Zündplättchen, Verrat und ein grölender Gemüsehändler in der Alten Poststraße

Warum mein erster Raubüberfall mein letzter blieb. Geständnis einer verjährten Tat

„Ein echter Junge bist du erst, wenn du bewaffnet bist!“ Dieser Spruch ereilte mich in meiner Vorschulzeit keineswegs über damals noch weit verbreitete Altnazis. Es war mein Freund Bernhard in der Hackländer Straße, der mich früh von der Macht einer Bewaffnung überzeugte.

Spätestens wenn Papa abends von der Arbeit in unsere Mietswohnung heimgekehrt war, begann mein dauerndes Genörgel. Und quengelnde Gören sind bekanntlich schwer ins Bett zu kriegen. Insgeheim hoffte ich aber unbeirrt auf Verständnis. Muttis Hinweis auf die knappe Haushaltskasse hatte ich blöderweise wenig entgegenzusetzen. Dreimal die Woche Braunschweiger aus dem Sonderangebot bei Schlachter Essen und ständig Eintopf waren Ausdruck einer Kassenebbe, die selbst ich im Ansatz verstand. Höhere Verteidigungsausgaben des Sohnes stießen bei der ständig aufrüstungsfeindlichen Mutti eh nie auf Verständnis.

Der rasende Heiko mit Nachbarin Hilde in der Hackländer Straße anno 1960. Rechts die Backhausschule. Foto: privat
So stellt sich die Straße aus einem ähnlichen Blickwinkel heute dar. Foto: Heiko Schulze/OR


Papa als Hoffnungsträger – mit Kampferfahrung

In diesem einen Fall beruhte die Hoffnung also auf Papa, seines Zeichens Tiefbau-Ingenieur. Bis 1945 war er, was erst gerade 15 Jahre her war, Soldat im Weltkrieg gewesen. Papa war, wie dies ständig von mir belauschte Gespräche unter gleichaltrigen ehemaligen Frontkämpfern belegten, bis 1945 bewaffnet gewesen. Ein echter Soldat mit Helm, Uniform und Schießgewehr! Warum so oft vom Krieg als furchtbarer Zeit gesprochen wurde, hatte ich zu jenem Zeitpunkt nie wirklich verstanden. Aber Papa wusste ja zumindest, was Bewaffnung heißt. Da musste sich für meine Sehnsucht irgendwann eine Gasse des Verständnisses öffnen. Kurzum: Mein Wunsch nach Aufrüstung musste unbedingt irgendwann erfüllt werden.


Waffenkunde anno 1960

Waffentechnisch Unkundige benötigen an dieser Stelle einen kleinen Rückblick in Sachen abschreckender Aufrüstung aus jener Zeit. Denn alles ist verdammt lang her. Nicht einmal die Berliner Mauer stand. Gewehre schienen uns Jungs eher etwas für große Kämpfer zu sein. Oft wirkten diese merkwürdigen Schießprügel, neben uns gestellt, höher als wir persönlich. Und außerdem: Unsereins musste sich ja schließlich oft beide Hände freihalten, um darin Prickel Pitt, Karamellbonbons, Lutscher oder gar eine Kugel Eis von Bäcker Brackmann in der Liebigstraße 52 zu transportieren. Die Waffe musste also notfalls in der Hosentasche, vielleicht auch im Hosenbund mitgeschlürt werden. Meine Hände mussten also für den Notfall total frei sein. Nie hatte ich vergessen, dass mir einmal sogar eine leckere Eiskugel von Brackmann in eine dreckige Pfütze gefallen war. Ein Trauma.

Egal jetzt. Uns allen war klar: Die ideale Bewaffnung cooler Jungs war ein Revolver, für Insider wie mich auch Colt genannt. Den konnte man jederzeit in die Tasche stecken. Für besonders Coole gab es sogar Revolvergurte mit Einsteckvorrichtung für die Schusswaffe. Vor allem die damalige Munition war ein Knaller. Es waren Zündplättchen, die alle Feinde in Schrecken versetzte, sobald man abgedrückt hatte. Jene Zündplättchen konnte man in Form kleiner Rollen in Plastik-Colts einlegen. Reiche Kinder, zu denen ich leider nicht zählte, protzten sogar mit Eisen-Colts, die vollständig wie „echte“ aussahen. Beim Abdrücken auf meiner silberfarbenen Schusswaffe drehte sich aus irgendwelchen Gründen die Zündplättchenrolle mit. Und was besonders wichtig war: Es knallte! Zumindest für uns knallte es irrsinnig laut! Manche Plastikcolts schafften es, dass es aus ihnen scheinbar viel öfter knallte als aus einem Maschinengewehr. Das machte zwar irgendwie „Rattatat Rattata“, aber eben nicht „Piffpaffpuff!“. Jedenfalls stellten wir uns das so vor.


Wie die Bewaffnung klappte

Gesagt, getan. Eines Tages war es endlich so weit. Papa kaufte mir bei Merkur, viel später hieß der imposante Riesenladen Horten oder Galeria Kaufhof, einen Revolver beziehungsweise Colt. Natürlich einen mit Zündplättchen! Sogar ein Ersatzpaket zum Nachladen bekam ich. Meinen Stolz beendete ein echter Coltgurt mit Halfter für die Knarre. Beschissen, das wusste ich, war es allein, wenn die Zündplättchenrolle irgendwann leergeballert war. Dann war ich nur noch scheinbar bewaffnet und musste mir den Respekt von Spielkameraden durch einen hochnäsigen, wahrhaft heroisch anmutenden Blick erkaufen, der keine Fragen mehr zuließ. Spätestens beim ersten echten Feuergefecht, das wusste ich von anderen, pflegte man damit aber aufzufliegen. Oder man lieh sich schmachvoll und flehentlich bittend fremde Zündplättchen – ein Akt der Demut, keiner für Helden wie mich.

Falls meine Hochrüstung auf Hochtouren lief und alle Etats ausgeschöpft waren, störte es mich nicht mehr, dass es zu Hause jetzt schon fünfmal in der Woche Graubrot, Margarine und Braunschweiger aus dem Sonderangebot von Schlachter Essen gab. Auch den Eintopf inhalierte ich brav – echte Kämpfer müssen schließlich immer satt sein.


Animation aus dem Fernseher von Radio Deutsch

Mein Verhängnis begann, als ich im klitzekleinen Fernseher von Radio Deutsch, kurz vor dem unseligen Bettgang nach acht, einen Filmausschnitt sah, der mir erst viel später als kleiner Teil eines Westerns wiederbegegnen sollte. Unvergessen. Noch begriff ich nur wenig. Aber das Wichtigste allein zählte: Irgendein Typ mit imposantem Cowboyhut und bis zur Nasenspitze hochgeknotetem Halstuch hatte es hinbekommen, in einer Westernbank „Hände hoch!“ zu brüllen, woraufhin ihm ein schlotternder Bankdirektor einen ganzen Sack voller Geld in die Hand drückte. Der damit Beglückte schmiss sich schwungvoll auf ein gesatteltes Pferd und galoppierte in der untergehenden Sonne davon. Im Hintergrund sang irgendein Cowboy-Chor in einer für mich restlos fremden Sprache mit Orchesterbegleitung.
Mehr bekam ich nicht mit.

Der Bildschirm flimmerte mal wieder, ab und zu erschien ein „Testbild“. Papa musste wieder mal das verrutschte Bild per Antennendrehung auf dem Dachboden in Ordnung bringen. Mutti nutzte die Pause, um mir den Bettgang im Dunklen zu verordnen. Mist! Aber das Wichtigste hatte ich ja gesehen. Der kurze Filmausschnitt mit dem schlotternden Bankdirektor und dem abgebrühten Vermummten mit tollem Cowboyhut ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Mehr noch: Was hielt mich als gut bewaffnetes Vorschulkind eigentlich davon ab, selbst so cool zu werden? Nichts. Absolut nichts! Ich war schließlich schon sechs geworden!


Ein perfekter Plan

Super Idee, dachte ich also. Am nächsten Tag erzählte ich Bernhard davon. Der hatte schließlich ja auch einen Colt – natürlich auch einen mit Zündplättchen. Wer sollte unser Bankdirektor sein? Wo und wofür solch ein Kerl arbeitet, war uns völlig unbekannt. Denn eine Bank kannten wir damals, eigentlich, noch nicht. Höchstens eine, auf der sich Oma immer so gern in der Gartlage ausruhte. Aber dahinter stand nie ein Bankdirektor. Zumindest ich hatte so einen Kerl noch nie hinter Oma stehen sehen.

Irgendwie war das aber restlos egal. Denn es gab andere Adressen, in denen viel Geld über den Tisch ging, für das man sich jede Menge Spielzeug, Prickel Pitt, Bonbons, Lutscher oder Eis kaufen konnte. Adressen, in denen der Zaster zu holen war, waren stinknormale Läden in der Nachbarschaft! Alles in unserer eigenen kleinen Welt rings um Alter Poststraße, Hackländer Straße und Liebigstraße. Das Wort Supermarkt war uns noch völlig unbekannt. Wer also bildete das leichteste Opfer?

Schlachter Essen? Nein. Der konnte sich vielleicht gegen uns mit seinem riesigen Fleisch- und Wurstmesser wehren. Drogist Güber? Nee. Der Laden ist zu groß, man müsste zu viele Leute ausschalten. Frau Müller, bei der man alles, von Bonbons bis zu Aufschnitt, bekam? Nein, die war lieb. Die gab uns Kindern immer bei jedem Einkauf eine Scheibe Wurst, manchmal sogar ein Bonbon. Gar nicht so einfach, diese Ladenzeile in der Alten Poststraße. Ein einziger Treffpunkt zahlender Kunden blieb aber doch noch übrig. Da musste es einfach klappen!

Unser gemeinsames Opfer mit Riesenkasse war deshalb schnell unter Bernhard und mir ausgemacht. Es sollte Gemüsehändler Germedong treffen, der zwei Häuser weiter, in der Alten Poststraße 21, kiloweise Kartoffeln, Zwiebeln und sonstiges Eintopf-Gemüse verscherbelte – und in unseren Augen davon wahrscheinlich stinkreich geworden war. Das ständige Klingeln seiner Kasse und sein dämliches Grinsen machten Germedong in meiner Fantasie sofort zum schlotternden Bankdirektor, der Bernhard und mir sofort, furchtbar zitternd, die Kasse leeren und seinen prall gefüllten Geldsack überreichen würde.


Aufrüstung mit schmachvollen Hindernissen

Eine Art Rollenspiel war zuvor gefragt. Ich wollte ja auf keinen Fall erkannt werden. Woher zum Teufel bekam ich also ein Halstuch? Dann kam die zündende Idee: Mutti pflegte sich doch oft irgendwas um den Hals zu binden. Gesagt, getan. Leicht fiel es mir, Mutti gegenüber am Folgetag die Wichtigkeit der Gesichtsverhüllung zu begründen. Ich wolle, fantasierte ich, mit Bernhard draußen vor der Backhausschule ein wenig Räuber spielen. Darum benötigten wir die Gesichtsbedeckung. Mitsamt Cowboyhüten, die wir eh gewohnheitsmäßig trugen. Völlig harmlos also. Mutti glaubte es sofort.

Allein Muttis erster Vermummungsvorschlag geriet völlig daneben. Völlig ungeschützt stülpte sie mir einen alten, von einer Laufmasche dauerhaft beschädigten Damenstrumpf über meinen strubbeligen Bubenkopf. Ein Blick in den Spiegel offenbarte sofort die Schande: Ich bekam nicht nur siebförmig Luft, sondern sah aus wie eine Gestalt, die ich zwanzig Jahre später als Untoten im Kino sehen würde. Und dann auch noch einen Frauenstrumpf! Ich war doch ein Junge! Kurzum: Mutti musste so lange suchen, bis ich jenes Stück Stoff ergatterte, dass sich mit Muttis Hilfe so zusammenknoten ließ, dass mein Antlitz bis zur Nasenspitze vermummt war. Der kleine Heiko muss anonym bleiben. Danach musste nur noch der Cowboyhut stilgerecht aufgesetzt werden. Geschafft.

In Windeseile war ich draußen. Bernhard hatte auf mich gewartet, aber deutlich weniger Glück gehabt. Sein Tuch war miserabel geknotet und reichte nur etwas über die Mundspitze. Sogar seinen Cowboyhut hatte er vergessen. Außerdem blickte er wie tausend Tage Regenwetter und hantierte mit seinem Colt, völlig unprofessionell, von Hand zu Hand wechselnd. Hatte er womöglich seine Zündplättchen vergessen? Wenn ich damals mehr von Raubaktionen und Arbeitsteilung gewusst hätte, wäre Bernhard der ideale Mensch zum Schmierestehen draußen gewesen. Jetzt aber war ich restlos ungeduldig. Die Planung war schließlich perfekt und schrie nach Umsetzung. „Los, Bernhard, auf geht’s!“, knurrte ich zielgerichtet im halblauten Flüsterton – und ging schnurstracks in den Tatort hinein.


Die Tat am Tatort

Germedong hatte längst geöffnet. Wir warteten nicht lange. Die Kasse müsste ja eh ständig voll sein. Und dass eine ganze Schlange von Hausfrauen, Mamas und Omas von Nachbarskindern, im Laden umhertapste, brauchte uns ja nicht beeindrucken. Wir wussten: Nur echte Männer haben etwas zu melden. Und wenn natürlicher Respekt vor uns nicht reichte, hatten wir ja Colts – notfalls natürlich mit Zündplättchen.

Natürlich wartete ich artig, bis ich an der Reihe war. Das hatte ich von Mutti gelernt und durfte schließlich schon bei Milchmann Beckmann eine mit zwei Litern gefüllte Milchkanne und bei Frau Müller Brötchen für jeweils 5 Pfennige holen.

Sicherheitshalber rückte ich noch meinen Cowboyhut zurecht. Plötzlich stand ich vorne. Angesicht zu Angesicht mit Germedong. Wieso grinste der eigentlich noch. Dieses dämliche Grinsen wollte ich jetzt sofort beenden. Siegesgewiss suchten meine Augen den Mittäter Bernhard. Bernhard? Wo war der Kerl bloß? Entweder hatte sich der Mensch verdrückt oder war dermaßen vollständig von einer rundlichen Frau mit Einkaufskorb verdeckt worden, dass er für mich unsichtbar geworden war.

Egal. Jetzt musste gehandelt werden! Jetzt oder nie! Ein echter Cowboy kennt keine Angst. Ich zückte meinen Colt und hielt ihn stur auf mein Opfer Germedong. „Hände hoch!“, brüllte ich laut wie geplant. Noch grinste Germedong irgendwie. War es der Schockzustand, der ihn hinderte, den Ernst der Lage zu erkennen? War Grinsen sein Ablenkungsmanöver, um die Angst um sein Dasein zu verstecken?`Egal.

Sobald der Kerl seine ausweglose Situation einsah, da war ich mir absolut sicher, konnte er ja nur noch schlottern wie der Bankdirektor im Western. Allein ich kannte die Zauberworte, die Germedongs Grinsen in flehentliche Angst verwandeln muss. Ich guckte nochmal hektisch um mich, holte ganz tief Luft und schrie, so lau ich konnte: „Hände hoch! Überfall! Geld her!“

Was beim Bankdirektor geklappt hatte, konnte ja nicht schiefgehen. Oder doch? Wieso grinst Germedong immer noch? Wieso flattern seine zittrigen Hände nicht in die Höhe? Weshalb geht Germedongs Grinsen plötzlich in ohrenbetäubendes Gelächter über? Und warum, zum Teufel, lachen plötzlich alle umstehenden Hausfrauen, die ihr dämliches Gemüse für den ekeligen Eintopf kaufen wollen? Was zum Teufel fällt denen ein?

Noch halte ich meinen Colt fest am Anschlag. Sicherheitshalber mit beiden Händen, um Germedong im Visier zu behalten. Verzweifelt suche ich ein letztes Mal meinen Überfallkollegen Bernhard. Nichts ist von dem Kerl zu sehen. Ich bin dermaßen durcheinander, dass ich nicht einmal abdrücke und meine Zündplättchen losknallen lasse. Hätte das am Ende doch noch die Wende gebracht?

Alles lacht unverdrossen weiter. Schlimmer noch: Das Gegröle wird immer lauter. Germedong brabbelt irgendetwas Neunmalkluges dazwischen. Das Lachen wird noch unerträglicher, weil die Hausfrauen Germedongs Gesabbel wohl witzig finden. Was dieser Mensch von sich gab, habe ich bis heute vergessen – oder zumindest verdrängt. Ich will nur noch raus.

Die anderen Cowboys, sogar der zu Hilfe gerufene Sheriff, kommen in diesem Moment nur schwer damit klar, dass Heiko als waschechter „Indianer“-Häuptling vor ihnen steht. Im Hintergrund die Backhausschule. Foto: privat


Lehren einer Katastrophe

Mein Kopf außerhalb des Tatorts ist mittlerweile so rot wie Germedongs Sonderangebot heimischer Tomaten aus Rulle. Aus der Distanz sehe ich Bernhard, der mich zwar schüchtern anblickt, den ich aber heute brutal schneiden werde. Lebenslang, denke ich. Verräter! Elender Feigling!

Wie konnte das passieren? Es war doch so ein perfekter Plan! Tief deprimiert trotte ich mutterseelenallein nach Hause. An jenem furchtbaren Tag gibt es nur einen einzigen Trost. Und den trage ich am Gürtel im Revolverhalfter. Meine Zündplättchen sind noch völlig unverbraucht. Falls die Polizei mich verhaften will, womit ich jetzt fest rechne, wird das also nicht kampflos abgehen. Wenigstens ein bisschen Ehre wäre dann gerettet.

Zu meiner Überraschung kam die Polizei nie. Und Bernhard war am nächsten Tag wieder mein Freund. Er hat mich immerhin nicht bei der Polizei verraten – und teilte sich mit mir eine halbe Tüte Bonbons. Mutti bekam ihr verknittertes Halstuch mit ein paar Schweißflecken zurück. Mit Colts und Zündplättchen haben wir danach nur noch Cowboy gespielt. Bankdirektor wollte kein Mensch sein. Wer beim Cowboyspielen zu den Guten und wer zu den Bösen zählte, musste immer fair wechseln. Ich war immer froh, wenn ich ein Guter war. Irgendwann bin ich dann eh zu den „Indianern“ gewechselt, die heute richtigerweise Indigene Völker heißen. Die hatten coole Flitzebogen. Und auf Überfälle habe ich nie mehr Lust gehabt. Echt jetzt.

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