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Freitag, 16. Januar 2026

Teil 12 der OR-Serie „Täter-Hetzer-Profiteure“: Dr. Max Heisler – das abrupte Ende einer „Nazifamilie“

Arzt, Christ und einer der schärfsten NS-Aktivisten

Max Heisler wurde am 14. September 1886 in Allenstein in Ostpreußen geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium in Graudenz studierte er in Königsberg Medizin, wo er auch promovierte. Seine Narbe auf der rechten Wange rührte vermutlich von seiner Mitgliedschaft in der 1899 gegründeten Burschenschaft „Akademische-Wissenschaftliche Verbindung Cimbria“ in Königsberg her. Der Großvater seiner Ehefrau Erna geborene Hasford, ein Graf Igelström, entstammte einem schwedisch-baltischen Adelsgeschlecht.

Seit 1925 war Dr. Max Heisler in Osnabrück als praktischer Arzt und Geburtshelfer mit eigener Praxis an der Miquelstraße 20 tätig. Der Arzt hatte einen großen Patientenstamm und wurde für sein „starkes, soziales Empfinden in der Ausübung seiner Praxis“ geschätzt. Er soll „ohne Unterschied der Konfession oder der politischen Richtung“ „wegen seiner sozialen Einstellung grade bei den kleinen Leuten, namentlich in Arbeiterkreisen beliebt“ gewesen sein, und gelegentlich sogar auf sein Honorar verzichtet haben, wenn es Patienten schwer fiel, die Arztrechnung zu bezahlen.


„Einer der schärfsten Aktivisten Osnabrücks“

Dr. Max Heisler war aber auch einer der führenden Nationalsozialisten in Osnabrück. Er hatte sich intensiv beim Aufbau der NSDAP in Osnabrück engagiert, „erheblich für die Partei geworben“ und „den Kampf der Partei um die Macht energisch unterstützt“. Während Heislers Rechtsanwalt im Entnazifizierungsverfahren 1947 behauptete, Heisler habe sich im Hintergrund gehalten und keine Propaganda für die Partei gemacht,  sagte ein Zeuge, der selber Mitglied eines Entnazifizierungsausschusses in Meppen war, aus, dass Heisler „lange vor 1933 zweifellos überzeugter Nazi war und auch den Kampf der Partei energisch unterstützt hat“. Der Entnazifizierungsausschusses kam am 14. August 1946 zu dem Urteil, dass Heisler „als einer der schärfsten Aktivisten Osnabrücks“ anzusehen sei.

Heisler war seit dem 1. März 1930 Mitglied der NSDAP. Am 1. Juni 1931 wurde er von Standartenführer Dr. Otto Marxer, der seit 1927 Führer der Osnabrücker NSDAP und des Osnabrücker SA-Sturmbanns war, zum SA-Standartenarzt im Sanitätsdienst der SA ernannt. Heisler ging, wenn er sich im Recht glaubte, auch auf Konfrontationskurs mit Ranghöheren in der Partei und der SA. Als Marxer ihn in Gegenwart von Gauleiter Röver „in dem bekannten rauhen [sic] beleidigenden SA-Ton“ wegen „unzureichender Betätigung“ abkanzelte, soll Heisler sein Amt in der SA postwendend niedergelegt haben. Am 30. Januar 1932 verließ er die SA.

Es heißt, ihm seien andere Ämter in NS-Organisationen angeboten worden, die er aber abgelehnt habe. Heisler gehörte dennoch etlichen NS-Organisationen wie dem NS-Ärztebund, der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Reichsluftschutzbund, dem Reichskolonialbund und dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland an und war Mitglied im Deutschen Roten Kreuz.


Die Heislers – eine „Nazi-Familie“

Die Heislers waren „allgemein als Nazi-Familie bekannt“. Heislers Ehefrau Erna war Frauenschafts-Ortsgruppenleiterin  und die Tochter Traute (verheiratete Hundsdörfer) Jungmädel-Ringführerin. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) war der weibliche Zweig der Hitlerjugend. Eine Ringführerin leitete im Jungmädelbund des BDM einen Jungmädelring, der in der Regel aus drei bis fünf Gruppen, insgesamt etwa 500 Mädchen bestand. Die Frauenschaft war die „Kerntruppe überzeugter Anhängerinnen des NS-Regimes“, die „der politischen Gleichschaltung aller anderen, nicht-nationalsozialistischen Frauengruppierungen unter dem Dach des Deutschen Frauenwerks (DFW) diente“. Heislers Schwägerin Clara Heisler war ebenfalls Ortsgruppenleiterin der Frauenschaft. Ihr Mann, Heislers Bruder Dr. Paul Heisler, von Beruf Rechtsanwalt, saß für die Nationalsozialisten im Rat der Stadt. Er war es, der in der Sitzung am 11. April 1933 als Wortführer des Rats vorschlug, künftig die Ratssitzungen mit einem dreifachen „Sieg Heil!“ auf das Wohl der Stadt Osnabrück zu eröffnen und sie mit einem „Sieg Heil!“ auf das deutsche Vaterland, den Reichspräsidenten von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler und dem Gesang der ersten Strophe des Horst-Wessel-Liedes zu beenden. Es heißt, dass Rechtsanwalt Dr. Paul Heisler wohl noch mehr propagandistisch für den Nationalsozialismus tätig gewesen sei als sein Bruder Dr. Max Heisler.

Eher ungewöhnlich für einen Nationalsozialisten, von denen viele aus der Kirche austraten und sich künftig „gottgläubig“ nannten, war Max Heisler in der protestantischen Kirche aktiv. Leumundszeugen sagten aus, dass er „in manchen Dingen aufrecht seinen Weg gegangen ist, auch wenn das der Partei nicht passte“. Insbesondere habe das für seine religiöse Haltung gegolten, die er offen gezeigt habe, „obwohl die Partei eine religiöse Einstellung bei ihren Mitgliedern absolut verneinte“. Bei den Kirchenwahlen 1933 wurde der engagierte Nationalsozialist von evangelischen Christen in den Kirchenvorstand von St. Marien gewählt. Man kann davon ausgehen, dass er zu jenen „Deutschen Christen“ zählte, die die nationalsozialistische Ideologie und die Bildung einer „Reichskirche“ unterstützten. Heisler soll regelmäßig den Gottesdienst in der Lutherkirche besucht haben.


„Widersprüche zwischen Christentum und Nationalsozialismus“

Auch wenn die meisten Nationalsozialisten aus der Kirche austraten – so ungewöhnlich war die Kombination aus einem Engagement für den Nationalsozialismus und gleichzeitig für die Kirche nicht. Einer der Osnabrücker Gestapo-Leiter, Richard Skiba, „ein gläubiger Katholik, fiel noch 1937 durch seine Teilnahme an einer Fronleichnamsprozession auf.“ Traute Heislers Klassenlehrerin Gertrud Schlöbke, die die Eltern nach dem Abitur der Tochter besuchte, berichtete im Entnazifizierungsverfahren 1947, dass sie in der „Nazifamilie“ zu ihrem Erstaunen „lebendige Kirchlichkeit“ und „echte Frömmigkeit“ wahrgenommen habe und dass die Heislers „wegen der Widersprüche zwischen Christentum und Nationalsozialismus ernstlich besorgt waren“. Konsequenzen zogen sie daraus nicht.

Am 6. November 1935 wurde Max Heisler von Oberbürgermeister Gaertner in den Stadtrat berufen, in dem nur noch überzeugte Nationalsozialisten wie Erwin Kolkmeyer saßen. Wahlen gab es nicht mehr. Wie viele Parteimitglieder kritisierte Heisler einzelne Maßnahmen der Partei wie „das Bonzentum und Schmarotzerleben der sogenannten kleinen Hitlers“. Der überzeugte Nationalsozialist schreckte auch nicht davor zurück, sich mit Beschwerden über „Missstände“ in der Partei in Osnabrück an höhere Stellen zu wenden, „auch an sehr hohe Parteistellen wie [die] Kanzlei des Führers“. Das tat er vor allen Dingen, „soweit es seine Stellung als Arzt berührte“ oder wenn seine Familie betroffen war. So sprach er sich dagegen aus, dass Hitlerjungen während der Schulzeit unter der Woche einen Monat lang jeden Abend von 20 bis 22.30 Uhr Dienst tun sollten, um dadurch eine „Einsatzeinheit“ von 30 auf 100 Personen aufzustocken. Er war der Meinung, dass sich das negativ auf ihre schulischen Leistungen auswirken würde. Einer dieser Hitlerjungen war sein Sohn. Heislers Meinung nach hätten vorher die Lehrer und die Eltern informiert und befragt werden müssen, ob gegen diesen Zusatzdienst Bedenken beständen. Dem Amt für Volksgesundheit, das ihn auf das „Führerprinzip“ hinwies, schrieb er, der Zusatzdienst in der Hitlerjugend dürfe, wenn er auch noch so ernst genommen werde, nicht gleichgesetzt werden mit „einem militärischen Unternehmen, von dem der Führer annimmt, dass höchstens die Hälfte die Gefahr lebend übersteht“. Daher hätte vorab auch eine Untersuchung auf gesundheitliche Tauglichkeit stattfinden müssen.

BDM während einer Festveranstaltung zum 1. Mai 1936 auf dem Sportplatz Klushügel. Foto: Stadt Osnabrück/Emil Harms 1936
Für derartige BDM-Mädchen setzte sich Heisler bis in höchste NS-Ebenen ein. Foto hier: BDM während einer Festveranstaltung zum 1. Mai 1936 auf dem Sportplatz Klushügel. Foto: Stadt Osnabrück/Emil Harms 1936


Dr. Heisler schreibt an den „Stellvertreters des Führers“ 

In einer Angelegenheit, in der es um 46 strafbeurlaubte BDM-Führerinnen ging, die Heislers Ansicht nach zu Unrecht gemaßregelt worden waren, wandte Heisler sich direkt an den Stellvertreter des „Führers“, Rudolf Hess. Der Stab des „Stellvertreters des Führers“

war das zentrale Führungsorgan der NSDAP. Hess hatte 1933 von Hitler die Vollmacht erhalten, „in allen Fragen der Parteileitung“ in seinem Namen zu entscheiden. Sitz des Stabes war München. Eines der Mädchen, um deren guten Ruf als nationalsozialistisches Mädel es ging, war Heislers Tochter. Als Gauleiter Röver die BDM-Führerinnen aufgrund einer Weisung vom Stab des Stellvertreters des Führers vom Januar 1938 nach zwei Jahren öffentlich rehabilitieren musste, soll er Heisler „in beleidigender Weise“ öffentlich angegriffen haben. Eine der ehemaligen BDM-Führerinnen schilderte 1948, dass Röver bei dieser Rehabilitierung „im großen Parteikreise“ sagte, er würde Dr. Heisler „rechts und links hinter die Ohren schlagen und ihn achtkantig zum Fenster heraus werfen“, wenn der Arzt anwesend wäre.

Heisler hielt das nicht davon ab, sich weiter mit Beschwerden an die höchsten Stellen zu wenden. Am 31. März 1939 schrieb der Arzt an Heinrich Himmler persönlich und schilderte diesem ausführlich zwei Vorfälle, bei denen sich Jugendliche beim Einkaufen in Osnabrücker Geschäften danebenbenommen hatten. Heisler klagte dem Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, „dass besonders in letzter Zeit der Strassenton der Jugend sehr rüde geworden ist“. Eine Antwort Himmlers ist nicht bekannt. Heislers Sekretärin Elfriede Kemper gab 1947 an, sie habe für den Arzt 1936 bis 1939 und noch später „eine größere Anzahl von Schriftstücken geschrieben, die gerichtet waren an die Kanzlei des Führers, an den Reichsjugendführer, an den Gauleiter usw., und die über Vorkommnisse berichteten, die dem Ansehen der Partei schädlich waren.“ Damit machte Heisler sich bei den Parteigenossen unbeliebt. Laut seinem Rechtsanwalt Dr. Jungehülsing  soll er „von den Braunen schließlich als ‚Abtrünniger‘ angesehen“ worden sein.


Eine der bekannten Nazi-intrigen“

Ein langjähriger Patient, der Heisler als Arzt sehr schätzte, bekam das mit: „Da man aber die geistigen Fähigkeiten des Dr. Heisler kannte, seine stichhaltigen Angriffe sowohl gegenüber den örtlichen Parteiführern als auch an der höheren Parteileitung nicht einfach mit ein paar Worten abtun konnte, versuchte man nach meiner Ansicht ihn [sic] durch eine der bekannten Nazi-intrigen beizukommen resp, zu Fall zu bringen.“

Mit Hilfe eines Gerüchts, das besagte, die Familie sei „nicht rein deutschblütiger, sondern jüdischer Abstammung“ wurde der unbequeme Parteigenosse deshalb zum Schweigen gebracht. Es wurde vermutet, dass Parteigenossen in der NSDAP das „Judengerücht“ selber gestreut hatten, es aber zumindest bewusst nicht dementierten. Einer von Heislers Patienten war der Ansicht, „dass die ihm seinerzeit angedichtete Judenstämmigkeit bewusst von der örtlichen Parteiführung ausgestreut wurde, um sich seiner auf diese Art sowohl aus der Partei als auch vielleicht darüber hinaus zu entledigen.“

Heislers Bruder erfuhr durch den SA-Sturmbannführer und Kreisamtsleiter der NSDAP, Edwin Heidt, „vertraulich“ von dem Gerücht. Der Urheber der Verleumdung konnte nicht ermittelt werden. „Das Gerücht konnte bis zu einer bestimmten Stelle verfolgt werden, und dann riss es ab.“ Heisler selber fand nach seiner Aussage heraus, dass das „Judengerücht“ von den Parteigenossen Rechtsanwalt Dr. Langheim und Kaufmann Hans Warnecke zusammen mit entsprechendem Material bei der Partei schriftlich bestätigt worden sein sollte. Heisler gab an, Kreisleiter Münzer habe zwei Jahre lang von dem Gerücht gewusst, ohne seine Familie „zur Stellungnahme oder zur Berichtigung aufzufordern“. Darüber fand ein Zeuge im Entnazifizierungsverfahren merkwürdig, der meinte: Obwohl „die Rassenfrage sonst in der Partei zu den dringlichsten Aufgaben gehörte, dauerte es in diesem Falle jahrelang, bis seitens der Partei die Unwahrheit festgestellt und bekanntgegeben wurde, aber nicht von sich aus, sondern auf Antrag des Bruders von Herrn Dr. Heisler“.

Heislers Bruder Paul strengte ein Parteigericht an, in dem bewiesen wurde, dass die „Judengerüchte“ jeder Grundlage entbehrten. Die Nazi-Karriere seines Bruders Max war dennoch beendet. 1936 legte die „Nazifamilie“ alle Ämter nieder. Aus der Partei trat Heisler trotzdem nicht aus, sondern blieb nach Ansicht eines seiner Patienten, der sich als Leumundszeuge im Entnazifizierungsverfahren äußerte, „erst recht in der Partei […], um dadurch überhaupt die Möglichkeit zu behalten gegen Missstände ein Wort riskieren zu können.“

1936 unternahm der Arzt eine „Gesellschaftsreise“ nach Spitzbergen in Norwegen, 1937 nach Nidden an die Kurische Nehrung. Am 1. Dezember 1937 wurde Dr. Heisler zum Oberstabsarzt der Reserve ernannt. Er war seit dem 28. April 1939 im Sanitätsdienst in Herford tätig und ab August 1939 Chefarzt im Reserve-Lazarett in Quakenbrück, dann beim „Abschnittbaustab 23“, der bei der Mobilmachung am 26. August 1939 bei Aachen aus Einheiten des Reichsarbeitsdienstes aufgestellt wurde.


Lagerarzt im Stalag VI H bei Düren

Vom 8. April bis 28. Oktober 1940 war Heisler Lagerarzt des Ende März 1940 in Baracken des Reichsarbeitsdienstes eingerichteten Stalag VI H Arnoldsweiler bei Düren in Nordrhein-Westfalen und unterstand dem Divisionsarzt Münster. Das Strafgefangenenlager Stalag VI H war ein Kriegsgefangenlager, dessen anfangs polnische und französische Gefangene zur Arbeit in Dürener Betrieben eingesetzt wurden. Viele Kriegsgefangene, besonders die später dort untergebrachten russischen Kriegsgefangenen starben in der „Hölle von Arnoldsweiler“ den Hungertod oder wurden ermordet. Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffskriegs gegen die Sowjetunion war der 54jährige Max Heisler aber bereits aus der Wehrmacht entlassen worden. Sein Bruder Paul kam bei einem Bombenangriff am 19. Februar 1942 im Luftschutzkeller der St. Josephskirche ums Leben.

Die Osnabrückerin Lotte Schlösser bestätigte Max Heisler, dass er sie „trotz der Ermahnungen der lieben Mitmenschen“ 1944 ärztlich behandelte, als sie „durch die erlittenen Aufregungen“ bei der Verhaftung ihres Ehemanns Herzkrämpfe bekam. Heisler habe, „trotzdem er wusste, dass ich Jüdin war“, bei der Verhaftung ihres Mannes durch die Gestapo auf ihre Bitte „alle Hebel in Bewegung gesetzt“, um ihren Mann wieder frei zu bekommen. Der Arzt sei zwar „ein ganz alter P.G.“ gewesen, aber „nie ein Denunziant [.] sondern immer ein Helfer in der Not“.

Als nach Kriegsende zur Genugtuung des im Widerstand tätigen Osnabrücker Kommunisten Henry Brandt „Nazifrauen“ den 1938 geschändeten jüdischen Friedhof wieder instand setzen mussten, stellte Dr. Heisler zwei der „Nazissen“ Atteste aus, die sie von der Arbeit befreien sollten. Es dürfte sich um Bekannte seiner Frau oder seiner Schwägerin gehandelt haben, die beide Ortsgruppenleiterinnen der NS-Frauenschaft gewesen waren. Der britische Stadtkommandant ließ die Atteste überprüfen, und den Arzt anschließend verhaften.

Auszug aus Heislers Entnazifizierungsakte



Übereifrige Nazis als „Eckpfeiler für die Demokratie“?

Kritik an der Partei und ihrem „Bonzentum“ wurde im Rahmen von Entnazifizierungsverfahren gerne als Opposition zum NS-Regime ausgegeben. Dabei war die Mitgliedschaft in der Partei natürlich kein Grund, ihrer Politik nicht im Detail kritisch gegenüber zu stehen. In seinem Entnazifizierungsverfahren machte Heisler geltend, dass er „ab 1933 sich steigernd von der Unrichtigkeit mancher Vorgänge der Partei überzeugt habe“. Auf die Frage, warum er dann nicht den Bruch mit der Partei vorgenommen habe, gab er zu, einmal sei dieses schwer gewesen und zum anderen habe er immer noch gehofft, dass die besseren Elemente in der Partei die Oberhand gewinnen würden. Das nahm ihm der Entnazifizierungsausschuss nicht ab und meinte: „Ein Mann von der Persönlichkeit des Betroffenen, musste […] spätestens im Jahre 1938 nach den Judenpogromen, einsehen, dass die maßgebenden Stellen in der Partei die Vernichtung der menschlichen Freiheit sich zum Prinzip gesetzt hatten.“

Der Öffentliche Kläger beim Berufungsausschuss für die Entnazifizierung im Regierungsbezirk Osnabrück stellte am 23. Dezember1946 – geschrieben auf einer britischen Schreibmaschine ohne Umlaute – fest: „Die ihm vorgehaltene Belastung […] ist nicht so sehr in seinem fruehen Anschluss in [sic] die Partei zu suchen, sondern darin, dass er als geistig hochstehender Mensch und als Angehoeriger eines freien und ohne jeden wesentlichen Parteidruck taetig gewesenen Standes es nicht fertig gebracht hat, sich von dieser Partei, deren schwere Maengel er unbedingt erkennen musste, zu distanzieren.“ Dass ergebe sich schon aus der Tatsache, dass er das Ehrenamt eines Stadtbeiratsmitgliedes bekleidete. „Dieser Posten wurde bekanntermaßen nur solchen Personen anvertraut, die bei der Partei eine hervorragende Beurteilung genossen.“

Heisler wurde im Berufungsverfahren 1947 in die Kategorie III (Minderbelastete) eingestuft.  Sein Rechtsanwalt Dr. Jungehülsing schrieb dem Gericht am 1. November 1947: „Er hat geirrt und sich dann enttäuscht und verraten abgewandt. […] Irren ist aber menschlich und es erscheint daher nur angebracht, den Antragsteller wieder völlig zu rehabilitieren und in Kategorie IV einzureihen.“ Die Berufung Heislers gegen die Einstufung wurde jedoch am 13. November 1947 zurückgewiesen. Es blieb bei der Einstufung in die Kategorie III mit dem Verbot, eine Stellung im öffentlichen oder halböffentlichen Dienst oder in einem bedeutenden Privatunternehmen anzunehmen. Seine als Mensch bewiesene Anständigkeit lasse es aber angemessen erscheinen, ihn in seiner Berufsausübung nicht zu beschränken, zumal er als Arzt großes Ansehen genieße. Weil Heisler „als Arzt einwandfrei seine Pflicht getan hat und sicherlich auch vielen notleidenden Menschen geholfen hat“, fand der Berufungsausschuss es zu hart, ihm die ärztliche Tätigkeit vollständig zu versagen und hielt das Verbot der amtsärztlichen und kassenärztlichen Tätigkeit für ausreichend. Heisler durfte weiter seine ärztliche Privatpraxis betreiben.

Nach der Einschätzung eines seiner Patienten, der ihm 1947 einen sogenannten „Persilschein“ ausstellte, war Heisler als „wertvolles Glied der Gemeinschaft“ anzusehen. „Wenn wir zu einer wahren Demokratie kommen wollen sind nach meiner Ansicht Menschen mit solchen Charakteren dafür die Eckpfeiler,“ hieß es in einer eidesstattlichen Versicherung. Der neue demokratische deutsche Staat, der nach 1945 entstand, stand vielfach auf solch einem braunen Untergrund.


Vorhergehende Folgen und weitere Veröffentlichungen des ILEX-Kreises


Redaktioneller Hinweis

Dieser und auch andere Beiträge unserer Serie werden vor einer geplanten Buchveröffentlichung noch ausführlicher bearbeitet und mit entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen versehen.

 

 

 

 

 

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