Die vielleicht bedeutendste Feministin des 20. Jahrhunderts …
… von der man noch nie etwas gehört hat.
Als ich das erste Mal von ihr las, konnte ich jedenfalls kaum glauben, dass eine 22-jährige Wiener Jüdin 1946 die neue japanische Verfassung mitgeschrieben und darin Frauen- und Gleichheitsrechte verankert haben sollte – fast eine Revolution, wenn man bedenkt, wie konservativ und frauenfeindlich die japanische Gesellschaft damals war. Doch mit Beate Sirota war zufällig die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Geboren worden war sie in Wien, wohin ihre Eltern, Leo Sirota und Augustine Horenstein, vor den Pogromen in ihrer Heimat geflohen waren. Als Beate fünf Jahre alt war, bekam Leo Sirota, damals ein bekannter Pianist – auf YouTube gibt es noch Aufnahmen von ihm –, eine zunächst befristete Stelle in Tokio. Eine ähnliche Position in Wien hatte er abgelehnt, weil er dafür hätte konvertieren müssen. Die Sirotas gingen also nach Japan, und aus dem sechsmonatigen Vertrag wurden viele Jahre.
Während die meisten Ausländer unter sich blieben, hatten Beates Eltern zahlreiche japanische Gäste, und Beate wurde von ihrer Mutter ermuntert, sich mit japanischen Kindern anzufreunden. Augustine Sirota förderte das unabhängige Denken ihrer Tochter und machte sie früh auf die Unterschiede zwischen den Kulturen aufmerksam.
Zu jener Zeit konnten Väter in Japan ihre Töchter noch gegen deren Willen verheiraten oder faktisch über ihr Leben verfügen. Frauen mussten ihre Mahlzeiten teilweise getrennt von den Männern einnehmen, ihnen gesellschaftlich den Vortritt lassen und waren rechtlich wie sozial massiv benachteiligt. Beate wurde zu einer aufmerksamen Beobachterin und profunden Kennerin der japanischen Kultur und Sprache. Neben Deutsch und Russisch sprach sie bald fließend Japanisch und lernte noch weitere Sprachen.
Sie besuchte zunächst eine deutsche Schule in Tokio, bis sich der nationalsozialistische Antisemitismus auch dort bemerkbar machte, und wechselte anschließend auf eine amerikanische Schule.
1939, mit 16 Jahren, schickten ihre Eltern Beate zum Studium in die USA. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 verlor sie den Kontakt zu ihnen. Ihre Eltern waren inzwischen in Japan interniert beziehungsweise unter Hausarrest gestellt worden. Das College erlaubte Beate, ihre Abschlussprüfungen vorzeitig abzulegen, und sie meldete sich anschließend beim Office of War Information als Übersetzerin – auch in der Hoffnung, auf diesem Wege etwas über den Verbleib ihrer Eltern zu erfahren.
Sirota übersetzte Texte und arbeitete an Radiosendungen mit, in denen sich die USA an die japanische Bevölkerung wandten und unter anderem zur Kapitulation aufriefen. Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima geriet Beate, die immer noch keine Nachricht von ihren Eltern hatte, in Panik. Da Zivilisten zunächst nicht nach Japan reisen durften, bewarb sie sich hartnäckig bei der US-Armee um eine Stelle in Tokio. Dort war man durchaus angetan von der chuzpestarken jungen Frau, die mehrere Sprachen beherrschte, und teilte sie schließlich dem Stab des Oberbefehlshabers der alliierten Besatzungsmächte, General Douglas MacArthur, als Mitarbeiterin und Dolmetscherin zu.
Weihnachten 1945 kam Beate wieder in Tokio an. Ihre Eltern fand sie schließlich außerhalb der Stadt wieder – gesundheitlich angeschlagen, aber am Leben.
Im Februar 1946 erging dann plötzlich der Auftrag an MacArthurs Mitarbeiter, innerhalb weniger Tage einen Entwurf für eine neue japanische Verfassung auszuarbeiten. Der von japanischer Seite vorgelegte Entwurf war den Amerikanern nicht weit genug gegangen. Nun sollte ein eigener Entwurf ausgearbeitet werden, der anschließend als Grundlage für die Beratungen mit der japanischen Regierung dienen sollte.
Beate Sirota, die in der Arbeitsgruppe für Frauenfragen und Bürgerrechte eingesetzt wurde, sagte später, dass das Wenige, was sie zu diesem Zeitpunkt über Verfassungsrecht und Frauenrechte wusste, im Wesentlichen aus ihrer Schulzeit stammte. Also besorgte sie sich die Verfassungen verschiedener Länder und studierte sie. Besonders beeindruckten sie unter anderem die Weimarer Reichsverfassung und sozialrechtliche Bestimmungen anderer Verfassungen.
Dann schrieb sie Sätze in den Entwurf, die für das damalige Japan tatsächlich revolutionär waren.
Artikel 14:
„Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich, und es darf keine Diskriminierung in politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen aufgrund von Rasse, Glauben, Geschlecht, sozialem Status oder familiärer Herkunft geben.“
Artikel 24:
„Die Ehe gründet sich allein auf dem gegenseitigen Einverständnis beider Geschlechter und wird auf der Grundlage der Gleichberechtigung von Mann und Frau durch gegenseitige Zusammenarbeit aufrechterhalten. In Bezug auf Ehegattenwahl, Güterrechte, Erbschaft, Wohnsitzwahl, Scheidung und sonstige Ehe- und Familienangelegenheiten sind Gesetze unter dem Gesichtspunkt der Würde des Einzelnen und der grundsätzlichen Gleichberechtigung der Geschlechter zu erlassen.“
Charles Kades, eine der maßgeblichen Personen bei der Ausarbeitung des Verfassungsentwurfs, war von Sirotas weitreichenden Vorstellungen zunächst wenig begeistert. Sinngemäß erinnerte sie sich später an seinen Einwand, sie habe den japanischen Frauen mehr Rechte gegeben, als Frauen in der amerikanischen Verfassung besäßen.
Darauf soll Sirota trocken geantwortet haben: „Colonel Kades, das ist nicht sehr schwer, denn Frauen stehen nicht in der amerikanischen Verfassung.“
Kades war offenbar gleichermaßen verblüfft über diese Tatsache wie über die Schlagfertigkeit der jungen Frau. Wesentliche Teile ihrer Vorschläge blieben im Entwurf.
Der eigentliche Härtetest kam allerdings erst, als das Werk den japanischen Unterhändlern vorgelegt wurde. Die reagierten auf die Gleichstellung von Frauen und Männern äußerst zurückhaltend. Frauen hatten im damaligen japanischen Familienrecht nur sehr begrenzte Rechte, und insbesondere Artikel 24 erschien den konservativen Vertretern mit den überlieferten japanischen Vorstellungen von Familie kaum vereinbar.
Es folgte ein mehr als 30-stündiges Tauziehen um diese und zahlreiche andere Klauseln, das sich vom 4. bis zum 5. März 1946 hinzog.
Irgendwann während der nächtlichen Verhandlungen erfuhren die japanischen Vertreter, dass ausgerechnet Beate Sirota maßgeblich hinter den Bestimmungen zu Frauenrechten und Gleichberechtigung stand. Sie kannten sie als Übersetzerin, schätzten ihre Sprachkenntnisse und wussten, dass sie mit japanischer Kultur und Gesellschaft weit besser vertraut war als fast alle anderen Amerikaner am Tisch.
Nachdem die amerikanische Seite ihrerseits in anderen Punkten Kompromisse akzeptiert hatte – unter anderem beim parlamentarischen System –, gab es schließlich auch bei den Frauenrechten eine Einigung. Kades soll die Sache irgendwann mit dem sinngemäßen Hinweis vorangetrieben haben, Miss Sirota habe nun einmal ihr Herz an diese Frauenrechtsklauseln gehängt – also könne man sie doch endlich verabschieden.
Beate Sirota verließ Japan 1947 gemeinsam mit ihren Eltern und heiratete nach ihrer Rückkehr in die USA Joseph Gordon, einen Dolmetscher des amerikanischen Militärgeheimdienstes, den sie in Japan kennengelernt hatte. Das Paar bekam zwei Kinder.
Sirota Gordon arbeitete zunächst unter anderem für die Japan Society und engagierte sich im kulturellen Austausch zwischen Japan und den USA. Später beschäftigte sie sich intensiv mit asiatischen Tänzen und darstellender Kunst und widmete einen großen Teil ihres weiteren Lebens der interkulturellen Verständigung. Sie arbeitete zunächst für die Japan Society und später viele Jahre für die Asia Society und brachte zahlreiche asiatische Künstler erstmals einem breiteren amerikanischen Publikum nahe.
Da viele Einzelheiten über die Entstehung der japanischen Nachkriegsverfassung lange Zeit kaum öffentlich bekannt waren und Beate Sirota Gordon selbst jahrzehntelang über ihre Rolle schwieg, blieb ihr Anteil an der Verfassung außerhalb eines kleinen Kreises weitgehend unbekannt. Sie fürchtete insbesondere, dass ihre Beteiligung denjenigen in Japan Argumente liefern könnte, die die Verfassung als ausschließlich amerikanisches Besatzungsdiktat ablehnten und ihre Revision verlangten.
Erst Jahrzehnte später wurde ihre Rolle einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Beate Sirota Gordon erzählte ihre Geschichte schließlich selbst und veröffentlichte ihre Erinnerungen. In Japan wurde sie zunehmend als eine der Frauen gewürdigt, denen die verfassungsrechtlich garantierte Gleichstellung der Geschlechter entscheidende Impulse verdankt.
Sie starb 2012 im Alter von 89 Jahren.
Und das eigentlich Unglaubliche an der Geschichte: Die japanische Verfassung, an der diese 22-jährige Frau im Februar 1946 innerhalb weniger Tage mitarbeitete, trat am 3. Mai 1947 in Kraft. Ihre Artikel 14 und 24 gelten bis heute.
Nicht schlecht für eine junge Frau, die eigentlich nur nach Japan zurückwollte, um ihre Eltern zu finden.












