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Freitag, 29. August 2025
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„Walhalla“ fällt – das Ende des Hotels „Germania“ in Osnabrück

Ein Hotel und ein Mann namens Petersilie

Valhalla. Einst ein elegantes Hotel, frequentiert von Prominenten, Politikern und wohlhabenden Geschäftsleuten, war es eine hoch aufragende Oase im Herzen der Stadt. Doch es gab einen Wechsel in der Führung.“ So beginnt Valhalla Fallling“, eine fiktionale Geschichte des Autors Aurelio Rico Lopez III, in der das Hotel zur Festung gegen Zombies wird, die die Stadt übernehmen.

In Osnabrück waren es nicht Zombies, sondern die Nazis, die die Stadt übernahmen und sich in einem Hotel sehr wohl fühlten, deren Wirt ein großer Fan dieser Bestien war.

„Walhalla“? Ein Hotel mit diesem Namen aus der nordischen Mythologie, hat es doch in Osnabrück nie gegeben, werden Kenner der Stadtgeschichte einwenden. Sie haben recht. Das Wahalla“ in Osnabrück ist eine Erfindung Erich Maria Remarques in seinem Roman „Der Schwarze Obelisk“, in dem es viele Osnabrück-Bezüge gibt. Nicht alle sind so leicht zu entschlüsseln wie das „Walhalla“ und sein Wirt. Vorbild für den in Osnabrück aufgewachsenen berühmten Schriftsteller war das Hotel „Germania“ und sein Wirt, Eduard Petersilie, der im Roman zu Eduard Knobloch wird.

Petersilies Vater Eduard Petersilie senior hatte das Hotel an der Möserstraße/Ecke Wittekindstraße 1897 eröffnet. Die OR hatte das Haus bereits einmal ausgiebig im Rahmen einer Serie vorgestellt. Als das dem „Germania“ gegenüber liegende Hotel „Drei Kronen“ während des Umbaus 1899 pleite ging, übernahm Petersilie sr. das Hotel und verkaufte das bisherige „Germania“ an die Handwerkskammer. Er ließ das „Drei Kronen“ abreißen und ein repräsentatives neues Gebäude errichten. Der Neubau hatte nach verschiedenen Angaben bis zu 75 Zimmer und beschäftigte zeitweise ebensoviele Angestelle.

Das Domizil als Potkartenmotiv. Sammlung Helmut Riecken
Das Domizil als Potkartenmotiv. Sammlung Helmut Riecken

Es besaß eine Weinstube, ein Restaurant, einen Biergarten mit einem Springbrunnen und ein Konzertkaffee mit Kleinkunstbühne. Im Winter wurde der Kaffeegarten, der bis zu einem Bootsanleger an der Hase reichte, in einer Eislauffläche verwandelt. Wirt und Hotel waren weit über die Grenzen der Stadt bekannt und beliebt.

Nachfolger wurde sein Sohn, der ebenfalls Eduard hieß. Ein „echter deutschen Mann mit durchaus anständiger, aufrechter Gesinnung“ – so wird Petersilie junior von einem ehemaligen Lehrer im „Entnazifizierungsverfahren“ beschrieben. Gerne wäre der Wirt des Hotels an der der Möserstraße/Ecke Wittekindstraße bereits 1923 in die NSDAP eingetreten, nachdem er Hitler auf einer Geschäftsreise bei einem seiner frühen Auftritte erlebt hatte – doch die Nazi-Partei wurde in Osnabrück erst zwei Jahre später gegründet. 1925 und 1932 übernachtete zu Petersilies Freude Adolf Hitler bei seinen Auftritten in Osnabrück im „Germania“.

Petersilie (oben rechts) und sein angehimmelter Gast 1932
Petersilie (oben rechts) und sein angehimmelter Gast 1932
Blumen und die obligatorische Herzung von Kindern.
Blumen und die obligatorische Herzung von Kindern.
Zum Schluss ein warmer Handedruck unter alten "Parteigenossen".
Zum Schluss ein warmer Handedruck unter alten „Parteigenossen“.

In Petersilies Hotel verkehrten auch alle lokalen Größen des NS-Regimes. Erich Maria Remarque machte sich in seinem Osnabrück-Roman „Der schwarze Obelisk“ über Petersilies dichterischen Ambitionen lustig. Denn Petersilie veröffentlichte patriotische und nationalistische Gedichte, darunter eines, in dem er Charlie Chaplin als Flimmerjüd‚“ diffamierte, weil er wie Joseph Goebbels irrtümlich glaubte er irrtümlich, dass Chaplin jüdisch sei. Die Dichtkunst war nicht sein einziges Hobby: Petersilie war auch Freiballonfahrer im „Nationalsozialistischen Fliegerkorps“ (NSFK) und Jäger.

1939 plante Petersilie noch zu erweitern und kaufte die Hälfte des 1.500 Quadratmeter großen Nachbargrundstücks zur Möserstraße hinzu. Doch im gleichen Jahr begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Die weitere Expansion des Hotels „Germania“ schlug ebenso fehl wie die des Deutsches Reichs. Statt einer Erweiterung des Hotels musste im Garten ein Bunker gebaut werden, in dem 140 Personen Platz fanden.
https://www.osnabruecker-bunkerwelten.de/luftschutzanlagen/objekt/kleinhochbunker-rundling-moeserstrasse-germania-bunker.html

Die günstige Lage in Bahnhofsnähe wurde dem Hotel zum Verhängnis. Bei einem schweren Luftangriff am 10. August 1942 ging das Hotel in Flammen auf.

Petersilie führte von 1943 bis 1944 das Hotel Schaumburg dass der Stadt Osnabrück gehörte und davor eine Zeit lang der Sitz der Gestapo und ihrer Folterknechte gewesen war. 1944 öffnete er in eigener Regie einen Casino-Betrieb, der nach der Einnahme der Stadt durch die Briten von der Militär-Regierung beschlagnahmt wurde.

Das „Hotel Germania“ wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Anders als das Hotel überstand sein Eigentümer den Krieg und auch die Entnazifizierung unbeschadet. Sein Goldenes Parteiabzeichen trug er weiter, jetzt aber nicht mehr offen, sondern dezent unter dem Revers.

Treffend charakterisierte Erich Maria Remarque den wendigen Hotelier so: „Eduard Knobloch überstand alles; er servierte Gerechten und Ungerechten gleich erstklassig.“ Schwierigkeiten machte dem Gastwirt bei der „Entnazifizierung“ lediglich die „Fliegergeschichte“: Petersilie war dabei, als ein abgeschossener britischer Pilot auf Anweisung des Kreisleiters gelyncht werden sollte. Dennoch wäre dem Gastwirt mit dem Goldenen Parteiabzeichen zu seinem 60. Geburtstag aufgrund seines Amtes als Kreisjägermeister fast noch das Bundesverdienstkreuz verliehen worden.

Wer mehr über den wendigen Wirt erfahren möchte, kann das bei einem Vortrag von der Autorin dieses Beitrags tun: „Eduard Petersilie, Betreiber des Hotels Germania – ein Mann wie er im Buche steht.“ Ort ist das Erich Maria-Remarque-Friedenszentrum. Stattfinden wird alles am Donnerstag, 16. Oktober um 19 Uhr.

Der Eintritt ist frei.

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