Die drohende Wirtschaftskrise Deutschlands und Europas

Probleme, Versäumnisse, veraltete Rezepte und akute Gefahren für die Demokratie

Dass die deutsche Wirtschaft in einer Krise steckt, die mehr ist als eine schwere Konjunkturdelle, ist mehr oder weniger Konsens. Was die Regierung als Gegenmittel einsetzt, sind die „üblichen Verdächtigen“, also jene Rezepte aus dem Instrumentenkasten der neoliberalen Vergangenheit und Gegenwart: mehr Arbeit und die muss billiger und flexibler werden, um „wettbewerbsfähig“ zu werden. Zudem Abbau des Sozialstaats als Kostentreiber, der Bürokratie und der Regulierungswut.

Das alles mag helfen – oder auch nicht. Dass die Krise ganz andere Dimensionen annimmt, das wird in der Automobilbranche, die für Deutschlands Rolle als Exportnation von entscheidender Bedeutung ist, immer offenkundiger. Die grundlegenden strukturellen Probleme und Versäumnisse hat der als „Autopreneur“ bekannte Experte Philipp Raasch, der zehn Jahre bei Mercedes-Benz arbeitete und auch als ein guter China-Kenner gilt, in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ vom 10. August (S. 2 f.) unter dem Titel „Maschinenbauer werden zu Softwareunternehmern“ dargelegt.

Ausgangspunkt ist das Faktum, dass alle deutschen Autohersteller Marktanteile verlieren, also weniger verkaufen und damit Personal abbauen müssen, weil weniger Autos hergestellt werden. Die Branche schrumpft, erschwerend kommt aber hinzu, dass der technologische Wandel das Produkt und seine dafür erforderliche Herstellung sich fundamental verändert und das mit Folgen für die Beschäftigungsstruktur.

Raasch nennt dafür den unaufhaltsamen Wandel vom Verbrenner- zum Elektromotor. Da dieser weniger komplex ist, wird eine große Schar von hochqualifizierten Maschinenbauern durch hochqualifizierte Zukunftstechnologen in wesentlich geringerer Zahl abgelöst. Es handelt sich um einen massiven „Kompetenzwechsel“ mit erheblichen Folgen. „Künftig geht es in der Automobilindustrie maßgeblich um drei Schlüsseltechnologien: Batterie, Software und künstliche Intelligenz. Wir benötigen ganz andere Skill.-Profile und Bildungshintergründe, um diese Produkte zu entwickeln.“ Deutschlands hohes Lohnkostenniveau kommt momentan als Wettbewerbsnachteil nur erschwerend hinzu.

Das Festhalten am Verbrenner entsprach auch einer Verteidigungslinie in der herrschenden Qualifikationsstruktur der Beschäftigten: „Wir sind in Deutschland originär Maschinenbauer. Unser Burggraben war der Verbrennermotor“. Da dessen Bedeutung aber stetig abnimmt, rächte sich die permanente Vertagung einer strategischen Wegentscheidung in der deutschen Politik und Wirtschaft, die man mit der Beruhigungspille von der „Technologieoffenheit“ als Fortschritt verkaufte. So erlangte China einen strategisch entscheidenden Vorsprung in der E-Mobilität. In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird sich laut Raasch entscheiden, was für Deutschland noch übrigbleibt. Chinas Vorsprung führt derzeit dazu, dass die Entwicklung in China stattfindet und die Produktion vielleicht noch in Deutschland, aber unter chinesischer Regie.

China erkannte frühzeitig seine Unterlegenheit auf dem Gebiet des Verbrennermotors gegenüber Deutschland und schaltete auf E-Autos um. China übersprang den Verbrenner als eine Stufe in der Technologieentwicklung des Automobils und begleitet den Übergang zur Elektromobilität mit einem politisch getragenen Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur.

Die eigentliche Frage ist für die deutsche Automobilbranche, ob sie diesen Vorsprung überhaupt noch versucht wett zu machen. Raasch hält das aus eigener Kraft für kaum noch leistbar.  „Im Automotive-Bereich bei Batterie, Software und KI liegt ein Rückstand von 15 Jahren vor. Es wird schwer, diese Wertschöpfung wieder vollständig nach Europa zurückzuholen.“ Fest stehe lediglich, dass die momentan in der Autobranche beschäftigten 720.000 Menschen dort nicht zu halten sein werden. Der Wandel vom „Maschinenbauer zum Softwareunternehmen“ wird zudem dadurch erschwert, dass die Großunternehmen mit ihren spezifischen Strukturen ihre rein organisatorischen Probleme bei einem Umbau haben. Diese großen Tanker sind „naturgemäß“ für weitreichende Paradigmenwechsel ungeeigneter als kleine wendige Boote.

So bleibt als Alternative nur die Suche nach einer Antwort auf die nächste drängende Frage: „Was kommt nach dem E-Auto?“ Da diese Frage für die nächsten Jahrzehnte im Automobilsektor beantwortet ist, muss Deutschland volkswirtschaftlich langfristig „abseits der Automobilbranche Technologien identifizieren, bei denen wir einen globalen Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA und China aufbauen können, um Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern.“ Von dieser Debatte, die auch ein neues Ordnungsverhältnis von Politik und Wirtschaft impliziert, sind wir allerdings noch weit entfernt.


Der sterbende Einzelhandel und die Verödung der Innenstädte

Zu diesen Hiobsbotschaften gesellen sich für Deutschlands Wirtschaftslage akut noch weitere. „ZDFheute“ meldet am 10. August 2026 weitere Negativtrends aus der Handelswelt. Für jeden Innenstadtbesucher sichtbar sinkt dort bundesweit die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte rapide. Über alle Handelsbereiche gestreut von Handelsketten über Traditionsgeschäfte besteht ein auf 15 Prozent gestiegener Leerstand in den Innenstädten gegenüber von 10 Prozent vor Corona. „Creditreform“ registriert fürs vergangene Jahr 2.440 Insolvenzen, ein Plus von 9 Prozent gegenüber 2024. Der Deutsche Handelsverband prognostiziert bis Ende 2026 einen weiteren Verlust von 70.000 Einzelhandelsgeschäften verteilt auf alle Kategorien.

Die Statistiken liefern die Gründe gleich mit. Sinkende Kaufkraft und Kauflust zum einen. Zum anderen aber die rasante Verlagerung auf Versand- und Onlinehandel, der im Gegensatz zum allgemeinen Rückgang um weitere 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr anstieg. Hier zeichnet sich ein andauernder Trend ab. Für die Wiederbelebung der sterbenden klassischen Einkaufsinnenstadt fällt auch in Osnabrück etlichen Kaufleuten und konservativen Politikern nur der Ruf nach mehr Parkplätzen und bessere Erreichbarkeit der Innenstädte für mehr Autos ein. Dabei ist eigentlich schon länger klar, dass die einseitige Funktionalisierung der Innenstädte als Einkaufsmeilen ausläuft und durch neue Plätze mit Angeboten für Kommunikation, Geselligkeit mit urbanen Leben zu ersetzen sind. Die Hitzewelle dieses Sommers macht zusätzlich noch deutlich, dass für das Stadtklima Entsiegelung und Grünanlagen überlebensrelevant werden, also das Gegenteil von „autogerechter“ Stadtplanung erfordern.


Und die KI ist der nächste Beschäftigungsbrocken

Und da wir uns schon in einem Zustand der Wirtschafts-Titanic befinden, muss auch noch auf die bemerkenswerte Titelgeschichte des DER SPIEGEL (33 / 2026) dieser Woche verwiesen werden. „Karl Marx hat es geahnt“ lautet diese entmutigende Story für den herkömmlichen Kapitalismus über die neueste technologische Revolution in Gestalt der „Künstlichen Intelligenz“ (KI).

Die Geschichte des Kapitalismus ist auch eine Geschichte des vom Profit getriebenen technologischen Fortschritts. Die „Entfesselung des Promethaus“ war und ist aber zugleich auch die Geschichte der Zerstörung, Vernichtung von Werten und Enteignungen von Vermögen in Permanenz. Der Ökonom Joseph A. Schumpeter nannte das „schöpferische Zerstörung“ als Wachstums- und Innovationsmotor. Neue, die menschliche Arbeitskraft ersetzende Technologien und Maschinen steigerten die Arbeitsproduktivität und ersetzten die menschliche Arbeitskraft durch neue Techniken und Maschinierie. Meistens wurden relativ einfache Tätigkeiten durch (weniger) neue mit höheren Qualifikationsanforderungen ersetzt. Es gab schon in der Vergangenheit technologische Revolutionen, die größere Mengen hochqualifizierter Tätigkeiten und Berufe über Nacht beseitigten und zum Aussterben verurteilten. So z.B. die Modernisierung in der Druckindustrie in den 1970er Jahren, wo hochqualifizierte Berufe als Drucker, Sätze etc. massenhaft ersatzlos verschwanden. Gleiches gilt für Wirtschaftszweige wie Kohle und Stahl.

Nun also schwelt die Frage, was sind die Folgen der nächsten technologischen Revolution, der Ausbreitung der „Künstlichen Intelligenz“? Schafft sie im Saldo mehr neue (hochqualifizierte“?) Arbeitsplätze als sie vernichtet? Technologiefreaks wissen a priori, dass das der Fall sein wird. DER SPIEGEL zitiert amerikanische Experten aus dem KI-Bereich aus den USA, die das Gegenteil prognostizieren. Sie gehen davon aus, dass „ab 2030 80 Prozent aller Arbeitsplätze von einer KI übernommen werden könnten“. Denn diese „Revolution verläuft vermutlich zehnmal schneller als die industrielle“. Ihr zentrales neues Element ist, wie der Historiker Yuval Noah Harari betont: „Dieses Mal erschaffen wir Akteure, nicht Werkzeuge.“ Damit entkoppelt sich das Kapital völlig von der Arbeit.

Die High-Tec-Branche könnte Profite horrenden Ausmaßes einfahren, ohne dass davon außer ihnen noch jemand profitiert. Eine qualifizierte Mittelschicht würde aussterben. Menschen, die in ihrem Bildungsweg nach bisherigen Standards alles richtig gemacht haben für ihre individuelle Ausbildung, würden „überflüssig“ und „freigestellt“, weil KI sie kostengünstig ersetzt. Nichts würde mehr stimmen von der alten Mähr, dass mit den Profiten die allgemeinen Wasserstände steigen und alle Boote samt Insassen mitsteigen würden. Nur sehr Wenige würden profitieren, aber ungezählte mit hohen Qualifikationen in die Bedeutungslosigkeit versinken. Damit, so die nicht so recht überzeugende Schlussfolgerung im SPIEGEL, hätte Karl Marx doch recht: Der Kapitalismus stirbt an seinen eigenen Erfolgen.

Aber viel interessanter als diese für ein wirtschaftsliberales Blatt wie DER SPIEGEL erstaunliche Quintessenz ist, was er gestützt auf den renommierten US-Arbeitsökonom David Autor prognostiziert. Künftig wird „nur eine Handvoll Menschen vom System, allen voran die Milliardäre aus Silicon Valley“ von der technologischen Revolution profitieren und zugleich das gesamte bisher auf Arbeit basierende Gesellschaftssystem aushebeln. Von der KI nicht unmittelbar bedroht wäre nach David Autor nur ein relativ schmaler Bereich hochkomplexer Aufgaben, die auch die KI aus sich heraus nicht zu erledigen vermag. Qualitativ ist es das Hochwertigste unter der Sonne, quantitativ aber auch sehr wenig.

Die Unsicherheiten bezüglich der zu erreichenden und anzustrebenden Qualifikationsprofile zeigen sich schon heute auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Denn viele jüngere Menschen sind verunsichert, was künftig noch als krisensicher angesichts der Ersetzbarkeit durch KI zu werten ist. Wenn es mit einem Studium keine größeren Chancen für einträgliche Jobs mehr gibt, sondern sie so rationalisierungsanfällig sind wie alle anderen, dann wird vermehrt eine Beschäftigung im klassischen Handwerk als bestandssicherer vermutet. Immer mehr Hochschulabschlüsse werden zu Risikounternehmen.

Reichtümer erfolgen nicht mehr aus Einkommen, sondern verteilen sich vermehrt nur noch auf Vermögensbestände. Eine Entwicklung, die der französische Ökonom Thomas Piketty 2013 in seinem viel beachteten Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ auf der Basis umfangreicher statistischer Untersuchungen auf die Formel brachte, dass die ökonomische Ungleichheit wächst, weil die Rendite auf Kapital (Vermögen) höher ist als das Wirtschaftswachstum und somit werden Vermögensbestände mehr belohnt als Einkommen.

Die größte Gefahr droht durch die zunehmende Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen. In den USA verfügt „das oberste ein Prozent der Amerikaner über fast so viel wie die unteren 90 Prozent zusammen.“ Politisch bedrohen die Folgen dieser Entwicklung auch die Demokratie. Zu den enormen Ungleichheiten der Vermögensverteilung, die jeglichem Gerechtigkeitsempfinden widersprechen, kommt noch hinzu, dass die neuen Herrscher der Tec-Branche eine unvorstellbare soziale und kulturelle Deutungs- und Gestaltungsmacht durch ihre Technologie über die Kommunikationssysteme ausüben.

Hier kommt nun Karl Marx erneut ins Spiel. DER SPIEGEL stellt – was wirklich interessant ist – in diesem Kontext die Eigentumsfrage. Eine Frage, die bei allen Debatten hierzulande über „soziale Ungleichheit“ ein regelrechtes Tabu-Thema ist. Angesichts der Eigendynamik der technologischen Entwicklung wäre die Verteufelung der KI als Technik wegen der (un-) kalkulierbaren Folgen die naheliegende Lösung. Aber das wäre kurschlüssig. Wichtiger wäre, wie man die Technologie so einsetzt, damit sie von den Menschen kontrolliert ihnen dient und sie nicht den Interessen individueller privater Kapitalverwertung überlässt.

Dafür müsste man in die Eigentumsformen und Verfügungsgewalt über das Sach-wie Geldkapital mit neuen demokratischen Eigentumsformen eingreifen, die politische und demokratische Teilhabe ermöglichen. Die Tec-Oligarchen haben der Demokratie bekanntlich den Krieg erklärt. Eine selbstbewusste Demokratie sollte sich dieser Kampfansage stellen. Die Antwort wäre ohne Eingriff in die klassischen Eigentumsverhältnisse eine Ohnmachtserklärung. Für ein wirtschaftsliberales Blatt ist es eine erstaunliche Erkenntnis, die zudem eine große Hilfe gegen den Siegeszug der Rechtsautoritären wäre, die nicht zufällig weltweit die erklärten politischen Lieblinge die Hyperreichen der High-Tec-Branche sind. Ihr Traum ist bekanntlich die Abschaffung der Demokratie als störender Einflussfaktor der „loser“ und ein absolut schlanker Staat, der nur noch dazu da ist, ihre Eigentumsrechte und Interessen abzusichern. Das könnte man auch umkehren.

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