Rechtsruck bei Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt

AfD siegt klar, verfehlt aber die absolute Mehrheit der Sitze

Was zu befürchten war, trat am Sonntag, dem 6. September 2026 ein. Mit 43.8 Prozent der Wählerstimmen bei einer rasant gestiegenen Wahlbeteiligung von 60,3 vor fünf Jahren auf fast 77,8 Prozent steht die AfD einsam an der Spitze gegenüber den anderen Parteien, die nur in ihrer Gesamtheit und unter Einschluss des BSW eine AfD-Regierung verhindern könnten. Dass der Verfassungsschutz die siegreiche Partei für „gesichert rechtsextrem“ einstuft, interessiert hier kaum jemanden. Die meisten wählten sie nicht, obwohl sie rechtsextrem ist, sondern weil sie es ist.

War es also ein „brauner Sonntag“? Nicht nur die überwältigende Mehrheit (87 Prozent) der AfD-Wähler, sondern auch ein Fünftel der CDU-Wähler verortet die AfD in der politischen Mitte. Wenn das nun die „Mitte“ ist, fragt man sich allerdings, in welchem Land man hier mittlerweile lebt. Jedenfalls ist diese Wahl eine historische Zäsur. Seit dem Ende der Nazi-Barbarei ist es keiner Rechtspartei in Deutschland gelungen, so viele Stimmen einzusammeln und in einem Bundesland die Regierung zu übernehmen.

Verpasst hat die AfD allerdings ihr erklärtes Wahlziel, mit einer absoluten Mehrheit (zumindest der Landtagssitze) sich das „Land wieder zurückzuholen“. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat in der Manier eines „Pop-Stars“ einen konfrontativen Wahlkampf „Wir gegen den Rest“ geführt mit einem Programm, das selbst innerhalb der AfD als radikal gilt. Und wer – wie ich – hoffte, dass bei der Bekanntgabe einer stark gestiegenen Wahlbeteiligung gerade die Konfrontation zu einer Gegenmobilisierung an der Wahlurne in letzter Minute geführt habe, hat sich schwer getäuscht. Denn gerade aus der großen Masse der Nichtwähler schöpfte die AfD mit 170.000 Stimmen den Löwenanteil ab.

Die größte Niederlage aller Zeiten musste die gefühlt ewig regierende CDU mit mehr als der Halbierung ihrer Stimmen einstecken. 19,9 Prozent verlor sie und sackte auf 17,3 Prozent ab. Von der offensichtlichen Schwäche der CDU, vor allem hier in Sachsen-Anhalt, profitierte nahezu ausschließlich die AfD. Für die Grünen, die mit 9 Prozent überraschend ihr bestes Wahlergebnis in diesem Bundesland einfuhren und für die SPD, die sich mit knapp über 9 Prozent auf niedrigem Niveau halten konnten, nachdem beide zuvor an der Grenze der fünf Prozent taxiert wurden, ist der bescheidene Wahlerfolg nur ein schwacher Trost. Verlierer ist dagegen auch die Linke, sie verlor prozentual ein Fünftel ihrer Stimmen und liegt knapp hinter der SPD und Grünen.

Der größte Wermutstropfen dürfte der – angesichts der Zerfallserscheinungen in Thüringen kurz vor der Wahl – überraschende Erfolg des BSW sein. Durch den knappen Einzug mit 5,3 Prozent wächst zwar der Abstand zur absoluten Mehrheit der Mandate für die AfD noch etwas weiter, aber damit wird diese politische Wundertüte zum „Zünglein an der Waage“. Wie es aussieht, entscheiden die fünf Landtagsabgeordneten dieses heillos zerstrittenen und unkalkulierbaren Haufens namens BSW über eine politische Weichenstellung von historischer Bedeutung.

Alle von „infratest dimap“ für die ARD zusammengetragenen Daten über Wählerwanderungen, Wahlmotive und soziale Zusammensetzung der Wählerschaften ergeben keine neuen Erkenntnisse. Aufschlussreich sind höchsten einige Stimmungsbilder. Einerseits wollen die AfD-Wähler, dass sich „dringend etwas ändert, denn so könne es nicht weitergehen“, aber andererseits beklagen sie, dass sich alles ändere und man „Fremder im eigenen Land“ sei.

Dazu passt auch, dass aufgeteilt nach Tätigkeiten die AfD bei den „Arbeitern“ (begrifflich ungeschützt, da nach Selbsteinschätzung ermittelt) mit 57 Prozent überproportional gut abschneidet, während SPD und Linke es dort gerade einmal auf 6 bzw. 7 Prozent bringen. Aufschlussreich ist auch, dass ausgerechnet der AfD eine hohe Kompetenz in der „Sozialen Gerechtigkeit“ zugeschrieben wird. Partei- bzw. Wahlprogramme haben diese Menschen offensichtlich nicht gelesen oder nicht verstanden. Vielleicht erklärt der mit 52 Prozent überproportional hohe Stimmenanteil der AfD bei den „Selbständigen“ diese Interpretation von sozialer Gerechtigkeit.

Bevor wir nun nur noch beklagen können, dass der „Wille des Volkes“ hier einem Buch mit sieben Siegeln gleicht, kann man dieser Ergebnistragödie auch etwas abgewinnen, was dem Hochmut der Sieger nicht ausbremst, aber sie in die Realien des Politischen herabzwingt. Denn nun stellt sich dem strahlenden Sieger Siegmund die quälende Frage „Was nun und was tun“? Er wollte nur eine Regierung aus alleiniger Kraft. Keine Verbiegungen und keine „faulen Kompromisse“ des Machterwerbs wegen, also AfD in Reinform.

Nun hat man die Macht zum Greifen nahe, braucht aber unerwünschte Hilfe. Schon zeigt sich in der Führungsetage der AfD all das an Rissen, was man sonst den verhassten machtgierigen etablierten Volksverrätern nachsagt. Chrupalla erkennt wie Weidel einen Regierungsauftrag und redet über „gesellschaftlichen Zusammenhalt“, dass „man endlich wieder miteinander vernünftig reden müsse“, alle „Demokraten“ seien eingeladen und dann müsse man sehen, was man für „das Land“ tun könne. Beim Strahlemann Siegmund steht (noch) die Zustimmung zu wenigstens Teilen des AfD-Programms im Zentrum nach dem Motto, wer unserer Politik zustimmt ist willkommen. Dass sind partiell neben BSW zwar nur die CDU, die aber zu einer Zusammenarbeit offiziell nicht bereit ist. Auf Abtrünnige bei der Ministerpräsidentenwahl zu spekulieren, ist zwar für die AfD eine Versuchung, aber auf Dauer auch nicht tragfähig.

Das BSW hat in Gestalt seiner Eigentümerin Sarah Wagenknecht zwar mit Frau Weidel geflirtet, aber ob das in feste Beziehung ausartet, ist doch eher unwahrscheinlich, da dann eine Zerreißprobe wie in Thüringen insgesamt droht. Und das BSW-Sachpolitikmodell, in jeder Einzelfrage „rein sachlich“ jenseits aller Koalitionen etc. zu einer vernünftigen Sachpolitik im Interesse der Menschen unter die Leitung einer neutralen Person als Ministerpräsident zu kommen, getragen von einer „Expertenregierung“, ist nicht nur politischer Unsinn, es zeugt auch von einem elitären Politik- und fragwürdigen Demokratieverständnis. Man kann sicher sein, dass dieses Wagenknecht-Modell nicht mal mit der AfD zu machen ist.

Die AfD wird sich vorerst konziliant präsentieren. Man will mit allen sprechen und dann feststellen lassen, dass sie alle nicht wollen, weil sie (außer BSW) an der in der Gesamtbevölkerung nicht akzeptierten „Brandmauer“ festhalten. Die Neinsager bekommen aber alternativ aus erkennbaren Gründen auch nichts zustande, denn sie können auch nicht ohne BSW regieren und würden von denen definitiv nicht unterstützt, weil es auch für den BSW darauf ankommt, die CDU zu massakrieren. Die CDU wäre zudem noch handlungsunfähig wegen ihrer zusätzlichen Brandmauer gegenüber der Linken.

Wir dürfen also gespannt sein, wie die Helden, die sich „ihr Land zurückholen“ wollen, sich im Getriebe des Politischen so ganz anders verhalten als ihre verhassten Feinde, mit denen sie nun plötzlich sogar reden wollen. Damit droht der AfD eine schlimme Frage; die Antwort darauf, was sie eigentlich will und was sie kann. Wahrscheinlich sucht sie erst einmal die Flucht in Neuwahlen in der Hoffnung, dann eine echte absolute Mehrheit zu erringen. Aber was, wenn es wieder nicht reicht?

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