Kämpferische Maidemo 2026: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite!“

DGB-Gewerkschaften rufen alle Gleichgesinnten zu Demo, Kundgebung und Willkommensfest auf

Kann sich jemand in den letzten Jahrzehnten an eine gewerkschaftliche Mai-Demonstration erinnern, in dessen Umfeld jener, seit 1889 begangene Kampftag der internationalen Arbeiterbewegung von Neoliberalen und Rechten real in Frage gestellt wird? Soll der Tag wieder zum „Normalarbeitstag“ und die Kundgebungen auf den Feierabend verlegt werden? Leider ist diese Vision alles andere als ein Schauermärchen. Alles passt zum Trend: Die aktuellen Gedankenspiele maßgebender, vom Neoliberalismus durchdrungenen Regierungsmitglieder aus CDU-CSU machen keineswegs vor mühsam erkämpften Kampftagen der Arbeiterbewegung Halt. Denn gerade solche Leute spekulieren allzu gern darüber, im Interesse allgemein eingeforderter „Mehrarbeit“ ausgerechnet den 1. Mai als Feiertag zu opfern. Grund genug für alle, denen Politik für abhängig Beschäftigte am Herzen liegt, am 1. Mai dieses Jahres laut und solidarisch auf die Straße zu gehen – auch in Osnabrück.

Die Osnabrücker DGB-Gewerkschaften formulieren am „ihrem“ Feiertag wie alle deutschen Kolleginnen und Kollegen das exakt richtige Zeichen: Unter dem kämpferischen Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ setzt man, wie es wörtlich im Aufruf heißt, „ein unüberhörbares Zeichen gegen soziale Kälte und unternehmerische Profitgier. Angesichts von drohenden Standortverlagerungen und Betriebsschließungen, Angriffen auf den 8-Stunden-Tag und einer unsicheren Rentenzukunft rufen die Gewerkschaften die Beschäftigten der Region zur gemeinsamen Demonstration auf.“

Impression der Mai-Demo 2023. Foto: OR

Die morgendliche Demo startet – wie traditionell – um 10:00 Uhr mit einer Auftaktkundgebung vor dem ehemaligen Gewerkschaftshaus am Kollegienwall 14. Jener Ort, an dem am 11. März 1933 das von Nationalsozialisten erstürmte Gewerkschaftshaus stand, bildet seit Jahrzehnten einen Ausgangspunkt aller hiesigen Mai-Demonstrationen. Kein besserer Standort als der des ehemaligen Gewerkschaftshauses macht anhand des Geschehens von 1933 deutlich, wie schnell es gehen kann, dass mühsam erkämpfte soziale und demokratische Rechte binnen kurzer Zeit ersatzlos vernichtet werden.

Nach einem – allerdings intern nicht unumstrittenen – Grußwort der Osnabrücker Oberbürgermeisterin Katharina Pötter wird Dorothee Koch, Geschäftsführerin der DGB-Region Weser-Ems, die diesjährige Mairede halten. Direkt danach setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Innenstadt bis zum Endpunkt August-Bebel-Platz in Bewegung, um dort das traditionelle Maifest am Gewerkschaftshaus zu begehen. Es liegt nahe, auch an dem nach Bebel benannten Platz an jenen Vorkämpfer der Arbeiterbewegung zu erinnern, der führend dabei mithalf, jene Grundelemente des heutigen Sozialstaats zu erkämpfen, die von neoliberalen Weltumdeutern alltäglich wieder in Frage gestellt werden.


Klartext gegen Sozialabbau und Arbeitszeit-Flexibilisierung

Angesichts der aktuellen Strukturkrisen werden alle, die demonstrieren, bereits durch ihre Teilnahme klarmachen, worum es besonders in diesem Jahr geht. Wörtlich heißt es im Aufruf: „Die Gewerkschaften machen deutlich, dass die Beschäftigten nicht die Leidtragenden von Managementfehlern oder verfehlter Investitionspolitik sein dürfen.“
Mairednerin Dorothee Koch verzichtet ebenfalls nicht auf klare Ansagen: „Wir lassen nicht zu, dass unser Sozialstaat als angeblicher ‚Kostenfaktor‘ kaputtgeredet wird! Die Rente und unser Gesundheitssystem sind die Fundamente unseres Zusammenhalts. Wer heute den 8-Stunden-Tag angreift oder die Gesundheitsversorgung den Renditeerwartungen von Investoren opfert, legt die Axt an unsere Lebensqualität. Unsere Gesundheit und unsere Sicherheit stehen an erster Stelle – erst danach kommen die Profite!“


Industriestandort Osnabrück und seine Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben

Besonders im industriellen Kern der Region, weiß der DGB, „wächst der Widerstand gegen den Abbau von Arbeitnehmerrechten unter dem Deckmantel der „Flexibilisierung“. Stefan Soldanski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück, findet dazu deutliche Worte: „Die Kolleginnen und Kollegen haben die Nase voll davon, dass ihre Arbeitsplätze als Verschiebemasse auf dem globalen Parkett behandelt werden. Wer Standorte infrage stellt, stellt die Zukunft ganzer Familien infrage. Wir fordern ein klares Bekenntnis zum Standort Osnabrück und Investitionen, die Arbeit sichern, statt sie zu vernichten. Wenn der Druck in den Werkhallen steigt, wächst unser Widerstand. Wir arbeiten genug – Hände weg vom Arbeitszeitgesetz!“

Wer sich am 1. Mai einreiht, weiß es zu genau: Das aktuelle Gerede um angebliche „Reformen“, heruntergebetet in Talkshows wie Feierreden neoliberaler Polit-Prominenz, bedeutet im Kern nichts anderes als eine Beschädigung zentraler Fundamente des deutschen Sozialstaats. Täglich aufs Neue werden Regelungen zum Kündigungs- und Arbeitsschutz, zur Mitbestimmung und Höchstarbeitszeit, nicht zuletzt eine auskömmliche Rente mitsamt humanem Renteneintritt für alle Generationen in Frage gestellt – und als „Reformen“ propagiert. Neben der Arbeitsplatzsicherheit fordern die Gewerkschaften zusätzlich auch eine Politik, die aktiv gegen explodierende Lebenshaltungskosten bei Wohnen, Energie und Lebensmitteln eingreift. Im DGB-Aufruf ist man sich sicher: „Der 1. Mai in Osnabrück soll zeigen: Die Solidarität ist ungebrochen – für eine starke Demokratie und eine Zukunft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht die Bilanz der Aktionäre. Heraus zum 1. Mai – für unsere Jobs, unsere Rechte und unsere Würde!“

Die OR-Redaktion schließt sich ausdrücklich dem Aufruf zur gewerkschaftlichen Maidemonstration an. Auch die Osnabrücker Debatte benötigt Solidarität gegen Ellenbogen. Weitersagen!


Solidarität im Überblick

  • 10:00 Uhr: Kundgebung am Kollegienwall Nr. 14 (Gewerkschaftshaus bis 1933)
  • Grußwort: Oberbürgermeisterin der Stadt Osnabrück, Katharina Pötter
  • Mairede: Dorothee Koch Geschäftsführerin DGB Region Weser-Ems
  • Nach den Reden: Demo in Richtung Neumarkt, Wall und August-Bebel-Platz
  • ab 11:00 Uhr Familienfest am Gewerkschaftshaus
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