Bombennächte mit Kinderfiguren auf Trochitenkalk, der einmal Bauwerke zusammfügte
Beim Begriff „Loch“ dürfte einem zuerst eines in Hemd oder Hose, eines im eigenen Portemonnaie oder im städtischen Haushalt einfallen. Schottlandfans denken vielleicht noch an das dortige „Loch Ness“. Kundige Osnabrückerinnen und Osnabrücker kennen aber auch jenes „Gertrudenberger Loch“, das lange Jahre unter dem irreführenden Begriff „Gertrudenberger Höhlen“ bekannt war. Das dunkle Areal ist heute ein denkmalgeschütztes Kulturdenkmal und befindet sich unter Bürgerpark und Teilen des Ameos-Geländes. Das geologische Loch ist rund 135 Meter lang, 70 Meter breit und offenbart ein Tunnelsystem von imposanten 900 Metern Länge. Die OR meint: Potenzial genug für geführte Gänge ins Innere,
Ein doppelter Anlass führte am Ende der letzten Woche Mitglieder, Vorstand und beratende Mitglieder des Vereins „Gertrudenberger Loch“ zusammen. Am 8. Oktober war eine gut besuchte Mitgliederversammlung in der Pension Sonnenblume in der Knollstraße angesetzt. Tags darauf versammelten sich Vereinsangehörige sowie beratende Mitglieder zu einer Begehung des unterirdischen Wegesystems. Während am Vortage turnusmäßige Berichte über die vielfältigen Vereinsaktivitäten und über den soliden Kassenstand im Vordergrund standen, durfte der Verfasser dieses Beitrags am Tage darauf als „beratendes Mitglied“ einen Tag im tiefen Inneren des geschichtsträchtigen Stollensystems erleben.



Ein Blick auf die Geschichte
Der Autor stützt sich im Folgenden auf eine vorzügliche Aufarbeitung der Historie durch den Vereinsvorsitzenden Horst Grebing, der 2024 in der März-Ausgabe der Stadtteilblatts „Nette-Nachrichten“ ausführlich das historische Juwel vorstellte. Vorfindbar ist danach bis heute ein unterirdischer Steinbruch, der über lange Zeit nicht nur als Lagerstätte diente, sondern dessen abbaubarer Trochitenkalk schon lange zuvor dafür sorgte, dass bereits gegen Mitte des 11. Jahrhunderts große Teile des Doms damit gemauert werden konnten. Dokumentiert ist bis heute eine jahrhundertealte Historie.
Wände aus Trochitenkalk: vom Baumaterial zum Bierkeller
Ursprünglich ist das Getrudenberger Loch ein Kalksteinbruch gewesen. Etwa im Bereich der heutigen Tennisplätze trat irgendwann eine Trochitenkalkschicht an die Oberfläche. Die Steine konnten zunächst im Tagebau gewonnen werden, um daraus Kalk zu brennen, um ihn als Mörtel zum Bau von Steinhäusern zu gewinnen. Bereits im Jahre 1333 hatte das damalige Kloster Gertrudenberg im Rahmen eines Grundstückstausches ein großes Areal auf dem Gertrudenberg erhalten. In der betreffenden Urkunde wurde von einem „verlassenen Steinbruchgelände“ gesprochen, was deutliche Rückschlüsse auf die vorherige Nutzung zulässt.
Die Zahl der städtischen Gebäude, die fortan mit Hilfe des in der Anhebung gewonnenen Trochitenkalks gebaut wurden, mag sich zu diesem Zeitpunkt noch in Grenzen gehalten haben. 1521 tauschte schließlich die Stadt Osnabrück fünf Morgen Land vom Kloster Gertrudenberg ein. Der Kalkabbau begann danach systematisch. 1540 ließen die Stadtoberen einen neuen Kalkofen erbauen. 1560 kauften sie auf dem Gertrudenberg weitere Ländereien von einer Zieglerfamilie namens Molting. Osnabrücks Bauwillige konnten darum bereits seit 100 Jahren mit eigens gebranntem Kalk versorgt werden.
Nachdem die Stadt Osnabrück seit 1568 auch Anthrazit-Steinkohle am Piesberg abbauen ließ, konnte man die dort geförderte Steinkohle auch für den Kalkbrand nutzen. Der Piesberg war somit keine Konkurrenz, sondern offenbarte die klassische Win-Win-Situation. Der Abbau des Trochitenkalks, der sich ideal zum Brennen eignete, dürfte in jener Zeit bereits unterirdisch erfolgt sein.
Das Gertrudenberger Loch machte so die Karriere als bedeutendster Lieferant von gebranntem Kalk für die rasant wachsende Stadt. 1628 bis 1629. der Dreißigjährige Krieg hatte 1618 begonnen, wurde der Gertrudenberger Kalk für die Stadtmauern, aber auch für den Bau der Zitadelle Petersburg im Südosten der Stadt Osnabrück genutzt. Jene sollte im Zuge der Wirren des 30jährigen Krieges allerdings bis 1648 wieder abgerissen werden, weil die Feste für die zumeist protestantische Einwohnerschaft als Residenz des brutal herrschenden katolischen Fürstbischofs Franz Wilhelm von Wartemberg erlebt worden war. Ein bis heute existierendes Bauvorhaben, zu dem ebenfalls der gebrannte Kalk aus dem Gertrudenberger Loch genutzt wurde, bildete in den Jahren 1669 bis 1671 der Bau des Osnabrücker Schlosses für den ersten protestantischen Fürstbischob Ernst August I. von Braunschweig-Lüneburg.
Kurz vor Beginn des 18. Jahrhunderts endete der Kalkabbau. Am 8. Juli 1838 wurde von Osnabrücks „Mister Apple“, dem Senator Gerhard Friedrich Wagner und Begründer des Bürgerparks, die erste öffentliche Führung in das Stollensystem angeboten. Wagner, der die Stadtbevölkerung mit Abertausenden, kostenlos pflückbaren Äpfeln versorgte und den späteren Bürgerpark als „Lustgarten“ initiierte, war traditionsbewusst genug, um das Gertrudenberger Loch wieder nutzbar zu machen. Dies galt nicht nur für Neugierige, sondern auch für Menschen, die geeignete Lagerstätten für hiesiges Bier suchten. Zumal es unten in den Stollen mit etwa 11 bis 12 Grad Celsius vergleichsweise kühl war, wurde im Juli 1841 dem ersten Bierbrauer Wilhelm Berckemeyer gestattet, das geologisch so einmalige Loch dahingehend zu verändern, dass dort gut gefüllte Bierfässer eingelagert werden konnten. Weitere Bierproduzenten folgten.

Todesangst in Bombennächten
Nachdem die Bierlagerung allmählich ihr Ende gefunden hatte, war der neue Zweck seit Kriegsbeginn 1939 völlig anders. Die tiefen Stollen wurden, um sich bereits zu Kriegsbeginn auf Bombenabwürfe der Kriegsgegner vorzubereiten, zu öffentlichen Sammelschutzräumen ausgebaut. Bis zu 4.000 Personen fanden bei Luftalarm Unterschlupf in den notdürftig beleuchteten Gängen. Alle durchlebten dort voller Angst die Bombennächte und verbanden so eine eher unschöne Erinnerung an ihren Sicherungsort.
NOZ-Redakteur Joachim Dierks berichtete in der Online-Ausgabe vom 15.Oktober 2024 darüber, was am 12. Oktober 1944 um 11.33 Uhr nach einem Angriff von 300 amerikanischen B-24 Liberator-Bombern passierte: „Eine Sprengbombe traf die Klosterkirche St. Gertrudis, durchschlug das Deckengewölbe und brachte den Turmhelm sowie weitere Teile der Kirche zum Einsturz. Vier Sprengbomben detonierten im Bürgerpark oberhalb des Gertrudenberger Lochs. Sie aber konnten dem bis 16 Meter starken Fels oberhalb der Luftschutzräume nichts anhaben. (…) Den Aufschlag der Bomben konnte man kaum hören, lediglich dumpfe Erschütterungen drangen nach unten. Doch dann explodierte eine Sprengbombe unmittelbar neben einem Luftschacht. Die Druckwelle schleuderte die Abdeckplatte zur Seite und drang ins Innere ein. Dabei lösten sich mit lautem Getöse Teile der Gesteinsdecke. Mehrere Personen wurden dadurch verletzt.Noch schlimmer: Mit der Druckwelle gelangten Kohlenoxydgase, die bei der Detonation freigesetzt wurden, ins Innere. 15 Personen wurden ohnmächtig. Um 11.55 Uhr war der Angriff beendet. Mit der Entwarnung wurden die Verletzten an die frische Luft gebracht und versorgt. Zum Glück überlebten alle.“
Im Rest der Stadt, so Dierks, ging es nicht so glimpflich ab. Dort wurden 43 Menschen getötet und 42 weitere verletzt. 10.000 Osnabrückerinnen und Osnabrücker wurden an jenem einzigen Tag obdachlos.
Nachkriegszeit
Nach dem Einmarsch der Briten am 4. April 1945 wurden die Zugänge zugeschüttet – und begannen eine lange Zeit der Nichtnutzung. Kritzeleien einiger verwegener junger Leute an den Stollenwänden aus den frühen Fünfzigern zeugen jedoch davon, dass es gewisse Geheimpfade gab, durch die man das Loch-Innere mit gutem Schuhwerk und einigem Klettergeschick erreichen konnte. Erst durch vermeintliche Kontroll und Sicherungsmaßnahmen durch die spätere Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) sollten sich die Zugänge wieder allmählich öffnen. Etwa 500 Meter der bekannten Gänge sind jetzt begehbar. Der Rest wurde in den 1970er-Jahren mit Schutt und einer Zementschlämme verfüllt, weil man lange eine Einsturzgefahr befürchtete. Seit Jahren sind in Absprache mit dem Verein wieder Führungen möglich.

Lust auf mehr?
Die gesamte Geschichte des Gertrudenberger Loches wird in einem Buch von Horst Grebing auf 96 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen ausführlich erläutert. Titel: „Das Gertrudenberger Loch. Steinbruch, Bierkeller, Luftschutz, Denkmal“ . Der Band (ISBN 978-3-89946-335-4) im Format 20,5 cm x 26 cm wurde in der Druckerei Fromm + Rasch GmbH & Co. KG gefertigt und ist unter anderem in der Buchhandlung Wenner für 15,- € erhältlich.
Der im August letzten Jahres neu gegründete gemeinnützige Verein „Interessengemeinschaft Gertrudenberger Loch e. V.“ freut sich, wenn zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sich für das Gertrudenberger Loch interessieren. Auf der Homepage des gemeinnützigen Vereins unter https:// www.iggertrudenbergerloch.de findet man weitere Informationen. Zur Mitarbeit Interessierte sollten sich das Datum der nächsten Vereinszusammenkunft bereits jetzt fest notieren: Am 14. Oktober 2027 ist die nächste Mitgliederversammlung bereits heute festgesetzt.












