Kallas Kolumne: Warum tut ihr euch den Scheiß noch an?

Wenn Korruption zur Normalität wird, läuft sich der Faschismus schon im Spielertunnel warm

Ich gebe zu, ich habe im Fußball schon eine ganze Menge gesehen und erlebt. Als Kind traf ich Uwe Seeler im Fahrstuhl, Udo Lattek hatte ich mit zwölf als Trainer und somit denselben wie Beckenbauer oder Maradona, dessen Hand Gottes wieder im Gespräch ist. Dann kamen Zidanes Kopfstoß und Deutschlands bar bezahltes Sommermärchen, dieses nationale Wellnessbad mit dem Charme Schweizer Kontobewegungen.

Und selbst nach der unfassbar peinlichen Verleihung eines absurden Friedenspreises durch Infantino an Trump gab es zwar weltweit Kopfschütteln, aber keinen Protest.

Wenn ich nun aber sehe, dass ein Donald Trump seinen Busenfreund und Friedenspokalhelden Giovanni Vincenzo Infantino anruft, weil ein amerikanischer Stürmer eine rote Karte bekommen hat – dann ist das selbst für den ohnehin seit Jahrzehnten korrupten Weltfußball etwas Neues und eine Steigerung des Peinlichkeitsgrads ins schier Unermessliche. Keinesfalls moralisch neu, versteht sich. Moralisch hatte die FIFA längst in Katar und Russland ihren Offenbarungseid abgelegt. Neu ist nur die Dreistigkeit, mit der inzwischen nicht einmal mehr so getan wird, als gäbe es faire Regeln für alle.

Aber worum geht es eigentlich? Folarin Balogun, Stürmer der USA, wurde im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina die rote Karte gezeigt. Normalerweise heißt das, ein letzter kopfschüttelnder Blick mit Dackelaugen in Richtung Schiri und dann ab zum Duschen. Ende der Vorstellung. So hatte ich Fußball jedenfalls seit meiner aktiven Zeit beim VfL Osnabrück in meiner naiven, demokratisch verseuchten Kindheit verstanden. Regelverstoß, Karte, Sperre. Fertig. Kein Familien- oder Staatsoberhaupt konnte etwas dagegen ausrichten und erst recht kein aus dem Golfcart heraus verkündeter präsidialer Gnadenakt.

Nun aber ist klar, dass sich das Weiße Haus in den Vorgang eingemischt hat, wobei ein solches Vorgehen in Diktaturen zum Alltag gehört. Direkt nach Trumps Anruf bei Infantino setzt die FIFA die automatische Sperre zur Bewährung aus. Die rote Karte blieb wie Trumps Name in den Epstein-Akten nur auf dem Papier stehen, ihre Wirkung aber wurde paralysiert. Das ist nicht mehr Sportgerichtsbarkeit, sondern unter den Teppich gekehrte Korruption in Reinform.

Ich stelle mir den Ablauf ungefähr so vor: „Gianni, mein Junge, wir haben da ein kleines Kartenproblem“, woraufhin irgendwo in der FIFA-Zentrale die Ethikkommission wie ein Schweizer Messer zusammenklappt. Denn wer in diesem Laden noch an unabhängige Entscheidungen glaubt, glaubt vermutlich auch, dass Infantino morgens in den Spiegel schaut, um dort einen lupenreinen Demokraten zu sehen.

Und unser Bundestrainer in spe Klopp, der alte Populist mit polierten Raffzähnen, dieser stets bestens ausgeleuchtete Menschenfänger mit Empörung auf Abruf, setzte sich sofort plump an die Spitze der Bewegung, was ihm bestimmt neue Werbeverträge einbringt. Ich gönne ihm das, denn irgendjemand muss ja die moralische Brandmauer aus Zahnpasta, Sportsgeist, Red Bull und Millionenhonoraren verkörpern.

Immerhin gibt es erste Proteste von nationalen Fußballverbänden. Eher laue als laute Proteste. Wie rührend. Im Weltfußball bedeutet das meistens, man empört sich aufrichtig, bleibt aber selbstverständlich im Turnier, weil das Hotel schon bezahlt ist und der Verband noch Trikots und Fangedöns verkaufen muss.

Geradezu lustig und FIFA-weltfremd ist die Aussage der SPD-Bundestagsabgeordneten Aydan Özoğuz, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, gegenüber dem SPIEGEL: „Die FIFA muss jetzt schnell und schlüssig für Transparenz sorgen.“ Ist das Ihr Ernst, Frau Özoğuz? Transparenz? Bei der FIFA? Ich bitte Sie. Infantino ist die FIFA. Er ist nicht ihr Betriebsunfall, er ist ihr Geschäftsmodell in Menschenform.

Die Frage muss doch lauten, wie lange sich die einzelnen Verbände diesen globalen Funktionärszirkus noch bieten lassen wollen. Eigentlich müssten die noch verbliebenen Nationalmannschaften umgehend die Koffer packen und nach Hause fahren, um dort einen neuen Weltverband zu gründen. Einen Verband, in dem rote Karten wieder rote Karten sind und keine Verhandlungsmasse für Autokraten mit Telefonanschluss. Aber das scheint viel zu einfach, als dass sich diese logische Konsequenz durchsetzen könnte.

Die Weltpresse ist sich allerdings erstaunlich darin einig, dass alles zum Himmel stinkt. Das wusste ich zwar schon vor der WM und hatte mir fest vorgenommen, kein Wort über dieses lächerliche Spektakel zu verlieren. Ich wollte schweigen. Wirklich. Nun aber wurde ein neuer, einmaliger Tiefpunkt des Weltfußballs erreicht, der mich von meinem Schweigegelübde entbindet. Denn wenn ein Kriegstreiber, Vergewaltiger, Kinderschänder, Gangster und Menschenhasser wie Trump seinen korrupten FIFA-Freund anruft und wenige Stunden später eine rote Karte plötzlich nichts mehr bedeutet, dann ist das kein Fußball mehr. Dann ist das ein Lehrfilm darüber, wie Korruption aussieht, wenn sie keine Angst mehr hat. Und ich fürchte, an diesem Punkt stinkt es nicht mehr nur zum Himmel, sondern riecht es bereits streng nach Faschismus.

Die Nationalmannschaft der USA aber hätte nun die einmalige Chance, sich gegen Trump zu stellen, indem Balogun nicht aufgestellt wird. Sollte das nicht geschehen, dürfte zumindest das belgische Team aus Protest nicht antreten. Ich weiß, das sind absurd erscheinende Wunschvorstellungen, eines hoffnungslos verblendeten, links-grün versifften und durch und durch woken Fußballweltverbesserers.

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