Der Tod eines großen Aufklärers

Ein Nachruf auf Jürgen Habermas

Mit dem Tod von Jürgen Habermas verlieren wir eine einzigartige intellektuelle und moralische Instanz, die ihre Autorität allein aus der Überzeugung auf die Kraft des besseren Arguments bezog. Der „herrschaftsfreie Diskurs“ war – wohlwissend um die Diskrepanz zur Realität – sein normatives Ideal. Ganz im Geiste Kants sah er in dem „freien öffentlichen Gebrauch“ der Vernunft den Kern der Aufklärung und die Basis der Demokratie. Im Prozess der diskursiven Wahrheitsfindung könnte auch über normative, moralische Fragen rational entschieden werden.

Habermas holte damit die Philosophie aus ihrem Elfenbeinturm heraus. Als öffentlicher Intellektueller verkörperte er wie nur wenige seine normativen Standards des öffentlichen Streits, das Abwägen der Argumente. In seiner epochalen Habilitationsschrift aus dem Jahre 1961 „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – keine Habilitationsschrift brachte es auf über zwanzig Auflagen – legte er für Generationen kritischer Geister die Grundlagen für die permanente Neubestimmung der Fundamente des Projektes der Aufklärung der Moderne. Im Unterschied zu den Gründungsväter der „Kritischen Theorie“ Adorno und Horkheimer, deren Nachfolger er in den 1960er Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung wurde, waren für sein politisches Denken die Kernelemente einer liberalen Demokratie und des Rechtsstaates die unverzichtbaren Voraussetzungen für den öffentlichen Gebrauch der Vernunft. So wurde Kant für ihn der wichtigere Bezugspunkt als Hegel und Marx.

Mit seiner diskurstheoretischen Fundierung der normativen Grundlagen des liberal-demokratischen Rechtsstaates galt er vielen Zeitgenossen im Laufe der Geschichte als der „Staatsphilosoph“ der Bundesrepublik. Diesen Ruf erwarb er sich allen Anfeindungen zum Trotz insbesondere als stets wachsamer Beobachter der geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung seiner Zeit, sowohl der Bundesrepublik wie der Welt. Mit seinem feinen Sensorium für problematische Entwicklungen und Rückfälle ins Autoritäre erhob er immer wieder seine mahnende und ordnende Stimme. Nahezu alle großen grundlegenden Debatten in der Geschichte der Bundesrepublik sind mit seinem Namen verknüpft.

So erkannte er früh die Gefahren der Rehabilitierung der Gewalt in Teilen der Studentenbewegung, der er zugleich maßgeblich die Stichworte ihrer „Systemkritik“ mitlieferte. Am Nachhaltigsten bleibt seine Intervention in der „Historiker-Debatte“ in den 1980er Jahren in Erinnerung, als er dem Historiker Ernst Nolte bei seinem Versuch, die Singularität des Holocaust als „Zivilisationsbruch“ zu relativieren, in die Parade fuhr und auf die damit verbundene Gefahr einer „Entsorgung der Vergangenheit“ aufmerksam machte.

Er erkannte als Soziologe früh wesentliche kulturelle, ökonomische und politische Veränderungen und neue Herausforderungen für das „Projekt der Moderne als Aufklärung“ in den westlichen Demokratien. Sorge bereitete ihm das Aufkommen des „Neokonservatismus“ wie die radikale Marktgläubigkeit der Liberalen, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, denen sich angesichts der „Erschöpfung der utopischen Ressourcen“ nur noch die selbstorganisierte Zivilgesellschaft als Widerlager entgegenstellte. Die später diagnostizierte „Krise des Westens“ bestätigte zwar seine Warnungen vor diesen Fehlentwicklungen, bedrohen aber auch die Fundamente seines eigenen Entwurfs. Denn der „herrschaftsfreie Diskurs“ hat einen blinden Fleck: wie geht man nicht nur mit dem Mangel an Vernunft, sondern mit dezidierten „Irrationalismus“ und antiaufklärerischen politischen und kulturellen Strömungen um, die sich dem Diskurs verweigern?

Hier sah er nicht nur in den jüngsten politischen Entwicklungen rechtsautoritärer Strömungen in Europa, den USA und weltweit die größten Herausforderungen für die liberale Demokratie. Sie potenzieren sich für ihn durch die größte kulturelle Herausforderung der Gegenwart und die sah er zunehmend in einem erneuten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Die scheinbar unaufhaltsame Herrschaft der digitalen Medien führt offensichtlich zu einer „Fragmentierung der Öffentlichkeit“, die dem „Gemeinsamen“ als Diskursbasis den Boden entzieht. Zu diesem epochalen kulturellen Verlust gesellt sich der politische und kulturelle Zerfall des „normativen Westens“, begleitet von einem wiederauferstehenden rechten Autoritarismus und einer Renationalisierung, die sein größtes politisches Hoffnungsprojekt, das politisch geeinte Europa jenseits der Nationalstaaten zu zerstören droht.

Am Ende seines langen und so unglaublich produktiven Lebens, in dem ihn DER SPIEGEL schon zu Beginn der 1990er Jahre zum „denkmächtigsten“ Philosophen der Gegenwart gekürt hatte und er einen einzigartige weltweite Anerkennung erfuhr, stand er vor einem Scherbenhaufen all dessen, was er nachfolgenden Generationen als normative Leitidee zu vermitteln versuchte. Er war und bleibt eine intellektuelle Autorität, ohne autoritär zu sein. Er lebte, was er verkündete. Er personifizierte die Kraft des „besseren Arguments“. Das war sein „Projekt der Moderne“ als Aufklärung.

Mag das momentan auch in einer Krise stecken, aber Habermas hinterlässt ein gewaltiges Werk, nicht nur dem Umfang, sondern dem Inhalt nach. Wer sich den verheerenden Irrwegen der Gegenwart entgegenstellen will, er kann hier das finden, was es dafür an geistigem Rüstzeug bedarf. Eine angemessene Darstellung seines gesamten Werkes wäre eine große Aufgabe für sich. Und es beschleicht einem dabei der Verdacht, dass mit Jürgen Habermas vielleicht nicht nur der letzte „große Philosoph“ Deutschlands von uns gegangen ist.

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