 2014 von Dietmar Muniers Verlag Lesen & Schenken übernommen und ist mittlerweile in dessen Magazin DMZ Zeitgeschichte aufgegangen.

Kränzleins Tod im Jahre 1969 geht aus einer über Ancestry dokumentierten Geburtsurkunde hervor. Auf jener Urkunde ist in Gestalt eines kleinen Stempels auf der linken Seite der Urkunde dokumentiert, dass der Genannte am  11. Mai 1969 in Düsseldorf verstorben ist. Kurt Kränzlein ist 64 Jahre alt geworden.


Anmerkungen

[1] Diese und weitere biografische Angaben wurden dem Verfasser dankenswerterweise von der Berliner Historikerin Judith Kessler übermittelt, die ihre Recherche offenkundig auf das Portal Ancestry, Online-Plattform für Ahnenforschung und Genealogie. stützt.

[2] Vgl. Archiv Uni Freiburg, Verzeichnungseinheit 149-152, Signatur 149-152. Titel: Abgangszeugnis Kurt Kränzlein.

[3] Vgl. hier und bei folgenden biografischen Angaben: Lutz Hagestedt (Hrsg.), Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Biographisch-bibliographisches Handbuch, Band 32, München 2019, Spalte 4

[4] Vgl. hier und im Folgenden Heiko Schulze, Zum Nutzen und Vergnügen. Ein Streifzug durch 250 Jahre Osnabrücker Zeitungsgeschichte, Vechta 2016, S. 26 ff. sowie S. 99 ff.

[5] Vgl. Karl Kühling, Osnabrück 1925-1933, Osnabrück 1963, S. 89 ff.

[6] Vgl. Karl Kühling, Osnabrück. Stadt im Dritten Reich, 2. Auflage, Osnabrück 1980, S. 25

[7] Zitiert in:  Gerd Steinwascher (Hrsg.), Geschichte der Stadt Osnabrück, Belm 2006, S. 668

[8] Vgl. Steinwascher 2006, S. 721. Zum Leidesweg Grewes vgl. auch die Festschrift des Heimstättenvereins: Petra Spona, Voraussetzung für ein friedliches und glückliches Dasein. 100 Jahre HVO, S. 30-49

[9] Vgl. Ute Müller-Detert, Osnabrücker Zeitungen zwischen 1933 und 1949, Osnabrück 2005, S. 46 f. sowie Schulze 2016, S. 143 ff.

[10] Vgl. Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel, „Der Angriff (1927–1945)“, in:  Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwar, Band 6 der Reihe „t“, Freiburg 2022, im Internet bereitgestellt von der UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich, heruntergeladen am 01.12.17, hier S. 16 ff.

[11] Zum Militärstandort vgl. https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Kasernen/Wehrkreis11/KasernenBlankenburg-R.htm , Ladezeitpunkt 13.01.2016

[12] Vgl. auch im Folgenden Kreutzmüller/Weigel, a.a.O.

[13] Vgl. auch hier Deutsches Literaturlexikon, a.a.O., Spalte 4

[14] Zitiert in: Axel Marquardt  und Heinz Rathsack (Hrsg.),  Preußen im Film Eine Retrospektive der Stiftung Deutsche Kinemathek Buchauszug, Hamburg 1981, S. 273

[15] Vgl. im Folgenden Peter Longerich, Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop, Studien zur Zeitgeschichte, Band 33, Oldenburg, München 1987, S. 314 ff.

[16] Vgl. auch hier die von Judith Kessler recherchierten biografischen Angaben

[17] Vgl. Peter Bürger und Werner Neuhaus, Georg Nellius (1891-1952). Völkisches und nationalsozialistisches Kulturschaffen, antisemitische Musikpolitik, Entnazifizierung; Arnsberg 2014, in:  Daunlots. Internetbeiträge des Christine-Koch-Mundartarchivs am Maschinen- und Heimatmuseum Eslohe, Nr. 69, S. 31

[18] Vgl. Constantin Goschler, Das Bochumer städtische Orchester in der Zeit des Nationalsozialismus, online veröffentlicht unter d. chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://www.bochumer-symphoniker.de/fileadmin/Publikationen/Historie/BoSy_Vorstudie.pdf, Ladezeitpunkt 13.01.2026

[19] Auch diese sowie weitere, bislang schon wiedergegebene biografische Angaben verdankt der Autor dankenswerterweise der Berliner Historikerin und OR-Redaktionskollegin Judith Kessler

[20] Vgl. Munin-Verlag in Osnabrück, Heft der der Antifaschistischen Beiträge aus Osnabrück, Osnabrück 1979, S. 13. Das verwendete Foto befindet sich auf Seite 15

21] Vgl. Munin: https://www.iberlibro.com/primera-edicion/Freiwillige-Jahrgang-1967-Hefte-Januar-Dezember/31111887334/bd , aufgerufen am 13.01.2026

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