Erben und Beschenkte zahlen mehr – doch eine verheerende soziale Schieflage bleibt

Zahlen des Statistischen Bundesamts: Erbschaft- und Schenkungsteuer erreicht neuen Höchstwert

Diese Nachricht könnte, auf den ersten Blick, alle erfreut aufhorchen lassen, denen an einem gerechten Steuersystem gelegen ist. Denn nach Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) flossen im Vorjahr seitens der Finanzverwaltungen an Erbschaft- und Schenkungsteuererträgen rund 21,4 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen. Gelder, welche die öffentliche Hand dringend benötigt, um die in Haushaltsplänen beschlossenen Maßnahmen umzusetzen und horrende Defizite abzubauen. Die Frage, ob es bei Erbschafts- und Schenkungssteuern sozial gerecht zugeht, steht dabei allerdings im Raum – und offenbart himmelschreiende Ungerechtigkeiten.


Die aktuellen Zahlen

Die Erbschaft- und Schenkungsteuer stieg aktuell gegenüber dem Vorjahr um 60,8 % und erreichte einen neuen Höchstwert. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, ist der starke Anstieg vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Steuereinnahme bei Vermögensübertragungen von mindestens 20 Millionen Euro weit mehr als verdoppelt hat. Die Erbschaftsteuer erhöhte sich im Jahr 2025 mit 13,3 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr um 57,1 %. Allerdings hatte es in den Jahren 2022 und 2023 Rückgänge gegeben. Die festgesetzte Schenkungsteuer stieg 2025 mit 8,1 Milliarden Euro um 67,3 % gegenüber dem Vorjahr und erreichte ebenfalls einen neuen Spitzenwert.

Zu berücksichtigen bei den positiven Zahlen ist allerdings die Tatsache, dass viel mehr vererbt oder verschenkt wurde als früher. Im Jahr 2025 wurde Vermögen durch Erbschaften und Schenkungen in Höhe von 141,1 Milliarden Euro (+23,1 % zum Vorjahr) übertragen. Das steuerlich berücksichtigte geerbte und geschenkte Vermögen stieg damit 2025 um 32,9 % im Vergleich zum Vorjahr und auf einen neuen Höchstwert: Die Finanzämter registrierten 36,2 % mehr übertragenes steuerlich berücksichtigtes Vermögen durch Erbschaften und 28,7 % mehr durch Schenkungen. Den allergrößten Batzen machen übrigens Steuerzahlungen von solchen Erbenden oder Beschenkten aus, die ausdrücklich nicht zu den Superreichen der Gesellschaft zählen.


Wo die offene Wunde sozialer Gerechtigkeit klafft

Bei der aktuellen Erbschaftssteuer in Deutschland werden nicht nur nahe Verwandte, sondern auch Erben von selbstgenutzten Wohnimmobilien (was legitim ist) sowie Nachfolger von Betriebsvermögen überhaupt nicht oder deutlich geringer besteuert. Erben von Unternehmen werden aber besonders stark begünstigt. Durch sogenannten Verschonungsregeln soll angeblich verhindert werden, dass Firmen durch die Steuerzahlung in die Insolvenz gehen, ins Ausland abwandern oder verkauft werden. 85 % des Betriebsvermögens können darum steuerfrei geerbt werden, wenn das Unternehmen fünf Jahre fortgeführt wird Wird die Unternehmensfortführung gar für sieben Jahre verkündet, kann das Betriebsvermögen sogar zu 100 % steuerfrei geerbt werden. Über die „Verschonungsbedarfsprüfung“ können somit riesige Erbschaften von weit über 26 Millionen Euro fast komplett steuerfrei bleiben, wenn der Erbe durch gut bezahlten Juristen nachweisen kann, dass er die Steuer nicht aus seinem Privatvermögen zahlen kann. Das Bundesverfassungsreicht wird diesen Skandal in naher Zukunft näher beleuchten.


Was gezahlt werden könnte

Die Bürgerbewegung Finanzwende hat es seriös nachgewiesen: Würde man das gesamte Steuersystem und die Abschaffung der zehn wichtigsten steuerlichen Privilegien für Superreiche, Unternehmen und Finanzmärkte betrachten, könnten sich die potenziellen jährlichen Mehreinnahmen sogar auf rund 80 Milliarden Euro erhöhen. Allein die Vermögensteuer, die in Deutschland – völlig im Gegensatz zu fast allen anderen europäischen Staaten – seit 1997 nicht mehr erhoben wird, könnte für die öffentlichen Kassen ein Game-Changer werden. Die Finanzwende hat detailliert berechnet vor, dass bereits eine moderate Vermögensteuer von nur 1 Prozent bereits erhebliche Summen von 9,5 Milliarden Euro pro Jahreinbringen könnte. Mehr noch: Bis zu 24 Milliarden Euro pro Jahr könnten fließen, wenn der Freibetrag bei 2 Millionen Euro angesetzt würde.

Picken wir einmal bespielhaft drei politische Handlungsbereiche heraus, auf denen mit Hilfe einer sozial gerechten Erbschafts- oder Vermögenssteuer viel passieren könnte.


Beispiel Sozialer Wohnungsbau

Nähmen wir doch einmal an, neben dem staatlichen Sondervermögen für die Aufrüstung gäbe es eines für das wohl drängendste Problem unserer Zeit: dem fehlenden, für sozial schlechter gestellte Mietenzahlende sozialen Wohnungsbau. Da würden zunächst Zahlen erschrecken: Ein allein staatlich finanzierter Bau von 500.000 Sozialwohnungen würde schätzungsweise zwischen 146 und 176 Milliarden Euro kosten. Das wäre jedoch eine Brutto-Summe. Denn es gibt einen zentralen Unterschied zu Ausgaben für die Rüstung, die nach Produktion ihren Wert rasant verliert: Das investierte Geld behält beim sozialen Wohnungsbau seinen Wert! Denn Etliches der investierten Summe flösse zurück.

Bau- und Mieterverbände wie auch die Indurtriegewerkschaft BAU heben nachgewiesen, dass die genannten Brutto-Ausgaben absolut keine reinen Verlustgeschäfte darstellen: Rund 30 bis 35 % der Bausumme fließen sofort direkt über Umsatzsteuer, Gewerbesteuer und Lohnsteuer der Bauarbeitenden an den Staat zurück. Hinzu träten die jährlichen Mieterträge: Und: Der Staat sparte langfristig etliche Milliarden bei den „Kosten der Unterkunft“ (KdU) für Bürgergeld-Empfangende, da er nicht mehr die teils horrenden Preise von Nutznießern des privaten Mietmarkts alimentieren müsste. Kurzum: Die zunächst gigantisch hoch erscheinenden Summen zerplatzen in absehbarer Zeit wie Seifenblasen, weil dauerhafte Werte entstanden sind und mehr sozialer Zusammenhalt gewährt wurde.


Beispiel Entwicklungszusammenarbeit

Blicken wir mal bis tief in die Siebziger zurück: Die 33 Mitglieder des Entwicklungsausschusses (DAC) der OECD hatten sich einst einmal fest vorgenommen, beschlossen hatten diese Quote bereits 1970 die Vereinten Nationen, jährlich mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für öffentliche Entwicklungsleistungen zu investieren. Die Quote dient seither als Orientierungsrahmen für internationale öffentliche Entwicklungsleistungen und wird aktuell nur von wenigen Geberländern eingehalten. Auch Deutschland hat das 0,7-Prozent-Ziel mit einem Volumen von 0,56 Prozent des Bruttonationaleinkommens wie im Vorjahr klar verfehlt – und kürzt hier weiter.

Statt der international eingeforderten Quote wird gerade in diesem Sektor, der den Frieden und den Kampf gegen die Klimakrise international entscheidend fördern könnte, seit Jahren unerträglich gespart. Für die Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit wendet die Bundesregierung im Jahr 2026 rund 10,06 Milliarden Euro über das Kernbudget des zuständigen Ministeriums auf. Andere Ministerien steuern Summen dazu. Kurzum: Allein eine wirksame Vermögenssteuer könnte den Jahresetat des Ministeriums für Entwicklungszusammenarbeit mehr als verdoppeln! Nebenher wäre es aktive Präventionsarbeit angesichts von aktuell 120 Millionen Menschen, die sich derzeit auf der Flucht vor Krieg, Terrorregimen, extremer Armut oder Klimakatastrophen befinden.


Beispiel Windenergie

Dieser Baustein nachhaltiger Energiegewinnung, wrd aktuell in Gestalt der Gas-Lobby-Vertreterin und Ministerin Katharina Reiche immer weiter abgewürgt. Dabei könnte allein schon mit Hilfe der Einnahmen aus Vermögens- und Erbschaftssteuern eine neue Offensive nachhaltiger Energiegewinnung gestartet werden. Denn mit einer Summe von 20 Milliarden Euro ließen sich in Deutschland aktuell zwischen 2.000 und 2.500 moderne Windkraftanlagen an Land (Onshore) vollständig finanzieren. Derzeit sind knapp 30.000 Onshore-Anlagen am Netz, die allderdings zu großen Teilen durch leistungsstärkere Windmühlen“ ersetzt werden könnten.

Windkraft liefert schon jetzt bis zu 31 Prozent des gesamten in Deutschland erzeugten Stroms und ist damit der wichtigste einzelne Energieträger im deutschen Strommix vor Kohle und Gas. AfD-Oberhetzerin Alice Weidel kann die Windräder noch tausendmal, wie im Januar 2025 auf ihrem Propagands-Parteitag, als „Windmühlen der Schande“ bezeichnen: Sie bleiben im Interesse der Enkelgeneration und neuer Anforderungen durch KI und Elektromobilität die wichtigste Energieform, in der jeder einzelne Euro gut angelegt ist.

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