Bücher der OR: „Wenn der Stammtisch online geht …“ von Kalla Wefel

Die Osnabrücker Rundschau kann nicht nur Zeitung, sondern auch Buch!
Und davon gleich mehrere! Von bitterböser Satire über philosophische Höhenflüge bis zu Osnabrücker Geschichte, dem VfL und den liebenswerten Macken dieser Stadt ist alles dabei.
In den kommenden Tagen stellen wir euch täglich eines unserer Bücher vor. Mal frech, mal tiefgründig, mal herrlich schräg. Also schaut rein! Osnabrück hat viele Seiten. Wir haben sie aufgeschrieben!


Wenn der Stammtisch online geht …
… hängt sich der Verstand im Funkloch auf

Früher hatte jeder Dorftrottel seinen Stammtisch. Dort konnte er seine politischen Erkenntnisse zwischen Bierdeckel und Aschenbecher verbreiten, bis der Wirt die letzte Runde ausrief. Heute hat er WLAN, nennt sich „Wahrheitswolf88“, hält sich für die letzte Bastion der Meinungsfreiheit und erklärt sieben Milliarden Menschen, warum sie alle zu blöd sind, die Welt zu verstehen.

Die Digitalisierung hat vieles vereinfacht. Vor allem den Weg, sich öffentlich zum Idioten zu machen.

Kalla Wefel hat genug von jenen selbst ernannten Volksaufklärern, deren politischer Horizont am Rand des eigenen Bierglases endet, deren Allgemeinbildung aus drei Telegram-Nachrichten besteht und die sich nach dem dritten Rechtschreibfehler zum Widerstand gegen die vermeintliche Meinungsdiktatur berufen fühlen. Also macht er das, was diesen Helden der digitalen Aufklärung besonders wehtut: Er nimmt sie ernst. Zumindest lange genug, um sie gründlich lächerlich zu machen.

Seine satirischen Streifzüge führen mitten hinein in die geistigen Sondermülldeponien sozialer Netzwerke, zu rechtsradikalen Maulhelden, Putin-Verstehern, AfD-Sympathisanten und Verschwörungsmissionaren, die auf Facebook den Untergang Deutschlands verkünden, während sie zu Hause vermutlich schon an der Bedienungsanleitung ihres Toasters scheitern.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Wefel jener Medienlandschaft, die sich ihre Empörung inzwischen selbst züchtet: Erst werden die digitalen Piranhas mit ein paar Reizwörtern gefüttert, dann wird über deren Beißwut geklagt, und schließlich verkauft man die entstandene Schweinerei als journalistische Reichweite. Eine wunderbare Kreislaufwirtschaft, in der selbst brauner Dreck noch Werbeeinnahmen verspricht.

Doch auch das übrige Personal der öffentlichen Selbstverdummung bleibt nicht verschont. Komiker, denen irgendwann die Pointen ausgegangen sind und die seither das eigene Ressentiment für Kabarett halten, geraten ebenso unter Beschuss wie nostalgische Besserwisser, religiöse Wahrheitsverwalter und jene politischen Freiheitshelden, die nach dem starken Mann rufen, solange er nur anderen auf die Fresse haut.

Dazwischen gibt es Ausflüge zum VfL Osnabrück, in die Abgründe deutscher Fußballbegeisterung, zu musikalischen Glaubenskriegen und in jene Vergangenheit, die angeblich immer besser gewesen sein soll – vermutlich vor allem deshalb, weil sich die meisten Beteiligten nicht mehr richtig an sie erinnern können.

„Wenn der Stammtisch online geht …“ ist keine versöhnliche Gesellschaftsbetrachtung, sondern eine literarische Abrechnung mit der organisierten Gedankenlosigkeit. Bitterböse, respektlos, politisch unmissverständlich und mit jener Lust an der sprachlichen Demontage geschrieben, die aus einem aufgeblasenen Wichtigtuer wieder das macht, was er ist: einen lächerlichen Wichtigtuer ohne Luft.

Wefel verteilt keine pädagogischen Streicheleinheiten. Wer Verschwörungsmythen für Wahrheiten, Menschenverachtung für Meinungsfreiheit und die eigene Dummheit für gesunden Menschenverstand hält, darf hier nicht auf Verständnis hoffen. Allenfalls auf einen Platz in der ersten Reihe als abstoßendes Anschauungsmaterial.

Und natürlich ist der Autor ein linksgrün versiffter, woker Gutmensch. Jedenfalls nach Auskunft jener Zeitgenossen, die Menschlichkeit für eine politische Fehlentwicklung halten. Ein größeres Kompliment könnten sie ihm kaum machen.

Satire kann die Dummheit zwar nicht beseitigen, aber sie kann dafür sorgen, dass die Dummheit wenigstens nicht auch noch ungestört Beifall für sich selbst klatscht.

Ein Buch für alle, die noch denken, bevor sie auf „Senden“ drücken. Die anderen werden sich vermutlich beschweren, ohne es gelesen zu haben.




Titel: Wenn der Stammtisch online geht …
Autor: Kalla Wefel
204 Seiten Hardcover A5 – 18,00 €
Verlag Osnabrücker Rundschau im ViH – September 2026
Gefördert vom Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück

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